patrizia_heidegger 22.10.2006, 14:38 Uhr 13 3

Yunus Superstar?

Eine etwas andere Sicht auf den Friedensnobelpreisträger und die Grameen Bank in Bangladesch

„You know what, Muhammad Yunus got the Nobel Peace Prize“. Diese Neuigkeit erreichte mich mitten im täglichen Verkehrschaos in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka. Meine Reaktion fiel ganz ähnlich aus wie des ganzen Landes: Großer Jubel! Endlich einmal eine gute Nachricht für dieses medientechnisch vernachlässigte, ewig nur gescholtene oder bemitleidete Fleckchen Erde.
Die frohe Botschaft liegt nun schon über eine Woche zurück und die Freude ist ungebrochen. Die Zeitungen sind voll mit Glückwunschanzeigen für Yunus („Heartiest congratulations!“, „We cannot help but be proud!“, „Warmest felicitations!“, „Pride of the Nation“). Fernsehsender und Printmedien berichten seit Tagen von nichts anderem. Die Mauern entlang der Hauptverkehrsstraßen sind mit Yunus-Plakaten vollgekleistert. Und die Bangladeschis feiern Yunus enthusiastisch: Menschenmassen drängen zu seinen Ansprachen und überhäufen ihn mit dicken Blumenketten. Seine Meinung – ob zur ausstehenden Parlamentswahl in Bangladesch oder den Atomtests von Nordkorea – sie wird nun überall gehört. Er wurde sogar als Vorsitzender der bangladeschischen Interimsregierung vorgeschlagen, welche die Regierungsgeschäfte nächste Woche übernehmen soll. Der Gründer der Grameen Bank ist schlagartig zum Helden der Nation avanciert. Yunus Superstar.
Und es stimmt. Der Nobelpreis – der erste überhaupt für Bangladesch – ist für dieses Land von großer Bedeutung. Die Menschen in Bangladesch haben nicht oft Grund, auf ihr Land stolz zu sein. Die restliche Welt kennt ihre Heimat nur als von Überschwemmungen und Wirbelstürmen gebeuteltes Armenhaus. Die Korruption, die in Bangladesch verschiedenste Lebensbereiche – Politik und Verwaltung, Gesundheitswesen, Bildungssystem, Telekommunikation und viele mehr – durchzieht, ist berüchtigt. Die zunehmende Islamisierung der Politik wirbt ebenso wenig für ein positives Image des Landes. Der Nobelpreis ist seit der blutig erkämpften Unabhängigkeit von Pakistan 1971 und dem Ende der Militärdiktatur 1991 eines der wichtigsten Ereignisse in der Geschichte der jungen Nation. Er ist ein Symbol: Jetzt werden wir international gewürdigt, jetzt geht es vorwärts.
Doch so sehr Yunus öffentlich gefeiert wird: Es gibt auch kritische Stimmen. Auf institutioneller Ebene kann und soll Kritik jetzt vielleicht nicht geäußert werden, aber einzelne Vertreter der Zivilgesellschaft, die selbst am Entwicklungsprozess mitwirken und die Gegebenheiten in ihrem Land besonders gut kennen, kritisieren die Umsetzung von Mikrokreditprogrammen durch große Kreditinstitute wie die Grameen Bank.
Zunächst zur Theorie. Als Yunus Anfang der 70er Jahre als Professor der Universität Chittagong ein Dorf besuchte, stellte er fest, dass sich die Armen dort in großer finanzieller Abhängigkeit befanden. Die Handwerker und Landarbeiter mussten sich erst beim Rohstoffhändler verschulden, bevor sie ihre Arbeit beginnen konnten. Sie besaßen das wenige Geld für den Einkauf nicht. Daraus entstand ein ewiger Kreis der Abhängigkeit, der die Menschen in einem sklavenartigen Zustand hielt. Yunus Idee war einfach und doch eine kleine Revolution in einem Land wie Bangladesch. Arme Menschen erhalten einen Kleinkredit, mit Hilfe dessen sie ein eigenes, unabhängiges Einkommen erwirtschaften sollen.
Nach wie vor lebt die Hälfte der Bevölkerung Bangladeschs – das sind immerhin rund 70 Millionen Menschen – in großer Armut. Diese Menschen besitzen meist nichts. Sie verdingen sich mit Taglöhnerarbeit auf den Feldern oder als Steineklopfer. Sie haben nicht genug zu essen, ihre Kinder gehen nicht oder viel zu kurz zu Schule, sie haben kaum Zugang zur Gesundheitsversorgung und die Mädchen werden oft viel zu jung verheiratet. Jede Naturkatastrophe droht ihre Lebensgrundlage zu zerstören. Die Verlockung, das Glück in der Stadt zu suchen, ist groß. Hier wachsen die Slums. Das Elend auf den Straßen ist unübersehbar. Der Mikrokredit sollte hier einen Weg aus der Armut und der Hoffnungslosigkeit zeigen. Er sollte die Menschen zu selbstständiger und selbstbestimmter Entwicklung anregen.
Die Idee hatte Vorläufer, doch Yunus war der erste, der eine Bank ausschließlich zur Vergabe von Kleinkrediten eröffnet hat. Zudem vergibt seine Grameen Bank einen Großteil ihrer Mikrokredite an Frauen. In Bangladesch gehören Frauen auf Grund wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Strukturen zu den Ärmsten der Armen. Besonders ihre Situation soll verbessert und ihre Unabhängigkeit gefördert werden. Zudem bedeutet die Aufnahme eines Kredites, dass die Frauen ihre Häuser verlassen, alleine zur Bank gehen, Geld verwalten, Produkte erzeugen und auf dem Markt verkaufen. In einer streng muslimischen Gesellschaft, in der Frauen oft aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen sind, kann das System der Kleinkredite eine tiefgreifende gesellschaftliche Veränderung erwirken.
