Watschenbaum 28.02.2013, 15:10 Uhr 5 7

Wien

Eine unreflektierte Abrechnung

Ich stelle mir seit geraumer Zeit die Frage, warum Wiener so sind wie sie sind und ob sie wirklich so sind oder nur den Ruf haben, so zu sein wie sie sind.

Ich meine die Wiener, die den ganzen verfickten Tag in alten Kaffeehäusern abhängen und ihrem Bier mehr zu sagen haben als ihrem Partner, die überlegen, ob das in ihnen aufsteigende Gefühl bei Regenwetter "Depression" genannt wird. Die Wiener, die sich im jungen Erwachsenenalter als „beziehungsgestört“ bezeichnen und den nicht funktionierenden Bewältigungsprozess gescheiterter Liebe auf zahlreiche Kindheitstraumen zurück führen. Die, die sich über die Qualität ihrer Bildung beschweren, obwohl sie diese gratis beziehen. Die Wiener, die, wenn sie gegen die Kürzung des Kindergeldes demonstrieren gehen wollen, sich zuerst Erlaubnis von ihrem Lehrer für das damit verbundene Fernbleiben der Ethik-Stunde einholen. Die, die altmodische Zwangsheirat eher begrüßen würden als die furchtbar revolutionäre Homo-Ehe. Die Wiener, die nach Jahren der Diskussion den Text der Bundeshymne gendergerechet umändern lassen, um damit einen wesentlichen Teil zur Stärkung der Frauen beizutragen. Die, die einen banalen Schnupfen als Nasennebenhöhlenentzündung bezeichnen... Geh scheißen.

Ja, das sind sie, die Wiener. Ich bin eine von ihnen, eine Wienerin also. Würde ich diesen Text im Sinne der Gender-Gerechtigkeit schreiben, wäre dieser Absatz bereits um 15 Zeichen länger geworden und hätte den Lesefluss massiv gestört, aber immerhin hätte ich mich gesellschaftskonform verhalten. Somit wäre ich aus dem Schneider gewesen und hätte mir nichts vorzuwerfen. Beschwerdebriefe über mein diesbezügliches deviantes Verhalten, das sich im Laufe dieser Schrift übrigens nicht ändern wird, bitte an die Schlichtungsstelle des Bundessozialamts Wien. Vorsicht, da drin arbeiten Wiener. 

Als ich vor etwa einem Jahr beschloss, mir einen Ring durch die Lippe jagen zu lassen, fragte ich mich, ob ich es wegen meines Stylings tat oder mich tatsächlich noch in einer Phase der jugendlichen Revolution befand. Ich hatte mir Gedanken gemacht und war zu dem Schluss gekommen, dass Wien für ein Piercing bereit sei, verwarf den Revolutionsgedanken und sah es als Aufmotzungs-Versuch meines äußeren Erscheinungsbildes an. Nun stelle ich mir seit geraumer Zeit die Frage, warum Wiener so sind wie sie sind und ob sie wirklich so sind oder nur den Ruf haben, so zu sein wie sie sind. Ich spreche von jenen Wienern, die mich fragen, ob ich mit 23 Jahren immer noch nicht zu mir gefunden habe, ich hätte doch schon wirklich genügend Zeit dazu gehabt. Ich meine die Wiener, die sich darüber empören, dass die Jugend auch nicht mehr das ist was sie einmal war, im gleichen Atemzug Drogenmissbrauch, übermäßigen Alkoholkonsum und Arbeitsverweigerung erwähnen, um sich anschließend eine Flasche Stroh 80 zu kaufen, weil sie den Termin beim Arbeitsamt verpasst haben und es jetzt sowieso schon egal ist. Die Wiener, die sich wegen der Musik, die aus meinen Kopfhörern dröhnt, beschweren und sich mein Fehlverhalten so erklären, dass ich gepierct wäre und deswegen "eine von denen" sei. Eine von denen. Also, sind Wiener so?

"Ich habe beschlossen, meine Sachen zu packen und abzuhauen", sagt sie zu mir. Sie ist die vierte Person, die mich während der letzten zwei Monate über ihre Reißaus-Aktion informiert. "Wien hat nichts mehr für mich.", schließt sie. Ich stelle mir die Frage, warum Wien so ist wie es ist und ob es wirklich so ist oder nur den Ruf hat, so zu sein wie es ist. Das Wien, das leerstehende Häuser abreißen lässt, weil da sowieso niemand mehr drin wohnen will und sie nicht an auf der Straße lebende Menschen vergibt, das Wien, das im 7. Bezirk einen Baum pflanzen lässt, weil Grün dort jetzt regiert und man schließlich ein Zeichen setzen muss, das Wien, das seit 2007 zu vollkommener Barrierefreiheit aufruft und den Lift nicht repariert. Das Wien, das Drogenabhängige eher auf eine einsame Insel abschieben würde, damit sie dort abseits von der noblen Wiener Gesellschaft im Kollektiv verrecken, als Drogenkonsumräume zu eröffnen. Das Wien, das sich wochenlang über Pferdefleisch in Lasagne mokiert und zu der Ölpest im Golf von Mexiko schon lange nichts mehr zu sagen hat. Das Wien, das aufruft zur Selbstverwirklichung und alles Scheiße findet, was Veränderung bedeuten könnte. Bei jeder Reißaus-Aktion meiner Freunde überlege ich mir, ebenfalls die Taschen zu packen und zu gehen. Wäre da nicht meine Nasennebenhölenentzündung.


Tags: wien, Österreich, Politik, Politikverdrossenheit
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5 Antworten

Kommentare

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    Suderei über Suderanten, bleibt unterm Strich, halt auch nur Suderei....

    Aber im Grunde, ist es großartig und wunderschön, denn es zeigt, du kannst aus Wien, aber Wien nicht aus dir!


    22.09.2017, 10:51 von Kaldes
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    Wirklich großartig! Den Text drücke ich ab sofort jedem in die Hand, der mich fragt warum ich von Wien nach Dresden zog. Vielen Dank!

    09.01.2014, 09:22 von kxxx
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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      Stermann liefert fürs Erste einmal eine gute Antwort. Meine eigene wird erst in Jahren so gereift sein, um sie ausformulieren zu können.

      Momentan beschränke ich mich - ganz unreflektiert eben - auf das Wort "deppert". Das sind wir, und zwar im großen Stil.

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