Lisa_Zimmermann 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 1

Arme Schlucker

MEDIKAMENTENTESTS sind ein beliebter Nebenerwerb geworden. Aber wie gefährlich leben Probanden wirklich? Hier erzählen erfahrene Versuchskaninchen.

In Großbritannien machte im März 2006 eine Medikamentenstudie Schlagzeilen: Sechs junge Männer hatten ein Medikament getestet, das gegen schwere Krankheiten wie Blutkrebs und Multiple Sklerose eingesetzt werden sollte. Nach der Einnahme des Medikaments versagten die Organe der Probanden, einige fielen ins Koma. Die jungen Männer haben sich bis heute nicht erholt: Einem sind einige Finger abgestorben, ein anderer hat Krebs.

Ein Arzneimittel auf den Markt zu bringen, braucht Zeit: Nach der Entdeckung eines Wirkstoffs dauert es oft über zehn Jahre, bis das entsprechende Medikament in die Apotheken kommt. Ist ein Wirkstoff im Tierversuch vielversprechend, folgt der Test am Menschen. Mit wenigen Ausnahmen – etwa Medikamenten zur Chemotherapie – wird an Gesunden getestet. Dabei wird geprüft, wie verträglich der Wirkstoff ist, wie er sich im Körper verhält, wie er ausgeschieden wird.

Knapp 1600 Studien werden in Deutschland jährlich durchgeführt. Impfstoffe, Kontrastmittel, Medikamente – es gibt viel zu tun. Die Zahl der Probanden ging 2006 in die hunderttausende, schätzt Thomas Sudhop vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, das gemeinsam mit dem Paul-Ehrlich-Institut für die Zulassung neuer Medikamente zuständig ist.

Probanden für die Studien zu finden, die an Universitätskliniken und von privaten Firmen durchgeführt werden, ist einfach: Die Aufwandsentschädigungen können vierstellig sein. Deshalb reißen sich viele Bewerber um Jobs als Versuchskaninchen. Bewerbungsvoraussetzungen: eine gute Gesundheit und viel Zeit. Letztere haben besonders Studenten und Arbeitslose. Der Fall in Großbritannien war ein Einzelfall, sagen Experten. Er hätte aber genauso in Deutschland passieren können. Denn das mittlerweile insolvente deutsche Unternehmen TeGenero, von dem das Medikament stammte, hatte in Deutschland ebenfalls einen Antrag auf Genehmigung der Tests gestellt. In London waren die zuständigen Behörden einfach schneller. Aber wie lässt sich das Risiko kalkulieren? Wir haben Profis gefragt, die schon Erfahrungen als Versuchskaninchen gesammelt haben. Das besorgniserregende Ergebnis: auch wenn sich die Probanden als »Huren der Wissenschaft« bezeichnen – fast alle würden es des Geldes wegen wieder tun. Und damit ihre Gesundheit weiter gefährden.

