Christian_Flierl 03.07.2009, 10:29 Uhr 20 0
NEON täglich

Vom Krieg, der keiner sein darf.

Ändern die Meldungen über tote deutsche Soldaten deine Haltung zum Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan?

Nach dem Tod dreier deutscher Soldaten am 23. Juni verschärfte sich diese Woche die Diskussion um den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr. Als Antwort auf die Kritik der Opposition sprach Kanzlerin Merkel in einer Regierungserklärung, der Einsatz sei ohne vernünftige Alternative. Noch weiter ging Verteidigungsminister Jung anlässlich der Trauerfeier im thüringischen Bad Salzungen: Die Frage, ob man den Kampfeinsatz nicht inzwischen zum Krieg erklären müsse, sei eine „unverantwortliche Diskussion“, man würde so, schon rein definitorisch den Taliban Rechnung tragen, „denn die wollen einen heiligen Krieg daraus machen“.

Dagegen setzt Heribert Prantl schon letzte Woche in der Süddeutschen Zeitung: „Der Krieg in Afghanistan ist mit Bomben nicht zu gewinnen. Mit der Tabuisierung von Kritik erst recht nicht.“ Die SZ fügte gestern der Diskussion einen zusätzlichen, für einige vielleicht sogar sehr relevanten Aspekt hinzu: Die Gefahr eines Terroranschlags in Deutschland sei vor den Bundestagswahlen in drei Monaten neu zu bewerten. Dabei stützt sie sich auf die Aussagen mehrer Sicherheitsbeamten, die von einem „Qualitätssprung der Gefährdungslage“ sprechen. Terroristen sähen in Deutschland als „schwächstes Glied der Kette“, das womöglich aus der „Afghanistan-Allianz“ des Westens „herausgeschossen“ werden könne. Gerade deshalb raten die ARD-Terrorismus-Experten Joachim Hagen und Holger Schmidt zur Ruhe: Entgegen der Meinung der zitierten Sicherheitsexperten habe sich der Grad der Gefährdung in den letzte Wochen nicht erhöht, sondern sei seit Jahresbeginn unverändert auf einem allerdings erhöhten Niveau. Wer jetzt zu ängstlich agiere, wäre Al Qaida bereits „auf dem Leim gegangen“.

Natürlich ist die Diskussion um den Einsatz, gerade nach einem aktuellen Anlässen wie dem Tod der drei Soldaten, entscheidend von einem Dilemma geprägt: tendiert man nun gegen einen Einsatz, erfüllt sich damit das vielleicht ursprünglichste Ziel des Terrorismus: einen Meinungsumschwung in der Bevölkerung zu erzielen – die Kette wäre gesprengt, die Einschätzung als schwächstes Glied hätte sich womöglich bestätigt. Dabei drängen sich Parallelen auf zum Abzug spanischer Truppen aus dem Irak nach den Anschlägen von Madrid 2004. Auf der anderen Seite ist es vielleicht gerade dann ein Zeichen von Souveränität, sich nicht von derartigen Gedankenspielen ablenken zu lassen. Und muss es nicht erlaubt sein, aktuelle Ereignisse und Veränderungen der Lage zum Anlass zu nehmen, seine eigene Haltung zu revidieren?

Was denkst du? Ändern die Bilder der toten Soldaten sowie eine neue Einschätzung der Sicherheitslage in Deutschland deine Haltung zum Afghanistan-Einsatz? Oder gilt für dich: Wer vor den Anschlägen vom 23. Juni für den Einsatz war, darf nicht wegen ein paar Toten seine Meinungen ändern? Und würde ein klares Bekenntnis einer Partei gegen den Einsatz, vielleicht sogar verbunden mit dem Versprechen eines Truppenabzugs deine Wahlentscheidung verändern?


