derkleinegatsby 22.08.2006, 01:39 Uhr 8 1

Politik auf dem grünen Rasen - Faschismus und Kommunismus im Fußball

Spätestens seit Paolo Di Canios "römischen Gruß" ist Rassismus im Fußball kein Geheimnis mehr. Doch es gibt auch Gegenbeispiele...

Es passierte beim Derby des AS Rom beim Stadtrivalen Lazio: Stürmer Paolo Di Canio, Volksheld der Römer und 2004 auf Drängen der Fans vom Premier League Club Charlton Athletic zu den "Laziali" zurückgekehrt, bringt sein Team mit 1:0 in Führung. Die gewohnt geladene Stimmung kocht über. Die Ereignisse überschlagen sich. Di Canio sprintet in die Kurve der Blauen und reckt seine rechte Hand gen Himmel. Später wird Di Canio behaupten, mit dieser Geste lediglich sein Tor gefeiert zu haben und jede politische Bedeutung dementieren. Für den Fußball war es der unrühmliche Höhepunkt einer ganzen Reihe Fälle von Rassismus auf dem grünen Rasen und den Tribünen.

Beim Freundschaftsspiel der Nationalmannschaft Englands gegen Spanien am 17. November 2004 in Madrid verhöhnte und beschimpfte die rechte Real Madrid Ultra-Gruppierung „Ultras Sur“ die schwarzen Spieler der englischen Mannschaft mit Affenlauten und rassistischen Sprechchören.
Bereits im Vorfeld hatte Spaniens Coach Luis Aragonés den aus Guadeloupe stämmigen französischen Nationalspieler Thierry Henry als „Scheiß Neger“ bezeichnet.

Di Canio kein Einzelfall

Auch in Italien war Di Canios Aktion nicht die erste mit rechtem Hintergrund: Vor allem auf den Tribünen erfreut sich der Faschismus immer größerer Beliebtheit. So ist es mittlerweile bereits zur schlechten Gewohnheit geworden, dass in der ultrarechten Kurve von Lazio Rom Fahnen mit Hakenkreuzen geschwungen und Gegner mit Bannern wie „Auschwitz ist eure Heimat, die Öfen euer Zuhause“ begrüßt werden.
Bei Lazio ist die Ultra-Bewegung der „Irriducibili“ (zu deutsch: „die Unbeugsamen") für sämtliche Aktionen dieser Art verantwortlich. Deren Anführer Fabrizio Toffolo sich zuweilen gerne damit brüstet, mit seiner Organisation sogar Einfluss auf die Einkaufspolitik der "Laziali" nehmen zu können.

Doch obwohl Lazio immer wieder als Paradebeispiel für Rassismus im und um den Fußball herangezogen wird, ist der Club aus Rom bei weitem nicht der einzige mit rechten Tendenzen. Vereine wie der AS Rom und Hellas Verona geraten immer wieder in die Negativschlagzeiten. So musste Hellas Verona im Jahre 2001 auf einen Transfer des kamerunischen Stürmers Patrick Mboma verzichten, weil die Fans laut Clubpräsidenten keinen schwarzen Spieler in ihrem Club akzeptierten.


Gegenentwurf Livorno

Einen Gegenpol zur rechten Tendenz im italienischen Fußball bietet der AS Livorno.
Der kleine Verein aus der Toskana dümpelte noch vor ein paar Jahren in der dritten Liga Italiens herum. In diesem Jahr steht der kleine Club, begünstigt durch den Wettskandal in Italien, erstmals im Uefa-Pokal.

Die livorneser Ultras sind bekennende Kommunisten. Die Gruppierung BAL („Brigate Autonome Livornesi“) wird von der italienischen Regierung massiv unter Druck gesetzt und immer wieder mit Stadionverboten und Geldstrafen belegt.
So wurde Livornos Topstar, früherer Torschützenkönig der italienischen Liga und überzeugter Linker Cristiano Lucarelli (er veröffentlichte vor kurzem seine Biografie "Behaltet eure Millionen"), für die Behauptung, man wolle Livorno für seine „linke Kurve in die zweite Liga schicken“, zur Zahlung von 30 000 Euro verurteilt. Zum Vergleich: Di Canio erhielt nach der Widerholung seines „römischen Grußes“ im Spiel gegen Livorno eine Geldstrafe von 10 000 Euro.


