Ygriega 25.07.2005, 22:21 Uhr 21 0

Wer bewacht die Wächter?

Im Angesicht der Terrorbedrohung wollen wir beschützt, bewacht werden. Doch wer bewacht diese, unsere Beschützer aus Politik, Polizei und Militär?

Mittlerweile hat es dieser Ausspruch zu großer Beliebtheit gebracht, vor allem wenn es um den Themenbereich Bürgerrechte oder speziell um Überwachung ging. Wenn in der Innenstadt oder in der U-Bahn Überwachungskameras aufgestellt wurden, als die Telekommunikationsüberwachungsverordnung Anfang des Jahres in Kraft trat, oder seit Schily unsere Fingerabdrücke in den Pässe sehen will: Immer wurde „1984“ oder „Brave New World“ als Schreckensvision herangezogen. Auf der Gegenseite wurde dann ebenso reflexartig der globale Terrorismus oder auch „nur“ der Vorstadtvergewaltiger oder Kinderschänder als Grund genannt. Es ging immer weiter, immer hat es der gemeine Bürger nach kurzem Murren geschluckt und schnell vergessen. Im Grunde ging es ja nur um ein paar Fotos und Textnachrichten, außerdem hatte man ja sowieso nichts zu verbergen.

Spätestens seit letzter Woche hat die Debatte jedoch deutlich an Kontur gewonnen. Die Kontur in Form eines Fotos eines jungen Brasillianers, der vor der englischen Polizei in eine U-Bahn geflüchtet war und dort wegen Terrorverdachts mit acht Schüssen getötet wurde. Mit ausdrücklicher Billigung einer Art „Lizenz zum Töten“ im Extremfall. Auch in Deutschland darf seit jüngerer Zeit bei begründetem Verdacht eine Passagiermaschine von der Bundeswehr vom Himmel geholt werden, wenn der Verteidigungsminister dies aus begründetem Terrorverdacht anordnet. Die Polizei darf in Deutschland in einigen Bundesländern den „finalen Rettungsschuss“ anwenden, wenn es in den Augen der Beamten keinen anderen Ausweg gibt, um das Leben einer bedrohten Person zu retten. Überall steckt das gleiche Konzept dahinter: Töten von Menschen aus einer Abwägungsentscheidung heraus, meist unter sehr großem Stress gefällt.

Jetzt kam es letzte Woche zu solch einer Abwägung in England und ein Unschuldiger hat dran glauben müssen, weil er vor der Polizei davongelaufen ist. Man entschuldigt sich zwar in aller Form bei den Angehörigen, die Direktive, im Zweifel abzudrücken, hält man aber im Angesicht des Terrorismus für richtig. Wieder der Terrorismus als einzige Argumentationslinie, gleichsam als finale Beantwortung aller offenen Fragen. Doch welchen Preis bezahlen wir im Endeffekt hierfür, wer muss ihn überhaupt bezahlen?

Zunächst einmal sind hier die Beamten, die psychisch mit ihrer Entscheidung fertig werden müssen, auf der anderen Seite ein toter Unschuldiger mit seinen Angehörigen. Über alldem „schwebt“ die allgegenwärtige Angst vor Terrorismus und neuen Anschlägen bei denen wieder Dutzende ebenso Unschuldiger ums Leben kommen sowie die Einschränkung von Demokratie und Bürgerrechten, um diesem Übel beizukommen. Im Endeffekt sind es also wirklich wir alle, die diesen Preis bezahlen. Bloß muss der so hoch sein, dass wir dulden, dass der Staat jetzt ohne ordentliches Gerichtsverfahren, ohne eine „Wächterinstanz“ Menschen umbringen darf? (Vom Verbot der Todesstrafe mal abgesehen)

