Ekel 27.04.2011, 03:24 Uhr 6 1

Wir hatten unsere Zeit

Anstatt sich zu fragen warum täglich tausende Menschen verhungern, stellen wir uns lieber die Frage...

Anstatt sich zu fragen warum täglich tausende Menschen verhungern, stellen wir uns lieber die Frage warum Einwanderer hin und wieder Einheimische zusammenschlagen. Schockiert fragen Journalisten und Politiker: Wohin soll das nur führen? Was machen wir nur mit den Ausländern? Während unzählige Konzerne den Planeten vergiften und Menschen für Profite vergewaltigen, stellen wir uns die Frage: Ob Kate ihren William wirklich liebt und ob sie der großen Verantwortung gerecht werden kann. Ihr Kleid kostet soviel, es könnte hunderte Menschen in Afrika wochenlang ernähren. Aber es interessiert uns nicht. Uns interessiert wie der FC Bayern spielt, ob der Sarrazin aus der SPD fliegt, mit wem Popsternchen XY vögelt, welcher Modetrend gerade in ist, usw. usf. Wir funktionieren so gut als Zombies einer ignoranten, zynischen, kapitalistischen Realität, wir wissen gar nicht das wir als Lohnabhängige ausgebeutet werden, und wenn wir es wissen scheuen wir uns davor die notwendigen Konsequenzen zu ziehen. Wir müssten sofort unsere Konzerne, Staaten und Parlamente zum Teufel jagen und individuell, direkt Verantwortung für unsere Handlungen und Vorstellungen übernehmen. Stattdessen holen wir uns einen darauf herunter, das die Nordafrikaner die „Freiheit“ entdeckt hätten und sich nicht länger unterdrücken lassen würden, als ob die parlamentarische Demokratie und der Kapitalismus genau das bedeuten würden. Dabei sind sie nur von einem Käfig in den nächsten gewandert und wir applaudieren in unseren Käfigen.

Mal abgesehen davon, das man sich tagtäglich von den Medien einreden lässt, was man zu denken hat, worüber man sich aufzuregen hat, lässt man sich von der Politik und den Konzernen tagtäglich einreden sie wären nur für die Wähler und die Lohnabhängigen da, dabei ist es genau umgekehrt. Wir werden manipuliert und ausgeraubt von der Politik und den Konzernen. Man jammert über den Niedriglohnsektor und sagt, das ist Ausbeutung, das ist gegen die Menschenwürde, dabei wird in diesem Bereich bloß die kapitalistische Grundordnung konsequent ausgelebt. Wenn in Bangladesh Näherinnen für ein paar Dollar am Tag oder in der Woche für C&A, H&M, Kik und auch Edeldesigner ackern, damit wir was schickes für unsere oberflächliche Individualität zum austragen haben, dann ist das nichts anderes als konsequent gelebte Betriebswirtschaft. Je stärker, heftiger und gnadenloser man die Lohnabhängigen ausbeutet bzw. ausquetscht desto besser ist das für den Staat und die Konzerne. Natürlich muss man darauf achten die Leute nicht tot zu quetschen, hierfür ist der Staat da. Und worüber redet man in den Medien, in der Politik und in den Konzernen? Über faule Arbeitslose, mangelnde Fachkräfte, schlägernde Jugendliche und Deutsche in der Minderheit, alles Themen die auch wichtig sind, aber die die eigentlichen Probleme dieser Gesellschaft ausblenden und verschleiern. Nicht selten sind diese Themen nur Symptome für die eigentlichen Probleme.

