Wo bleibt der Aufstand?
Trotz des Beginns einer weltweiten Rezession sitze ich erstaunt vor dem Fernsehen und drehe Däumchen. Wo ist der Revoluzzer in mir??
Eine Horde von Menschen prügelt mit abgebrochenen Schildern auf sich ein. Wasserwerfer versuchen Demonstranten zu vertreiben, jede Menge Schreie liegen in der Luft. Eine Horde iranischer Studenten fühlt sich durch Proteste gegen den Schah provoziert und prügelt auf eine Menge friedlicher Demonstranten ein. Die Situation gerät außer Kontrolle, die iranischen Studenten werden von der Polizei nicht zurückgehalten, sondern mit Schlagstöcken unterstützt. Am Ende fällt ein Schuss und Benno Ohnesorg wird getötet.
Wenn ich an den Baader-Meinhof-Film zurückdenke, ist mir besonders diese Szene in Erinnerung geblieben. Diese schreiende Ungerechtigkeit, die damals den Demonstranten beim Schahbesuch widerfahren ist, verursachte auch in mir eine solche Wut, dass mir alle darauf folgenden Proteste nur allzu verständlich wurden. Wie gern hätte auch ich in dieser Zeit gelebt, um dem ganzen politischen System die Meinung zu geigen.
Der Film hat für kurze Zeit in mir etwas bewirkt, was weder Studiengebühren, Finanzkrise oder globaler Raubbau an der Natur geschafft haben. Eine ohnmächtige Wut auf das gesamte politische System, in dem wir leben, und zum ersten Mal der Wille, dagegen auch etwas zu tun. Um es vorwegzunehmen, dieses Gefühl war spätestens am Ende des Abends abgeflaut und am nächsten Morgen komplett verflogen. Doch warum eigentlich?
Wir befinden uns in einer Zeit, die in die Geschichte eingehen wird. Einer Zeit der Umbrüche, der Umstrukturierung des gesamten kapitalistischen Systems, eines möglichen Neuanfangs einer politischen Ära in den USA. Einer Zeit, in der das Öl knapper wird, aber niemand etwas dagegen tut, in der genau aus diesem Grund Kriege von Menschen angezettelt werden, die einzig und allein ihre Macht im Sinn haben. Wir leben in einer Zeit, in der Manager fünfhundertmal mehr verdienen als ihre Mitarbeiter und dennoch nach Lust und Laune Stellen kürzen. Einer Zeit, in der Menschen ihre Arbeitsplätze und Häuser verlieren, nur weil ein paar Banker die globale Wirtschaft durch unsägliche Spekulationen in Schieflage brachten. Einer Zeit, in der die hungernde Bevölkerung stetig wächst und gleichzeitig Internetseiten für Milliardenbeträge verkauft werden, die am Ende doch kein Geld abwerfen, dafür jedoch unser Leben bis ins Detail auskundschaften, hungrig nach Daten, die unsere ganze Persönlichkeit verraten, nur um uns am Ende mit personalisierter Werbung zu manipulieren. Kurzum, in einer Zeit voller Gegensätze und schreiender Ungerechtigkeit.
Das alles ist mir bewusst. Ich brauche nur die Zeitung aufzuschlagen, und schon springen mir die Schlagzeilen ins Gesicht: „Stellenkürzung, „Klimakatastrophe“, „Zusammenbruch der Banken... Jeden Tag gibt es hunderte Gründe, auf die Straße zu rennen und gegen das gesamte verdammte System zu protestieren. Doch ich mache es nicht! Nun könnte man einwenden, ich sei politisch unmotiviert und mit meiner Einstellung auf verlorenem Posten. Doch wenn ich mich so in meiner Umgebung umschaue, sehe ich weder Gegenwehr noch politischen Unmut. Im Gegenteil, ich beobachte immer häufiger, wie sich die Menschen aus dem aktuellen Tagesgeschehen verabschieden und stattdessen ihr eigenes Ding machen. Statt Nachrichten werden die gängigen RTL-Formate konsumiert. Statt der Tageszeitung nimmt man die Gala zur Hand und bewundert oder verabscheut das Leben von Menschen, deren Ideale sich auf Selbstdarstellung und Geldausgeben beschränken. Der wirtschaftliche Ruin von Popsternchen ist dabei mehr gefragt als der Zusammenbruch ganzer Wirtschaftsinstitutionen durch eine weltweite Finanzkrise. Manchmal kommt es mir so vor, als wollten wir bewusst die Augen verschließen, um ja nicht in Versuchung zu gelangen, etwas verändern zu können. Wir behaupten zwar ständig, aufgeklärte Menschen zu sein, doch In Wahrheit flüchten wir uns in Spaß und Nebensächlichkeiten, die uns die Medien in dutzenden Formaten nur allzu gerne liefern.
Nicht dass diese uns nicht informieren wollten. Politiker und Wirtschaftsexperten tingeln seit Wochen von Maybrit Illner über Anne Will zu Beckmann oder Kerner und erklären uns eine Krise, deren Ausmaß sie selbst kaum überblicken. Und was machen wir? Wir lassen uns berieseln und nutzen die Talkrunden als Überbrückung zur nächsten Folge von „Effe in LA“ oder „Rach dem Restauranttester“. Wir sind zwar erstaunt, was um uns herum alles schiefläuft, haben aber dennoch eine merkwürdige Distanz zum tatsächlichen Geschehen. Getreu dem Motto: Mich selbst betrifft es ja nicht!
