cochise 22.09.2006, 00:33 Uhr 7 2

Sind wir nicht alle ein bisschen Hitler?

Über die Unsitte, unpassende Hitlervergleiche zu ziehen und anderes

"Bush ist der neue Hitler," so sagte neulich jemand in einer Veranstaltung am und zum 11. September. "Der Papst wird in die Geschichte in dieselbe Kategorie wie Mussolini und Hitler eingehen," meinte unlängst ein türkischer Politiker. Also kurz gesagt: Bush = Hitler und auch Benedikt = Hitler. Nebenbei: Weil wir jetzt ja (laut Bild-Schmierblatt) Papst sind, sind wir also alle auch irgendwie ein bisschen Hitler, und damit auch ein bisschen Bush.

Ja, wer wurde innerhalb der letzten 10 Jahre nicht mit Hitler verglichen? Neben Bush und Ratzinger, den beiden letzten Fällen, die mir begegnet sind, waren dies auch noch mindestens: Saddam Hussein, Slobodan Milosevic, Ariel Sharon und Mahmud Ahmadinedschad, aber sicher noch ganz viele andere auch. Und dazu kann ich nur eines sagen: keiner dieser Menschen ist Hitler. Hitler ist ganz alleine Hitler. An die Taten, die von ihm, unter ihm und in seinem Namen geplant und durchgeführt worden sind, kommt niemand heran, glücklicherweise möchte man sagen. Die angekündigte und industriell geplante und durchgeführte Massentötung von Millionen von Menschen aufgrund Kriterien, die aus irgendwelchen Wahnvorstellungen resultierten und zugleich das Beginnen eines Krieges, der Abermillionen das Leben kostet - das haben werden Saddan noch Bush, weder Sharon noch Ratzinger getan. Sie mit Hitler auf eine Stufe zu stellen, verharmlost ihn, hebt ihn fast schon in eine grausame Ebene der Normalität, des sich ständig wiederholenden, und das darf nicht sein. Wenn Bush Hitler ist, dann ist Hitler auch Bush, und das macht ihn harmloser als er war, viel harmloser.

Sicher, auch Stalin, Mao und Pol Pot haben Abermillionen Tote zu verantworten, aber ich werde das hier nicht gegen Hitler aufrechnen oder so, denn Tote kann man nicht miteinander aufwiegen. Es gab viele verbrecherische Staatsmänner auf diesem Planeten und es wird viele weitere geben, es gab äußerst blutrünstige Verbrecher und Geisteskranke unter ihnen, und doch sehe ich Hitler und das Dritte Reich bislang als einmalige Steigerung aller Perversion an, die sich Menschenköpfe ausdenken konnten. Vielleicht wird die Geschichtsforschung mir irgendwann unrecht geben, aber wie dem auch sei: ich hoffe inständig, dass sich etwas wie der Holocaust, die industrielle Tötung von Menschen, niemals wiederholen wird. Und darum verbitte ich mir auch diese ständigen Hitlervergleiche, wenn ein Staatschef mal wieder durchdreht. Ja, es passiert viel schlimmes, aber bisher noch in einer anderen Dimension, auf eine andere Weise.

2

Diesen Text mochten auch

7 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Gebe dir allgemein recht - das aber niemand an Schandtaten an Hitler rankommt, stimmt so nicht... da gab es noch andere..aber über die wird eben nicht geredet

    28.08.2007, 15:57 von Wolkenschaf
    • Kommentar schreiben
  • 0

    wohl wahr.
    neuerdings sogar auch unglückselige katzen, die einen schwarzen fleck unter der nase haben...

    11.01.2007, 21:54 von Blumengaenschen
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Hat schon Pispers gesagt "Unsere Intellektüllen messen alles nur noch in Hitler, darunter geht garnichts mehr".
    Das gleiche gilt für alle Politker. Die Tatsache das man Hitler losgeworden ist, überschattet halt doch die Gefährlichkeit der heutigen Diktatoren.
    Deswegen ist alles und jeder Hitler.

    Der einzige passende Hitlervergleich ist die Antwort auf den Satz "Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten". Denn das hat schon Hitler gesagt.

    28.09.2006, 23:27 von malllen
    • Kommentar schreiben
  • 0


    Viele der heutigen Vergleiche sind dermaßen unpassend, dass man sich ernsthaft überlegt, was der "Vergleichende" für eine Bildung genossen hat und ob er überhaupt nachdenkt, bevor er etwas schreibt, sagt und andersweitig artikuliert.

    Deswegen kann man diesem Artikel nur zustimmen.

    23.09.2006, 21:27 von bibliophile
    • Kommentar schreiben
  • 0

    ich kenne sogar eine alte, die so genannt wird. in diesem sinne: vielleicht.

    22.09.2006, 11:45 von NeonBlond
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Noch heute fühlt sich Deutschland verpflichtet, das damals Geschehene gut machen zu müssen. Sei es politisch, sei es wirtschaftlich. Und DAS nervt. Man muss mit der Vergangenheit auch abschließen können. Niemand kann jemals gut machen, was damals geschah.

    22.09.2006, 10:36 von Geistesblitz
    • 0

      @Geistesblitz word!

      22.09.2006, 10:39 von Coogar
    • Kommentar schreiben

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
14. Mai 2012

NEON-Apps für iOS und Android

Neueste Artikel-Kommentare