But in reality they are far happier than we Europeans.
James Cook über die indigenen Völker Australiens
„Weißt du, ich sehe ein, dass den Aborigines großes Leid angetan wurde. Aber ich kann sie nicht respektieren. Sie trinken, liegen in der Gegend herum und schlagen ihre Frauen und Kinder. Und wir bezahlen das alles.“
Wir sitzen auf dem Gipfel von Mt. Barney kurz vor der Grenze zu New South Wales in Queensland. Über uns spannt sich ein gigantischer Sternenhimmel bis zum weit entfernt liegenden Horizont. Kein künstliches Licht ist zu sehen. Ich frage mich, ob die alten Namen und Geschichten dieser Gegend noch irgendwo erhalten sind.
Kurz blicke ich Ben von der Seite an und betrachte ihn in seinem bunten T-Shirt und der Boardhose, mit seinen ausgelatschten Turnschuhen, die ihm das Klettern hier herauf nicht gerade erleichtert haben. Ich richte meinen Blick zurück auf das dampfende, dunkle Land und seine Anwesenheit kommt mir in diesem Moment genauso unecht vor wie meine. Er mag ein guter Freund sein, aber das kann ich ihm nicht sagen. Genauso wie ich seinen Disrespekt den Aborigines gegenüber nicht respektieren kann. Und genauso wenig, wie ich die Tatsachen respektieren kann, die er eben über die Aborigines gesagt hat.
Ich befinde mich im Dilemma. Alles befindet sich im Dilemma.
Denn man kann die Besiedlung Australiens durch die englischen Sträflingstransporte einen kulturelles Beben nennen. Auch wenn sich beide Seiten dessen sicher nicht bewusst waren, standen sie sehr wohl in einem komplementären Verhältnis. Und so ist es heute noch.
Die Ureinwohner Australiens kannten keinen Landbesitz. Vielmehr war ihnen klar, dass sie selbst im Besitz des Landes standen. Sie waren genauso Bestandteil der Fauna und Flora, wie jedes andere Lebewesen auch. Ihre Traumzeiten erzählen nur von Existenzen, die sie aus ihrem täglichen Leben kannten, sie abstrahierten nicht – oder eben voll und ganz. Jedem Aborigine wurde ein Tier oder eine Pflanze zugeordnet, dem er sich sein Leben lang verpflichtet und spirituell verbunden fühlte. Seine Aufgabe oder viel mehr sein spirituelles Verlangen bestand darin, diese Art zu schützen. Man kann es auch als eine Art instinktiven Schutzmechanismus sehen, denn im Grunde war der Aborigine diese Pflanze oder das Tier. In diesem Zusammenhang wird auch klar, wie unnötig oder ungewöhnlich einem solchen Menschen der Begriff des Landbesitzes vorgekommen sein mag. Auf diese Art und Weise wurde einer vernichtenden Ausbeutung der Fauna und Flora vorgebeugt (auch wenn es Hinweise gibt, dass die prähistorische Megafauna Australiens möglicherweise durch den Menschen vernichtet wurde). Außerdem wird angenommen, dass die Population nach der vollständigen Besiedlung vor ungefähr 15000 Jahren in etwa konstant geblieben ist. Man mag diese angepasste Lebensweise als primitiv abstempeln. Aber erstens verwendeten die Aborigines selbstverständlich Werkzeuge, um die Natur zu beeinflussen (wie z.B. Buschfeuerlegung usw.) und sind somit die älteste noch existierende Kultur der Erde (der Besiedlungsstart wird zwischen 50000 und 40000 Jahre vor unserer Zeit geschätzt). Und zweitens kann ein solche Bewertung nur aus einem von westlichen Idealen geprägten Mund kommen.
Und das meine ich abwertend.
Während die Aborigines – gewollt oder ungewollt – nahezu 20 000 Jahre in einer Art Gleichgewicht mit sich, der Natur und ihrer Spiritualität lebten, vollzog der Europäer vor ca. 6000-4000 Jahren einen radikalen Wandel. Er abstrahierte. Er abstrahierte nicht nur in Gedanken, wie später bei den alten Griechen eindrucksvoll in den ersten Schritten der Philosophie dargestellt. Er abstrahierte auch in der Spiritualität – und in seiner Beziehung zum Land. Die Gründe sind sicher vielfältig. Kriege und Hungersnöte waren für die Entwurzelung vieler Menschen zuständig. Ohne Beziehung zu dem Land, in dem sie lebten, mögen sie ihre Religion erweitert und verändert haben. Man kann es als einen kulturevolutorischen Akt sehen. Aber es bleibt festzuhalten, dass sich ihre Haltung zu dem Land, in dem sie lebten, durch den Übergang vom Nomadentum zum Ackerbau und später zum Stadtmenschen grundlegend geändert hat. Mit der Trennung von Land, Spiritualität und Logik erfolgte eine Optimierung der methodischen Entwicklung, die praktisch immer noch Schwung aufnimmt und auch in diesem Moment mit einer für uns nicht wahrnehmbaren Geschwindigkeit unter uns entlang rauscht. Denn wir surfen diese Welle. Selbst wenn wir es nicht wollen.