Unser größtes Problem ist der Kapitalismus und der Parlamentarismus, weil die Menschen unmöglich darin tun können was sie eigentlich wollen und weil sie dazu gezwungen werden einer primitiven Logik zu folgen, die in letzter Konsequenz den Planeten zu einem menschenfeindlichen Ort machen wird und bloß einer Minderheit erlaubt so zu leben, wie sie es für richtig hält. Der Kapitalismus zwingt uns alle, egal ob Arbeitsloser, Ausländer, Zeitarbeiter, unbefristeter Angestellter beim Staat oder in der Wirtschaft, Rentner, Kinder, Polizisten, unsere überlebensnotwendigen Bedürfnisse gegeneinander auszuspielen. Wir müssen egoistische Arschlöcher sein, um etwas für uns und unsere Liebsten zu fressen zu haben. Wir müssen dafür sorgen das jemand anderes an unserer Stelle verliert. Im Kapitalismus muss immer irgendjemand verlieren, damit ein anderer gewinnen kann. Und je höher man steigen will, desto mehr Menschen müssen verlieren. Wenn man sich anschaut wie riesig die Vermögen der Reichen sind, und die Armut der Massen entgegenhält, wird es einem schlagartig klar. Man kann unmöglich durch eigene geistige oder körperliche Arbeit Milliarden verdienen, das wird nur durch massenhaften Betrug und Ausbeutung möglich. Das was für Privatpersonen gilt, gilt für Konzerne ebenso. Die Konzernvermögen wachsen und die Löhne stagnieren. 90 Prozent von uns haben keine Chance jemals der Lohnabhängigkeit zu entrinnen. Wir werden immer der Willkür der Konzerne und Staaten ausgesetzt sein. Wir werden immer in Angst, Unsicherheit und Entfremdung verharren müssen bis uns der Tod endlich von dieser Entmündigung erlöst. Vorausgesetzt natürlich, wir wehren uns nicht.

Arbeit ist scheiße und daran wird sich niemals etwas ändern, weil so wie die Arbeit organisiert ist, kann sie niemals unseren Bedürfnissen und Interessen dienen. Wir dienen als Lohnabhängige zuerst dem Kapital und den Interessen der Kapitaleigentümer. Das sind alles keine großartigen Neuigkeiten, aber trotz all der tagtäglichen Katastrophen, scheint es kaum einen von uns wirklich dazu zu veranlassen handfest dagegen vorzugehen. Stattdessen wird weitergemacht wie bisher, man folgt dem Klatsch und Tratsch, geht wählen, geht arbeiten, gebährt sogar Kinder in diese Maschinerie hinein, als ob man Zeit für sie hätte, als ob man ihnen eine lebenswerte Welt bieten könnte. Es ist doch absoluter Wahnsinn angesichts der unzähligen Taten gegen die Menschenwürde untätig zu bleiben und sogar alles dafür zutun, damit es noch schlimmer wird, indem man den Gesetzen des Marktes und des Staates folgt. Es kann doch kein „Weiter so“ geben, wie die Parteien immer so phrasenhaft daher schwafeln. Und doch geht es genauso weiter. Weil letztlich immer die Isolation vorgezogen wird. Man entscheidet sich immer für das Geld, für die Karriere im Krebsgeschwür, weil es leichter ist. Denn fängt man erstmal an die Probleme tatsächlich nicht als Problem der Politiker oder der Konzerne zu sehen, sondern als persönliches Problem, als Problem der eigenen Nachkommen, muss man alles in Frage stellen und eigene Fehler eingestehen, sein Leben umkrempeln und von Zeit zu Zeit radikaler gegen die Verbrechen vorgehen. Und weil die meisten von uns genau das wissen, überlassen wir es lieber den Anderen und beschimpfen sie hinterher als unfähig, korrupt und so weiter, was ja auch zutreffen mag, aber eben durch unser Handeln und unsere Vorstellungen unterstützt und überhaupt erst möglich wird.