Die Grameen Bank und andere Kreditinstitute wie BRAC oder ASHA preisen ihr Angebot als den effektiven Weg aus der Armut. Alles scheint ganz einfach: Die Armen erhalten Geld, investieren in etwas Vieh, Werkzeuge und Rohmaterialen, stellen eigenständig Lebensmittel oder Handwerk her, verdienen eigenes Geld und zahlen ihren Kredit zurück. Doch die Realität ist weniger ideal, dafür um einiges komplexer.
Ein erster Kritikpunkt liegt in der Konzeption der Grameen Bank als gewinnorientiertes Kreditinstitut. Auch wenn der erwünschte Effekt die Bekämpfung von Armut ist, liegt das Interesse einer Bank am Einholen von Zinsen. Eine Bank will schließlich Geld verdienen und nicht Geld verteilen. Zwar ermöglichen Mikrokreditbanken den Armen, was andere Banken ihnen versagen, jedoch zu horrenden Zinsraten von 20, 30 oder in machen Fällen sogar 40%, wie mir in Bangladesch berichtet worden ist. Der Unternehmenskomplex Grameen, zu dem noch eine Menge Tochterunternehmen wie Grameen Phone gehört, hat natürlich das Ziel, Armut zu bekämpfen, will aber gleichzeitig auch Kapital aus der Situation der Armen schlagen. Von dem Wenigen, was mit Hilfe eines Kleinkredits erwirtschaftet werden kann, fließt ein guter Teil zurück an die Bank. Dieser Profit wird nicht, oder nur teilweise, in die Verminderung der Armutssituation, beispielsweise durch Schulbau, rückinvestiert. Mikrokredite gehören zu den rentabelsten Geschäften in einem Land voller Armut.
Abgesehen von dieser Kritik ist auch die praktische Umsetzung des Mikrokreditprogramms vieler großer und kleiner Organisationen problematisch. Die Grameen Bank rühmt sich zwar, dass fast alle Kreditnehmer ihren Kredit zurückbezahlen, erwähnt dabei aber nicht, dass sie dies vielleicht nur mit einem neuen, höheren Kredit der Grameen Bank oder auch einer anderen Mikrokreditbank tun. Der Effekt: Die Armen gelangen, statt ihre Unfreiheit zu überwinden, in eine neue Abhängigkeit. Grameen-Mitglieder sind oft seit vielen Jahren oder seit Jahrzehnten Kreditnehmer. Ihre Lage hat sich dabei nicht zwangsläufig verbessert.
Gelingt es einer Frau, mit Hilfe eines Kredits eine Kuh zu erstehen und deren Milch zu verkaufen, so ist dies ein wichtiger Erfolg für sie und ihre Familie. Durch die Behandlungskosten für ein krankes Kind in etwa kann dieser Erfolg in einem Tag wieder zunichte gemacht werden kann. Sie ist verwundbar wie zuvor: Die Armen bleiben arm. Als Wunderwaffe gegen Armut hilft der Mikrokredit nicht: Es braucht noch viel mehr Anstrengung.
Ebenso erschweren die Randumstände ein Ende der Armut: Korruption und schlechte Regierungsführung, Landstreitereien, soziale und rechtliche Unsicherheit, hohe Analphabetenraten und mangelnde Gesundheitsversorgung verhindern wirkliche Veränderungen. Außer gesellschaftlichen, politischen und administrativen Veränderungen müssen auch makroökonomische Fortschritte herbeigeführt werden. Es reicht also nicht, wenn eine Bank Kredite an Arme vergibt. Ein Land voller Frauen, die ihre Kuh melken oder Körbe flechten, wird immer arm bleiben.
Die Idee des Mikrokredits ist unbestritten revolutionär. Die Vergabe von Krediten an Frauen hat Veränderungen in den starren Strukturen der bangladeschischen Gesellschaft herbeigeführt und kann zu mehr Selbstständigkeit führen. Wichtig ist aber, dass andere Aspekte wie gute Regierungsführung und Korruptionsbekämpfung, soziale und rechtliche Sicherheit sowie makroökonomische Veränderungen mit dem Mikrokreditprogramm einhergehen müssen. Zahlreiche NGOs, die nicht rein kommerziell arbeiten, bieten Mikrokredite zu weniger Zinsen oder im besten Fall zinsfrei an. Das eingenommene Geld wird in das Dorf investiert und das Mikrokreditprogramm durch andere Projekte, beispielsweise mit Berufsfortbildungen, kombiniert.
Die Bedeutung des Nobelpreises für Bangladesch und die Leistung von Muhammad Yunus ist unbestritten, eine Glorifizierung des Grameen-Systems jedoch nicht angebracht. Eine Bank allein kann weder die Armut besiegen, noch dauerhaft für Frieden sorgen. Mikrokredite sind eine Möglichkeit, für den Einzelnen etwas zu verändern, doch letztlich können sie nur in Verbindung mit umfassenderen Veränderungen die Armut besiegen. Hier ist ein verantwortungsvolles Verhalten der bangladeschischen Regierung einerseits und der reichen Länder des Westens andererseits gefragt.