So psychologisch schlimm solch ein Anschlag auch ist, in Deutschland kommen an einem Tag doppelt so viele Menschen durch Alkohol ums Leben als durch die Anschläge in London, in einer halben Woche trifft es die gleiche Zahl im Straßenverkehr. Diese Menschen sind ebenso unschuldig und jedes einzelne Schicksal genauso tragisch. Dennoch höre ich keinen Aufschrei durchs Land gehen. Ich höre keine Politiker in Sonntagsreden die flächendeckende Überwachung von Autofahrern oder eine zentrale Biertrinkerdatenbank fordern. Ganz einfach deshalb, weil jeder weiß, dass man diesem Übel auf andere Weise beikommen muss. Nur bei einer Sache setzen wir unseren gesunden Menschenverstand außer Kraft: Sobald Wörter wie Anschlag oder auch nur Islamismus fallen. Mit gleichen Maßstäben gedacht, ist die ganze Terrorangst somit zumindest in Europa und den USA eine wahnsinnig überspitzte Paranoia, die es den Politikern Schritt für Schritt erlaubt, immer mehr Schutzfunktionen der Bürger vor dem Staat abzubauen und sich in Richtung Polizeistaat zu entwickeln. Die nächsten Forderungen liegen schon auf dem Tisch, die Union will beispielsweise Bundeswehrsoldaten wahrscheinlich mit dem Maschinengewehr im Anschlag in den Städten patrouillieren lassen.

Schon die Aufweichung der Privatsphäre, ein vom Grundgesetz garantiertes Recht, war und ist kaum hinzunehmen. Spätestens jetzt, wo es darum geht, irrwitzige Präventionseinsätze ohne wirkliche Rechtfertigung salonfähig zu machen, ist die Grenze überschritten, wo es endgültig in die falsche Richtung geht. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Entwicklungen noch aufgehalten werden können, können und vor allem wollen wir rechtsstaatliche Wächterinstanzen noch bewahren? Ich bin der festen Überzeugung, dass nur diese uns wirklich dauerhaft vor dem Terror beschützen können. Andernfalls siegt die Paranoia über das Recht, es siegt der Terrorismus über die Freiheit und Demokratie.

21 Antworten

Kommentare

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    >>Mit Präventionseinsätzen war so ziemlich alles gemeint, was erstens der Staat aufgrund eines wagen Verdachts heraus unternimmt, ohne dass vorher ein ordentliches Gerichtsverfahren stattgefunden hätte, oder eben zweitens was der Staat aufgrund des Terrorarguments alles an Einschränkungen der Bürgerrechte durchsetzt. Beispiele: Datensammlungen, Zwangserhebung biometrischer Daten, weitgehende Überwachungsbefugnis se für Geheimdienste ohne Kontrolle, Erlaubnis der Handy-Ortung, Abschiebung "auf Verdacht" usw. Das waren nur die Sachen in Deutschland. <<

    Nun, bei Selbstmordattentätern gibt es keine Gerichtsverhandling mehr.
    Was die biometrischen Daten angeht, nun, wenn du noch bis Oktober einen Ausweis/Reisepass beantragst, bekommst du noch einen "alter" Machart.
    Datensammlung: was mir persönlich wesentlich mehr angst macht, ist wie die Wirtschaft unsere Daten sammelt. Ich habe deswegen ganz bewußt keine PayBack-Karte und zahle auch meistens bar, da ich keine Lust habe, mir meinen Briefkasten mit "kundenoptimierter Werbung" zumüllen zu lasssen. Hier wird der Datenschutz mit Füßen getreten. Die staatliche Datenerhebung (die eine der transparentesten der Welt ist) hat ja nicht die Aufgabe, jeden zu überwachen, sondern im Falle (natürlich zu spät) den Täterkreis einzugrenzen. Hierbei gilt eher das Ausschlussverfahren.

    >>Zum letzten Absatz: Ein funktionierender Rechtsstaat mit funktionierenden drei Säulen (Stichwort: Gewaltenteilung) ist die einzige Instanz, die uns dauerhaft vor jeglichem Terror schützt. Terror ist Terror, ich mache hier keinen Unterschied, ob der jetzt von Islamisten, von Nazis, oder von der Politik (z.B. Menschenrechtsverlet zungen -> Guantanamo) selber kommt. Wenn eine Säule zu mächtig wird (in diesem Fall die Exekutive), dann öffnet es dem Terror von allen Seiten Tür und Tor. <<

    Jippiie, einer der es verstanden hat.
    Aber in den USA gilt dieses Prinzip ja auch, Guantanamo ist UNRECHT, das hat der Superiour Court ja auch so gesehen. Da schert sich nur keiner drum...
    Ich denke nicht, nein, ich bin der festen Überzeugung, dass derartiges in Deutschland nicht möglich wäre, da unser System der gegenseitigen Kontrolle hier greift. (Und das sage ich nicht nur, weil ich einen Eid auf dieses Land geleistet habe)!

