Orang 06.02.2006, 10:22 Uhr 44 4

Bluescreens, Snickers und der Kapitalismus

Der Kapitalismus funktioniert nur, wenn ständig etwas kaputt geht.

Mein Vater hat ein Problem mit seinem Computer. Eigentlich hat er ständig Probleme mit seinem Computer. Aber diesmal ist es besonders schlimm. „Der Bildschirm ist blau“, sagt er am Telefon. „Das ist ein Bluescreen“, sage ich. „Das ist nicht gut.“
Bluescreens bei Computern sind sehr schlimm. Hätte ein Mensch einen Bluescreen, würde er Blut spucken, eine schwere Depression haben oder müsste ganz dringend zur Wurzelbehandlung.
Was ein Bluescreen ist, weiß ich von Bernhard. Bernhard hat ein PC-Rettungsunternehmen. Das läuft sehr gut, meint er und ich kann das bestätigen. Seit ich Bernhard kenne, weiß ich überhaupt erst, was man bei einem Computer alles reparieren kann: mein Ventilator ist zu laut, die Tastatur klemmt und eine zweite Festplatte brauche ich auch ganz dringend. Bernhard hat immer eine braune Lederjacke an, kifft ununterbrochen und isst ein Snickers nach dem anderen, während er meinen Computer repariert. Als ich das letzte Mal einen Bluescreen hatte, verdrückte Bernhard in zwei Stunden vier Snickers.

Im Laufe eines Lebens gehen viele Dinge kaputt: Autos, Zähne, Duschköpfe oder Gefühle. Das meiste davon lässt sich wieder reparieren. Im Moment des Kaputtgehens fühlt sich so etwas nie gut an. Aber eigentlich ist es gar nicht schlecht, wenn etwas kaputt geht. Kaputte Dinge sind sehr wichtig für die Wirtschaft. Wenn nichts kaputt geht, kann man auch nichts reparieren. Wenn man nichts reparieren kann, werden noch mehr Leute arbeitslos. Ohne kaputte Autos, keine Automechaniker. Ohne kaputte Duschköpfe keine Klempner. Ohne kaputte Gefühle keine Psychologen. Wenn man ein Land kaputt macht, kann man es danach wieder aufbauen. Das bringt Geld und Arbeitsplätze. Niemand weiß das so gut, wie George W. Bush. Das ist hart, aber so funktioniert der Kapitalismus.

Und der Kapitalismus funktioniert verdammt gut. Ohne Kapitalismus gäbe es keine Snickers und keine Computer. Eigentlich lässt sich nämlich alles ersetzen, sprich kaputt machen und wieder neu aufbauen. Nur beim Menschen ist es ein bisschen schwierig. Aber das ist letztendlich Einstellungssache. Wenn man dem einzelnen Menschen nicht mehr ganz so viel Wert beimessen würde und gleichzeitig das Klonen endlich richtig funktionieren würde, dann könnte man auch ohne Probleme Menschen kaputt machen und sie später wieder klonen. Das wäre noch besser für die Wirtschaft. Es gäbe viele neue Arbeitsplätze: Menschenproduzierer, Menschenoptimierer und Menschenzerstörer. Außerdem könnte man, wenn man zu viele Arbeitslose hat, einfach ein paar von ihnen einstampfen. Wenn die Wirtschaft wieder besser läuft, klont man einfach neue.
Die Menschen in Deutschland wären dann nicht mehr so politikverdrossen. Und im Nahen Osten würden die Leute nicht mehr so leicht überreagieren und bei jeder Gelegenheit Flaggen verbrennen. Stattdessen hätten sie Arbeit, würden Snickers essen und Computer mit Bluescreens reparieren. Unzufriedene Arbeitslose gäbe es wahrscheinlich überhaupt nicht mehr. Arbeitsplätze sind für den Kapitalismus noch wichtiger als kaputte Dinge. Wenn die Menschen keine Arbeit haben, revoltieren sie leichter. Arbeitslose mögen den Kapitalismus nicht.

