Kaddinsky 06.12.2006, 13:43 Uhr 3 6

„Pippi Langstrumpf ist stark und kreativ“

Am Samstag wählte der Parteitag der Grünen eine junge, kämpferische Frau in den Parteirat. Seitdem hagelt es Hohn und Spott. Zu unrecht.

Queer.de hat ihr einen Orden verliehen. Die BILD-Zeitung schreibt: „Diese Grüne will die Ehe abschaffen!“ Sogar Neon befasst sich im Tagesthema mit der Frau, die als „Pipi Langstrumpf“ nun in aller Munde ist.

Ja, ich kenn sie, die neue „Pipi Langstrumpf“ der Grünen, wie sie von Matthias Berninger und nun auch manchen Zeitungen genannt wird. Julia Seeliger, 27, war über die letzten Jahre hinweg Kollegin und gleichzeitig einer der Menschen, mit denen ich auch eine Freundschaft jenseits der politischen Arbeit angefangen habe. Mit dem man auch mal über etwas anderes, als Politik reden, auch mal feiern gehen konnte. Unbekannt sei sie, die Neue im Grünen Parteirat – dem angeblich wichtigsten grünen Parteigremium zwischen den Bundesdelegiertenkonferenzen. Das klingt dann immer so, als ob sie von Tuten und Blasen und erst recht von Politik keine Ahnung hätte. Als sei sie ein völliger Politik-Frischling, den vorher niemand kannte.

Wer ist diese Frau?
Doch immerhin war die angeblich unbekannte Frau die letzten zwei Jahre im geschäftsführenden Bundesvorstand der Parteijugend, die als ähnlich einflussreich in der Partei gilt, wie ein großer Landesverband und hatte als Schatzmeisterin einen Haushalt von über 250.000 € zu verantworten und zu verplanen. Daneben zog sie engagiert im Bundestagswahlkampf durch die Lande und opferte – wie die meisten, die sich für die ehrenamtliche Arbeit im Bundesvorstand der Grünen Jugend entschieden – sowohl einen Haufen Zeit, wie auch einen Haufen Geld für die politische Arbeit. Da ich ihre Vorgängerin im Schatzmeistern war, weiß ich, wovon ich spreche. Freie Wochenenden, ein geregeltes Studium, regelmäßige soziale Kontakte – dies alles wird entweder komplett auf Eis gelegt oder nur rudimentär gepflegt. Danken tut es einem meist keineR – doch ich will hier alles andere als jammern! Nirgends sonst hätte ich so viel über Politik, die internen Streitereien und Probleme, Strategien und Inhalte lernen können, wie in der intensiven Zeit am Ruder der Grünen Jugend. Wir sind vielleicht erst Anfang/Mitte zwanzig – aber über so manche Vorstellungen und Mutmaßungen eingefleischter Flügel-, Kreis- oder LandespolitikerInnen können wir manchmal nur müde lächeln, denn nicht selten bekommen wir einen tieferen Einblick, als sie. Auch wenn es in der Partei gerne anders gesehen wird: Eine Spielwiese für MöchtegernpolitikerInnen ist die Grüne Jugend nicht – sie ist viel mehr als das. Aber ich weiche ab und möchte auch gar nicht zu lange in der alten Zeit schwelgen.

Mir liegt nur daran zu zeigen, dass ein Mensch wie Julia Seeliger, der seit zwei Jahren an der Spitze der Grünen Jugend aktiv war und davor die Webseite des Jugendverbandes als Webredakteurin eigenverantwortlich mit Inhalt füllte, der seit mehreren Jahren aktiv in der bundesweiten Verbandszeitung Artikel veröffentlichte, vielleicht nicht jedem Grünen in der Republik bekannt sein mag, aber garantiert nicht unerfahren ist. Als Teil des geschäftsführenden Bundesvorstandes steht man in ständigem und engem Kontakt mit dem Bundesvorstand der Mutterpartei, sitzt auch schon mal mit der Spitze der Partei in Vieraugengesprächen und lernt von den „Großen“ dabei viel über politisches Geschick und Kalkül.

