Patrick_Bauer 20.05.2008, 11:32 Uhr 1 0

Zwei Frauen unter tausend Flüchtlingen

Wie eine junge Deutsche den afghanischen Flüchtlingen im griechischen Patras zur Seite steht.

Auf einmal, sagen die Afghanen, war sie da, die Frau, die alle Sprachen spricht. Dari mit ihnen. Englisch und Deutsch mit den Journalisten. Und Griechisch mit den Behörden, deren Sprache bislang die Gewalt war. Die Afghanen sagen, sie würden noch immer nicht verstehen, wohin sie gehört, diese große Frau mit dem Pferdeschwanz, nach Deutschland, nach Athen, vielleicht zu ihnen. Oder wer sie geschickt hat, die Griechen, die Deutschen oder vielleicht Allah. Ohne Salinia Stroux jedenfalls gäbe es für die Afghanen von Patras noch ein bisschen weniger Hoffnung. „Brauchst du Medikamente für dein Auge, Samir?“, fragt Salinia Stroux und sie ruft: „Alle mal her hören, es gibt Neuigkeiten vom Roten Kreuz!“


Salinia Stroux inmitten einiger Flüchtlinge am Hafen von Patras: Die Männer warten auf eine Gelegenheit, sich unter einem Lastwagen zu verstecken.

Der Fotograf Julian Baumann und ich waren in die griechische Hafenstadt Patras gereist, weil sich hier auf besonders grausame Weise die Flüchtlingstragödie zeigt, die an den Außengrenzen Europas stattfindet.
Tausende Afghanen, auf der Flucht vor Krieg und Terror, haben den lebensgefährlichen Weg über den Iran und die Türkei hinter sich gebracht.
Sie haben griechischen Boden betreten, europäischen Boden. Aber durch das Dublin-II-Abkommen der Europäischen Union ist nun Griechenland für ihr Asylgesuch zuständig. Sie dürfen in keinem anderen EU-Mitgliedsstaat mehr Asyl beantragen. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn Griechenland den Flüchtlingen ein faires Asylverfahren ermöglichen würde. Stattdessen aber, berichten Menschenrechtsorganisationen und die Flüchtlinge selber, werden sie von der griechischen Polizei gefoltert und gejagt, unrechtmäßig inhaftiert oder sogar illegal in die Türkei zurück geschickt. Griechenland verstößt mit dieser Ignoranz und Aggressivität gegen diverse Vereinbarungen, die das Land unterzeichnet hat, und das sorgt wiederum dafür, dass die Afghanen von Patras umso verzweifelter versuchen, nach England zu kommen, nach Frankreich oder nach Deutschland. Deshalb sind sie in Patras, von hier legen die Fähren nach Italien ab. Die Flüchtlinge klettern am Hafen unter die schweren Lastwagen, die verschifft werden, viele werden dabei verletzt, die meisten schnell entdeckt, manche sterben, nur wenigen gelingt die Überfahrt. Am Rande des Hafens von Patras stehen seit etwa zehn Jahren viele Hütten aus Pappe und Plastik auf einem schlammigen Baugelände, es gibt weder fließend Wasser noch Strom, das Lager ist illegal, es wird von den Behörden höchstens geduldet, Versuche, es abzureißen gab es bereits. Momentan leben hier zwischen tausend und zweitausend Afghanen, ausschließlich Männer. Sehr junge und sehr alte. Sehr arme und wohlhabende. Kranke und schwer Kranke.
Solche, die schon seit zwei Jahren versuchen, auf ein Schiff zu gelangen und solche, die noch voller Elan sind und schwören, sie würden bald weit weg sein, dort, wo Europa so ist, wie sie sich Europa vorstellen. Und nicht wie Griechenland. Denn hier sei es ja fast so gefährlich wie in Afghanistan. Die Reportage aus Patras findet ihr unter dem Titel „Das gelobte Land“ in der aktuellen NEON-Ausgabe.

Darin steht aber nichts von jener Frau, die hier am Anfang erwähnt wird, die aber Julian und mich so beeindruckt hat, dass sie hier nicht unerwähnt bleiben soll: Salinia Stroux.

Als wir an einem sonnig-staubigen Morgen zum ersten Mal unter verständlicherweise misstrauischen Blicken in das Lager der Afghanen liefen, vorbei an Müllhaufen, an Fußball spielenden Kindern und großen Feuerstellen, um die herum müde Männer saßen, begrüßte uns plötzlich eine Frauenstimme, auf Deutsch. Da stand dann Salinia Stroux, umringt von vielen, und verteilte gerade Fotos, die sie vor wenigen Wochen von den Afghanen gemacht hatte.

