Aufbruchsstimmung in Warschau
Warum die jungen Polen, die ich auf meiner Reise getroffen habe, mich schwer beeindruckt haben
Im März war ich in Polen und in der Ukraine unterwegs. Wir Bürger des alten Europa, dachte ich mir, geben fast eine Milliarde Euro aus, um die neue EU-Ostgrenze zum unüberwindlichen Wall aufzurüsten: Gegen Flüchtlinge, Schmuggler und Fälscher - und gegen die wilden Nachbarn Weißrussland und Ukraine. Was zum Teufel tun wir da eigentlich? Darüber schreibe ich im NEON-Heft Mai 2004. In Warschau habe ich aber auch spannende junge Polen getroffen, die mit der Grenzgeschichte gar nichts zu tun hatten. Davon will ich hier berichten.
Der Club "Fabryka Trzciny" macht irgendwie auf Wende-Berlin, mit unverputztem Gemäuer, freiliegenden Heizungsrohren, angeschlossener Galerie und hohen Bierpreisen. Er liegt im Arbeiterviertel Praga am linken Ufer der Weichsel, in einer Gegend, wo Krzysztof Dzieciolowski, unser polnischer Führer, Übersetzer und Co-Autor, nachts nicht unbedingt allein herumlaufen würde. Sagt er. Hier trifft sich die junge polnischen Intelligenzia, aber man darf sich das nicht so vorstellen wie in Berlin, Hamburg oder gar München: Die Leute sind offener, weltgewandter, irgendwie fitter - aber gleichzeitig auch viel normaler.
Zum Beispiel Marta, 22, ein hübsches Mädchen mit leicht hippiesken Rastazotteln, das an der Kunstakademie Malerei studiert. Eigentlich sei sie eher selten in Polen, sagt sie, weil sie ständig um die Welt reist. Besonders gern ist sie in Amerika, deshalb spricht sie auch perfektes Englisch mit amerikanischem Akzent. Ich frage sie sofort, ob sie vielleicht reiche Eltern hat, die ihr das bezahlen - aber nein, sie hat eigentlich gar kein Geld. Genau wie ihre Kommilitonen an der Kunstakademie hat sie sehr viele Ideen, die sie nicht verwirklichen kann - schon die Farben zum Malen können sich viele nicht leisten. "Das Tolle aber ist", sagt Marta, "dass man auch ohne Geld überall hinkommt, wenn man nur will." Sie klingt sehr optimistisch. Zur Not verteilt sie Werbezettel vor dem Supermarkt. Die Welt schuldet ihr nichts. Aber was sie braucht, das holt sie sich eben.
Oder Tomek, 23, ein Wirtschaftswissenschaftler, der nebenbei Warschaus erste Fotogalerie betreibt. Er hat bereits in Schweden studiert, bald geht er noch mal für drei Jahre nach Amsterdam. Er sagt, dass es sehr viele junge Leute in Polen gibt, die etwa in seinem Alter sind - Anfang der Achtziger Jahre gab es einen Babyboom. Da muss man sehr fit sein, wenn man bald einen guten Job finden will. Ohne Auslandsstudium geht gar nichts. Tomek sagt, dass er sich eigentlich längst als Teil der EU fühlt - gerade für Polen sei es in letzter Zeit nicht schwer gewesen, Stipendien in Europa zu bekommen. "Wir werden halt immer noch für rückständig gehalten", sagt er. "Aber deshalb arbeiten wir nur umso mehr daran, das Vorurteil zu widerlegen."
Oder Slawomir, 24, der Politik studiert. Hässlicher Ringelpulli, Brille, hagere Figur, eben ein typischer Bücherwurm-Student. Denkt man so. Aber, so absurd das klingt - er ist Chefredakteur der Zeitschrift "Krytiky Polityczna" (Politische Kritik) und trotz seiner Jugend einer der wichtigsten polnischen Intellektuellen überhaupt. Mit flammenden Plädoyers, die im ganzen Land Aufsehen erregen, kämpft er für Europa - sogar die FAZ hat einen seiner Texte schon nachgedruckt. Für die aktuelle polnische Regierung hat er nur Verachtung übrig - aber wenn man ihn so reden hört, voller Leidenschaft und Entschlossenheit, dann dauert es nicht mehr lang, bis er selbst in der Regierung sitzt.
Am Ende dieses Clubabends war ich von diesen jungen Polen schwer beeindruckt. Null Anspruchsdenken, große Entschlossenheit und gleichzeitig Lässigkeit. Wenn die wirklich loslegen, müssen wir uns warm anziehen. In zwei bis sieben Jahren (soviel Puffer muss sein, sagen die deutschen Politiker) dürfen sie überall in Europa arbeiten, wo sie wollen.
Werden wir es bis dahin geschafft haben, mit unserem ewigen Gejammer aufzuhören, und selbst wieder fit sein?







Kommentare
ja, komisch dass hier "fast niemand so über polen denkt". ich bin selbst polin und wohne seit ca. 7 jahre in deutschland. mit dem eu-beitritt hoffe ich vielleicht am stärksten auf mehr austausch zwischen deutschland und seinem östlichen nachbarn. und auf "aufräumen" der alten vorurteilen und vorstellungen von meinem land. junges polen ist zielstrebig, ergeizig und weisst wie man sich auf eigene kräfte verlassen kann. die wollen in europa richtig loslegen. und zwar dafür, dass man uns anders als nur schwarzarbeiter, putzfrauen und händler wahrnimmt.
21.04.2004, 11:36 von grazy
16.04.2004, 18:46 von SteiffiStimmt, so denkt echt fast niemand über die Polen. Aber ich hab von solchen Haltungen schon gehört.