Oleguer, ein Championsleaguesieger im VW-Bus

Den „einzigen normalen Kerl im verrückten Fußballzirkus“ nennt Schriftsteller Roc Casagran seinen Freund Oleguer Presas Renom, kurz Oleguer, im Interview mit der deutschen Fußballzeitschrift „11 Freunde“.

Oleguer ist Verteidiger beim Championsleaguesieger FC Barcelona, Veranstalter von Seminaren zur Unabhängigkeit Kataloniens, Hausbesetzer, VW-Bus Fahrer, Kommunist und seit neuestem auch Buchautor. Zusammen mit seinem Freund Casagran veröffentlichte er das Buch „Der Weg nach Ithaka“.

In die Schlagzeilen geriet er durch die so genannte „Bemba-Affäre“, infolge derer Oleguer zusammen mit zehn weiteren Demonstranten eine Nacht in der Zelle verbringen musste.
Die Polizei wollte die illegale Jugendkneipe „Bemba“ im 42 Kilometer von Barcelona entfernten Sabadell räumen, woraufhin eine Auseinandersetzung stattfand, infolge derer sich der Fußballspieler später mit dem Vorwurf des „Angriffs auf Beamte“ konfrontiert sah.

Der 187 cm große Verteidiger ist ein Mann, der polarisiert, und nicht selten hält der FC Barcelona ihn aus Selbstschutz von der Presse fern. Seine Äußerungen zu politischen Themen sind nicht überall populär und auch die Weigerung, das spanische Nationaltrikot überzustreifen, brachte ihm nicht ausschließlich Freunde.
Der junge Spieler, der oft im Kapuzenpullover und mit Dreitagebart auftritt, fühlt sich als Katalane, nicht als Spanier. Dieses Denken findet seine Ursprünge in der Zeit Francos. Katalonien war damals Hort des Widerstandes gegen den faschistischen General. Speziell Spieler und Funktionäre des FC Barcelona wurden als vermeintliche Regimefeinde gnadenlos verfolgt. So wurde 1936 Clubpräsident Josep Sunyol von Francos Männern erschossen. Die gesamte Mannschaft flüchteten daraufhin ins Exil nach Mexiko.
Die Schatten der Vergangenheit jagen Spanien noch heute und der Separatismus bleibt weiterhin ein großes Problem für das Königreich.

Der 26-jährige Oleguer hat gerade sein Studium der Volkswirtschaft mit Diplom beendet und beginnt in diesem Herbst erneut an der Universität. Er möchte nun die Fächer Geschichte und Philosophie studieren.


Politik und Fußball - Eine gesunde Kombination?

Seit jeher ist das Fußballgeschäft ein Platz für Cinderella-Geschichten: Kinder aus den Favelas gelingt es, sich und ihre Familie aus der Armut herauszuspielen, Söhne von einfachen Arbeitern werden zu gefeierten Superstars.
Oft reicht der Ruhm und das Geld den ehemals armen Spielern jedoch nicht und sie versuchen ihre Position zu nutzen um zu verändern. Einerseits ist das ein ehrenwerter Ansatz, andererseits ist eine Vermittlung, die nicht über Inhalte sondern über Personenkult, Symbolik und Pathos verläuft, problematisch. So wird aus Livorno gegen Lazio ein Lucarelli gegen Di Canio, ein Links gegen Rechts, gut gegen böse. Die Spieler werden zu Helden und Anführern stilisiert. Der Fußball wird zum Spielball der Ideologien und der gute Wille kann wie so oft zum Gegenteil von Gut werden.

Hält man aber wie Oleguer abseits des Platzes Seminare und Vorträge und sucht den Dialog mit Interessierten unter denen auch sicherlich einige Fans sind, ist dagegen nichts einzuwenden. Denn nur weil jemand Fußball spielt, kann und sollte man ihm eine politische Meinung und deren freie Ausübung nicht verbieten.

