TilmannKleye 17.08.2011, 03:11 Uhr 3 7

Überwach! Revolution! Kennmor schon!

Wer mit dem System fickt, lebt ruhiger. Alle Rechte bei Tilmann Kleye

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„Verstehst du?“, faucht er mit spritzendem Mund, seine Augen in meine widerwärtige Normalität stechend. „Verstehst du nicht?“, insistiert er weiterhin, „dass die uns da oben alle verarschen, dass die da oben nur unsere Kohle wollen, dass die uns kleinhalten und manipulieren, dass wir nichts als deren devote Dackel sein können, die sie eng angeleint mit einem alten, stinkigen Wurstzipfel an der Nase herumführen wollen?“
Ich kenne diese Kacke von dem Typen, ich kenne diesen Typen seit dreiundzwanzig Jahren, seit der scheiß Einschulung 1987 in einem anderen System, das entweder vom Westen übermäßig verteufelt wurde oder von anderen in nostalgischer Fernsicht ins dümmliche verklärt wurde. „Sonnenallee“ zeigte die DDR als ein sympathisches kleines Stäätele mit dümmlichen Bullen - okay, Bullen haben per se etwas Dümmliches an sich, nicht alle, gewiss, denn schlimmer noch sind die gemeinen. "Ja, die DDR..." höre ich süßsauer-seufzend. Eine DDR, deren Bevölkerung kuschlig zusammenhielt, wo Dachpappen gegen Blümchentapete und Micky Maus Aufkleber gegen zehn Alumark getauscht wurden. Die Deutsche Demokratische Republik, in welcher die Arbeiter und Bauern mit dem Hammer auf Linie gekloppt werden sollten und die Querulanten brauten sich einfach aus dem Gerste-Ehrenkranz ein schönes Saufgelage zurecht, nach welchem sie aber auch aus dem Zirkel derjenigen gezirkelt wurden, die zu den Greisen zählten, die darüber entschieden, wer in Bautzen für viele Wochen isoliert werden musste, ja, musste, da der Westen drängte, er drängelte förmlich mit seinem in Plattgold eingewickelten, von Hubschraubern eingeflogenem Rocher in den Osten, mit der Ado Goldkante über den Eisernen Vorhang winken, um dann endlich doch Benz und BMW und Bomben bis an den östlichen Pazifik verscheuern zu können. Dabei handelt es sich um die angestrebte Sogwirkung, die der Westblock auf den Osten auswirken wollte: Es sollte sich das Volk wagen, von einem System geschluckt zu werden, das es lediglich anhand vom „Traumschiff“ kannte, ein Volk, das dann auslief, in die Arme eines Kaufmanns, der nur überlegen sein konnte, weil er lange Zeit überlegen konnte, wie schön es doch wäre, die naiven „Ossis“ vollkommen anzuschmieren, egal, wie schwarz die Zukunft für die Leute aussehen werde, denn nur wer die Kohle hat, zählt was, nämlich die verdammten Scheine, um die sich auf einmal alles drehte. Viele begannen Flaschen zu drehen und wunderten sich, dass das zehnte Bier auch schon wieder leer ist.
„Verdammt“, schnauzt Clemens, der immer eine Ecke nachdenklicher war, der immer etwas vernünftiger war, als der Rest, doch geholfen hat es ihm nicht. „Verdammte Scheiße, verstehst du? Google kauft Motorola, das ist ganz so, wie der liebe scheiß Gott, der bisher nur lesen und Klicks sammeln durfte nun auf einmal auch noch weiß, was du mit wem, wann und wo jemals gesprochen hast.“
Mit dem „Ich habe doch nichts-zu-verbergen-Scheiß“ kann ich ihm nicht kommen. Dafür kenne ich mich selbst nur allzu gut. Ich schrieb eine Menge peinliche Mails, informierte mich ausführlich über Hämorrhiden und bestellte einmal sogar eine Penis-Extension, die ich aber nur selten anzog.