    Welche Exekutive meinst du denn? in den USA, oder in der BRD?
    Auch vergißt du, dass die Exekutive nur die Gesetze der Judikative "durchsetzt" (was der Name ja schon sagt.
    Ich verstehe, was du damit sagen willst, aber tu dir selbst den Gefallen, und vergewissere dich nochmalig der Rechtsnormen.

    Wieder zurück zum Thema, ich denke, dass der Terrorismus uns noch eine ganze Weile beleiten wird und wir erst am Anfang dieser Epoche der sozialen/religiösen/wirtschaftlichen/kulturellen Umbrüche stehen...

    01.08.2005, 16:00 von Plautzi
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      @Plautzi Also noch kurz die Antwort, bevor ich endgueltig in den Urlaub starte. ;-)

      Meinen Pass habe ich erneuert, der gilt leider fuer unter 26-jaehrige nur 5 Jahre, ergo: Ich darf bald meine Fingerabdruecke abgeben.

      Vor diesen Kundenkarten habe ich auch weiten Abstand genommen, eben aus den gleichen Gruenden wie du.

      Die Datenerhebung der jeweiligen Staaten ist transparent? Glaubst du vielleicht, ich moechte nicht wissen, was der BND alles schon gesammelt hat, aber klar, ist ja alles nur um den Taeterkreis einzugrenzen.

      In Sachen Exektutive kannst du gerne beide oder auch noch mehr Laender angesprochen fuehlen. In den USA ist es heftiger, wir sind aber auf dem besten Weg...

      Ach ja: Die Judikative habe ich nicht vergessen, von der war die ganze Zeit die Rede (Bundesverfassungsgericht usw.). Was du meinst, ist die Legislative, also bei uns Bundestag und Bundesrat. Ein Blick auf Wikipedia wird dir das bestaetigen. Meine Empfehlung: Vorher nachschauen! ;-)

      03.08.2005, 13:28 von Ygriega
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    Zunächst möchte ich dir für deinen Text danken. Du bringst ein schwieriges Thema zur Sprache.
    Ich habe dazu allerdings einige Anmerkungen, bzw. Fragen:

    >>Die Polizei darf in Deutschland in einigen Bundesländern den „finalen Rettungsschuss“ anwenden, wenn es in den Augen der Beamten keinen anderen Ausweg gibt, um das Leben einer bedrohten Person zu retten. Überall steckt das gleiche Konzept dahinter: Töten von Menschen aus einer Abwägungsentscheidung heraus, meist unter sehr großem Stress gefällt.<<

    Nun, diese Regelung ist nicht neu. Ausschlaggebend ist, daß wenn der tödlich wirkende Schuß zur Anwendung kommt, der ausführende Beamte eine Rechtssicherheit hat und nicht im Nachhinein noch zusätzlich durch ein Gerichtsverfahren belastet wird.
    Ferner wird der "finale Rettungsschuß" durch den Einsatzleiter angeordnet, der ausführende Beamte trifft diese Entscheidung nicht.

    >>Spätestens jetzt, wo es darum geht, irrwitzige Präventionseinsätze ohne wirkliche Rechtfertigung salonfähig zu machen, ist die Grenze überschritten, wo es endgültig in die falsche Richtung geht.<<

    Da kann ich dir nicht ganz folgen. Bislang war dein Text sehr gut, inhaltlich schlüssig und durchdacht. Nun gleitest du leider ins populistische ab. Welche Präventionseinsätze meinst du denn jetzt.

    Gerade letzte Woche hat das Bundesverfassungsgericht z.B. die Hürden für das Abhören des gesprochenen Wortes sehr in seine Grenzen verwiesen.

    Der Einsatz der Bundeswehr im Landesinnern bedarf einer Grundgesetzänderung mit einer 2/3 Mehrheit. Ich glaube, das Szenario, wie im Film "Ausnahmezustand" wird hier nicht eintreten.

    >> Ich bin der festen Überzeugung, dass nur diese uns wirklich dauerhaft vor dem Terror beschützen können. Andernfalls siegt die Paranoia über das Recht, es siegt der Terrorismus über die Freiheit und Demokratie.<<

    Hier verstehe ich den Zusammenhang nicht. Was schützt uns nun genau vor dem Terror?
    Welchen Terror meinst du jetzt, den islamitischen oder den "staatlichen"?