Tags: Bundeswehr
20 Antworten

Kommentare

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    Ich bin Soldat und muss im nächsten Jahr runter.
    Meine gesamte Einheit mit der ich runter gehe, hatte die Wahl und hat immer noch die Wahl nein zu sagen und zu Hause zu bleiben. Jeder weiß das er dort sterben kann und sicher auch noch weitere sterben werden! Berufsrisiko. Das zum Thema gefallende Soldaten.

    Das was mich am meisten ankotzt ist die Tatsache das Deutschland gesetztlich gar nicht sich in diesem Krieg befinden darf. Wir dürfen uns nur Verdeidigen und das tun wir da unten nicht! Das Geld was wir da rein stecken kann man genau so gut in den Bundesnachrichtendienst stecken was sicher uns mehr vor Anschlägen schützen würde.

    Und zum Aufbau des Landes. Deutschland hat die meisten Aufbauarbeiten eingestellt, es sei denn sie sind militärisch nutztbar. Also ne Wiederaufbaueinsatz ist das auch nicht mehr.

    Aber meiner Meinung ist es nun auch zu spät.
    Ich sage dazu nur
    "Die Geister, die ich rief werd ich nun nicht mehr los!"

    09.08.2009, 22:14 von Dispatch
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    ich sehe das auch so. Das ist endlich mal Völkerrecht so angewendet wie es sein sollte - nämlich nicht um Regierungen, sondern das Volk zu schützen. Auch wenn die ISAF nicht aus reinem Humanismus gegründet wurde. Natürlich geht es um die Sicherheit in unseren eigenen Ländern - ob es um die Bomben in Pakistan oder die Terroristen sind.

    Die Nachricht von gefallennen Soldaten machen mich nichts desto trotz natürlich sehr traurig. Einmal weil sie im Kampf gegen eine unfassbar dumme und überflüssige Kraft starben, aber auch, weil ihre Opfer hier mit diesem politisch korrekten Terminologie-hickhack ob man nun Krieg sagen darf oder nicht geradezu verhöhnt werden.
    Meinen Hochrespekt für die Soldaten und Polizeibeamten die dort tolle Arbeit leisten.

    Man sollte für jeden gefallenen Soldaten 500 neue Soldaten ins Land schicken, und diesen islamistischen Tumor eleminieren. Nicht nachgeben, und stattdessen neben zivilem Aufbau auch entschieden offensiv agieren. Wer kleine Mädchen massakriert weil sie zur Schule gehen, hat nichts anderes verdient als einen grausamen Tod.

    06.07.2009, 05:49 von Jebens
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      @Jebens Mit der Argumentationslinie müsstest Du Dich mit den Taliban eigentlich ganz gut verständigen können...

      06.07.2009, 11:58 von sailor
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      @sailor ja, diese Wortwahl scheint mir echt etwas übertrieben.
      Vor allem diese allgemein gehaltene Klischeeaussage mit den Mädchen da...

      06.07.2009, 15:03 von biervernichter88
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      @fiktiv Jup, das kommt noch erschwerend hinzu... gar nicht auszudenken, wie das enden könnte!

      05.07.2009, 22:51 von Batida72
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    Die Taliban terrorisieren ein ganzes Land und haben es schon einmal geschafft, die Regierung zu stürzen und zwar gegen den Willen der einheimischen Bevölkerung. Die Welt kann nicht da neben stehen und einfach nur zu gucken.

    Es heißt, die schwächeren schützen und für sie einstehen.

    Ich bin dafür!

    05.07.2009, 22:08 von Batida72
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      @Batida72 ja, aber für diese fanatischen Gotteskrieger müsen unsere Soldaten sterben...

      06.07.2009, 01:25 von biervernichter88
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    Mal völlig unabhängig von irgendwelchen Opfern:

    Der Krieg dort ist völlig sinnlos. Einen Sinn hatte er auch nie. Erst hieß es, man will Bin Laden fangen und gegen die Terroristen vorgehen. Schwachsinn. Die Terrors sind mit militärischen Mitteln ebensowenig zu besiegen wie organisiertes Verbrechen. Und eine einzelne Person in einem riesigen, unwegsamen Land zu finden, ohne dass diese vorher die Fliege macht? Nie im Leben.