Anstatt sich hinzusetzen, sich zu informieren und sich zu organisieren, macht man sich lieber etwas vor und nährt damit alle nur erdenklichen Katastrophen. Tagtäglich wird millionenfache unterlassene Hilfeleistung praktiziert, weil der Irrglaube vorherrscht, man könne sich nicht ändern und man könne das System nicht ändern. Wir geben die Kontrolle über das Leben ab, indem wir als Lohnarbeiter und Wähler funktionieren, wir machen uns zu Opfern und Tätern, indem wir unsere Zeit und Kraft für die Profite opfern und unsere Stimme zur Legitimierung der Gesetze, die die Art und Weise der Ausbeutung und Unterdrückung festlegen, abgeben. Natürlich ist es nicht nur Ignoranz und Apathie. Wir sind auch gebunden an unsere Jobs, die wie Ketten an uns hängen und jeden moralischen Fortschritt in der Menschheit verhindern. Wir empfinden große Abhängigkeit gegenüber dem Zwang Geld verdienen zu müssen, denn es wurde seit Jahrhunderten kaum anders praktiziert. Alles ist die Sekte. Die Schule, die Familie, die Nachbarschaft, die Medien, Konzerne und Staaten. Alle redeten sie uns ein, es sei gut sich unterzuordnen und zu funktionieren. Alles nur um einem Zweck zu dienen: Profitmaximierung. Wir arbeiten so hart, wir dienen so hart diesem Zweck, wir haben kaum Zeit über etwas anderes nachzudenken. Die Leere und Verzweiflung wächst. Jahrzehntelang hat man sich mit Medien, Party und Hobbys ablenken können. Man hat sich bis zu einem gewissen Grad etwas vormachen können. Die Frage ist: Wie lange noch? Wann werden die üblichen Unruhen und Katastrophen außer Kontrolle geraten? Vielleicht sind Fukushima und Gaddafi Vorboten einer Menschheit die sich heftiger als jemals zuvor selbst zerfleischen wird.

Auch dieser Text wird bestenfalls zu fruchtlosen Debatten und billigen Anschuldigungen führen, denn keiner will tatsächlich etwas verändern. Wir ereifern uns lieber in Grabenkämpfen und kleinlichen Streitereien, anstatt uns auf die wesentlichen Probleme der Menschheit zu konzentrieren. Wir sind satt und müde. Wir sind froh nicht hungern zu müssen. Es genügt uns die Universität besuchen zu dürfen und als Lohnabhängiger zu funktionieren. Es ist okay betrogen, unterdrückt und ausgebeutet zu werden, wenn für uns genug dabei abspringt. Wir sind fette Sklaven, die dank der Produktivitätssteigerungen noch fetter werden. Und wir werden anderen Sklaven jedes Gramm Zucker, jeden Kinofilm und jeden sorgenlosen Nachmittag am sonnigen See verweigern, weil wir wissen, das unser Wohlstand nur ein Wohlstand auf Zeit ist. Bald haben wir uns in die Steinzeit gefressen, gearbeitet und gekämpft. Man möchte dieser uneinsichtigen, selbstsüchtigen Masse den letzten Tritt geben, welcher sie in den Abgrund fallen lässt. Wir als glattrasierte, nikotinrauchende, blechkübelfahrende Affen haben es wohl nicht anders verdient. Unser Raumschiff brennt und die Sonne explodiert. Wir hatten unsere Zeit. Was mag bloss als nächstes kommen?"Wichtige Links zu diesem Text"
http://www.nokturnaltimes.wordpress.com

1

Diesen Text mochten auch

6 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    uii ich hoffe es geht dir nach der gedankenkotzerei besser ;)

    27.04.2011, 18:34 von Faraduna
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      @oceaneyes Indem ich das Bestehende kritisiere, zerstöre ich es auch ein bisschen. Ich kann mir als einzelner Mensch nicht anmaßen für Millionen Menschen Lösungen für trilliarden Probleme auszudenken. Ich will mit meinen Texten auch dazu anregen über die Gesellschaft zu reflektieren, denn ich als Einzelner kann nur unzureichende Überlegungen formulieren und wohlkaum den Umsturz einer millionenfachen Bewusstlosigkeit entscheiden und vorantreiben. Ich sehe im Anarchismus große Chancen und Möglichkeiten, die bisherige Denkfehler in der Geschichte aushebeln. Aber ich kann nicht behaupten das die Menschen für soetwas überhaupt bereit sind. Wir sollten uns ersteinmal Gedanken machen was nicht funktioniert.

      27.04.2011, 18:13 von Ekel
    • 0

      @Ekel Arbeitest du?

      27.04.2011, 18:22 von MaasJan
  • 0

    Schreib doch mal über dich und nicht darüber was "wir" so alles verkehrt machen. Oder glaust du, dass so ein dummer Junge wie ich, aus dem Text irgendwelche Lösungsansätze ziehen kann?