Mein Vater hat zwar Arbeit, aber sieht das trotzdem nicht so. Er überlegt sich jetzt, ob er auf Computer in Zukunft nicht ganz verzichten soll. „Mit so einem Gerät macht man sich nur abhängig“, meint er. „Immer ist etwas kaputt, dass man nicht selber reparieren kann. Und das kostet Geld.“
Zuerst wollte ich ihm die Nummer von Bernhard geben. Aber ich habe es sein gelassen. Irgendwie kann ich ihn nämlich verstehen. Bluescreens sind mindestens so ärgerlich wie Zahnschmerzen, die man von zu vielen Snickers bekommt. Ich will weder das eine noch das andere. Ich will nur, dass mein Computer funktioniert. Und ehrlich gesagt ist es mir auch egal, ob Bernhard einen Arbeitsplatz hat oder nicht.

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    nett, nett nur in einem wiederdenk ich dir .... "Wenn die Menschen keine Arbeit haben, revoltieren sie leichter."
    ....wenns denn mal wirklich so käme....könnten viel mehr snickers essen oder doch nicht.... *grübel*

    27.07.2008, 00:38 von Creamsicle
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    Zitat meiner persönlichen Heldin, der Kleingeldprinzessin: "Kapitalismus ist die ständige Vermehrung unnötiger Notwendigkeiten".
    Ergo: Wenn es nur um Besitzerhaltung, sprich: Reperatur ginge, wäre das ganz ja noch harmlos (und ökologisch verträglicher allemal, wenn man von unseren geliebten alten Schrottlauben absieht, die nun mit der modernen kraftstoffsparenden Technologie echt nicht mithalten können.)

    28.12.2006, 23:26 von Sofie_Amundsen
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    Alles in allem finde ich den Artikel ganz gut.

    Allerdings solltest du bei deiner Kritik bedenken,dass du und deine Eltern auch durch dieses Wirtschaftssystem was zu Essen im Kühlschrank habt und ein Dach über dem Kopf.

    Und ohne den Kapitalismus hättest du deinen Artikel vllt. gar nicht so veröffentlichen können,da das Internet vllt. noch gar nit erfunden worden wäre.

    Falls ich dich damit persönlich zu sehr angegriffen habe tut es mir leid,es war nicht meine absicht.

    Ansonsten muss ich sagen is der Artikel super zu lesen

    24.10.2006, 21:20 von Kane_Zamoto
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    Ich bin auch dafür, dass Dinge kaputt gehen. Wenn sie das nur einfach mal in der Garantiezeit täten und nicht erst ein bis zwei Tage nach dem Aublauf dieser Zeit. Aber du hast schon recht, unsere Gesellschaft basiert auch kaputt gehenden Dingen, aber auch nicht nur auf dieser Tatsache. Wie schon gesagt wäre das Geld sicher auch weg, wenn man nicht ständig neue Comuter, Waschmaschinen, Fernseher oder Snickersriegel bräuchte.

    20.10.2006, 01:00 von JFry
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    Der Unterschied ist wohl, daß es im Kapitalismus auch Leute gibt, die Sachen reparieren/ersetzen, während im Sozialismus alles weiter vor sich hingammelt bis es völlig auseinanderfällt (inklusive der Gesellschaft).

    Und Snickers gibts auch keine.

    30.07.2006, 14:59 von Romeo_Flausch79
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    Es stimmt das die Dinge die in der jetztigen produziert werden nicht so gut halten, aber dafür sprechen mehrere Argumente. Und dagegen genauso viele.

    Jetztendlich leben wir in einer Wegwerf und Sammelgesellschaft. Wir werfen dinge die kaputt gehen sofort weg. Und wir heben manche Dinge die wir durch neue ersetzten lange auf. Seit mal ehrlich, wiviele von euch schicken ihr altes Handy zum Wiederverwenden ein?

    25.07.2006, 20:11 von sonnendeck2000
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    Kennt jemand einen Gebrauchsgegenstand, der uns überlebt oder wichtiger, uns überleben könnte? Alles wird verbraucht oder geht irgendwann mal kaputt. Das passiert(e) auch in Gesellschaften ohne Kapitalismus. Der Kapitalismus hat das nicht erfunden.

    Außerdem gehe ich als Mensch auch ständig kaputt und muss zum Arzt. :)

    Und Bluescreens habe ich ewig nicht mehr gesehen. Viel schlimmer ist, dass die Einzelteile des Computer so schnell veralten, dass man funktionstüchtige Geräte austauscht, bevor sie überhaupt die Chance bekommen, kaputt zu gehen. Und dass, obwohl die Firmen Unsummen in geheime Abteilungen stecken, die "Sollbruchstellen" entwickeln. Geschichten könnte ich da erzählen...

    16.02.2006, 05:32 von Mickey
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