selim 22.11.2006, 12:11 Uhr 5 3

Weltgift Religion

Wieso die Armee (mindestens in der Schweiz) abgeschafft werden sollte und wieso wir heute noch neue Kriege haben - und wie wir sie verhindern könnten.

Ich bin absoluter Gegner von jeglichen vom Militär wahrgenommenen Handlungen, und sei es eine noch so "nützliche" Hilfeleistung wie in Katastrophen. Klar benötigt man Menschen, die nach Naturkatastrophen an den Orten des Geschehens den Schutt beiseite räumen und verschüttete Menschen retten. Doch dafür darf man keine Organisation einsetzen, die als Hauptfunktion eine ganz andere Arbeit wahrnimmt. Denn wird die Armee finanziell unterstützt, wird der grösste Teil nicht in Katastrophenrettung oder dergleichen eingesetzt, nein, sondern eben für rein militärische, kriegstechnische Aktivitäten. Und solange dieser dominierende Teil vorhanden ist, sollte man dem Militär auch bei Hilfeleistungen kritisch begegnen. Statt des Militärs sollten meiner Ansicht nach ausgebildete Menschen aus der Zivilbevölkerung in einem spezialisierten Rettungshilfswerk dieser Arbeit nachgehen. So kann eine Hilfeleistung gewährleistet werden, die sich 100% auf die Rettung konzentriert.

Nachdem wir nun dies geklärt haben, kommen wir nun zu einem weiteren Aspekt: die Schweizer Scheinneutralität. Wie auch schon von anderen Autoren kritisiert worden war, bin ich derselben Auffassung, dass die Schweizer Politik alles andere als Neutral ist. Was die Schweiz eigentlich heute tut, ist, dass sie sich auf den Lorbeeren des vor langer Zeit gewonnenen Ansehens ausruht und so die Chance verpasst, dieses Renommé verstärken oder ausbauen zu können. Die Schweizer Politik ist aber hinterlistig kapitalistisch: hinter der Wand des Renommés dieselben dreckigen Geschäfte tätigen, wegen welcher andere Staaten heftig in die Kritik gekommen oder bereits durch Anschläge erschüttert worden waren. So gesehen müsste sich die Schweiz bei allfälligen Anschlägen nicht ganz wundern. Doch soweit sind wir noch nicht. Das Ekelhafte daran ist jedoch dieses Scheinheiligtum. Ich finde es viel verwerflicher, wenn ein Staat einen Mist baut und ihn verschweigt, als wenn er einen Mist baut und wenigstens zu seinen Fehlern steht. Denn darin liegt doch auch ein wichtiger Kern: im Nachhinein wird immer alles aufgearbeitet und die Tatsachen offen dargelegt. Wieso kann man dies also nicht bereits früher machen, und nicht zuerst warten, bis eine andere Generation oder eine andere Regierung das Zepter in der Hand hält? Die Staaten sind einfach zu feige, genauso wie Menschen als Individuen. Keiner möchte sich gerne im negativen Rampenlicht sehen. Doch dies wäre ein anderes Thema.

Kriege gab es und gibt es meistens wegen Ressourcen; der Irakkrieg vor wenigen Jahren sei als bekanntes, aktuelles Beispiel genannt. Es geht doch immer entweder um Rohstoffe, die der
Mensch nicht einfach aus dem Nichts und in gewünschter Menge herbeizaubern kann, oder aber Territorien, die als Wirtschaftsräume Kapital- und damit Machtvergrößerer sind. Die wenigen Promille der Weltbevölkerung, die über ebendiese bestimmen und das Schicksal eines jeden einzelnen beeinflussen können, haben es anscheinend noch nicht gemerkt, dass wir, alle auf diesem Planeten lebenden Lebewesen, insbesondere wir Menschen, unseren Lebensraum teilen müssen. Und das gilt sowohl für die Ressourcen als auch für das Wissen und die Politik. Nur wenn wir alle gemeinsam Hand anlegen und für das Wohle Aller sorgen, dann kann die Menschheit im Einklang mit der Natur funktionieren.