„Willkommen“, sagte sie und lächelte: „Und, seid ihr erschreckt von den Zuständen hier?“ Sie selbst hat sich daran gewöhnt, sonst wäre sie wohl kaum zum zweiten Mal mit einer griechischen Freundin und Kollegin, von den Afghanen nur „die Kurze“ genannt, nach Patras gekommen, um für eine Woche im Lager zu leben. Zwei Frauen unter tausenden Männern. Unter den Männern, von denen die Lokalzeitungen von Patras schreiben, sie würden nur klauen und Krankheiten übertragen. Salinia Stroux, 29 Jahre alt, geboren und aufgewachsen in Hamburg, wo sie später auch Ethnologie studierte. Seit über einem Jahr lebt Salinia Stroux in Athen, im Heimatland ihrer Mutter, sie arbeitet dort für eine Hilfsorganisation und ehrenamtlich für das „Netzwerk für die Sozialen Rechte von Flüchtlingen und Migrantinnen“. Salinia bringt Flüchtlingen Griechisch bei, vor allem den Afghanen, weil sie deren Sprache schon während des Studiums gelernt hat. Und ohne diese Sprache, wäre Salinia Stroux im Lager von Patras natürlich nicht die Vertrauensperson, die sie ist. Die Afghanen vertrauen ihr, weil sie sich nicht scheut, auf dem Boden ihrer kalten Hütten zu schlafen, und von ihrem Reis zu essen, weil sie dem Schnupfen trotzt und den Hautausschlägen, die sie im Lager bekommt. Und sie vertrauen Salinia Stroux vor allem, weil sie die erste war, die hier auf sie zu gekommen ist.

Obwohl das Flüchtlingsproblem in Patras seit zehn Jahren besteht, gab es außer zaghaften Versuchen des Roten Kreuz nie ernsthaft Hilfe für die Obdachlosen vom Hafen. Erst seitdem die Situation Anfang diesen Jahres eskaliert ist und die Polizei noch brutaler gegen alle vorgeht, die das Lager verlassen, gibt es vereinzelt Widerstand. Es wurde eine Demonstration organisiert, die griechische Antifa, die Soziliasten oder eine Bürgerbewegung bekunden ihre Unterstützung. Aber nur Salinia Stroux kennt sie wirklich, die Flüchtlinge von Patras und nur ihr glauben sie.


Abends kuscheln sich Hask und seine Freunde, in deren Hütten Salinia und die Kurze schlafen, an die beiden Frauen. Salinia hänselt Hask, weil er so verstrubbelte Haare hat und sie legt ihren Arm um seine Schulter. Sie sagt, dass sie vorsichtig sein müsse, die Männer hier sehnten sich natürlich alle nach Streicheleinheiten, nach dieser langen und einsamen Reise, da bestünde die Gefahr, dass sich einer in sie verliebt. So sanft und lustig, wie sie doch ist. Gleichzeitig, sagt Salinia, sei sie mit der Zeit im Lager abgestumpft. Sie hat schon so schlimme Sachen gesehen und so schreckliche Geschichten gehört hier, dass sie sich nicht mehr um alles kümmern könne.

Dass der Junge mit den Kopfschmerzen etwas warten muss, weil sie schnell die Medizin für den Mann mit der offenen Fleischwunde am Bein besorgen muss.
Aber es sind nicht nur die kleinen, die alltäglichen Dinge, die Salinia Stroux für die Afghanen so wichtig machen. Es ist das große Symbol, das von ihr ausgeht: Sie ist auf die Flüchtlinge, die in Griechenland weder Rechte noch Fürsprecher hatten, zugegangen. Sie hat ihnen gezeigt: Wir denken an euch. Und indem sie so mutig das Leben im Lager mit den Flüchtlingen teilt, hat Salinia zugleich den Bewohnern von Patras gezeigt: Das sind Menschen.
Keine gefährlichen Menschen. Sondern Menschen, die unsere Hilfe brauchen.

Es ist schwer, nach einer Woche in Patras, während der man von unglaublichen Menschrechtsverbrechen und von unvorstellbaren Schicksalen gehört hat, an eine Lösung des Problems zu glauben. Es ist eigentlich unmöglich, den Flüchtlingen Hoffnung zu geben, weil man genau so gut weiß, wie sie selber, dass es nicht gut steht für sie und das sie gefangen sind in Patras. Und wenn sie fragen, ob man glaube, dass die Deutschen helfen könnten, dann kann man nur sagen, was auch die für Asylpolitik zuständigen deutschen Behörden
sagen: Dass sie sich an geltendes europäisches Recht halten. Und dass dieses Recht nicht zuerst das Recht der Flüchtlinge ist. Salinia Stroux aber schafft es, den Menschen im Lager von Patras Hoffnung zu geben. Das ist ihr gar nicht hoch genug anzurechnen: Aus der Ohnmacht, die man in Patras und anderswo in Griechenland oder an den EU-Grenzen verspüren muss, die Kraft zu machen, etwas zu bewegen.

1 Antworten

Kommentare

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    Danke an die beide Journalisten das Sie die Realität in Patras so einfühlsam und respektvoll nach Aussen sichtbar machen!
    Eure Bericht tut genau das was was sich die Afghanische Flüchtlinge von dem Griechischen Staat wünschen: Sie als das zu sehen was Sie sind: Menschen .
    marily stroux

    24.05.2008, 10:02 von busyshadows
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