David-A._Busch 15.01.2013, 21:55 Uhr 35 2

Um fünf Uhr morgens in der U-Bahn gibt es keinen Veuve Clicquot

Wer einmal hautnah spüren möchte, was in diesem Land schon länger nicht mehr in Ordnung ist, steige einfach werktags um 5 Uhr morgens in die U-Bahn.

Trotz der frühen Stunde gilt es, in der U-Bahn sodann aufmerksam auf die Kleidung, auf die Schuhe, auf die Hände und vor allem in die Augen des Großteils der Fahrgäste zu schauen, die um diese Zeit unterwegs sind.

Viele dieser Mitmenschen werden so früh unterwegs sein, um Büros, Geschäfte, Restaurants und Hotelzimmer zu putzen, Alte und Kranke zu pflegen, Pakete zu liefern, Regale zu füllen, Müll zu entsorgen, LKWs und Busse zu fahren, in Küchen zu schuften und vielerlei mehr. Und man wird ihnen vermutlich ansehen können, dass ihre Sorgen nicht darin bestehen, ob sie ihren Latte Macchiato heute lieber in der „Hazelnut Soy“- oder doch eher in der „Iced Cinnamon Dolce“-Variante nehmen sollten, sondern darin, ob am Monatsende vom kärglichen Netto wohl noch so viel übrig ist, dass es irgendwie langt. Irgendwie, mehr nicht. Man wird es vermutlich geradezu mit Händen greifen können, dass sich ihnen nicht die Frage stellt, ob sie das iPhone 4S jetzt nicht wirklich dringend durch das 5er ersetzen sollten, sondern eher ob es dieses Jahr wohl für die Klassenfahrt der Kinder, die dringend notwendige Reparatur des zwölf Jahre alten Ford Fiestas und vielleicht noch einen Kurztrip an die Ostsee mit der ganzen Familie reicht.

Morgens um fünf Uhr in der U-Bahn kann man spüren, was es in der Realität bedeutet, wenn sich in einem Land auf der einen Seite fünfzig Prozent der Bevölkerung mit gerade einmal einem Prozent der Besitztümer bescheiden müssen, während gleichzeitig zehn Prozent der Bevölkerung über insgesamt mehr als die Hälfte des Nettovermögens verfügen [Quelle]. Und bei der Erstellung dieser Statistik dürfte das "liebe Schwarzgeld" in Liechtenstein, der Schweiz, Luxemburg oder Singapur wohl kaum miterfasst worden sein. Eine deutsche Supermarktkassiererin mit einem sog. "Inhaberkonto" in der Schweiz ist mir persönlich übrigens nicht bekannt.

Wenn a) bestimmte Teile der Bevölkerung - vor lauter Veuve Clicquot in der Birne, Cayenne Turbo vor der Garage, Chalet in Gstaad und Botox in der Fresse - nicht endlich begreifen, dass sie in materieller Hinsicht mehr als genug haben und dass der Neoliberalismus ein schönes Denkmodell ist, aber in der Praxis einfach nicht funktioniert und wenn b) sich daher die Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland noch weiter öffnet und zugleich c) der gesellschaftliche Konsens nicht mehr gilt, dass grundsätzlich ein jeder mit harter Arbeit und Sparsamkeit in diesem Land jedenfalls bescheidenen Wohlstand erwerben können muss, so dürfte unsere Gesellschaft für diese unverzeihliche Erosion der sozialen Marktwirtschaft einen hohen Preis zu zahlen haben.

Die Krume, in der der - viel gerühmte - „soziale Friede“ wurzelt, dürfte letztlich dünner und auch verletzlicher sein, als man etwa in Blankenese, in Dahlem, in Grünwald, in Oberkassel und auf dem Lerchesberg vielleicht gern glauben möchte.

Aber schauen wir doch - solange es noch irgendwie geht - nur weiter weg, trinken Bollinger in Kampen und wählen FDP. Et hätt ja - bekanntlich - noch immer jot jejange…

2

Diesen Text mochten auch

35 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Die sitzen tatsächlich auch gerne schon um 4.15Uhr in der SBahn. Urlaub kann man sich auch als Arbeitender leisten. UND! Manche suchen sich diese Jobs sogar aus ;)

    23.02.2013, 18:01 von Lariii
    • Kommentar schreiben
  • 0

    viel schlimmer find ich, dass diese braven arbeiter sich nicht ein taxi zum arbeitsplatz nehmen sondern ubahnfahren. zu so unchristlicher zeit. denkt mal einer an den lokführer? der ist schon seit vier wach.

    17.01.2013, 00:55 von berlin_bombay
    • 0

      Hierauf erwartest Du jetzt nicht ernsthaft eine ernsthafte Antwort, gell?