Neben dem technologischen Burstout erfolgte der spirituelle Burnout. Als das Christentum mit seinen Abstrakten Gott und Liebe auf gemachten Boden fiel, wurden die verbliebenen Naturreligionen oder besser deren Überreste radikal getilgt. Und dieses Stigma der radikalen Tilgung konnte die westliche Kultur bis heute nicht ablegen. Vielmehr basiert sie darauf. In so gut wie allen Teilen der europäischen Geschichte findet sich die Aggression als Triebfeder der Expansion. Afrika, Amerika, Asien und Australien. Selbst vor solch unwirtlichen Orten wie der Antarktis und selbst dem Mond macht der weiße Mann nicht Halt.
Gerade die englische Expansionsphase vom 17. bis zum 19. Jahrhundert ist beispiellos und zeigt den Kerncharakter der westlichen Seele. Während die indigenen Einwohner von Nordamerika schon mehr oder weniger vor der Kapitulation standen, betrat James Cook an der Südostseite Australiens das Festland – er ist nicht der Entdecker und er ist nicht der erste Weiße, den Aborigines je gesehen haben – aber viele Menschen in Australien denken das.
Im späten 18. Jahrhundert jedenfalls trifft die gottlose, technokratische Lawine im Namen Gottes ihr vermeintliches Ziel: Das Paradies auf Erden – seit tausenden Jahren im Gleichgewicht. Es hält nicht stand. Bis ca. 1920 sind aus der geschätzten Million Aborigines durch Krankheit, Sklaverei, Gemetzel und spirituelle Verarmung nur noch ca. 60000 übrig geblieben. Dabei musste der weiße Mann gar nicht so oft mit dem Knüppel nachhelfen wie er es noch in Süd- oder Nordamerika machte. Die Aborigines waren sowohl der spirituellen wie auch ökonomischen Wut der Engländer nicht gewachsen, wie auch deren Krankheitskeimen, die diese unwillentlich oder mit Absicht unter den Aboriginal People verteilten. Interessanterweise erlagen die Weißen keinem indigenen Virus.
Den Ureinwohnern wurde Land genommen, sie wurden versklavt und vor allem wurden sie assimiliert. Sie wurden in beide Weltkriege geschickt und die vorher getätigten Versprechen auf Land wurden nicht gehalten. Sie wurden – angeblich zu ihrem Besten – in Reservate gesteckt und dort unter armseligen Bedingungen christianisiert und verwestlicht. Man nahm ihnen bis Ende der 60er Jahre die Kinder weg und zog sie in englischen Familien auf, um die Assimilation voranzutreiben – die Stolen Generation. Man versuchte ernsthaft einen Prozess, den die Europäer selbst unter erheblichen Qualen und Querelen über 6000 Jahre machen mussten, mit diesem Volk, dieser gelebten Einheit von Geist und Land, in 100 Jahren durch zu ziehen.
Diese Menschen wurden aus ihrem Land gerissen, ihnen wurde die kollektive Erinnerung geraubt, die Eltern weggenommen. Diese Menschen bekommen jetzt Geld vom Staat, ein Auto und ein Haus. Westliche Bewohner Australien sagen, sie hätten doch 'alles'. Aborigines würden sagen: Sie haben nichts.
Heutige Aborigines sagen zum größten Teil gar nichts. Sie sind aggressiv oder betrunken.
Manchmal fühle ich mich auch entwurzelt. Sehne mich nach einem Land, dem ich gehöre. Nach einem geistigen Rahmen, der Hand und Fuß hat. Dann fühle ich mich elend und allein.
Wie muss es nur diesen Menschen gehen.
Ich sehe Ben an und weiß, dass ich ihm das hier nie im Leben irgendwie verklickern kann. Denn, wenn er diese Gedanken konsequent durch zöge, müsste er seine letzten spirituellen Wurzeln aus der Krume eines Landes ziehen, in das sie nicht hineingehören.