Ein weiterer, letzter Punkt, der für das Thema eine nicht minderwichtige Rolle spielt, ist die Glaubensfrage. Ich bin selber nicht religiös und finde Religionen im Allgemeinen eine antike, erfundene Sache, aber ich habe nichts gegen sie, so lange sie sich nicht missionarisch in mein Leben einmischen oder sie nicht in der Politik missbraucht werden. Und Letzteres werden sie gerade in den letzten Jahren, insbesondere seit dem 11. September, in der internationalen und auch in der nationalen Politik. Es herrscht in einem Zustand des Schwelbrandes wieder ein Glaubenskrieg zwischen dem Christentum und dem Islam, siehe USA und Irak/Iran. Doch neben diesem Herd gibt es auch den Krieg zwischen dem Islam und dem Judentum, Anschlagsmeldungen und Siedlungsausweitungen wechseln sich mit scheinbaren Fortschrittsmeldungen ab – eine Lösung scheint innerhalb der nächsten 30 Jahre nicht absehbar. Und aus welchem Grunde? Weil sich beide Völkergruppen, die Israelis und die Palästinenser, nicht auf eine weltliche, nicht-religiöse Lösung einigen können oder eher wollen. Jeder zitiert aus seinem Glaubensbuch, dass das umstrittene Land ihm gehöre, doch dass rein religionstheoretisch auch das Christentum dort seinen Ursprung hat, kümmert keinen. Ich sage deshalb: Solange sich die Leute im Nahen Osten nicht besinnen und auf ihre (erfundene) Religion wenigstens für die Friedensfindung verzichten können – denn die Welt gehört uns allen, früher gab es keine Staaten und schon gar keine artificiellen Grenzen – wird der eine den anderen in die Luft jagen und handkehrum eine noch längere verstückelnde und verunstaldende Mauer erhalten.




Geschrieben an den Tagen 02/09/06 und 11/11/06 von Selim Özgür
Copyright by Selim Özgür, Fnagul-Verlag, Schreihals. 2006.


Tags: Chance verpasst
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Kommentare

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    Nicht die Religionen gehören abgeschafft, sondern deren Marketingabteilungen, sprich Kirchen, welche bis zum jüngsten Beispiel im Irak und Libanon immer noch die Waffen segnen. Was für ein Wahnsinn!

    Mach weiter so.

    24.01.2007, 11:12 von mirador
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    1. Armee: Ein Staat, welcher sich in Krisensituationen nicht (mindestens teilweise) selber zu helfen weiss ist (nach meiner Auffassung) nicht autonom. Wer über die Abschaffung der Armee debatieren will stellt einen Staat als solchen in Frage. Die Tatsache, dass zur Zeit meilenweit kein "Feind in Sicht" ist, bedeutet nicht, dass die Schweiz auf das letztinstanzliche Instrument zur Erhaltung (!) des Friedens verzichten kann.

    2. Das Militär in der Schweiz: Ich bin überrascht ob der Aussage, dass du dem Militär bei Hilfeleistungen kritisch begegnest. Erstens sind bei Hilfeleistungen keine Waffen im Einsatz und zweitens ist das Personal, Miliz sei Dank, keine gebrainwashte Truppe von Berufssoldaten, sondern Menschen wie du und ich, welche neben den 3 Wochen Militär pro Jahr ein Leben in "freier Wildbahn" geniessen. In einem Punkt gebe ich dir voll und ganz Recht: das Beschützen von Botschaften ist Sache der Polizei und nicht des Militärs.

    3. Neutralität: Kritisieren ist schön und gut, aber mir fehlen hier die Lösungsalternativen. Nur damit kein Missverständnis aufkommt; ich halte die Neutralität ebenfalls für einen alten Zopf, der abgeschnitten gehört, bin mir jedoch der Konsequenzen für unser Land bewusst. Du? Und: Wäre eine Abschaffung der Neutralität mit einer Abschaffung der Armee zu vereinbaren?

    3. Religion: Religion ist bei uns heute mehr Tradition denn Glaube und Traditionen sind zu einem schönen Teil antike, erfundene Sachen. Sei es der Rütlischwur, Tell, all die Mythen und Feste die wir feiern. Deine geschilderten Krisenherde beziehen sich beileibe nicht nur auf religiöse Hintergründe. Und "Blame the Religion!"-Slogans zu schreien löst nicht einen Konflikt. Selbst wenn du ihnen die Religion nehmen würdest, die Fehnden würden bleiben.

    25.11.2006, 05:28 von cross
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      @cross 1., 2., 3., 4., genau, so ging das.

      25.11.2006, 05:29 von cross
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    Kleine Anmwerkung meinerseits: Glaubst du nicht, dass die Meinung "ohne Armee wird alles besser" nicht zu einfach ist? Was machst du denn, wenn andere keine Gewissensbisse haben, ihre Forderung mit Gewalt durchzusetzen? Solange unbewaffneten Widerstand leisten, bis alle mit Mut zum Widerstand eingesperrt oder getötet sind?

    22.11.2006, 13:14 von Charlie_B
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    "Doch neben diesem Herd gibt es auch den Krieg zwischen dem Islam und dem Judentum"

    Ein Blick ins Geschichtsbuch erleichtert die Wortfindung. Der Nahostkonflikt zwischen Israel und den arabischen Nachbarstaaten ist KEIN Religionskrieg!

    Weder "die Zionisten" noch "die PLO" (um Mal wahllos ein paar Haupt-Akteure herauszugreifen) verstehen sich als explizit religös motivierte Organisationen!

    Er wird in den letzten Jahren von einschlägigen Interessengruppen dazu hochsterilisiert (um mit den Worten von Bruno Labbadia zu sprechen).

    Und solche Sätze wie Deiner sind Wasser auf den Mühlen eben jener.

    22.11.2006, 12:38 von sailor
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