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13 Antworten

Kommentare

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    Klasse Artikel. Allerdings muss ich jetzt mal als Wirtschaftswissenschaftlerin schreiben, dass die Idee, zu helfen und gerade ohne einfach zu schenken DER Vorteil an der Grameen Bank ist.

    Entwicklungshilfe kann so ein Land nicht unbedingt ändern, dafür kann die Freiheit, ein eigenes Kleinunternehmen aufzumachen schon ein guter Anfang sein.

    Ich war übrigens schon mehrmals in Afrika, habe in der freien Wirtschaft gearbeitet und mir die Entwicklungshilfeorganisationen von außen angesehn. Tolle Häuser, Gärten und Autos... Da glaub ich hat mein Chef schon mehr den Armen geholfen, indem er sie einfach eingestellt hat.

    05.06.2007, 14:34 von scherzkeks123
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    Ich hab vor einigen wochen über dieses thema referat gehalten. beim lesen deines artikels hab ich mich geärgert, dass ich damals so wenig kritikpunkte gefunden habe.

    dein artikel zeigt, dass du fundiertes wissen hast...

    aber wie hoch sind die zinsen nun? denke das spielt schon eine rolle...

    ich weiß nun nicht genau, ob ich das mikrofinanz-wesen wegen des erfolges gutheißen oder wegen des kommerzes abwerten soll...

