Warum ich gestern nicht gewählt habe
Ja, ich war gestern nicht wählen.
Dabei bin ich gar kein typischer Nichtwähler und eigentlich finde ich nicht-wählen-gehen Scheiße. Und deshalb möchte ich, bevor ihr auf mich einprügelt, erklären, wie es zu meiner Wahlenthaltung kommen konnte.
Bereits seit Wochen verpasse ich keine Polit-Talk-Show und lese fleißig Wahlprogramme. Und trotzdem war ich gestern morgen noch genauso unentschlossen, wem ich diesmal meine Stimme (und damit 85 Cent) schenken soll, wie viele meiner Mitwähler hierzulande. Trotzdem war für mich sonnenklar, dass ich mich die 35 km von der Wohnung meines Freundes bis zu meinem Wahllokal hinter mich bringen wollte, um danach pünktlich um elf Uhr auf meiner sonntäglichen Arbeitsstätte zu erscheinen.
Mit einem meiner Meinung nach recht ordentlichen Zeitpuffer mache ich mich also gegen neun Uhr dreißig mit dem Wahlzettel in der Hand auf den Weg zu meinem Kleinwagen. Dieser hat erst vor vier Wochen die Hauptuntersuchung beim TÜV überstanden und ist daher mit seinen knapp 12 Jahren auch nicht abgewrackt worden. Ich fahre los und plötzlich gibt es einen --Rums-- und ein röhrendes Geräusch lässt mich ahnen was passiert sein könnte. Als langjährige Gebrauchtwagenfahrerin ist mir nämlich das Geräusch eines abgerissenen Auspuffs nicht unbekannt. Ein Blick unter mein Auto gibt meiner Vermutung Recht und läßt mich erstmals fluchen.
Der Griff zum Handy folgt, die Mailbox meines Freundes vertröstet mich auf später, weswegen ich kurz inne halte und überlege, was geschehen soll. Da mein Freund gestern abend erwähnt hat, er würde mit dem Firmenwagen zu einem Kunden fahren, müßte sein PKW doch an der Firma stehen. Ich überlege, drei Kilometer, soll ich es wagen? Ja, aber, --STOPP--, da sollte ich doch besser den Ersatzschlüssel mitnehmen.
Also zurückgespurtet und die Haustür aufgesperrt, macht es plötzlich --Knack--, und mein erstauntes Auge nimmt einen abgebrochenen Schlüssel war. Gott sei dank ist die Türe aber offen. Also, wieder der Griff zum Handy, immer noch die Mailbox dran. Ich entscheide hier nichts mehr tun zu können, schnappe mir den Ersatzschlüssel, Schere und Schnur und renne zurück zu meinem Wagen. Ein Blick zur Uhr: bereits zehn vor zehn „Das wird knapp!“
Mit auf dem Boden schleifendem Auspuff möchte ich die 3 km bis zur Firma nicht fahren und lege mich auf den –erfreulicherweise trockenen- Asphalt und versuche irgendwie den Auspuff mit der Schnur festzubinden, damit er wenigstens nicht mehr auf den Boden hängt. Was sich eigentlich sehr einfach anhört gestaltet sich schwieriger als gedacht, da ein Peugeot nun mal kein LKW ist, und ich keine 1,20m klein. Sprich, es ist recht eng zwischen Boden und Auto. Die Idee halb auf den Bordstein zu fahren bringt mich insofern weiter, dass ich jetzt mit Hilfe eines Beines und einer ausgeklügelten Zug-Spann-Kombination den Auspuff festzurren kann.
Die vorbeifahrenden Autofahrer schauen zwar interessiert, aber sicher sind alle –so wie ich- auf dem Weg ins Wahllokal und können daher nicht anhalten, um mir unter die mittlerweile verschwitzten Achseln zu greifen. Ich habe Verständnis. Einigermaßen erfreut über meine Seilknotkünste stehe ich auf, klopfe mir den Staub von den Sonntagsklamotten und schaue wieder an mein linkes Handgelenk. Der Blick läßt mich erschrecken: bereits zehn Uhr fünfzehn. Schnell steige ich ins Auto und fahre langsam Richtung Firma. Es röhrt immer noch, aber immerhin schlägt der Auspuff nicht mehr auf dem Boden auf.