Doch warum lebt der Aktionismus der 68er nicht in der heutigen Zeit wieder auf? Sind wir wirklich so träge und egoistisch, dass wir nicht einmal in der Lage sind, für offensichtliche Ungerechtigkeit auf die Straße zu gehen? Wie gern höre ich heute die Geschichten der Revoluzzer aus der Studentenbewegung, die dem gesamten System den Kampf ansagten und auch bereit waren, dafür über ihre Schatten zu springen. Die ganze Universitäten lahmlegten, die Springerpresse attackierten und sich nicht zu schade waren, für ihre Ideale lauthals Parolen rufend durch die Straßen zu ziehen. Gewiss war die RAF dabei eine innakzeptable Randgruppe, die irgendwann den Bezug zur Wirklichkeit verlor und dabei nicht einmal davor zurückschreckte, Menschleben zu opfern. Doch kann man diese Gruppe nicht mit der Gesamtbewegung der 68er gleichsetzen. Ohne Zweifel war die RAF eine radikale Vereinigung, die einzig und allein durch Terror und Gewalt einen Wandel herbeisehnten. Dennoch hat sie für Ideale eingestanden, die in der damaligen Zeit auf großen Zuspruch gestoßen ist. „Macht kaputt, was euch kaputt macht!“
Doch warum gibt es heute kaum noch Gegenwehr? Vielleicht liegt es daran, dass heutzutage Protest nicht mehr schick und angesagt ist. So sehr ich die 68er auch bewundere, so muss man sich wohl auch eingestehen, dass es zu dieser Zeit äußerst angesagt, war dieser Bewegung anzugehören.
Denke ich heute an Protestgruppen, so sehe ich auf der einen Seite zerstörungswillige Kids, die zu gegebenem Anlass schwarze Kapuzenpullover überziehen und Mülleimer in Brand setzen, und auf der anderen Seite verbohrte Neonazis, die durch ihre Aufmärsche nur bloßes Kopfschütteln hervorrufen. Antiglobalisierungsgruppen wie attac nehme ich zwar wahr, doch ist deren Protest für mich ein Kampf gegen Windmühlen und keine wirkliche Bewegung, die mich mitreißt. Gibt es wirklich keine Alternative? Oder verhindert meine eigene Trägheit den in mir aufkeimenden Impuls, etwas zu unternehmen?
Ich beobachte mich, wie ich über Nachrichtenseiten surfe, stündlich die neuesten Ereignisse konsumiere und dennoch keine wirkliche Regung verspüre. Vielleicht liegt es auch daran, dass eine tatsächliche Veränderung für mich momentan nicht spürbar ist. Die 68er haben vorerst gegen das elterliche Spießbürgertum und die kollektive Amnesie der Naziära protestiert. Das Problem begann also schon im unmittelbaren familiären Umkreis. Der daraus entstandene Unmut schweißte die Protestler zusammen und war somit der Nährboden für die folgenden Proteste.
Heutzutage fehlt uns wohl die direkte Konfrontation mit der anderen Denkweise. Wir sehen zwar das Unrecht, haben jedoch keinen direkten Bezug dazu. Egal was passiert, uns geht es eigentlich gut. Unsere Eltern sehen wir eher als Vorbilder und weniger als Gegner an, deren Ideale unseren gänzlich widersprechen. Aus diesem Grund scheint das Interesse für politischen Widerstand eher gering. Wie sagte eine Freundin neulich zu mir, als ich sie auf die Finanzkrise ansprach und sie fragte, was sie davon halte: „Das interessiert mich eigentlich nicht so - ich habe meine persönliche Finanzkrise seit meinem 14. Lebensjahr und bin trotzdem immer gut über die Runden gekommen“. Allein dieser Satz hat mir wieder vor Augen geführt, warum wir uns so passiv verhalten. Anstelle im Kollektiv gegen die Ungerechtigkeit zu demonstrieren, suchen wir lieber eine eigene Lösung und schlagen uns irgendwie durch. Solange dabei niemand einen neuen Trend im Demonstrieren sieht, wird sich daran wohl auch nichts ändern.
Die 68er sind demnach aus heutiger Sicht ein Mythos, der in dieser Form wohl nicht mehr vorstellbar ist. Wir leben in einer Spaßgesellschaft, in der die Auflehnung gegen das System kein schicker Trend ist. Die 68er wollten ein neues gesellschaftliches System entwerfen, was unter anderem auch Freiheit und Spaß beinhaltete. Da dies in der heutigen Zeit für uns selbstverständlich ist, sehen wir keinen Grund, auf die Straße zu gehen. Das ist sehr bedauerlich und schade, liegt aber wohl in unserer Natur. Beruhigend lesen wir dann ein Interview mit Franz Xaver Kroetz, dem Schauspieler aus „Kir Royal“, der offen zugibt: „Nicht jeden hat die RAF interessiert. In den siebziger Jahren habe ich geschrieben, gebumst und gesoffen“. - Na also, so viel revolutionären Geist bringe ich dann auch noch auf.





Kommentare
Schon wieder einer der in der Wir-Form schreibt.
03.11.2008, 14:15 von netterSteh für dein Fehlverhalten allein gerade...........