samoainsel. 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 1

Sicherheitsnadel.

In ihrer Ahnungslosigkeit, ihrer Boshaftigkeit, ihrer Haltlosigkeit. Die Unsicherheit. Meine ewige Konstante.

Ein zartes Gemisch aus dunkelrosa und gelb gefärbten Wolken tüncht den Himmel in ein warmes Licht, und scheint vorsichtig durch die altbackenen Vorhänge.
Vorsichtig streicht deine kleine Hand über mein verschlafenes Gesicht. Meine Augen sind verklebt, der Schlafsand sitzt zwischen meinen Wimpern und fordert sie ahnungslos dazu auf, geschlossen zu bleiben.
Als sich meine nackten Füße ihren Weg zurück unter die Bettdecke bahnen, spüre ich das feste, schwarze Leder deiner klobigen Schuhe, die dich an den Boden der Realität fesseln, als hätte dir jemand deine Füße in Beton gegossen.
Auf deiner linken Schulter ist die Mütze mit einer Sicherheitsnadel befestigt, jeder Hemdknopf ist geschlossen, das helle Beige deiner Uniform leuchtet auch im Dunkel des Zimmers unaufgefordert in mein Gesicht.
Endlich öffne ich meine Augen. Traurig und müde siehst du mich an.
Von rechts und links höre ich leise Atemzüge, ein kleines Rascheln, ein dumpfes Husten. Wir sind nicht allein.

Du hältst mich, und sagst, dass du mich liebst.

Beharrlich und ungefragt tickt der Uhrzeiger gegen unsere Köpfe, und lässt die Sekunden aufprallen wie Zeitbomben, die jeden gemeinsamen Moment mit Wehmut, Angst und Hilflosigkeit infizieren.

Mein Herz hat meinem Kopf den Kampf angesagt. Eine Armee überdimensional großer Fragezeichen rast durch meinen Körper, als hätten sie ihr Ziel vergessen.
Unkontrolliert rennt die Vernunft gegen eine Wand der Gegensätze, hämmert auf Gefühle ein, als seien sie formbar wie ein Stück weiche Knete.

Du bist ein Gefangener im eigenen Land.
Irgendwie.
Mit gebundenen Händen verpflichtet, drei Jahre deines Lebens deinem jungen Staat zu widmen, während du Tag für Tag in einer Bibliothek verbringst, und deine Aufmerksamkeit Offizieren, Kommandanten und anderen Soldaten schenkst.

“The most unimportant Soldier in the Idf“ - Dass du dir selbst einen Orden für den wohl unwichtigsten Soldatenposten innerhalb der israelischen Armee gegeben hast, erwähnst du meist mit einem müden Lächeln und einem Funken Ironie in deinem zarten Gesicht.

2 ½ Jahre. Schrill und eindringlich wird dich der automatische Weckdienst deines nie ruhenden Mobiltelefons wecken, mit anderthalb Löffeln Neskaffee ohne Zucker und einem Schuss H-Milch wirst du den Tag überleben, und nach einer auslaugenden Woche mit einer großen Portion Schlafnachholbedarf in aller Regelmäßigkeit in das Wochenende übergehen. Zweieinhalb verbleibende Jahre lang.

3 Monate. Manchmal höre ich das nervtötende Geräusch der noch trockenen Cornflakes, die meine Mitbewohnerin in frühen Morgenstunden zwischen ihren Zähnen zermalmt. Meist jedoch weckt mich ein fröhliches Vogelzwitschern in den ersten Mittagsstunden, in denen ich mich gemütlich aus den Federn mache, um mir mit Zeit und Ruhe einen ersten Kaffee und eine heiße Dusche zu gönnen. Der Tag beginnt mit einem meist semi-appetitlichen Mittagessen und lässt mir in den verlaufenden Stunden viel Raum für mich. Stress, überfüllte Stundenpläne und Zeitdruck haben sich in den vergangenen 9 Monaten als Freiwillige in einem israelischen Internat eher zurückgehalten. In einer surrealen Wirklichkeit habe ich mich von Urlaub zu Urlaub, und Wochenende zu Wochenende gehangelt. Erfahrungen gesammelt wie andere Briefmarken, Bilder in Worte konvertiert, wie andere Musikstücke von Cd in Mp3.
Menschen, Sprache und Religion verstehen und missverstehen gelernt.
Deine Mitmenschen, deine Sprache, deine Religion.
Dein Land. Ein Jahr Israel.
Drei verbleibende Monate.