      17.01.2013, 15:01 von David-A._Busch
    • 0

      nein. ;)

      17.01.2013, 17:42 von berlin_bombay
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Du benennst Probleme zwar richtig - wenn auch am Rande der Polemik -, zeigst aber keinen Lösungsweg auf. Sicherlich ein sehr komplexes Thema, aber so bleibt es eine Anklageschrift unter vielen...

    16.01.2013, 23:54 von justanotherpicture
    • 0

      Der Text ist nicht "am Rande der Polemik", er ist eine Polemik. Und das ganz bewusst.

      Und glücklicherweise "darf" man Mißstände auch einfach mal anklagen, ohne eine Lösung zu präsentieren, zumal die Lösung in diesem Fall m.E. evident ist.

      17.01.2013, 15:00 von David-A._Busch
    • Kommentar schreiben
  • 0

    @Sailor & Topfbluemchen: Die "Überdosis Klischee" ist ganz bewusst gewählt. Manchmal braucht es halt 'ne zünftige Überdosis... ;-)

    16.01.2013, 12:24 von David-A._Busch
    • 0

      Das bringt aber irgendwie auch immer nix...

      Außer verhärtete Fronten...

      16.01.2013, 12:36 von sailor
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Nein, natürlich "brauchen" nicht alle ein iPhone. Interessant ist allein die Frage, ob es richtig ist, dass sich immer größere Teile der arbeitenden Bevölkerung nicht mehr frei für oder gegen [bestimmten] "Luxus" entscheiden können, weil die Entscheidung gegen jede Form von "Luxus" faktisch bereits für sie gefällt worden ist, wenn sie auf ihre Gehaltsabrechnung schauen.

    16.01.2013, 12:13 von David-A._Busch
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Musst Du ja auch nicht... ;-)

      16.01.2013, 12:25 von David-A._Busch
    • 0

      Völker, leert die Regale...

      17.01.2013, 09:18 von sailor
    • Kommentar schreiben
  • 2

    Ich fahr des öfteren um 5 Uhr morgens mit der S-Bahn durch die Stadt, um zum Bahnhof und dann in die Berge zu kommen.

    Was einem da begegnet läßt mich eher an dem Zustand der Gesellschaft und ihrer Gesundheit zweifeln.

    16.01.2013, 11:32 von quatzat
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 3

      Ich.


      höhöhöhö

      16.01.2013, 11:47 von quatzat
    • 2

      Ach, DU bist es...

      16.01.2013, 12:11 von sailor
    • 0

      Weil sich dein Gesicht in der Scheibe spiegelt, Quatzat?

      16.01.2013, 23:51 von justanotherpicture
    • 1

      Nee, weil da sich die Leute da so benehmen, als wären sie aus Köln.

      17.01.2013, 07:44 von quatzat
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Du meinst also, die bräuchten alle ein iPhone?

    16.01.2013, 11:06 von EliasRafael
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      »"gesellschafter" sind wir alle!«

      Nee nee nee... Da schießen ja so asoziale Parallelgesellschaften quer, die sich in selbstgewählten Ghettos wie der Hafencity verschanzen quer.

      Ich würde es gerne sehen, wenn 'die' sich auch als verantwortlichen Teil 'der Gesellschaft' verstünden...

      Egalitär statt elitär.

      17.01.2013, 09:21 von sailor
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 2

      Nee, eben nicht. Das glauben DIE. DIE halten sich ja für 'Leistungsträger' weil sie einen Haufen Geld haben und einen gutes Steuerbüro, kriegen aber die Krätze, wenn ein Kind mit Migrationshintergrund beim Töchterchen in der Klasse ist ohne ein Problem damit zu haben, daß das Söhnchen im Ausland studiert...

      DAS sind die wahren Sozialschmarotzer...

      ...


      SO. Ich kann auch Klischee...

      :D

      17.01.2013, 09:28 von sailor
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Niemand ist überflüssig. Er kann immer noch als schlechtes Beispiel dienen.

      »ein pluralistische gesellschaft sollte in der lage sein, auch mit den "extremen" strömungen abseits des mainstreams umzugehen«

      Setz aber stillschweigend voraus, das die 'extreme' prinzipiell bereit sind, sich als Teil dieser Gesellschaft zu sehen.
      WIR (du und ich) tun das in diesem konkreten Fall und hoffen, daß es umgekehrt genauso ist.
      Sollte es NICHT so sein, wird die Gesellschaft mittelfristig ein Problem bekommen und ich meine schon zu ahnen, wo die Sollbruchstellen entlanglaufen.



      17.01.2013, 10:57 von sailor
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Sach ich doch...

      17.01.2013, 12:05 von sailor
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Reicht das für eine Parallelgesellschaft?

      17.01.2013, 12:18 von sailor
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Ein bisschen viel Klischee zum Ende hin...

    16.01.2013, 07:44 von sailor
    • Kommentar schreiben

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare