Jakob_Schrenk 04.02.2013, 12:10 Uhr 91 2
NEON täglich

Politik Macht einsam

Hast du Mitleid mit Politikern?

Gestern habe ich die Dokumentation „Herr Wichmann aus der dritten Reihe“ gesehen. Ich weiß, ich bin spät dran. Der Film ist nicht nur unfassbar witzig, er zeigt vor allem, wie hart das Leben eines Politikers ist. Wichmann arbeitet nach eigenen Angaben zwischen zwölf und vierzehn Stunden am Tag, das scheint auch wirklich zu stimmen, wenn Regisseur Andreas Dresen die Zuschauer nicht mutwillig täuschen will. Man sieht Wichmann gelegentlich beim Routine-Abstimmen im Landtag, einmal hält er auch eine Rede, den größten Teil des Tages ist er aber im Auto unterwegs, um von Bürgertreffen zu Bürgertreffen zu reisen, er befasst sich mit dem Schicksal des Schreiadlers, der vermutlich unzufrieden sein wird, wenn Radler zu nahe an seinem Nest vorbeifahren, trifft meckernde Unternehmer, die sich darüber beklagen, dass die Jugendlichen nicht mehr gut rechnen können und befasst sich mit dem Problem, dass im Kleinstbahnhof Vogelsang der Zug zwar hält, um den Gegenzug abzuwarten, sich die Türen aber nicht öffnen, weil es keinen Bahnwärter mehr gibt, der das korrekte Aussteigen überwachen könnte.

Herr Wichmann bekommt dafür 4.500 Euro Brutto, er muss davon 20 – 30.000 Euro für den nächsten Wahlkampf ansparen, außerdem monatlich 400 Euro Mitgliedsbeitrag an die  CDU zahlen – am Ende kommt ein wirklich lächerlicher Beitrag raus, der ihm zur Verfügung steht. Gestern stand ja auch in der WELT, dass über 4000 EU-Beamte mehr verdienen ans Angela Merkel. Von Merkel wiederum weiß man ja, dass auf ihr nicht nur das Schicksal Deutschlands und ganz Europas lastet, sondern sie auch nur vier Stunden pro Nacht schläft und den Rest mit Arbeit verbringt.

Gleichzeitig hört man ja immer wieder, was für unfähige, faule, korrupte, zynische und dumme Politiker wir alle haben. Was mich zu der eventuell etwas naiv klingenden Frage bringt: Haben unsere Politiker nicht viel mehr Respekt verdient? Wie könnte man das, was Herrn Wichmann aus der dritten Reihe antreibt, denn anders bezeichnen als puren Idealismus? Wieso ist es eigentlich so en vogue, über Politiker zu schimpfen? Und was sind das eigentlich, eurer Meinung nach, für Menschen, die sich diesen Job antun, und dafür anscheinend weder ein angemessenes Gehalt noch Anerkennung erwarten?

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91 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Mitleid wäre übertrieben, aber ich denke das der Job zuweilen sehr undankbar und trist ist. Aber die Highlights werdens aufwiegen, man ist ja Teil einer Sache, die gut ist.

    04.02.2013, 20:14 von Boahmaschine
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    Politik Macht dumm

    04.02.2013, 19:29 von RAZim
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    'en vogue', 'Mainstream', wie auch immer..


    Ist 'Das Schimpfen über Politiker' "en vogue"? Ich lach mich schlapp! Ich bekomm so etwas gar nicht mit.

    Ich habe mit niemandem Mitleid, wenn er sich das, was er tut, aussuchen und jederzeit ändern kann.

    04.02.2013, 19:07 von Tora
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  • 2

    hab grad ein wenig wein getrunken und fühl mich wie rainer brüderle - also einsam. können wir da nicht einfach ein bisschen über sex reden?

    04.02.2013, 19:03 von magnus
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  • 0

    Nur so als Präzisierung: Der Landtag Brandenburg, zu dem Hr. Wichmann gehört, spricht hier (http://www.landtag.brandenburg.de/de/infothek/glossar/396238) von steuerfreien Entschädigungen, die teils pauschal, teils auf Antrag gewährt werden, wenn ich das so über den Daumen peile, kommen da auch noch einmal 1000-1500 €/Monat zusammen, von denen oben nichts erwähnt wird.

    04.02.2013, 17:37 von CharlesDreyfus
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      Dann bekommt er eben 5.000 brutto...

      *huiiii*

      Das ändert alles...

      05.02.2013, 08:30 von sailor
    • 0

      6.000.

      Par-dong...

      05.02.2013, 08:30 von sailor
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  • 0

    Insofern ist Mitgefühl kein Bedauern anderer, sondern in erster Linie die Basis ein Selbstverständnis mentaler und körperlicher Gesundheit.

    04.02.2013, 17:17 von schauby
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  • 0

    Macht Macht einsam? Frag ich mich grad so zum Zeitvertreib.

    04.02.2013, 17:15 von Sultanine
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      Macht macht misstrauisch,
      und das ist Distanzgrund Nummer Eins. 

      04.02.2013, 17:28 von schauby
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      Kann man überhaupt Macht haben, im Sinne von besitzen? Oder scheint sie nur zwischendurch auf? 

      04.02.2013, 17:31 von Sultanine
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      seltsame Frage, natürlich ist alles zeitlich.

      04.02.2013, 17:33 von schauby
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      Na ja, ich halte sie ja für ein kommunikationsimmanentes Phänomen, so wirklich festhalten kann man sie nicht. Sie lässt sich sehr wohl generieren, aber das auch nur innerhalb kommunikativer Prozesse.

      04.02.2013, 17:38 von Sultanine
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    • 0

      04.02.2013, 17:47 von schauby
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      der Unterschied ist eher der von Kompetenz und Autoritätsgewalt. das wird in totalitären Strukturen ebenso verwechselt bzw.  gern indifferent gleichgesetzt wie  in sogenannter Demokratie.
      Schönheit ist bspw. machtvoll aber sehr undemokratisch.

      04.02.2013, 17:47 von schauby
    • 1

      Genau, über das kommunikative Handeln.

      04.02.2013, 17:49 von Sultanine
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      Interessanter Punkt, Shauby. Den mit der Schönheit jetze.

      04.02.2013, 17:51 von Sultanine
    • 0

      einer der Gründe, warum machtbessene Politik- und Wirtschaftsgeile selten schön sind.

      04.02.2013, 17:59 von schauby
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    • 0

      ja, oder / und weil es ein durch und durch androzentrisch geprägtes Milieu ist und Frau ihre konventionelle weibliche Rolle unter den Tisch fallen lassen bzw. sich dem männlichen Habitus anpassen will, um ernst genommen zu werden.

      04.02.2013, 18:04 von Sultanine
    • 1

      "Jede tierische und menschliche Gesellschaft richtet ein hierarchisches Differenzierungsystem ein, das sich auf Körperkraft, Schönheit, Intelligenz oder Begabung gründen kann. Und gegenwärtig befinden wir uns in einem zweidimensionalen System – dem der erotischen Attraktivität und dem des Geldes. Alles andere, das Glück und das Unglück der Leute, leitet sich daraus ab ... das ist keine Theorie, wir leben tatsächlich in einer simplen Gesellschaft für deren komplette Beschreibung diese wenigen Sätze ausreichen."


      unterscheiden lassen sich drei Gruppen:

      die erste, die sagt: jawoll, auf den Punkt getroffen.
      die zweite, die das empört ablehnen, aber dennoch genau so funktionieren.
      und es gibt welche, die finden nicht nur schlüssige Argumente gegen diese These, sondern sie leben auch danach. sehr wenige.