Während meine Gedanken rückwärts spulen hältst du mich, und sagst, dass du alles tun wirst, um mich nicht zu verlieren.

Dreitausend Kilometer. Während ich noch immer auf der vollgekrümelten Matratze unter der blauen Bettdecke liege und du bei mir bist, bahnt sich ein Gefühl der Distanz vorsichtig seinen Weg zu mir, um sich wie ein wärmender Schutzmantel um mich zu legen. Irgendwo, im Weitweitweg Land liegt meine Zukunft und wartet auf mich. Sehnsüchtig, wehmütig, neugierig.

Erfolgreich habe ich vor neun Monaten die Pausetaste gedrückt, mit der Absicht, meinen Mitmenschen, meiner Sprache, meiner Religion, meinem eigenen Land nach einem Jahr mit einem Neustart begegnen zu können.

Neue Stadt, neues Umfeld, neuer Abschnitt.

Mein Leben war schon immer gut darin, sich ganz von selbst in Kapitel zu gliedern.

Die unruhigen Wellen der Ablenkung werden mich schlagartig überfluten, Erinnerungen werden untergehen, und es sich am Grund meiner Gedanken gemütlich machen, in freudiger Erwartung auf die Ruhe nach dem Sturm, in der manche Bilder wieder auftauchen werden, um mir ein Lächeln ins Gesicht zu malen.

Wieder ein Mal werde ich auf einem Drahtseil balancieren, auf wackeligen Beinen über die eckigen Pflastersteine hüpfen, konzentriert darauf, nicht über die matschigen Herbstblätter zu stolpern, während ich die dreckige Pfütze links daneben übersehe.

Die Unsicherheit hat mich selten bedrängt. Sie war nichts als meine ständige Wegbegleiterin. Manchmal unfair, in ihrer Ahnungslosigkeit. Manchmal herrisch, in ihrem Geschick, mich an der Nase herumzuführen. Manchmal boshaft, wie sie mit der Freiheit und meinen inneren Grenzen jongliert, ohne mich in ihr Spiel einzubeziehen.

Den erhofften Boden unter den Füßen weggerissen, bevor er hätte Wurzeln schlagen können.

Und doch.
Anwesend. Präsent.
In ihrer Ahnungslosigkeit, ihrer Boshaftigkeit, ihrer Haltlosigkeit.
Die Unsicherheit. Meine ewige Konstante.

Mein Leben, ein einziger Kampf der Gegensätze.

Plötzlich strecke ich meine Hände nach ihr aus. Bedränge jene Unsicherheit, vor der ich einst die Flucht ergriff.

Du hältst mich, und sagst, dass du mich liebst.

Zeitweilige Geborgenheit, Zuflucht und Ruhe, die ich in deinen Armen finde.

In einem Land, umzingelt von Armeen der Unsicherheit, bewaffnet mit tonnenschwerer Unberechenbarkeit.

Du suchst nach einem Grund, der dir bleibt, wenn dir der Boden unter den Füßen weggezogen wird, fragst nach einem Halt, der dir bleibt, wenn uns dreitausend Kilometer voneinander trennen.

Spürst du nicht, dass die Unsicherheit am Rand der anderen Bettkante lauert, gespannt auf den Moment, in dem ich deinen routinierten Alltag und deine beständig unsichere Umgebung verlasse?
Dein Land der zerreißenden Gegensätze, die drohen, dich innerlich aufzufressen.

Wie kann ich dir die haltende Hand reichen, wenn ich zugleich nach der Unsicherheit greife, die mich zurück in den Strudel der Orientierungs- und Bedingungslosigkeit führen soll?