    Jetzt ist es plötzlich ein Stabilisations- und Hilfs-Einsatz oder so ähnlich, aha. Aha. AHA!
    Dummes Zeug. Dieses Land kann sich nur selbst stabilisieren und das tut es nicht. Jedenfalls nicht zum guten.

    Ich sage euch:
    wenn die Truppen abziehen, wird es nicht Lange dauern, bis das Land wieder komplett von den Taliban und Warlords beherrscht wird. Weil es aufgrund ihrere militärischen Macht gar nicht anders sein kann.

    Und ob die Alliierten dann heute oder in 10 Jahren abziehen ist für die dortigen Verhältnisse langfristig auch egal. Nur heute wäre für die Kassen der Länder und für ihre Soldaten sicher besser.

    05.07.2009, 00:24 von Frostfinger
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      @Frostfinger Ja genau, du hast vollkommen Recht. Nur dass es in 10 Jahren eben noch viel mehr tote geben würde...

      05.07.2009, 14:16 von biervernichter88
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    Ich finde es persönlich ja schon etwas merkwürdig, dass , wie Verteidigungsminister Jung sagt, ca. 65 % der deutschen Bevölkerung den Afghanistaneinsatz befürworten, dann aber dieser kollektive Aufschrei erfolgt, wenn es zu Todesfällen kommt. Das ist doch irgendwie paradox. WENN man san so einem Einsatz teilnimmt bzw. ihn für gerechtfertigt hält, muss man auch die Konsequenzen tragen. Und in einem KRIEG (und um nichts anderes handelt es sich meiner meinung nach dabei) gibt es nunmal Tote.
    Ich persönlich war von Anfang an gegen diesen Einsatz, von daher werden die Todesmeldungen meine Haltung nicht ändern, sondern eher bestätigen.
    Und warum unser Verteidigungsminister das Wor "Krieg" noch immer ablehnt, verstehe ich sowieso nicht. Sogar die Soldaten selbst gebrauchen es doch. Und die kämpfen schließlich und riskieren ihr Leben, nicht die Minister.

    04.07.2009, 17:39 von biervernichter88
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      @biervernichter88
      Die übrigen 35% reichen für einen kollektiven Aufschrei durchaus, das sind immerhin auch einige Mio Staatsbürger...

      06.07.2009, 10:13 von LudwigMartin
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      @[Benutzer gelöscht] Gut. Aber bei welcher militärischen Intervention des westlichen Imperiums in der Welt war das denn _nicht_ so, wenn man mal den WW2 weglässt. Es ist immer dasselbe Muster.

      04.07.2009, 02:09 von quatzat
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    Das Risiko, daß Leute, die mit Waffen in ein anderes Land gehen, ggf. nicht vollzählig wiederkommen, müßte bekannt sein und ist es auch.

    Deswegen war die Entscheidung damals schon eine sehr ernste und ich glaube nicht, daß irgend jemand versprochen hat, den Soldaten geschehe nichts.

    Jetzt eine Entscheidung herbeiführen zu wollen, ist panisch und unterstellt, daß sich die Entscheidungsträger zu Beginn des Einsatzes unverantwortlich in ihrer Risiko-Abwägung verhalten haben.

    Man kann eines tun: die Grundlagen des Einsatzes zu diskutieren und zu überdenken, um nicht in eine Spirale von Zwangsentscheidungen zu geraten.
    Parallel dazu, sagt faux schon ganz oben, sollte man natürlich an den Sicherheitsstandards vor Ort arbeiten.

    Es sollte jedenfalls nichts kurzfristig entschieden werden, weil dann der Nebel von Leichtfertigkeit über allem liegt - und das ist im Zusammenhang mit der Gefährdung von Menschenleben das Letzte, was verantwortet werden kann.

    03.07.2009, 14:13 von LudwigMartin
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