Pipi Langstrumpfs Stärken erkennen und nutzen
Julias Reden waren nie, wie die von so manch anderen angeblichen höher gestellten Parteikollegen, langweilig oder ohne Struktur. Sowohl inhaltlich als auch rhetorisch riss sie schon des öfteren die Delegierten mit. Diesem Talent verdankt sie auch ihre neue große Aufgabe: Als Mitglied des Parteirats will sie nun mit den Abgeordneten schimpfen, wenn diese sich mal wieder nicht an Parteitagsbeschlüsse halten, so versprach sie schon bei ihrer Bewerbung. Es mag unerwartet gekommen sein, doch wohl genau damit hat sie einen Nerv bei vielen Delegierten getroffen. In der Tat: Laut Satzung ist der Parteitag das höchste Beschlussfassende Gremium der Grünen – die knapp 800 Delegierten entscheiden über Satzung, Struktur, Finanzen und nicht zuletzt: über Inhalte und konkrete Politik. Nichts desto trotz ist es in der Vergangenheit oft vorgekommen, dass insbesondere Bundestags-Abgeordnete der Partei sich dieser anscheinend nicht mehr verpflichtet fühlten und für Positionen stritten, die gegen Beschlüsse des höchsten Gremiums gingen. Gerechtfertigt wurde dies dann meist mit den Zwängen der Regierungsverantwortung. Heute wundern sich ebendiese Abgeordneten, wie auch Matthias Berninger, wenn ihr Verhalten nicht gerade vertrauensstiftend war und auf viele in der Basis wirkte, als seien „die da Oben“ abgehoben und arrogant.

Jetzt ist Berninger vergrätzt und versucht Julia Seeliger mit dem Titel „Pipi Langstrumpf“ in der bundesweiten Presse zu diskreditieren. Dabei möchte ich gar nicht weiter darauf eingehen, dass der hessische Abgeordnete noch nie wirklich lobende Worte für den Bundesverband der Grünen Jugend finden konnte, sondern durch gehässige, geringschätzende und gar diffamierende Bemerkungen über den Verband und seine Vertreter glänzte. Vielmehr hoffe ich, dass die anderen, renommierteren Mitglieder des Parteirats versuchen, Julia zu integrieren. Sie als gleichwertig anzusehen – das dürfte ihnen so gut wie unmöglich sein, so ist der Mensch an sich einfach gestrickt. Aber vielleicht gelingt es ihnen, in Julia Seeliger, der kleinen Pipi Langstrumpf aus der Grünen Jugend, etwas zu sehen, das ihnen helfen könnte, die verloren gegangene Nähe zur Basis in Teilen zurück zu gewinnen: einen „Missing Link“ zwischen der täglichen, oft nur reaktionären realpolitischen Arbeit in den Fraktionen von Bund und Ländern und der frechen, frischen, teils idealistischen und träumerischen Basis der Partei. Mit Themen und Parolen wie „Monogamie ist keine Lösung“ und einer Forderung, alle Drogen zu Legalisieren können naturgemäß PolitikerInnen, die schon über Krieg und Frieden zu entscheiden hatten, nicht viel anfangen. Doch wer keine Visionen formuliert, der ist beliebig; ohne Ecken und Kanten hat man kein Profil. Das haben die Grünen begriffen und ein sehr inflationär auf dem letzten Parteitag verwendeter Begriff war „radikaler Realismus“. Realismus gibt es im Parteirat genug – vielleicht kann die neue Pipi Langstrumpf den Alten noch etwas über Radikalität beibringen.

"Stark und kreativ"
Außerdem: Seit wann ist „Pipi Langstrumpf“ eigentlich eine Beleidigung?
Julia selbst sieht es so: "Pippi Langstrumpf ist stark und kreativ. Ich würde sie nicht direkt als Vorbild bezeichnen, da ich solcherlei Vorbild-Vergleiche blöd finde, aber weil ich jetzt eins nennen soll, nenne ich Pippi guten Gewissens als mein größtes Vorbild.“ – das antwortete sie schon 2004, als sie von der „Schönen Grünen Welt“ nach ihrem Vorbild gefragt wurde."Wichtige Links zu diesem Text"
Julias Seite

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3 Antworten

Kommentare

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      @[Benutzer gelöscht] Und nicht nur mit Turnschuhen, die Bärte waren lang, die Pullover aus Wolle im Bundestag wurde gestrickt!

      Der Artikel gefällt mir!

      11.03.2007, 21:13 von gurkedestages
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    großartig. find ich gut den artikel.

    06.12.2006, 22:48 von analog
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