An der Firma angekommen atme ich kurz vor Glück auf: der VW Golf meines Freundes steht vor dem Gebäude, so dass ich meinen kranken Wagen abstellen und mich schnurstracks mit dem geliehenen Auto weiter auf den Weg mache.
In meinem Hinterkopf macht sich bereits ein mieser Gedanke breit: „Das schaffst du nicht mehr!“ Unterwegs erhärtet sich der Gedanke durch das hohe Verkehrsaufkommen und mein langsames Vorwärtskommen.
Als ich an der Abzweigung „Bürgerpflicht“ oder „pünktlicher Arbeitsbeginn“ ankomme muß ich mich schnell entscheiden. Der wiederholte Blick zur Uhr, die gnadenlos weiterläuft und sich nicht um meine Sorgen kümmert, und ich muß resigniert erkennen, es ist bereits kurz vor elf. Also entscheide ich, dass meine Nicht-Teilnahme an dieser Bundestagswahl 2009 das dritte aller „guten“ Dinge, die immer zusammen kommen sein soll und biege ab. Pünktlich erscheine ich auf der Arbeit. Der erste Satz nach dem „Guten Morgen“ ist die Frage ob ich schon gewählt hätte, worauf ich diese irgendwie schon unglaubliche Geschichte zum besten gebe, die Wahlkarte aus meiner Hosentasche ziehe und im nächsten Mülleimer entsorge.
Bis zum nächsten Mal, und 2013 ganz sicher mit Briefwahl.





Kommentare
habe ich ja erst durch deinen Link gesehen und musste lachen. So kann es gehen, wenn man einen Vorsatz in die Tat umsetzten will. Somit kannst auch du mir nicht beschreiben, wie ein Wahllokal von innen aussieht.
Ich bin dort noch nie gewesen.
1. Das Bier gibt es dort erst ab 19:00 Uhr
2. Ich mag keine Kabinen
Somit wähle ich immer per Post.
10.08.2012, 18:27 von jetsamlassen wir als entschuldigung durchgehen..:)
12.10.2009, 19:44 von Thoemmesgut,dass ich zu fuß ins wahllokal gehen kann:)
@Thoemmes Schade, und ich dachte schon, hier melden sich Leute zu Wort, die ganz bewusst nicht wählen gegangen sind und die das begründen. Fände ich ehrlich gesagt interessanter.
16.10.2009, 17:46 von LinaOrangina@LinaOrangina Sorry Lina, damit konnte ich nicht dienen. Starte doch mal eine Umfrage.
16.10.2009, 17:52 von Tanea
28.09.2009, 14:09 von LudwigMartinBei mir ist es letztes Jahr zur brandenburgischen Kommunalwahl auch dumm gelaufen - und ich kann es nicht mal auf die Technik schieben... vielmehr war es ein Party-WE, wo ich den Sonntag total vergeigt hab und letztlich auch nicht mehr fahrtauglich war...
Jedenfalls seitdem auch grundsätzlich Briefwahl.
@LudwigMartin Gut, dass wir die Briefwahl haben. Im demokratischen Belgien gibt es die auch nicht - und wer nicht wählt, macht sich strafbar.
28.09.2009, 17:49 von netterOh gutes Deutschland. Na, ist das was gegen Meckerfritzen?
Wenn es nicht so tragisch wäre um die verlorene Stimme würde ich lachen.
28.09.2009, 13:57 von aless89gut gelernt, Madame.
28.09.2009, 13:50 von netterDieses Missgeschick ( Miss Geschick) wurde dir geschickt, damit du dies anderen erklären kannst. Der Wählerwille ist aber durchaus erkennbar. Jawoll!