Aynara-Luca 25.04.2010, 12:30 Uhr 0 0

"Wir sind einfach nicht so intelligent wie ihr."

Ein sudanesischer Milliardär wünscht sich bessere Politiker für Afrika. Woran liegt es sonst, dass es dem Kontinent so schlecht geht?

Wir sind bei einem unserer Ausflüge in den Busch. Auf schmalen Pfaden wandern wir zwischen Casavasträuchern und Palmen umher. Es ist schwül, die Hitze drückt, aber im Schatten der Bäume lässt es sich aushalten. Ich hatte gerade gefragt, was der Grund sein könnte, dass es den Menschen in Afrika so viel schlechter geht als uns. Und Chinedu hatte geantwortet: „Weil wir nicht so intelligent sind wie ihr.“ Vielleicht hat er auch gesagt „Weil wir dümmer sind als ihr“, jedenfalls war es etwas in der Art. Und er, der Pastorensohn, Medizinstudent an der Universität von Port Harcourt, meint das ernst. Es ist keine Ironie, kein Sarkasmus, er glaubt das tatsächlich. Dass Weiße eben intelligenter sind als Schwarze. Schon das aufzuschreiben fühlt sich schlecht an. Es ist wohl umgekehrte Diskriminierung. Ich antworte, was man selbstverständlich antworten muss, dass das ja nicht stimmen kann, dass wir doch alle gleich sind, nur anders aussehen, dass wir Weißen doch nicht intelligenter sein können, das geht doch nicht. Wie jeder normale Mensch eben auf so ein Vorurteil reagieren würde. Und sicher hat Chinedu mir dann auch irgendwie zugestimmt.

Ich wollte wissen, wie ein Afrikaner, in diesem Fall ein Nigerianer, diese enormen wirtschaftlichen und politischen Unterschiede zwischen „dem Westen“ und Afrika erklären würde. Warum arbeiten afrikanische Politiker gegen das Volk, für das sie doch Sorge tragen? Warum geht in Nigeria nichts ohne Korruption? Warum verpuffen Spendengelder lange bevor sie die wirklich Bedürftigen überhaupt erreichen? Und was kann man dagegen tun? Mit Ifys Antwort hatte ich nicht gerechnet, aber er mag recht haben. Natürlich nicht damit, dass Schwarze dümmer seien als Weiße. Aber vielleicht mit dem, was hinter dieser Meinung steht. Vielleicht ist es diese Mentalität, dieses „Wir sind eben nicht gut genug.“, ein Grund dafür, dass auch ein Land wie Nigeria, reich an Bodenschätzen, seine Ressourcen nicht selbst und für sich nutzt, sondern sie anderen überlässt. Vielleicht ist dieses mickrige Selbstbewusstsein, dass so viele Kulturen seit ihrem Kontakt mit uns Weißen entwickelt haben, daran Schuld, dass sie so schlecht für sich selbst sorgen.

Ich frage Chinedus Mutter, was sie denkt. Wir sammeln Palmfrüchte. Die öligen roten Büschel, an denen die Früchte wachsen, liegen schon fein säuberlich am Baumstamm aufgeschichtet. In der Schubkarre oder auf dem Kopf tragen wir sie nach Hause, ihr Öl bringt etwas Geld. Der Pastor verdient nicht viel, aber mit dem, was seine Frau Nneoma verkauft, reicht es zum Leben und für die Schule der Kinder. Nneoma überlegt kurz. Sie ist eine besonnene, kluge Frau. Eine richtige Mamma, wenn man so will, die emsig für ihre Familie sorgt und für alle ein offenes Ohr hat. „Es sind unsere Politiker. Die denken nur an sich, denen sind die Menschen egal“, antwortet sie dann, etwas verbittert. Das leuchtet mir schon eher ein. Nigeria ist das bevölkerungsreichste Land Afrikas. 140 Millionen Menschen leben hier, die meisten von ihnen gehören entweder zu den Haussa im Norden des Landes, zu den Yoruba im Südwesten oder den Igbo im Südosten. Es gibt noch unzählige kleine Volksgruppen und jeder Politiker fühlt sich seiner Gruppe verbunden. Was heißt, dass er in erster Linie Politik für seine Leute macht. „Die meisten Politiker sind Haussa oder Yoruba“, erklärt Nneoma, „sie denken zuerst an sich selbst, ihre Familie und dann an ihren Stamm.“ Verantwortungsbewusstere Politiker, die nicht mehr nach Volksgruppen unterscheiden, wären also sicher schonmal ein Schritt in die richtige Richtung. Der Milliardär Mohammed Ibrahim belohnt ehemalige Staatschefs, die verantwortungsvoll regiert haben, mit einem Preis, dotiert mit fünf Millionen Euro. Im letzten Jahr hat er keinen Politiker gefunden, der diesen Preis verdient hätte (siehe Neon Mai 2010). Politik ist in den meisten Ländern Afrikas ein gefährliches Geschäft. Wer nicht genug Geld hat, um sich beschützen zu lassen, ist schnell weg vom Fenster. Besonders, wenn er unbequem wird und sich auch noch für die kleinen Leute einsetzt. Sicherer ist es, als Politiker etwas skrupelloser zu sein und Politik für die Reichen zu machen. Die zahlen dann auch die Bodyguards.

Nun will ich auch von Ifys Vater hören, was er denkt. Seine Antwort ist einfach und spiritueller. „Ihr seid eben schon viel länger Christen“, sagt der Pastor, „ihr seid gesegnet.“ Die Länder Europas sind natürlich schon länger christlich geprägt als die meisten anderen Länder dieser Erde. Aber erst seit dem zweiten Weltkrieg kann man davon reden, dass es den meisten Menschen bei uns ziemlich gut geht. Es war ein schwerer Weg bis dahin, von den Überresten der Antike durchs Mittelalter, über die Aufklärung bis heute. Unsere Kultur, wie sie heute ist, haben wir den christlichen Werten zu verdanken, nicht zuletzt auch der Reformation, die dem einzelnen Menschen wieder mehr Verantwortung für sein Leben, auch für sein Glaubensleben, verlieh und das finstere Mittelalter beendete. Es war ein langer Weg und vielleicht braucht Afrika ja auch einfach noch mehr Zeit, um sich selbst aus seinen Problemen herauszuarbeiten. Bis Regierung und Regierte lernen, dass sie zusammenarbeiten müssen, wenn es ihnen irgendwann besser gehen soll. Aber wie lange soll das dauern? Und wie können wir ihnen helfen? Und müssen sie alleine klarkommen?

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