2012. Ein schönes Leben noch!
Montag, 25. Juli 2012. Ein ganz normaler Montag? Von wegen!
Montag, 25. Juli 2012. Montage sind immer noch doof. Eigentlich sollte man den Tag aus dem Kalender streichen und schlafen. Einfach weiter schlafen. Aber der Wecker, er klingelt. Morgens um sieben. „Dieser Weckruf wird ihnen gesponsert von „XXL Strong & Smart Haargel“.Für Frisur hab ich keine Zeit. Vielleicht sollte ich den Sponsor meines Weckrufs wechseln, denke ich mir, als ich schlaftrunken ins Bad schwanke und den Wasserhahn öffne.
So richtig wach wird man von dem nach Limone riechenden und süßlich schmeckenden Leitungswasser nicht. Blöd, dass „Sugar Coke“ vor fünf Jahren die gesamte Trinkwasserversorgung der Stadt aufgekauft hat.
So wertvoll wie ein kleines Steak
Nachdem ich eine Portion Müsli in mich reingestopft und eine große Tasse extra starken Kaffee hinuntergespült habe, schwinge ich mich auf mein Fahrrad. Langsam werde ich wach. Gut so, denn ich muss mich auf den Fahrradweg konzentrieren und den vielen Schlaglöchern ausweichen. Die Fahrradwege hat ein bekannter Automobil-Hersteller im Kombi-Paket mit den Straßen aufgekauft. Verständlich, dass eine Auto-Firma kein großes Interesse daran hat, Fahrradwege zu reparieren. Doch alles hat seine guten Seiten: Die morgendliche Radfahrt zur Schule wird zum Abenteuerurlaub über Schlaglöcher und durch Smogwolken.
Aus den Augenwinkeln nehme ich einen Penner wahr, der auf einer Parkbank sein Nachtlager aufgeschlagen hat. Er hat kaum etwas zum Anziehen, sieht verwahrlost aus, mit den vielen Tatoos auf seinem Oberkörper: Tankstellenlogos, Fast-Food-Ketten, Supermarkt-Sonderangebote. Er ist wohl arbeitslos, sein Körper als Werbefläche ist seine einzige Einnahmequelle.
Connecting People
Einige Schlaglöcher später erreiche ich die Schule. Ich sprinte ins Klassenzimmer, komme genau rechtzeitig zum Informatikunterricht. Die anderen sind schon alle da, ich setze mich neben Stefan. Netter Kerl, ein bisschen abgedreht, ein wenig strange, sagen viele. Finde ich nicht. Sein Vater war Globalisierungskritiker, und der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Stefan trägt seine langen dunkelblonden Haare zu einem Zopf gebunden, und Klamotten aus den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts, ohne Firmenlogo drauf. Seine dunkelbraunen Augen funkeln immer dann, wenn er von einer anderen, einer besseren Welt redet, in der es allen gut geht. So auch an diesem Morgen. Stefan findet wohl das Unterrichtsthema so wenig interessant wie ich. Wir lernen, ein Handy zu programmieren. Der Informatikunterricht wird gesponsert von HappyPhone, dem örtlichen Handykonzern. Stefan und ich unterhalten uns über Globalisierung und GATS (General Agreement on Trade in Services) und die „gute alte Zeit“. Ich freu mich schon auf den Politikunterricht.
Der Geschmack von Freiheit und Abenteuer
Und dann der Hinweis von unserem Informatiklehrer, einem HappyPhone-Angestellter. Er bleibe heute bis zur großen Pause. Und das ab jetzt jeden Montag. Politikunterricht könnten wir erst mal vergessen, meint er. Der Politik-Sponsor sei von HappyPhone aufgekauft worden, nun gebe es drei Stunden Informatik am Stück, man wolle ja, dass die zukünftigen Angestellten gut auf ihren Job vorbereitet werden. Ich will Schriftsteller werden! Oder Künstler, keinesfalls jedoch HappyPhone-Marionette. „Weg hier“, flüstert Stefan mir ins Ohr. Mit der Ausrede, er müsse mal auf Toilette, verlässt er das Schulhaus, ich hinterher. Wir sitzen im Park, trinken ein Bierchen. Reden über Globalisierung, über die Welt, über Gerechtigkeit und gutes Leben. Stefan regt sich auf, über HappyPhone, über Gehirnwäsche. Er zeigt mir den Inhalt seiner Schultasche – ein paar Spraydosen und Caps. Hier, das hat mir mein Vater geschenkt – das hat er noch von damals.“ Auf einmal beginnt ein Plan zu reifen. Wir beschließen, zu rebellieren. Gegen das Establishment. Gegen diese Welt. HappyPhone soll unser Aufhänger sein, unser Anker, an dem wir unsere Rebellion fest machen. Wer, wenn nicht wir, wann, wenn nicht jetzt? Und wo, wenn nicht hier, direkt vor unserer Schule? In einem Hinterhof finden wir Tapetenrollen, schnell sind draus zwei Transparente gebastelt. Wir fangen an darauf zu sprühen. Ich hätte nie gedacht, dass das so viel Spaß machen könnte. „Bildung muss kostenlos sein“, sprühen wir. Dann: „Wir sind keine HappyPhone-Marionetten!“
… schließlich weiß man nie, wann der Tag endet
Mit den beiden Bannern in der Hand stellen wir uns vor die Schule, skandieren die Sprüche und klopfen dazu im Takt auf die Mülltonnen. Dann zerstört das schneidende Heulen von Sirenen jäh die Atmosphäre von Revolution. Die Polizei. Klar, schließlich wird das gesamte Stadtgebiet videoüberwacht. „Weltverbesserer!“, schmunzelt der Polizist. „Das war ich in eurem Alter auch. Aber das gibt sich wieder - werdet erst mal ein paar Jährchen älter.“ Für illegalen Alkoholkonsum während der Schulzeit, Schule schwänzen und Ruhestörung winken uns eine Woche Jugendknast und 60 Stunden Müll einsammeln im Stadtpark. Na toll. „Diese Verhaftung wird ihnen gesponsert von „Security Systems AG“, schallt es aus dem Lautsprecher des Polizeiautos, während wir wegfahren.
Die Erstveröffentlichung des Artikels - auf www.schekker.de, dem Online-Jugendmagazin der Bundesregierung.
http://www.schekker.de/07_03/topthema2.htm





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