manuelsantiago 10.08.2006, 20:51 Uhr 5 1

Zank in Gottes Staat

Muslime und Juden glauben wie wir Christen, dass es nur einen Gott gibt. IHN den Allmächtigen Einen.

Bevor jetzt die ein oder anderen fragen was Religion mit Politik zu tun hat, möchte ich ein - zwei einleitende Worte zu diesem Thema vorausschicken:

Über Religion im Staat

Religion und Staat sind erst seit der Säkularisation, also der Verweltlichung der Staatsgeschäfte, von einander getrennt.
"...Meist wird von Säkularisation (...) im Zusammenhang mit der Auflösung von Kirchengütern infolge des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803 gesprochen, der auf die militärischen Erfolge Napoléon Bonapartes zurückgeht. Diese Säkularisation ist die umfassendste, die bislang stattfand. Beinahe alle geistlichen Reichsstände wurden aufgelöst und annähernd 95.000 km2 Grundfläche, auf denen mehr als 3 Millionen Menschen lebten, wechselten ihren Besitzer.
Durch die Verschiebung der französischen Ostgrenze mussten deutsche Staaten ihre linksrheinischen Gebiete abgeben. Als Entschädigung dafür wurden ihnen im Reichsdeputationshauptschluss von 1803 die kirchlichen Reichsstände und die Reichsstädte (in diesem Fall spricht man von Mediatisierung) zugeschlagen..." (aus Wikipedia "Säkularisation")

In Folge dieser Enteignung der Kirche wurde auch deren Macht drastisch zurückgeschraubt. Die Regierung - in diesem Fall der Kurfürst, Herzog oder König - musste sich nicht mehr nach den Interessen der Kirche richten, die bis dahin durch ihre Ländereien eine immense Macht auf die politischen Entscheidungen der Machthabenden ausübte.

"...Insbesondere profitierten der König von Preußen, der Kurfürst von Bayern, der Herzog von Württemberg, der Markgraf von Baden und der Landgraf von Hessen-Darmstadt von der Säkularisation. Allein in Baden vervierfachte sich die Fläche des Landes, die Zahl der Einwohner verfünffachte sich durch den Landzugewinn. Württemberg konnte seine Fläche und Einwohnerzahl immerhin verdoppeln.
Durch die Enteignung von kirchlichen Gütern verlor insbesondere (aber nicht nur) die katholische Kirche einen großen Teil ihrer weltlichen Macht. Dadurch wiederum wurde die Aufklärung weiter gefördert und auch das entstehende Bürgertum gestärkt, da die Kirche schlagartig selbst unter Druck geraten war und nun weit weniger Zwang ihrerseits ausüben konnte..." (Wikipedia)

In der islamischen Gesetzgebung, der fiqh, ist die schari'a - die religiöse Auslegung der Gesetze und strebt die Regelung ALLER Bereiche des menschlichen Lebens an. Sie ist innerhalb der fiqh enthalten.

Fiqh und Schari'a sind überlieferte Gesetzgebungen die sich aus den Grundlagen Koran, Sunna, Qiyas („Analogieschluss“) und Idschma („Konsens der Rechtsgelehrten“) heraus ergeben.
Nun ist es sei Anbeginn der Islamischen Religionsbewegung so, dass sich Kirche (der arabische Ausdruck ist mir hierfür nicht geläufig) und Staat darum zanken wer nun für die Auslegung der Rechte zuständig ist.
Die Kirche beruft sich dabei weiterhin auf das göttliche Recht das ihr aus dem Koran zugeschrieben wird - und welches sie äußerst scharf auszulegen weiß, während sich die weltlichen Herrscher auf die weltlichen Strömungen berufen, die meist eine gemäßigtere Auslegung - eine moderne Rechtsprechung - für sich einfordern.

So ist der innerislamische Konflikt bezüglich Recht und Staat immer auch ein religiöser, da sich die Interessen der Kirche immer in Richtung Gottesstaat bewegen.
_________________

Zank in Gottes Staat

Wir, die wir alle an einen Einzigen Gott glauben, der unsere Schritte lenkt und unsere Gebete erhört, sind nicht so verschieden wie wir manchmal denken wollen. Christen, Moslems und Juden glauben an ein und den selben Gott. Nur das die Christen ihm eine Dreieinigkeit geben (Vater/Sohn/heiligerGeist), die Juden sieben heilige Namen für IHN haben die sie nie aussprechen und die Moslems ihn Allah nennen.
Abgesehen von diesen Kleinigkeiten - und ich sage dies sehr bewusst - ist der Gott(!) der Selbe.
Unsere Beziehung zu Gott könnte also quasi genauso aussehen wie mit die Beziehung zu einem guten gemeinsamen Freund. Während ich Sebastian zu ihm sage, nennt ein anderer Kumpel ihn ausschließlich Sepp und seine Freundin hat viele Namen für ihn, von denen wir anderen nur die harmlosen kennen.
Aber er ist trotzdem unser gemeinsamer Freund. Er verbindet uns mit einander. Ohne ihn würden wir uns wahrscheinlich gar nicht kennen.