    04.06.2007, 17:18 von LaRisa
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      @[Benutzer gelöscht] ich gebe zwar all dem hier recht aber trotzdem finde ich den nobelpreis berechtigt...denn das was yunus tut treibt das gute in der welt voran.

      29.10.2006, 16:55 von Impetous
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    Ein sehr gut und auch verständlich geschriebener Artikel.

    Das differenziertes Bild von einem Mann, der ja wirklich sehr einseitig in den Medien dargestellt wird (nicht nur in Bangladesch) zeigt doch wieder ein paar Schattenseiten auf.

    Freue mich schon auf weitere, hoffentlich folgende Artikel von dir.

    P.S. Dass Bush nominiert war, schockt mich immer noch. Für was eigentlich?

    25.10.2006, 18:15 von bibliophile
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      @bibliophile Danke.
      Georg W. junior (!) war ebenfalls für den FRIEDENSNOBELPREIS nominiert... Jawohl. Die Idee der nominierenden Professoren aus Oslo war, ihm den Preis dann zu verleihen, wenn er die Absicht äußert, Krieg nicht mehr als adäquates Mittel im Kampf gegen den internationalen Terrorismus anzusehen. Seit wann bekommt man den etwas für eine bloße Absicht? Halte ich alles für einen schlechten Scherz der Herren oder einen ziemlich hilflosen Versuch, mittels des Preises Einfluss auf die amerikanische Politik zu bekommen.

      29.10.2006, 06:59 von patrizia_heidegger
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    Super Artikel!
    Was machst Du denn selber in Bangladesch?

    25.10.2006, 12:52 von mmamba
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      @mmamba Danke für die Blumen ;-)
      Ich arbeite in Dhaka für die Menschenrechtsorganisation Ain-O-Shalish-Kendro (ASK) im Bereich Social and Gender Justice. (Wen's interessiert: www.askbd.org).

      29.10.2006, 06:53 von patrizia_heidegger
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    Ah, vielen Dank für diesen Artikel und deine Erläuterungen dazu. Das bringt einen doch gleich auf Gedanken aller Art.
    freundliche Grüße,
    Ghandi

    25.10.2006, 12:43 von Ghandi
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    Schöner Bericht, vielen Dank! Ich habe in den letzten Tagen sehr viel über Yunus und die Grameen Bank gelesen und bisher hatte ich immer das Gefühl, das Yunus ganz bewusst KEIN bedingungsloser Wohltäter ist, sondern Ökonom bzw. Bankier, der natürlich Geld mit seiner Arbeit verdienen will. Das neue an seinem Konzept war doch gerade, Menschen nicht aufgrund ihrer Armut vom Wirtschaftsleben auszuschließen, ihnen jedoch auch nichts zu Geben ohne Gegenleistung. Mit Entwicklungshilfe o.ä. hatte sein Konzept nie etwas zu tun und dazu steht Yunus in Presseberichten offenbar auch. Erschreckend finde ich jedoch deine Beschreibung, wie er nun fast als "Gott" verehrt wird, denn -da muss ich voll und ganz zustimmen- sein Konzept hat Fehler und wird nie in der Lage sein, das Armutsgefälle insgesamt zu bekämpfen. Aber war das jemals das Ziel der Grameenbank? "Bankier mit Verantwortungsgefühl", so wird Yunus in "geo" zitiert - und Bankier bleibt Bankier.

    23.10.2006, 22:40 von Miss_au_chocolat
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    Sehr aufkärend. Vielen Dank für das differenzierte Bild.
    Berechtigte Superstars hinterfragen zu können, ist von hohem Wert. Letztlich sogar für diese selber.