Die Geborgenheit und Sicherheit die du dir wünschst, droht, mich einzuengen.
Die schweren Stiefel, die deinen Körper auf den Boden deines Landes zwingen, die Pflicht, die von dir verlangt, dem Kampf zwischen täglicher Armeemonotonie und der angsteinflößend unsicheren Umgebung Stand zu halten, verwehrt dir den langfristigen Blick in die dreitausend Kilometer entfernte Nähe zu mir.

Du brauchst mich nicht. Du sollst mich nicht brauchen.
Standhaft sträube ich mich dagegen, unsere Verbindung in eine Abhängigkeit zu verwandeln.

Du bist nicht allein.
Infiziert von einer Leidenschaft zu mindestens 90 Minuten des grenzenlosen Enthusiasmus bewegst du dich von Woche zu Woche, von Sieg zu Niederlage, von Fußballspiel zu Fußballspiel.
Da ist sie wieder. Die sichere Unsicherheit.
Ganz egal, ob Gewinn oder Verlust. Ob Freuden- oder Trauertränen. Am Ende steht die Gewissheit der Wiederkehr, die Sicherheit, in der folgenden Woche am gleichen Ort zu stehen, Parolen zu schreien, gemeinsam mit Freunden zu trommeln, zu jubeln oder zu weinen.
Du hast etwas gefunden, das es Wert ist, zu teilen.

Noch immer ist es dunkel.
Die Verzweiflung steht dir ins Gesicht geschrieben. Sie scheint so unwiderruflich.
Ich will dich rufen, dir zuflüstern, dich anschreien, wach rütteln.

Wortlos.

Fühlst du nicht die Stolpersteine, die sich zwischen uns auf den Weg gelegt haben, und meine Zunge sprachlos machen?

Ich will dir sagen, wie glücklich ich bin, wenn du mich ohne große Worte verstehst.
Will dir zuflüstern, dass es wie Musik in meinen Ohren klingt, immer dann, wenn du Hebräisch sprichst.
Will dir erklären, wie gern ich eine Muttersprache mir dir teilen würde, um die dünne Wand der gefühlten Distanz zu zerschlagen.

Will dir sagen, wie dankbar du mich machst, wenn du mir sagst, dass du mich liebst.

Ich stehe zwischen den Stühlen. Falle auf den Boden der Tatsachen wie ein kleines Kind, das begonnen hat, die ersten Schritte zu gehen.
Was fühlst du, wenn du in die großen Augen eines kleinen Kindes blickst, das abwesend vor sich hin träumt, oder mitten im Leben steht und seine Umgebung mit Geschrei, lautem Lachen und einem fröhlichen Grinsen erfüllt?
Meist schmilzt du in Sekundenschnelle wie ein buntes Eis, das zu lang in der Sonne stand, und sich langsam in klebrige Flüssigkeit verwandelt.
Strahlt sie dich an, die Unschuld und unbeschwerte Leichtigkeit? Macht sie dich sehnsüchtig, und irgendwie - hoffnungsvoll?

Kurz bevor die Sonne den Himmel küsst, und die Strahlen aus dem verschwommenen Morgennebel auftauchen, lässt du mich los.

Stehst in der Tür zwischen mir und alltäglicher Wirklichkeit, als dir die ersten Tränen über die Wangen laufen.

Eilig schleichen meine Füße über den kalten Boden, haben die angewärmte Bettdecke in Windeseile verlassen, um dir die fließenden Tränen aus dem Gesicht zu streichen.
Weil ich dich halten will. Dein Gesicht in meinen Händen.

Die Sprachlosigkeit in ein fließendes Verständnis, die Distanz in eine ungeteilte Nähe zu verwandeln, ist es das, was ich mir wünsche?

Es ist das, wonach ich mich sehne, wonach ich mich orientierungslos umschaue, wonach ich greife, während ich nur ins Leere fasse.

Du hast gesagt, du wirst lieber abgelehnt, als abzulehnen.
Ich will dich nicht ablehnen.

Du hast gesagt, wir werden eine Lösung finden.
Du hast nicht gesagt, dass sie schmerzen wird.

Ich halte dich, und sage, dass ich dich liebe.

Ich meine, was ich sage, und fühle, dass du es wert bist, zu teilen.

1

Diesen Text mochten auch

0 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  •  

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare