rubyglooom 09.03.2007, 15:30 Uhr 0 0

Warum hast du geschwiegen?

Wenn mich jemand nach dem schlimmsten Tag meines Lebens fragen würde, könnte ich sofort antworten: Der Tag, als ich in Auschwitz war.

Sommer 2004. Ich hatte Schulferien und war bei meiner Familie in Oberschlesien. Meine Großeltern versuchen, meinen Aufenthalt immer ziemlich abwechslungsreich zu gestalten, viele Ausflüge, damit ich auch mal was von meiner alten Heimat kennen lerne. Nun sollte ich mir wieder aussuchen, wo wir hinfahren. Und ich dachte an Auschwitz.
Ich wusste, dass Auschwitz nur 70 km von meiner Geburtstadt entfernt war. Ich interessiere mich allgemein für den 2. Weltkrieg, für den Holocaust, aber ich dachte nie bewusst daran, mal nach Auschwitz zu fahren. Vielleicht hatte ich es verdrängt. Doch nun war der Zeitpunkt gekommen. Und ich bin froh, dass ich es gemacht habe, denn ich bin um eine große, wenn auch sehr, sehr schlimme Erfahrung reicher.
Morgens um 9 machte ich mich mit meiner Tante, meinem Onkel und meiner Cousine auf an wohl einen der schlimmsten Orte dieser Welt. Meine Großeltern waren schon dort und wollten nicht noch ein Mal hin. Heute weiß ich warum.
Wir fuhren eine Stunde durch den Wald und schäbige Landstraßen. Die Tage waren schwül und warm. Ich schaute nach draußen, der Himmel war bewölkt und ab und zu kam ein leichter Nieselregen herunter. Ich wusste nicht, was mich erwarten würde, ich war unglaublich aufgeregt. Meine Tante fing an zu erzählen, dass ihr Opa Häftling in Auschwitz war. Ein Mal, als meine Tante ein Teenager war, fuhren sie mit der Familie hin, auch der Opa. Er hatte sich fest entschlossen, mit hineinzugehen. Aber als er vor dem Tor „Arbeit macht frei“ stand, setze er sich auf eine Bank und sagte: “Geht ruhig rein, ich warte hier auf euch.“
Zuerst fuhren wir nach Auschwitz 1, dies war das ursprünglich errichtete Lager mit Verwaltung. In den roten Backsteinhäusern kamen um die 70.000 Menschen um, vor allem polnische und sowjetische Gefangene. Bekannter Täter war hier u.a. auch Joseph Mengele, der "medizinische Untersuchungen" an Gefangenen, vor allem an Zwillingen durchführte.
Eintritt war frei. Massen an Menschen gingen Richtung Eingang. Mir fiel eine Gruppe von deutschen Punks auf, mit Nieten, bunten Haaren, durchgestrichenen Hakenkreuzen auf den Rucksäcken. Und schließlich stand ich vor dem Tor "Arbeit macht frei", das man vorher nur auf Fotos gesehen hatte. Ein unbeschreibliches Gefühl.
Auschwitz 1 wurde zu einem Museum umfunktioniert. Es gibt viele Informationstafeln, Fotos und Ausstellungsgegenstände. Man wird begleitet von riesigen Fotografien von ausgehungerten Menschen. Kinder, die nur noch aus Haut und Knochen bestehen. Die Rippen stehen heraus, an den Beinen sind die Knochen klar zu erkennen. Sie sahen nicht mehr aus wie Menschen, sondern eher wie wandelnde Skelette. Man fühlte sich wie in einem Horrorfilm. Berge von Koffern, Prothesen, Brillen und sonstigen Alltagsgegenständen hinter riesigen Glasscheiben. Schlimm waren die Haare. Doch noch schlimmer war Folgendes: In einer Ecke stand eine kleine Vitrine, es war ein Babykleidchen und Kinderspielzeug, eine Puppe, ein Teddy, ein Fläschchen - ich weiß es nicht mehr genau. Die Tränen standen mir in den Augen, ich stellte mich ans Fenster, um frische Luft zu holen.
Um dort nicht wahnsinnig zu werden, muss man wahrscheinlich zeitweise sein Gehirn ausschalten und einfach stumpf wie in einem Museum die Sache besichtigen. Ich konnte einfach nicht ständig daran denken, was in diesen Gemäuern alles passiert ist. Ich habe so viele Menschen gesehen, die nicht mehr aufhören konnten, zu weinen. Jemand ist mir besonders aufgefallen, es war in einem Flur, wo unzählige Fotos von Häftlingen nebeneinander hingen - ein junger Mann, höchstens 20 Jahre, lief allein hin und her durch die Zimmer und den Flur, hat geweint, konnte sich nicht mehr beruhigen. Er war völlig aufgelöst. Sein Gesicht ganz rot und feucht von den Tränen, in seinen Augen endloser Schmerz.
Vorher sah man das KZ nur auf Fotos, nun stand man mittendrin und eigentlich bräuchte man viel mehr Zeit, um zu begreifen.