    23.10.2006, 22:34 von LudwigMartin
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      @[Benutzer gelöscht] Eines sollte klar sein: Dass Yunus geehrte wird, stelle ich nicht in Frage (zumal ja auch George W. nominiert war...). Doch macht es der Nobelpreis noch schwieriger, Kritik an einzelnen Punkten auszusprechen. Vor allem innerhalb des Landes wird dies auf Grund des neuen Status von Yunus kaum möglich sein. Worum es mir geht, ist - bei allem Respekt vor den Leistungen - auch die weniger positiven Aspekte einmal in Betracht zu ziehen.
      Das Empowerment der Frauen zählt, und das sollte im Artikel auch herausgekommen sein, zweifelsfrei zu den größten Errungenschaften der Mikrokreditbanken. Dass Frauen sich aber das Leben nehmen, weil sie aus dem Schuldenkreis der Bankkredite nicht mehr herauskommen, darf aber nicht verschwiegen werden, auch wenn es Einzelfälle sind. Dies zeigt deutlich die Problematik des Mikrokredits.
      Zum Thema Zinsen: Tatsächlich finanziert Grameen über die Einnahmen ein lokales Netzwerk. Allein dafür müssten die Zinsraten allerdings nicht so hoch sein. Grameen hat über die Einnahmen aus den Mikrokrediten beispielsweise auch weitere Unternehmen wie Grameen Phone aufgebaut, das ursprünglich zwar den Armen die Kommunikation per Mobilfunk erlauben sollte, heute aber einer der größten Telekommunikationsanbieter des Landes ist. Dessen Einnahmen fließen inzwischen größtenteils nach Norwegen, da Nortel die Anteilsmehrheit besitzt. Das aus den hohen Zinsen erwirtschaftete Geld ist somit zu einem guten Teil einfacher Profit und verbleibt zudem nichteinmal innerhalb des Landes. Ebenfalls musste sich Grameen Phone, als die Konkurrenz im Telekommunikationssektor noch nicht so groß war, wegen Wucherpreisen vor dem höchsten Gericht des Landes verantworten. Da sind mir nicht-kommerzielle NGOs, die nebenher keine Unternehmen betreiben, ehrlich gesagt lieber. Die Zinsraten sind, trotz Inflation (ca. 6-7% pro Jahr), zu hoch, zumal Standardbanken, die ja noch mehr profitorientiert arbeiten, und nicht wie die Grameen Bank über die vorbildliche Rückzahlungsquote von 96% verfügen, Kredit zu Raten um die 10% anbieten.
      Thema Effizienz: Was heißt Effizienz? Bei Mikrokrediten wird die Effizienzfrage meist aus der Sicht der Kreditgeber beantwortet: Wieviel Prozent der Kreditnehmer zahlen rechtzeitig zurück? Wie hoch ist in Folge dessen die Investitionssicherheit? Wenn diese Frage aus der Sicht der Kreditnehmer, derer die ihre Lebenssituation verbessern wollen, beantwortet werden soll, bin ich mir relativ sicher, dass die NGOs, die weniger Zinsen und mehr praktische Unterstützung bieten, besser abschneiden (wofür ich allerdings keinen empirischen Beleg kenne).
      Thema Verbesserungen: Man muss nicht die Statistiken kennen, die zeigen, dass Bangladesh als eines der wenigen Entwicklungsländer vermutlich ein Millennium Development Goal erreichen kann, nämlich eine Einschulungsrate von 99%. Es reicht, vor wenigen Jahren und heute das Land zu bereisen, um zu sehen, dass es Entwicklungen gibt. Dass die Arbeit der NGOs weder zur Umwälzung der Gesamtlage geführt hat, noch den ultimativen Lösungsansatz geliefert hat, ist klar. Veränderungen sind aber spür- und messbar.
      Zum Schluss nochmals: Als jemand, der sich selbst für die Verbesserung der Frauenrechtslage in Bangladesch einsetzt, kann ich die Veränderungen, die die einfache Idee eines Kredits für Frauen mit sich gebracht hat, nur laut befürworten. Trotzdem darf etwas Kritik sein, vor allem, wenn man in Mitten einer recht unkritischen bangladeschischen Pressewelt sitzt.

      23.10.2006, 17:05 von patrizia_heidegger
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