Religion leicht gemacht? Leider ist die Sache weitaus komplizierter. Würden wir uns beispielsweise religionsübergreifend darauf einigen, dass es im Grunde egal ist WIE wir mit unserem Freund leben und kommunizieren, dass es im Grunde nur darauf ankommt DAS wir mit ihm leben und kommunizieren, wir hätten keine diesbezüglichen Probleme mehr. Unglücklicherweise kann Gott sich auch nicht dagegen wehren, dass jeder der ihn Verehrenden denkt er hätte den einzig wahren Weg zu ihm gefunden.
Noah Gordon legt in seinem Buch "der Medicus" Mirdin Askari (einem Juden) folgende wunderschönen Zeilen in den Mund: "Ich stelle mir das Paradies als Garten vor der von einem Fluß abgegrenzt wird den hunderte Brücken überqueren. Wenn Gott diesen Garten geschaffen hat um uns zu erfreuen wird es ihn kaum stören welche Brücke wir zum überqueren des Flußes nehmen..."

Aber genug von der Religion. Auch wenn sie der Zankapfel im Nahen Osten ist, oder zumindest ein nicht unerheblich großer Teil davon.

Der andere Teil, die Politik, ist weitaus weniger leicht zu umschreiben und/oder theoretisch zu beheben. Denn der Staat Israel wird immer ein Fremdkörper im Palästinensischen Delta sein.
Seit dem ersten Weltkrieg schwelt dort unten ein Flächenbrand vor sich hin, den wir Europäer bislang tapfer ignoriert haben. Dabei ist dieser Konflikt hausgemacht. Nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches teilten die Siegermächte die Staaten unter sich auf, ohne nachzufragen oder auch nur nachzudenken, wie die Grenzen vorher verliefen.
Zwar hat es davor schon Einwanderungswellen gegeben, zwischen 1892 und 1903 flüchten 30.000 Juden aus Osteuropa nach Palästina, allerdings ohne einen eigenen Staat im Handgepäck zu führen.
1897 wird auf dem ersten Zionistenkongreß in Basel, die Schaffung einer gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in dem damals unter osmanischer Herrschaft stehenden Palästina fordert.
OHNE die dort lebende Bevölkerung auch nur annähernd in die Planung mit einzubeziehen.
Am 2. November 1917sichert die Britische Regierung den politischen Zionisten ihre Unterstützung bei der Schaffung einer "jüdischen Heimstätte" in Palästina zu (Balfour-Deklaration ).
Nicht aus purer Nettigkeit - nein, nein - Briten, Franzosen, Amerikaner und Deutsche wollen ihre Juden aus dem Land haben. Aber wohin mit ihnen? Ein eigener Staat für die Verhassten wäre da ja geradezu ideal!

Bei der Konferenz der Alliierten in San Remo am 24. April 1920 wird Großbritannien das Mandat für Palästina zugetragen. Die Region Palästina bezeichnet ungefähr das Gebiet des heutigen Staates Israel, Ost-Jerusalem, den Golan, den Gazastreifen und das Westjordanland (Palästinensische Autonomiegebiete) sowie das heutige Königreich Jordanien. (Jedem sein hier der wikipedia Artikel Palästina empfohlen, der eine Karte des britischen Mandats enthält.) Während der britischen Oberherrschaft wird eine Zweistaatenversion diskutiert, die den Juden sämtliche Gebiete oberhalb des Jordans zuschanzt, während die Gebiete darunter autonom arabisches Emirat werden sollen. Jerusalem soll dabei eine international regierte Enklave werden, in der alle religiösen Pilger unbeschränkten Zutritt zu ihren jeweiligen Heiligtümern haben.

Im Dezember desselben Jahres verlangt der dritte palästinensische Kongress eine einheimische Regierung. Sie wird ihm verwehrt.

1932 bis 1938 kommt es im Zuge der zunehmenden Verfolgung der Juden in Europa zu einer massiven Einwanderungswelle. Die sogenannte fünfte Alija bringt weitere 250 000 Juden nach Palästina.
Dass das den arabischen Palästinensern nicht schmeckt ist ihnen noch nicht einmal zu verübeln.
1939 kommt es zu massiven Unruhen wegen der britischen Mandatspolitik und den Kolonisierungsversuc hen der zionistischen Gruppen.

Während dem zweiten Weltkrieg kehrt vorerst eine zweifelhafte Ruhe ein.

Am 29. November 1947 beschließt die UN-Vollversammlung mit der Resolution 181/II die Teilung Palästinas als Ganzes und die Gründung eines jüdischen und eines arabischpalästinensi schen Staates sowie die Internationalisierun g des Gebietes von Jerusalem. Wie immer ohne die betreffenden Menschen der Region zu fragen.
Gut ein halbes Jahr später, am 14.Mai 1948 wird der Staat Israel offiziell ausgerufen. Israel wird unabhängig und absorbiert in seinen ersten vier Jahren über 700.000 Immigranten.
Mit der Proklamation des Staates Israel beginnt es für die arabischen Palästinenser eng zu werden. Arabische Armeen beginnen mit einem Angriff auf Israel den ersten arabischisraelischen Krieg (Unabhängigkeitskrie g).
Am 11. Dezember 1948 bekräftigt eine UN-Resolution das Recht auf Rückkehr oder Wiedergutmachung für Palästinenser.
1950: Israel verabschiedet das Rückkehrergesetz, das das Recht eines jeden Juden auf Einwanderung nach Israel bestätigt.