    Ich denke, dass wir in der jetzigen Zeit einfach wachsam sein müssen und das bislang geltende Recht auch nutzen sollten, z.B. Ausweisung radikaler Hassprediger.

    Wichtig ist vor allem doch eines, dass wir uns von diesen Wahnsinnigen nicht unser Leben diktieren lassen!

    31.07.2005, 12:46 von Plautzi
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      @Plautzi Hey, ebenfalls danke für deine Anmerkungen!

      Zu deinen Fragen/Anmerkungen: Dass der Einsatzleiter den "Rettungsschuss" anordnet, war mir so nicht bekannt, danke hier für den Hinweis. Jedoch stelle ich mir die Frage, ob dieser nicht genauso eine Abwägungsentscheidung aus Stress heraus treffen muss. Das macht es (leider) nicht besser.

      Mit Präventionseinsätzen war so ziemlich alles gemeint, was erstens der Staat aufgrund eines wagen Verdachts heraus unternimmt, ohne dass vorher ein ordentliches Gerichtsverfahren stattgefunden hätte, oder eben zweitens was der Staat aufgrund des Terrorarguments alles an Einschränkungen der Bürgerrechte durchsetzt. Beispiele: Datensammlungen, Zwangserhebung biometrischer Daten, weitgehende Überwachungsbefugnisse für Geheimdienste ohne Kontrolle, Erlaubnis der Handy-Ortung, Abschiebung "auf Verdacht" usw. Das waren nur die Sachen in Deutschland.

      Das Urteil des Verfassungsgerichts in Sachen Lauschangriff habe ich sehr erleichtert aufgenommen. Es kam leider nach der Veröffentlichung des Artikels. Sonst wäre es ein klasse Beispiel dafür gewesen, warum wir die Justiz als dritte Säule in Sachen Gewaltenteilung brauchen und wir alles unternehmen müssen, damit diese nicht weiter unter dem Argument der "Entbürokratisierung" ausgehöhlt wird.

      In der SPD wird seit letzter Woche auch mehr oder weniger laut über Bundeswehreinsätze im Innern nachgedacht. Zusammen mit der Union ist da ganz schnell eine 2/3-Mehrheit zusammen.

      Zum letzten Absatz: Ein funktionierender Rechtsstaat mit funktionierenden drei Säulen (Stichwort: Gewaltenteilung) ist die einzige Instanz, die uns dauerhaft vor jeglichem Terror schützt. Terror ist Terror, ich mache hier keinen Unterschied, ob der jetzt von Islamisten, von Nazis, oder von der Politik (z.B. Menschenrechtsverletzungen -> Guantanamo) selber kommt. Wenn eine Säule zu mächtig wird (in diesem Fall die Exekutive), dann öffnet es dem Terror von allen Seiten Tür und Tor.

      01.08.2005, 15:37 von Ygriega
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    @Splinter:
    Brasilien hat doch kein Armutsproblem.....Brasilien hat ein Verteilungsproblem. In diesem Land ist genug Geld vorhanden, dass alle Menschen dort einen ausreichenden Lebenssatndard geniessen könnten. Aber das ist ja auch nicht das Thema.......anstatt sich über den erschossenen Brasilianer aufzuregen, sollte man sich über das weltweite Versagen aller Industrie- und Schwellenländer in Niger hinweisen. Fast die gesamte Ernte wurde vor einem halben Jahr von Heuschrecken vernichtet und man hätte genug Zeit gehabt Hilfe zu senden. Jetzt zu einem Zeitpunkt an dem Kinder verhungern schicken die Franzosen und auch unsere liebe Entwicklungsministerin medienwirksam 2-3 Flugzeugladungen voll mit Essen und spielen sich als Gutmenschen auf. Sie haben versagt und sollten zurücktreten............die Medien haben auch nichts berichtet, weil man ja die Tsunami geschichte noch hatte.........es ist wirklich furchtbar.......man könnte kotzen!!!!

    28.07.2005, 12:15 von CoDoWo
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    zitat: "Macs haben mit der Network Utility ein Tool eingebaut, mit dem man Sites pingen und jede Menge anderer Informationen in Sekunden beschaffen kann."

    oh nein! wir müssen dafür sorgen das kein terrorist einen mac in die hände bekommt!!! *lol*

    28.07.2005, 08:56 von hitsuji
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