      04.02.2013, 18:09 von schauby
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      Mh, ich denk mal über deine Zeilen nach. Weiß jetzt nicht, was ich damit anfangen soll, werde aber noch mal drauf antworten, weil das Thema spannend ist :)

      04.02.2013, 18:16 von Sultanine
    • 0

      Hey schauby, von wem ist das denn?
      (Manchmal wirkst du auf mich wie ein Zitate-automat. Sehr beeindruckend wie gut du dir das alles merken und reproduzieren kannst)

      04.02.2013, 18:22 von Dalek
    • 0

      Michel Houellebecq [Ausweitung der Kampfzone]

      04.02.2013, 18:25 von schauby
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    • 2

      es ist ein Experiment. ich habe diese Aussage über die 11-12 Jahre, die ich sie kenne, schon etlichen Leuten vorgestellt. Und erschreckend viele waren spontan der Meinung, dass sie absolut unsere Welt beschreiben würde. Ob es ihre tatsächliche Welt ist, oder sie mental zu schwach sind, Widersprüche zu sehen? ich weiß es nicht mit Sicherheit.

      04.02.2013, 18:46 von schauby
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    • 0

      @Schauby. Von was gehst du denn da grundsätzlich aus, von was leitest du dieses Zitat ab und was geht dem voraus (welche Konzeption von Gesellschaft ist da gemeint)? Ich verstehe es schlichtweg nicht, für mich ergibt das so abgehackt keinen Sinn. Natürlich ist unsere Welt eine, die auf verschiedenen Mechanismen beruht, ich weiß nicht, ob es Körperkraft Intelligenz oder Geld sind. Was soll ein "hierarchisches Differenzierungsystem" sein? 

      04.02.2013, 20:13 von Sultanine
    • 0

      Jede Gesellschaft differenziert sich entlang verschiedener Faktoren (ich sag mal verschiedener Kapitalarten), ja, das leuchtet mir ein. Meinst du, das Macht sich immer aus einem Differenzierungsprozess heraus ergibt? 

      04.02.2013, 20:22 von Sultanine
    • 0

      Differenzieren, geistig zu differenzieren ist wohl die Konsequenz, bestenfalls. Unabhängig denken können, im Spannungsfeld denken können, mh, ja, mh, grübel..Undd daraus ergeben sich dann Machtverhältnisse ..

      04.02.2013, 20:25 von Sultanine
    • 1

      Schauby, das Herz weil ich schon den Gedanken im Kopf hatte "der wartet und schaut jetzt in welche Kategorie sich die Leutchen einteilen..."

      Heute ist ein unterhaltsamer Tag =p



      05.02.2013, 01:12 von Dalek
    • 0

      @ Sultanine

      freut mich, dass du derweil ohne meine Hilfe ein Wörterbuch gefunden hast. ;-D

      ansonsten - zur Eingangsfrage:
      ja je rigider die Macht, je weiter oben "auf der Leiter", desto höher die Wahrscheinlichkeit das sie von vielem isoliert.

      das Machtthema noch weiter zerbröseln?
      andermal.


      05.02.2013, 02:46 von schauby
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  • 1

    Mitgefühl grundsätzlich, nicht Mitleid, kann sehr hilfreich sein, den Anspruchs- und Leistungsterror, der sich an einen selbst stellt, nicht selbstblind achtlos an andere weiter zu geben, so man sich selbst noch spürt und geistesgegenwärtig ist, wo Grenzen erreicht sind und wie sehr vieles bis an den Anschlag getrieben wird.

    04.02.2013, 17:13 von schauby
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  • 3

    4 Stunden Schlaf und weniger dauerhaft machen nicht nur rapide alt, sondern krank, tunnelblickig und dumm. 
    definitiv.

    Wenn das Wahrheit ist, ist die Lenkerin des Landes kein Held der Arbeit, sondern sich selbst und ihrer Verantwortung anderen gegenüber gefährlich und fahrlässig. 

    Die zahlreich belegten Studien wie fortgesetzter Schlafmangel und Entzug Leib und Seele krankmachen, wie es Hirn- und Körperstoffwechsel verändert, insbesondere emotionale und kognitive Verarbeitungsprozesse massiv beeinträchtigt, kann jeder nachlesen.

    04.02.2013, 17:05 von schauby
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