Kommentare
Ich kann es so nachfühlen... all die Argumentationen.
26.02.2010, 02:27 von MienigkeitUnd die letztendliche Lösung ist -
nicht vorhanden.
Mich macht das immer traurig, sauer und aggressiv, weil man einfach nicht weiterkommt, so sehr man es auch dreht und wendet.
Nur wenn man einmal diese Natur gefühlt hat, hat man eine minimale Ahnung vom Ausmaß des Problems. Es zu fassen, geschweigedenn zu beantworten, bleibt aber unmöglich,...
@mezzanine Deswegen ja das Dilemma. Es gibt keinen wirklichen Ausweg aus der Situation, als es 'auszusitzen'. Das passiert ja im Moment. Es gibt zwar Bemuehungen, das kulturelle Erbe zu sichern - ansonsten kann man nur warten, ob die Assimilation 'erfolgreich" verlaeuft.
07.12.2009, 00:48 von quatzatUnd gerade im letzten Absatz versuche ich ja, Verstaendnis fuer die heutige Generation (weisser) Australier zu ueben. Ich kann einfach gut verstehen, warum sich so wenige mit dem Thema beschaeftigen. Weil es einfach die Selbstverstaendlichkeit des Heimtabegriffes toedlich unterminieren wuerde.
@mezzanine So gut dieses "aus den Socken kommen" sein mag - es ist ein westliches Ding. Aborigines, die das geschafft haben, sind zu bewundern, aber sie haben sich meist schon sehr weit von ihren Wurzeln entfernt.
07.12.2009, 01:07 von quatzatAber, hey, das scheint die einzige individuelle Loesung zu sein.
Ich will im Text vor allem auf die 'falschen" Positionen der westlichen Welt bei der Betrachtung der Reaktionen und des Lebensstils der Aborigines hinweisen. Durch den kulturellen Gegensatz kann man bei der Beurteilung der Aborigines nunmal schlecht westliche Standpunkte einnehmen. Und trotzdem wird es immer wieder gemacht.
danke:-). das ist ein artikel, den ich lesen wollte, das hat mich wirklich angesprochen. genug meiner worte.
05.12.2009, 17:58 von lavish"Einst lebten am Ayers Rock nur die Pitjantjarra und ihre Götter. Die Große Regenbogenschlange, Kulpunya, der Geisterdingo, Linga, die Sandechse, Riesen und Dämonen..."
03.12.2009, 22:38 von SonglineDoch, es gibt sie noch, die Geschichten. Die Weißen haben sie nur nie hören wollen.
Danke für diesen Text. Der die Startseite verdient hat.
@[Benutzer gelöscht] Vielen Dank, Lag, fuer deinen Kommentar und deine Einschaetzung.
03.12.2009, 23:12 von quatzatVorneweg: Mit diesem Artikel will ich keine allgemeingueltigen Thesen aufstellen. Wer meine anderen Artikel kennt, weiss, wie (bewusst) subjektiv ich die Dinge angehe.
Zwei Punkte, die du ansprichst, muss ich kommentieren. Die Opferrolle der Aborigines und die Romantisierung dieses Lebensstils bzw. des Gluecklichsseins. Ich hoffe, es ist ruebergekommen, dass ich die antiwestliche Haltung bewusst ueberziehe. Um eben herauszuarbeiten, wie weit wir uns von unserer urpruenglichen Lebensweise entfernt haben.
Ich will die technologisch pervertierte Glueckssuche des westlichen Menschen dahin fuehren, wo sie zu stehen hat: ad absurdum. Ob die Aborigines (oder eben die indigenen Voelker Australiens) gluecklicher waren oder nicht - keine Ahnung.
Opferrolle: Darauf bin ich detailliert eingegangen. Ein Dilemma. Die Aborigines sind Opfer - historisch und 'gesellschaftlich'. Historisch ist klar. Aber gesellschaftlich haben sie ein paar Moeglichkeiten (inzwischen) sich selbst aus dem Sumpf zu ziehen. Doch sie machen es nicht, weil sie zum grossen Teil nicht in der westlichen Welt angekommen sind. Spirituell. Das ist deren Dilemma.
Insofern sind sie auch heutzutage Opfer - aber eben Opfer ihrer eigenen Natur.
Der Text hat Hand und Fuß!
03.12.2009, 12:42 von B.tinaYours dreamworld is just about to fall...
03.12.2009, 12:18 von sailorhttp://www.midnightoil.com/releases/08dieselanddust.do#deadheart