Also sagte ich, so ruhig ich konnte - und Ruhe bewahren ist schwer bei einem, der zugeknallt mit drohender Faust von dem Scheiß rumschreit, der um uns herum abläuft, uns aber verdammt noch mal scheißegal ist, weil uns keine Meldung mehr umhaut. Wenn eine Labrador-Hündin einen Klon von Adolf Hitler gebären würde, würden wir „aha“ sagen und dann unsere E-Mails checken. Obwohl er Recht hatte, sagte ich ihm:
„Wer soll uns denn sonst regieren? Einer wie du etwa? Ein passionierter Idealist, der den Weltfrieden will, letztendlich aber vergisst, dass der Mensch an sich ein Vieh ist, dass ficken, unterdrücken, aber sich auch unterwerfen will, der Mensch, mit dem Untier in sich, das, wenn es die Freiheit hätte, so vielen Leuten die Kehle durchschneiden würde, wie er nur kann. Der Mensch als Hamster, der besitzen muss, der Pfau, der schillernder sein muss als alle anderen, der Getretene, der die gesamte Scheißwelt mit einer Feuerwalze überziehen würde, bloß weil ihn die Niedertracht des Menschen derart ankotzt, dass er keinen dieser Spezies noch am Leben wissen will?“
Er war außer sich. Und doch verstand er, was ich sagen wollte: Dass es sehr wohl Gut und Böse gibt und vor allem, dass im Guten, das Böse wohnt und im Bösen immer ein Stück das Gute.
„Verdammt. Wir kommen hier echt nicht mehr raus aus der Nummer. Denn wenn du weißt, dass einer alles über dich weiß, dann, dann...“
„Ja“, sagte ich, „dann schrumpft dein Sack gehörig. Doch derjenige, der alles von dir weiß, ist doch ein noch größerer Drecksack als du selbst. Wenn sich einer für all deine Geheimnisse interessiert, dann tut er dies, um dich zu erpressen, dich in der Hand zu haben. Einer, der in der Hierarchie weit über dir steht, kann dich auf jeden Fall alle machen, dich in den Selbstmord treiben. Doch ich sage dir, ein solcher hat die verdammte Faust des Teufels im Arsch.“
„Genau, das ist gerade die Sache der Presse, die vierte Macht im Staat, die Bilder druckt, von Politikern, die aus der Reihe tanzen. Magazine, die ihren Einfluss auf Entscheidungen durch Informationen erhöhen wollen.“
„Mir aber ist das egal. Ich bin frei von Machtstreben. Ich bin nicht sonderlich gierig. Ich hänge nicht übermäßig an materiellen Dingen, die zu einem Leben eines normalen Menschen gehören. Normal, wie du mich vorhin nanntest, ist nämlich keiner. Die Konzerne und die Politik denken, wir seien eine träge Masse, die den Arsch nicht hoch kriegt. Viel eher braucht es nur einen Charismatiker, eine Truppe von guten Denkern und Lenkern und widerum eine Gruppe von Charismatikern, die twittern: „Heute Abend brennt aber endlich der Scheiß Reichstag!“
„Ja, der Reichtagsbrand! Was ist, wenn die gesamten Überwachungstechnologien in die Hände vom politisch extremen Rand gerät?“
„Nun Junge, aus diesem Grund ist Revolution nichts mehr für mich. Mein Leben ist mit meinem Mädchen abends „Topmodel“ schauen, nebenbei unsere Pasta zu essen, um dann beim Einschlafen leise zu machen, damit unsere Kleine nicht geweckt wird.“
Der Blick meines alten Freundes entspannte sich, er zündete sich mit sanfter Miene eine Camel an und sandte einen Wunsch in den Sommerhimmel, als eine Sternschnuppe funkte.

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3 Antworten

Kommentare

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    Vielen Dank für die Blumen...

    17.08.2011, 13:49 von TilmannKleye
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    nor!

    17.08.2011, 12:15 von Der_Misanthrop
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Wie siehst du das, Stefan Bachmann?

    Jeden Mittwoch interviewen wir NEON-Fotografen oder Illustratoren. Auf unsere 10 Fragen dürfen sie uns nur mit Bildern antworten.

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