Seit dem haben die Juden sich in "ihrem" Staat festgebissen. Niemand möchte es ihnen verübeln, aber man sollte doch eines nicht vergessen: Eigentlich entstand dieser Staat ohne die Einwilligung der dort lebenden arabischen Bevölkerung.
Im Endeffekt kann man sagen, dass es sich um nichts anderes handelte als wenn eines schönen Tages ein Mann samt Familie auf dem Grundstück deiner Eltern erscheint und sagt, dass dieser Fleck Erde - auf dem ihr seit vielen Generationen lebt - ihm gehören würde, weil seine Vorfahren vor knapp zweitausend Jahren hier gelebt hätten und das er dadurch ein Recht darauf habe hier anstatt deiner zu leben.
Bekräftigt wird sein Anspruch von Menschen, die weder Dich noch deine Eltern und Großeltern kannten und kennen. Denen es eigentlich egal ist WER auf Deinem Grundstück lebt.
Würdest Du sagen "Okay, ich geh dann halt mal! Viel Spaß beim bauen und nix für ungut."?
Ich nicht. Ich kann die Palästinenser genauso gut verstehen wie die Israeliten.
Den einen wurde ein Land gegeben, dass sie sich seit ihrer Vertreibung zurückgewünscht haben, während den anderen genau dieses Land genommen wurde.
Nichtsdestoweniger ist die heutige Situation des Nahostkonfliktes aus brachialem Unrecht entstanden. Unrecht, dass u.a. von europäischer Seite verursacht und von israelitischer Seite ausgenutzt wurde.
Nicht mitgerechnet die von Israel selbst ausgelösten Kriege und Rachefeldzüge, die wiederum kriegerische Handlungen und Racheakte der arabischen Palästinenser nach sich ziehen.
_____________________________________

Fazit:

Leider ist dieses Thema so dermaßen vielschichtig und kompliziert, dass selbst ein langjähriger Spezialist sich eingestehen muss, dass er eigentlich nichts weiß.
Jede der vertretenen Parteien hat in dieser Sache Dreck am Stecken. Und jede besteht weiterhin auf ihrem eigenen ultimativen Standpunkt. So gesehen ist alles was versucht wird um den Frieden im Nahen Osten zu erreichen zum scheitern verurteilt, da sich mindestens eine partei nicht damit einverstanden erklärt.
_____________________________________

Dieser Artikel ist aus den Kommentaren zu "Schwule Juden und schwule Moslems" von rainon entstanden. Somit also zweimal vorhanden. Ich bitte diesbezüglich um Verständnis.

1

Diesen Text mochten auch

5 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Was spricht gegen eine Zwei-Staaten-Lösung?
    Wenn beide Teile als Staat lebensfähig sind...

    11.08.2006, 10:16 von sailor
    • 0

      @sailor Mittlerweile hat sich die Zwei-Staaten-Lösung für die Gebiete durchgesetzt. Gaza wird zu Hamastan und Judäa und Samaria zu Fatahstan. Und niemand (außer Iran) ist glücklich damit...

      27.08.2007, 17:00 von Alex_Krycek
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Naja, ich muss zugeben das dieser Artikel seeehr spontan entstanden ist und sich aus meinem fundierten Halbwissen zusammensetzt...
    Insofern: Danke! du bereicherst meinen Wissensschatz

    10.08.2006, 21:21 von manuelsantiago
    • 0

      @manuelsantiago Naja...
      Das wird sich noch zeigen ob das eine Bereicherung ist...

      Ich muss los...

      10.08.2006, 21:27 von sailor
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Du hast die Teilung des Mandats Palästina nicht erwähnt...
    Und auch nicht, was nach Völkerbundsprachregelung 1920 "Palästina" umfasste...
    (Auch wenn Nino jetzt einen Vogel kriegt...)

    10.08.2006, 21:18 von sailor
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Wie immer können es manche nicht lassen: Vermischen Religion und Politik miteinander.

    Was soll denn das? Das bringt doch nichts und es tut niemandem gut außer dem der kompromisslos in Hass baden will. Also lasst es einfach, ok!

    10.08.2006, 21:15 von uschi_fisch
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Au backe...

    Ich habs nur überflogen, keine Zeit zum lesen heute abend und morgen ist die diskussion warscheinlich schon 32 km lang...

    10.08.2006, 21:11 von sailor
    • Kommentar schreiben

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
14. Mai 2012

NEON-Apps für iOS und Android

Neueste Artikel-Kommentare