Am Ende des Rundgangs kamen die Gaskammern. Es waren ein einfaches rechteckiges Haus, daneben ein großer Schornstein. Davor eine Tafel, auf der in diversen Sprachen um Ruhe gebeten wird.
An die Gaskammer kann ich mich nicht mehr genau erinnern. Der Raum war braun und dreckig. Tausende Gedanken schossen mir durch den Kopf. Als ich mir klar machte, wie viele Menschen in diesem Raum qualvoll gestorben sind, musste ich schnellstens raus. Ich roch förmlich den Tod darin. Sah die Menschen vor mir.
Als ich in Richtung Ausgang ging, sah ich noch kurz zu den Öfen im Krematorium herüber, mir wurde schlecht. Es waren große halbkreisförmige Öffnungen. Die Leichen wurden auf einer Art Schiebeliegen hinein geschoben. An der Seite standen ein paar Kerzen.
Erst mal tief Luft holen.
Danach ging es nach Auschwitz-Birkenau. Ich habe gar nicht mehr daran gedacht, dass es noch ein zweites Lager gibt. Eigentlich hatte ich jetzt schon genug und die berühmte Rampe und die Schienen, die durch das Tor führen haben mir gar nicht gefehlt. Aber dieses Lager war eigentlich noch Schlimmer. Der Eingang bestand aus einem Verwaltungsgebäude und einem Turm. Man ging durch das Tor auf ein unglaublich riesiges Gelände, es ist ca. 175 ha groß. Dass es so groß war, hätte ich nicht gedacht. Es hat bestimmt mehrere hunderttausende Menschen gleichzeitig beherbergt, wenn man auch noch bedenkt, dass die Menschen zu mehreren in einem Bett geschlafen haben. Gegenüber diesen Baracken war Auschwitz 1 eigentlich noch Luxus. Die dicken Mauern haben im Winter die Kälte vielleicht wenigstens ein bisschen zurückgehalten. In Birkenau war das gesamte Gelände eingedeckt mit Holzbaracken, strikt angeordnet in mehreren Reihen. Früher waren es über 300 Baracken, heute sind es nur noch 45. Die hygienischen Bedingungen waren damals katastrophal, es wimmelte von Ratten. Hier war u.a. auch Anne Frank inhaftiert, ihre Mutter ist hier gestorben. Ich dachte daran, als ich ein Jahr zuvor in Amsterdam im Anne-Frank-Haus war. Ich war sozusagen auf ihren Spuren. Erst das Versteck, die Welt war für Anne Frank und ihre Familie noch halbwegs in Ordnung, sie hatten nie die Hoffnung auf Befreiung aufgegeben. Bis sie schließlich an diesen schrecklichen Ort hier gebracht wurden.
In der Mitte der Baracken waren die „Toiletten“, eigentlich nur ein paar Löcher nebeneinander in einer Mauer, frei im Raum stehend.
Die Eisenbahnschienen führen durch das Lager und in der Mitte ist die Rampe, an der man aussortiert hat, wer arbeiten wird und wer sofort in die Gaskammer kommt. Ganz am Ende des Lagers befinden sich die Krematorien 2, 3 und 4, die mittlerweile völlig zerstört sind. In der Mitte steht ein großes Denkmal.
Nun gingen wir wieder zurück, es gab eigentlich noch viel zu sehen, denn jede Baracke ist einzigartig, aber ich habe mir nur noch 2,3 Stück angesehen, weil ich eigentlich nur noch weg wollte. In den letzten Baracken waren Zeichnungen und Texte von Häftlingen an den Wänden, die hinter einer Glasscheibe sind, damit sie nicht zerstört werden. An diese Baracken kann ich mich noch genau erinnern. Draußen fing es an zu nieseln und es wurde immer dunkler. Ich bin meinem Onkel hinterhergelaufen, weil ich es unglaublich unheimlich fand zwischen diesen dunkeln, von Blut getränkten Gemäuern. Es war so still. Kein Horrorfilm kann das hier übertreffen, habe ich mir gedacht. Das hier ist der echte Horror.
Das Letzte, was ich mir angesehen habe, war ein Massengrab: eine Wiese, auf der die Asche von tausenden Menschen zerstreut wurde.
Ich hatte endgültig genug und wir fuhren nach Hause. Draußen wurde es immer dunkler, langsam kam ein Sturm. Es fing heftig an, zu regnen. Ich sagte kein Wort mehr. Langsam machten sich furchtbare Kopfschmerzen in mir breit. Ich hatte wirklich noch nie in meinem Leben solche Kopfschmerzen, wie an diesem Tag. Immer wieder hatte ich die Bilder vor Augen und ich fühlte starken Hass, ohnmächtige Wut und endlose Trauer auf einmal. Als wir zu Hause ankamen, war ich leichenblass. Ich nahm starke Schmerzmittel und legte mich hin.
Die Nacht konnte ich auch nicht so recht schlafen. Immer wieder diese Bilder…