    So,
    ich gehe jetzt Bier kaufen. Heute abend El Clásico!!!!

    27.04.2011, 10:32 von Matsumoto
    • 0

      @Matsumoto @Matsumoto - Ich kann nicht für Dich denken. Du musst schon selber wissen was Du willst. Und ich denke man kann schon "wir" sagen, denn als Summe von Individuen entscheiden wir uns, wie TNT oben bereits sagte, für ein bestimmtes System. Wenn Du dich lieber verarschen lässt und Bier trinken willst, bitte. Ich schreibe mir halt stattdessen den Frust von der Seele, was auch nicht viel produktiver ist, aber zeigt vielleicht dem einen oder anderen, das es einem Mitmenschen nicht egal ist was so passiert. Und ich wills auch gar nicht verdrängen, vergessen oder wortlos hinnehmen.

      27.04.2011, 18:10 von Ekel
    • 0

      @Ekel Und was machst du sonst so den ganzen Tag, außer Jammertexte für Neon zu schreiben?

      Habe ich schon erzählt, dass heute abend El Clásico ist?

      27.04.2011, 18:17 von Matsumoto
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      @[Benutzer gelöscht] Hammer!

      28.04.2011, 16:35 von Matsumoto
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Lass dir von surecamp nix einreden, obwohl er mit dem was er sagt recht hat :) dein Artikel ist gut geschrieben. Das was um Dich herum passiert genau erkannt und wunderbar beschrieben, allerdings bei alledem nie vergessen, dass Systeme das Produkt aller darin lebenden Menschen sind und wenn es die Mehrheit nicht erkennt und/oder sich nicht daran stört ist es nunmal so gewollt. Was bleibt dem Einzelnen der es ändern möchte? Das Bewusstsein der Menschen im System zu verändern wie du es versuchst (löblich löblich), in die Pampa ziehen um ein eigenes System zu bilden, oder aber unter der Dusche pinkeln (hat ebenso etwas von Rebellion gegen anerzogene Verhaltensmuster immerhin).

    27.04.2011, 09:58 von TNT
    • 0

      @TNT @TNT
      Ich bin mir nicht sicher ob die Mehrheit der Menschen so leben möchte, wie sie es tatsächlich tut. Die Wahlbeteiligung geht zurück und viele ungezählte Menschen haben die innere Kündigung am Arbeitsplatz seit Jahren vollzogen? Ich habe in den letzten 10 Jahren wirklich nur eine handvoll Menschen kennenlernen können, die tatsächlich rundum zufrieden sind, aber auch nur, weil sie einige Fakten überhaupt nicht kennen oder mit viel Party und Geschrei verdrängen.

      27.04.2011, 18:07 von Ekel
    • 0

      @Ekel naja, vielleicht tun sie das ja doch ;) aber vielleicht einfach mal in einer ruhigen minute hinsetzen und über die verbesserungsmöglichkeiten nachdenken...da wirkt der reine anarchismus wie du ihn beschreibst irgendwie gar nicht mehr so ansprechend...was die verteilung der steuergelder betrifft bin ich ganz bei dir, können wir sehr wohl selbst ganz gut entscheiden und hier paßt der spruch "wenn jeder an sich denkt ist an jeden gedacht" wunderbar. demokratie pur und anarchie was die köpfe der geldverteilung angeht auch gleich mit abgeschafft. aber trotzem beschleicht mich das leise gefühl, dass die menschen gar nicht so selbst entscheiden möchten..uii weiß gar nicht genau ob gott oder kanzlerin hier die entscheidende rolle spielt.

      08.05.2011, 09:37 von TNT
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Boah Junge, hast du YouPorn noch nicht entdeckt? Zieh dir mal ein paar Clips rein oder pinkel mal unter der Dusche, das soll auch entspannen.

    27.04.2011, 08:48 von Surecamp
    • Kommentar schreiben

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
14. Mai 2012

NEON-Apps für iOS und Android

Neueste Artikel-Kommentare