Sebush 28.03.2007, 03:09 Uhr 25 2

Rauch im Kopf

Raucher sind die derzeitigen Lieblingsopfer. Die allgemeine Stimmung ist zum fürchten. Ein Plädoyer gegen Rauchverbote in Kneipen und Cafés.

Neulich beobachtete ich folgende Szene beim Italiener. Ich aß friedlich Pasta, als sich ein paar Tische weiter ein anderer Gast eine Zigarette anzündete. Was kam, hätte er vermutlich sogar ahnen können: Ein anderer Essender schoss aggressiv hoch und forderte ihn mit bebender Stimme auf, seine Zigarette sofort zu löschen. Sein Rauchen sei Körperverletzung für die Umsitzenden. Glücklicherweise hat der Raucher keinen Widerstand geleistet. Tja, those dancing days are gone.

Wenn man in diesen Tagen gegen Rauchverbote ist, muss man sich auf aggressive Reaktionen gefasst machen. Das habe ich selber bereits schmerzlich erleben müssen. Denn Raucher sind gerade die Lieblingsopfer der sich als bessere Menschen Fühler. Ich persönlich gehöre zu den Leuten, denen schnell mulmig wird, wenn alle anderen ins gleiche Horn stoßen. Dafür habe ich mich selbst oft genug gemeinsam mit der Mehrheit geirrt. Einige Beispiele: Rinderwahn? Nichts ist passiert. Uranmunition im Kosovo? Keine messbare Strahlenbelastung. Brent Spar? Vollkommen ungefährlich. Vogelgrippe? Was war das noch mal? Und das Waldsterben hat es auch nie gegeben.

Ich war – wie die meisten - bei all diesen Schreckensnachrichten und –szenarios auf der Seite der Guten. Also derjenigen, die sich moralisch echauffierten und sich über die Unmoral der Konzerne, der Herrschenden und der Gesellschaft aufregten. Wenn ich ehrlich zu mir selber bin, habe ich mich da ziemlich häufig geirrt. Und die einzig logische Konsequenz aus all diesen Irrtümern ist es, kritisch zu sein. Kritisch gegenüber Themen, die urplötzlich Konjunktur bekommen.

Zurück zum Thema. Raucher sind also die legitimen Nachfolger von Shell, Armee und Waldkillern. Denn Passivrauchen ist hoch gefährlich. Das weiß jeder. Wikipedia spricht von in Deutschland jährlich mindestens 3300 toten Nichtrauchern und ahnt, dass es in Wirklichkeit noch viel viel mehr seien. Erschreckend! Witzigerweise sind aber alle diese zitierten Studien eines nicht: Wissenschaftlich signifikant. Es mag erstaunlich klingen, aber schenkt man den Worten von Professor Beda Stadler, Direktor am Institut für Immunologie der Universität Bern, Glauben (siehe Link), dann ist die Gefährlichkeit von Passivrauchen keineswegs nachgewiesen. Das ist irgendwie überraschend.

Persönlich kann ich mir nicht vorstellen, dass Passivrauchen positiv sein sollte. Im Gegenteil, vermutlich ist es tatsächlich schlecht für die Gesundheit. Doch wenn trotz des bisher großen Forschungsaufwandes die Schädlichkeit nicht nachgewiesen werden konnte, scheint mir die einzig logische Schlussfolgerung zu sein, dass es bei weitem weniger problematisch ist, als es die meisten denken.

Nun könnte man argumentieren, dass es ja ausreiche, wenn Passivrauchen auch nur ein bisschen gefährlich wäre. Auch eine geringe Gefährdung müsse man ausschließen. Das sehe ich nicht so.

Was viele Leute vergessen, ist, dass wir uns hier in einem Spannungsfeld zwischen Schutz und Freiheit befinden. Wenn Risikovermeidung das einzige Gut wäre, müsste man auch das Autofahren verbieten – 5094 Menschen sind 2006 in Deutschland im Straßenverkehr gestorben. Allerdings wäre ein Fahrverbot nicht nur wirtschaftlich tödlich, es würde auch die Bewegungsfreiheit der Menschen empfindlich einschränken. Wenn Menschen rauchen möchten, sollten sie dazu in der Lage sein. Auch in Kneipen.

Ganz abgesehen von den vermutlich gar nicht so schlimmen gesundheitlichen Folgen sehe ich ein, dass sich viele vom Zigarettenrauch schlicht gestört fühlen. Die Kleidung riecht nach Barbesuchen tatsächlich kaum angenehm. Doch statt mit Verboten zu hantieren, wären andere Lösungen viel pragmatischer. Man könnte an Kneipen und Bars Rauchlizenzen versteigern. Der Staat könnte festlegen, dass nur in einem Drittel der Orte geraucht werden darf – und dann müssen die Besitzer halt um die Erlaubnisse bieten. Die Einnahmen könnten in die Krankenkassen fließen, dann könnte man sogar die Lohnnebenkosten leicht senken. Eine andere Möglichkeit wäre die Zwangsinstallation von guten Abluftanlagen. Die Konzepte sind also da.

Ich sehe nicht ein, warum ohne vernünftige wissenschaftliche Grundlage die Freiheit von so vielen Leuten eingeschränkt werden sollte. Die vielen Ausnahmeregelungen, die auf Länderebene getroffen werden, sind ein Lichtblick.