Jedes Mal, wenn ich in Polen bin, überlege ich mir, wieder hinzufahren. Ich denke immer, dass ich es diesmal mit etwas mehr Fassung nehmen kann, besser verarbeiten kann, weil ich weiß, was mich erwartet. Aber ich bin nie wieder hingefahren. Werde ich wohl auch nicht tun, so wie die meisten, die ein Mal dort waren.

Insgesamt wurden 1,3 Millionen Menschen nach Auschwitz deportiert. Davon starben ca. 1,1 Millionen, davon 1 Million Juden. 900.000 schickte man direkt in die Gaskammer. Die restlichen 200.000 starben durch Krankheit, Hunger, Misshandlungen oder späterer Vergasung.

Als Papst Benedikt letztes Jahr im Mai nach Polen gereist war, war ich zufällig auch bei meinen Großeltern. Ich habe seine Rede in Auschwitz live im Fernsehen mitverfolgt.

„An diesem Ort versagen die Worte, kann eigentlich nur erschüttertes Schweigen stehen. Schweigen, das ein inwendiges Schreien zu Gott ist: Warum hast du geschwiegen? Warum konntest du dies alles dulden?
In solchem Schweigen verbeugen wir uns inwendig vor der ungezählten Schar derer, die hier gelitten haben und zu Tode gebracht worden sind; dieses Schweigen wird dann doch zur lauten Bitte um Vergebung und Versöhnung, zu einem Ruf an den lebendigen Gott, dass er solches nie wieder geschehen lasse".
Papst Benedikt XVI"Wichtige Links zu diesem Text"
http://www.shoa.de/
http://www.auschwitz.org.pl/html/de/start/index.php
http://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Auschwitz-Birkenau

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