Monika Probst, 28, Tierärztin, Stuttgart
»Ich hatte zufällig eine Zeitungsannonce gelesen, mit der Probandinnen für eine dreimonatige Studie gesucht wurden. Als Studentin konnte ich das Geld natürlich gut brauchen, deswegen habe ich mich angemeldet. Getestet wurde, ob ein blutdrucksenkendes Medikament die Wirkung der Antibabypille beeinflusst. Weil ich gerade Semesterferien hatte, passte das perfekt. Meine Pille habe ich abgesetzt, dann bin ich einen Monat lang um acht Uhr früh zu dem Institut gefahren und habe unter Aufsicht die Pille genommen. Schwestern haben einem danach den Mund mit einer Taschenlampe ausgeleuchtet und mit einem Spatel unter die Zunge geguckt, um zu kontrollieren, dass man geschluckt hat. Danach mussten wir zweimal zehn Tage stationär weitermachen, mit einer Woche Pause dazwischen. Die drei stationären Wochen waren eine Mischung aus Urlaub und Krankenhaus. Beim Einchecken wurden einem die Regeln erklärt, und die sind ganz schön streng. Süßigkeiten und anderes Essen durften wir nicht mitbringen. Nicht mal ein Schluck Cola außerplanmäßig war erlaubt. Jeder bekam die gleiche Portion zu essen. Eigentlich lag ich den ganzen Tag rum, unterbrochen von Blutabnehmen, Blutdruckmessen, EKGs und Urinabfüllen. Nebenwirkungen hatte ich keine, außer manchmal Schwindel nach dem Aufstehen. Ich habe nach der Studie gar nicht gefragt, ob ich das Medikament oder das Placebo bekommen habe. Beim Abendessen war immer ›Und, spürt ihr was?‹ die Lieblingsdiskussion. Wir durften das Gelände nicht verlassen. Wahrscheinlich, damit wir keiner Versuchung erliegen und uns eine Leberkässemmel am Kiosk kaufen. Manchmal haben wir auf dem Parkplatz und auf dem Grünstreifen vorm Haus ein bisschen Gymnastik gemacht. Ich habe in der Zeit endlich mal alle meine Fotos in Alben geklebt. Mein Freund hat mich öfters besucht, der hat auch Schokolade mitgebracht und Bier. Getrunken habe ich es nicht, das wäre sofort aufgeflogen. Klar habe ich manchmal gedacht ›Das ist zum Kotzen, ich will hier raus‹ – aber für 4500 Euro habe ich mich gerne auch mal gelangweilt.«

Christian Hildenbrand, 31, Redakteur, München
»Als Tiermedizinstudent kannte ich mich aus und habe vor den Studien immer viel gefragt und die Unterlagen genau gelesen. Auch bei meiner dritten Studie, bei der ein Medikament getestet wurde, das den Hirndruck bei Unfallopfern mit Kopfverletzungen senken sollte. Von dem Trägerstoff, mit dem der Wirkstoff gespritzt wurde, war bekannt, dass allergische Reaktionen auftreten können. Also wurde zusätzlich ein Antiallergikum namens Atosil gespritzt. Damit werden auch psychisch Kranke mit Erregungs- und Unruhezuständen behandelt. Ich lag also mit zwei anderen Probanden im Zimmer, und dem ersten wurde das Atosil gespritzt. Kurze Zeit später ist er einfach im Bett zusammengeklappt. Bei mir wurde gerade die Spritze angesetzt, und ich merkte, dass Schwestern und Ärzte sich um das Bett neben mir scharten und aufgeregt versuchten, meinen Zimmernachbarn wach zu kriegen. Als Proband darf man jede Studie zu jeder Zeit abbrechen. Ich weiß nicht, warum ich das damals nicht gemacht habe. Irgendwie dachte ich, das ziehst du jetzt durch, und bekam die Injektion. Danach fehlen mir zwei Stunden. Ich weiß nur, dass ich irgendwann geweckt wurde, ich sollte etwas essen. Ich bin runter in den Speisesaal gewankt und habe gemerkt, dass vor und hinter mir Pfleger gingen, um mich notfalls aufzufangen. Nach dem Essen bin ich sofort aufs Klo, mir war speiübel. Ob ich mich übergeben habe, weiß ich nicht mehr. Irgendwann hämmerte jemand an die Tür. Den restlichen Tag verbrachte ich wie im Delirium im Bett, ohne irgendwas mitzukriegen. Am Abend habe ich von einem der Ärzte erfahren, dass von den sechs Probanden fünf kollabiert waren. Die Ausnahme war eine fürchterliche Nervensäge. Sein Kreislauf kam durch Atosil auf ein angenehm ruhiges Level. Bei mir und den anderen mit eher niedrigem Ruhepuls hat der Kreislauf versagt. Von dem Arzt habe ich auch erfahren, dass ich an einer Phase-1-Studie teilgenommen hatte – da wird ein Medikament zum ersten Mal nach dem Tierversuch am Menschen getestet. Danach zu fragen, hatte ich vergessen. Ich habe mir dann erst mal geschworen, nie wieder bei Studien mitzumachen. Das habe ich aber nicht lange durchgehalten. Die Bezahlung ist einfach zu gut.«

Maike Mette, 28, Studentin, Berlin
»Ich habe zwei kleine Töchter, deshalb würde ich nie bei Studien mitmachen, deren Risiko ich nicht kalkulieren kann. Ich studiere Biochemie und kann deshalb ganz gut abschätzen, wie riskant eine Studie ist. An einer Phase-1-Studie, würde ich niemals teilnehmen, auch nicht an Tests mit Psychopharmaka oder Hormonen. Einmal war parallel zu meiner Studie eine Probandengruppe im Institut, die ein Psychopharmakon testete. Beim Abendessen saßen die dann mit total glasigen Augen neben uns. Mir wurde zum Beispiel mal ein radioaktives Kontrastmittel gespritzt. Durch dieses Mittel sollte man Parkinson bei der Untersuchung des Gehirns besser erkennen. Ich habe mir ausgerechnet, dass die radioaktive Belastung ungefähr so hoch sein würde wie bei zehn Überlandflügen, das fand ich okay. In Berlin habe ich mal ein Kortisonspray gegen Asthma getestet. Das Spray war bereits zugelassen, es ging nur darum zu testen, wie viel davon in der Lunge bleibt. Verheimlicht habe ich die Studien niemandem. Wieso auch, ich habe kein Problem mit dem Job. Immer, wenn es bei mir finanziell total desaströs aussah, habe ich bei Studien mitgemacht. Meine Töchter konnte ich bei Verwandten oder Freunden unterbringen. Andere Probanden hatten da mehr Probleme, weil sie niemandem von ihrem Job erzählen wollten. Die waren manchmal total verzweifelt. Ich habe ein paarmal längere stationäre Studien gemacht, bei denen wir zwischendurch nach Hause durften. Damit die Klebepunkte für das EKG immer an exakt derselben Stelle aufgeklebt wurden, mussten wir die Markierungen am Körper sogar nachzeichnen, wenn sie beim Duschen verblassten. Das war für Probanden, die die Studien heimlich mitmachten, natürlich ein Problem. Nach diesem Vorfall in England letztes Jahr, als einige Probanden fast gestorben wären, rief mich meine Mutter panisch an und drängte mich aufzuhören. Mich hat das aber überhaupt nicht beunruhigt. Wenn es finanziell wieder nötig ist und organisatorisch passt, mache ich vielleicht bald wieder mit.«

Moritz Möcking, 29, Arzt, Wiesbaden
»In meinem Freundeskreis haben wir schon viel über Medikamententests diskutiert, auch über ›Der ewige Gärtner‹. In dem Film führen globale Pharmakonzerne unter dem Deckmantel der HIV-Bekämpfung illegale Medikamententests an der armen Bevölkerung Kenias durch. Ich kann mir nicht vorstellen, dass in der Realität Ähnliches passiert. In Relation zu der Menge von Medikamenten, die manche Leute jeden Tag nehmen, finde ich es nicht so schlimm, einmal im Jahr ein paar Tabletten zu schlucken oder ein Asthmaspray zu inhalieren. Ein paar Freunde und ich, wir haben uns mal als ›Huren der Wissenschaft‹ betitelt. Mir ging es ganz einfach ums Geld. Ich glaube, das trifft auf alle gesunden Probanden zu. Mit den Studien habe ich meine Reisen während des Studiums finanziert, und das ziemlich bequem. Na ja, besonders empfindlich darf man vielleicht nicht sein. Es kann immer mal vorkommen, dass beim Blutabnehmen oder Kanülenlegen ein paarmal danebengestochen wird, weil keine Vene gefunden wird. Ich hab mal einen roten Kopf bekommen – keine Ahnung, ob das eine Nebenwirkung war oder meine Aufregung. Bei vielen Studien gibt es eine Gruppe von Probanden, die nur ein Placebo bekommt. Der Job ist sicher nicht was für jeden, vor Ort fühlt man sich wie ein Versuchskaninchen. Meine Kollegen waren immer ein bunter Haufen, viele Studenten, ein paar Arbeitslose. Das Klischee, dass total verzweifelte und fertige Leute für Studien rekrutiert werden, weil die zu allem bereit sind, kann schon deshalb nicht stimmen, weil jeder Proband peinlich genau durchgecheckt wird und man sehr schnell draußen ist, wenn die Blutwerte nicht stimmen.«

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