Ich bin gegen generelle Rauchverbote. Ich bevorzuge Pragmatismus vor Prohibition."Wichtige Links zu diesem Text"
Artikel von von Professor Beda Stadler aus der Weltwoche

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25 Antworten

Kommentare

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    ich bin auch gegen ein generelles rauchverbot, ich finde es sollte einfach eine mischung aus rauchfreien cafés und discothecen geben und umgekehrt. aber deine argumentation is hier wirklich nich stringent. rauchen is nun mal bewiesen gefährlich. rauchen verursacht lungenkrebs. es rauchen schon lange genug leute sodass dieses gebiet genau erforscht werden konnte. ich rauche selbst gern und viel. aber nur solange es niemanden stört. und rauchen mit bse zu vergleichen nun ja das hinkt dann doch gewaltig.

    28.12.2007, 13:16 von nenn.mich.julle
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    Da Stimme ich Dir mal voll und ganz zu. Eine Lizenzvergabe kann unter anderem auch den Ausstieg schrittweise ermoeglichen.
    Aber das ist mal wieder die Problematik mit dem Hammer - ploetzlich sieht alles aus wie ein Nagel...

    29.06.2007, 13:34 von choon
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    Hallo schlechtes Kind:

    Massenmeinungen sind mir grundsätzlich zuwider. Ich muss richtig aufpassen, den Klimawandel nicht für Humbug zu halten, da ja inzwischen wenigstens bei uns alle von der Notwendigkeit zum Handeln überzeugt sind. Gerade, wenn Leute ihre Meinung aggressiv vertreten, stelle ich mich da mit Vorliebe gegen.

    Das zur Psychologie.

    Und Naiv: Ach Mensch, ich glaube doch nicht alles, was ich schreibe. Es geht mir um Gegenmeinungen in dieser fürchterlichen Einheitsmeinungssoße. Mir ist schon klar, dass ich die Forschung sehr einseitig zitiert habe, aber das macht die Gegenseite ja auch.

    01.06.2007, 17:19 von Sebush
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    ah ja @taekwon: da hast du vollkommen recht. jeder raucher weiß, wie schädlich der mist ist und interessieren tut es kaum einen.

    @sebush: interessant dass du nichtraucher bist und trotzdem so sehr gegen ein rauchverbot.. das sollte man mal psychologisch analysieren

    01.06.2007, 13:43 von enfant.terrible
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    ich muss mal sagen dass die nichtraucher sich meiner meinung nach zu einer übertrieben militanten horde zusammenrotten und einen rabatz machen, der dem thema gar nicht angemessen ist. ich finde totales rauchverbot blöd und den artikel gut, auch wenn er vielleicht etwas zu gutgläubig ist. ich rauche gern da wo es mir beliebt und möchte das auch weiterhin tun.

    01.06.2007, 13:32 von enfant.terrible
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    danke!
    das mit den rauchlizenen find ich ne gute idee

    21.05.2007, 17:55 von Schnittlauchschnitte
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    Hey, Sebush, schön, wie Du Deine Enwicklung beschreibst. Du mußt nur aufpassen, daß Du nicht wieder in eine ähnliche Falle der Meinungsbildung tappst: die der grundsätzlichen Abeigung (statt nur Skepsis) gegen Trend-Meinungen.

    In dem Fall bin ich Kaddas Ansicht hinsichtlich des Arbeitnehmerschutzes. Zudem stärkt mich in meiner Haltung die Erfahrungen anderer Länder mit ihren Rauchverboten, daß es anscheinend irgendwie funktioniert.

    Mit den Lizenzen einher geht eine gewisse Ungleichheit: Kneipen, die es sich leisten können; Regionale Verteilungen; und das Prinzip, daß der erste zuerst mahlt.
    So funktioniert zwar im Allgemeinen die Wirtschaft, aber es ist nicht das Ziel des Staates, Ungleichheit zu fördern. Und andererseits steht am Ende des 2/3-Kontingents wieder ein Rauchverbot - eines, welches viel weniger zu rechtfertigen ist als das generelle.
    Prinzipiell könnte man auch einfach die Steuerschraube anziehen - ohne Kontingent: die Nachfrage nach bezahlbaren Kneipen regelt dann die Rauchfreiheit.

    Aber so oder so gibt es letztlich prinzipiell Arbeitnehmer im Rauch. Von den mehreren Studien glaub ich die, die ich für wahrscheinlicher halte. ;-)

    Aber in einem geb ich Dir recht: Raucher-Bashing ist scheiße. Es tut mir leid, daß es notwendig ist, dieses Gesetz gegen sie durchzusetzen.
    Aber ich finde es notwendig.

    10.04.2007, 18:13 von LudwigMartin
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    Da hat der Wulff in Niedersachsen Deine Idee anscheinend gesehen. Jede Kneipe kann einfach ein Schild an die Tür hängen und sagen: Hier wird (nicht) geraucht. Und wird dafür verklagt, weil die Tabakindustrie ihn bestochen habe.

    Ich, als Nichtraucherin, bin gegen Rauchverbote. Wir sind alle mündige Bürger und können nachdenken und mit den Füßen abstimmen.
    In den meisten Firmen herrscht schon lange Rauchverbot außer im Raucherzimmer. Dauernd die Wände zu streichen wird einfach zu teuer. Wenn in einer Firma aber nur Raucher arbeiten, muß man die zwingen, vor die Tür zu gehen? Kommt dann ein Nichtraucher hinzu und keiner nimmt Rücksicht, ist der Arbeitsplatz wahrscheinlich auch sonst nicht der tollste.

    Jeder sollte selbst entscheiden können, mit Kindern in ein Nichtraucher-Restaurant zu gehen und mit der Bowlingtruppe dann in die Raucherkneipe. Schließlich tragen wir nicht Einheitskleidung, können Alkohol trinken oder auch nicht und fahren unterschiedlich sichere Autos.

    04.04.2007, 18:43 von SisterofEvil
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