Oleguer und wenige Andere haben es erfolgreich geschafft, sich der Käseglocke aus Geld, Starrummel und den anderen Vorzuegen des Profifußballer-Lebens zu entledigen und die "richtige Welt" nicht zu vergessen.






Quellen:

"11 Freunde" Heft Nr. 56: "Der Verteidiger Kataloniens"

"11 Freunde" Heft Nr. 51: "Die Erben von Ché und Mussolini"

BBC-Fernsehdokumentation über die Derbies "Boca Juniors vs. Riverplate" und "Lazio Rom vs. As Rom"

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8 Antworten

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    hallo erstmal....

    also ich les mir das jetzt nicht alles durch,weil ich davon eh nichts verstehen werde....oder ne ich machs so wie die germanistik profs anner uni...anfang und ende lesen und dann bewerten ....

    gefällt mir gut, hier und da der kommasetzung ein bisschen mehr beachtung schenken und schon wärs ne glatte drei :)


    küsschen.

    07.09.2006, 23:51 von aaaa
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    Die Ossis hatten eh die besten Sprüche:

    Zyklon B für den BFC

    Ansonsten ist Fußball ein Spiel, bei dem es zu Identifikationsstiftung kommen kann/soll. Identifikation findet aber gerne auch uin Abgrenzung zu anderen statt, weshalb es zu Schmährufen aller Art kommt. Das sieht häufig nicht gut aus, aber immerhin ist in einem Fußballstadion auch eine gehörige Portion Pöbel versammelt und dafür gehts da noch recht gesittet zu.

    23.08.2006, 20:36 von Romeo_Flausch79
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    Gut geschrieben, interessant, informativ und wichtiges Thema. Mir persönlich hat der Hinweis auf Deutschland nicht gefehlt. Muss ja nicht immer Thema sein, bloß weil man in/aus Deutschland ist.

    23.08.2006, 15:11 von Coogar
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      @Coogar Gerade wenn man die Gesamtsituation betrachten will, muss man auch Deutschland berichten.
      Und wer ist das am besten geeignet als Menschen die in Deutschland leben?
      Ich kann nur sagen, hier in Kaiserslautern sind die Hooligans eine aktive und bekannte Gruppe. Sich selbst bezeichnen sie lediglich als Fussballfans, aber jeder kennt die rechte, versteckte Attitude.
      Sehr informativer Artikel!
      Was mir gerade einfällt, selbst das Vereinslogo von Lazio Rom ist sehr auffällig. Eben ein Club mit einer düsteren Vergangenheit.

      23.08.2006, 16:27 von byebye
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    Erstmal ist es interessant zu erfahren, in welcher Form und Größe Faschismus in anderen Ländern auftritt. Oft bleibt für einen selbst Deutschland der einzige Focus und man ist dann überrascht zu hören, wie stark andere Länder wie z.B. auch Dänemark und Polen zur Zeit darin involviert sind - oder eben auch Italien und Spanien. Von daher finde ich den Artikel neben der klaren Schreibweise auch inhaltlich sehr gut, muss mich aber frikadelle anschließen. Vielleicht auch nicht ganz unwichtig, dass in Deutschland genau das selbe abgeht und zwar nicht zu knapp - das wäre nochmal einen eigenen Artikel wert oder schaut ihr einfach hier: www.spiegel.de/sport/fussball/

    23.08.2006, 14:08 von Camelle
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    Dass Italien und Spanien Probleme mit Rassismus in der Fankurve haben, ist ja hinlaenglich bekannt.
    Die extrem kommunistische Neigung Livornos als "gut" zu bezeichnen, ist meiner Meinung nach etwas ungluecklich formuliert. Denn gerade im Fussball, wo Emotionen immer gerne hochkochen, sollten extreme Einstellungen, egal welcher Richtung, grundsaetzlich vermieden werden.
    Es waere klueger, den Dialog zu den anderen Parteien zu suchen (wie ueberall im Leben), wie es Barcas Verteidiger ja vormacht.

    23.08.2006, 13:27 von frikadelle
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