ZweifelsOhne 23.06.2009, 21:25 Uhr 36 9

Neda: Den Tod vor Augen

Ich habe dem Tod ins Auge gesehen. Und wäre fast selbst gestorben. Vor Scham, vor Trauer, vor Ekel. Zurück bleibt ein klebriger Schleier aus Blut.

Nie habe ich mir so etwas ansehen wollen. Und doch habe ich es getan. Die Zeitung mit den vier großen Buchstaben, die jeder kennt und keiner liest, hat es gezeigt. Ein Klick und schon ist man mitten im Iran - bei Neda. Oder besser bei Neda in der Sekunde ihres Todes. Schon hundertmal hat man diese Szene gesehen. Ein Mensch, der am Boden liegt, quasi "frisch erschossen" und dem langsam aber sicher Blut aus Mund und Nase läuft...

Noch nie habe ich mich in wenigen Sekunden so elend gefühlt. Wie ein geifernder Perverser, der aus rein voyeuristischer Lust anderen beim Sterben zusieht. Und doch glaube ich nicht, dass es der Grund ist, der den Anlass gegeben hat, dieses Video anzuklicken. Es war so unwirklich und doch hat sich mir in dem Moment, als sich Nedas Augen verdrehen, mein Magen umgedreht.

Als der klebrige Schleier aus Blut langsam über Nedas schönes Gesicht läuft und der Sprecher berichtet, dass ein Geschoss in ihrer Brust explodiert sei, kann ich nicht mehr. Ich klicke weg. Schockiert, den Tränen nahe, ein flaues Gefühl im Magen... Ich brauche ein paar Sekunden, um zu begreifen, wo ich bin. Und um die Fassung wiederzuerlangen, weil man im Büro nicht einfach losflennen kann. Es bleibt ein Gefühl der Verstörung.

Und dann bin ich angeekelt - von mir selber. Warum um alles in der Welt lasse ich mich derart instrumentalisieren? Und auf der anderen Seite: Wenn mich solche Bilder kalt lassen würden, was wäre ich dann noch? Diese mediale Berechnung, die hinter der Veröffentlichung dieses Videos steckt, kotzt mich an. Mein Klick auf das Video noch viel mehr. Und ich frage mich noch mehr: Wer kann, angesichts eines sterbenden Menschen, einfach mit der Handykamera draufhalten? Es ist mir unbegreiflich. Und lässt mich irgendwie an Verschwörung denken. War das geplant? Haben sie dort Neda für Propagandazwecke geopfert? Woher kommen diese unfassbaren Aufnahmen?

Und dann stellt sich wieder die Frage, ob man es - wenn es ein authentisches Zeitdokument ist - nicht zeigen MUSS. Weil nichts als das Grauen uns bequemen Europäern noch zeigen kann, was es heißt, sterben zu müssen für etwas, das uns hier so selbstvertsändlich erscheint: Demokratie.

In Iran gehen Menschen auf die Straße und sterben für etwas, das hier niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlockt: Demokratie, freie Wahlen, ein Recht auf die eigene Meinung, ein Recht auf Fortschritt und Veränderung. Die Menschen, die dort auf den Straßen für ihre Rechte demonstrieren sehen nicht aus wie rückständige Hinterwäldler. Und schon gar nicht wie "die Moslems", deren Bild man so gerne vor Augen hat, wenn es um Menschen aus dieser Region geht.

Ich werde nicht schlafen können heute nacht. Aber ich werde auch nicht zur nächsten Demo rennen. Ich werde meine Solidarität bekunden, ganz bequem, online, von meinem Rechner aus. In der Hoffnung etwas bewirken zu können, wohl wissend, dass das viel zu wenig ist.

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36 Antworten

Kommentare

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    Du wirst nicht auf der Straße gehen und demonstrieren! Du hoffst etwas bewirken zu können, aber Worte reichen nicht. Ich weiß nicht, was Ich machen soll. manchmal denke ich, ich muss Aufmerksamkeit erregen, damit mein Land (menschen) wahr genommen werden. Ich sollte mir die Augen und den Mund zunähen und mich auf Straße mit Benzin zu schütteln und es schreiend anzünden. Menschen sieht wie MENSCHEN leiden. Ich ertrag das nicht. nicht wie Neda stirbt....nicht wie meine Mutter nachts Heult. Ich muss was tun, damit Menschen was tun. Menschen bewegen Menschen. Demokratie ist nicht leicht zu gewinnen. das kennen wir schon von Che, Lenin sartre und von NEDA

    14.07.2009, 02:45 von baloochi
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    Verstehe nicht so ganz, weshalb dem "bequemen Europäer" mal so richtig der Tod vor Augen geführt werden muss, um die Anteilnahme am Weltgeschehen zu erhöhen. Wer, wenn nicht die Europäer, sind in Sachen Kampf für Demokratie und Freiheit erfahrener und gezeichneter? Selbst unserer Generation kann ein sachlicher Text genügen, um eine Vorstellung des Geschehens zu projezieren.

    Selbstverständlich ist das sehr tragisch und nahegehend, aber hieraus Schuldgefühle abzuleiten oder in fehlgeleiteten Aktionismus zu verfallen, ist absurd. Insofern kann man dem letzten Absatz wieder zustimmen.

    04.07.2009, 20:23 von Mickey
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    Dein Bild von den Iranern als Hinterwäldler ist schon etwas komisch, die haben eine Kultur, die ist älter als deine Oma! Und auch heute leben dort einige zivilisierte Menschen. Schau dir halt mal als erste Maßnahme den schönen Film "persepolis" an, um vielleicht ein paar Zentimeter weit über deinen eigenen Hinterwald hinauszublicken.

    04.07.2009, 02:49 von Heinz_Hans
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    @Kumas:

    Die Frage, ob ein einzelner Link weiter hilft, wenn wir – anders als im Iran - mehr als nur diese eine Möglichkeit zur Information haben, aber schon.

    Ich halte die meisten Leute hier für so versiert, auch einen einzelnen Link für sich einordnen zu können. Man muß nicht jedes Mosaiksteinchen kommentieren.

    29.06.2009, 12:56 von Vorstadtpension
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    Ah, weisst du, was mich an deinem Text echt stoert? Erst erzaehlst du, wie schrecklich es ist, dass dort ein Mensch auf grausame Art und Weise getoetet wurde, anschliessend gibst du Nedas Tod aber Berechtigung, weil sie fuer die Demokratie gestorben ist. One thing at a time, das passt nicht zusammen und gibt dem Text einen merkquerdigen Beigeschmack.

    28.06.2009, 12:17 von hanhel
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    das schockierende an der sache ist doch eigentlich, dass diese handybilder im moment die einzigen möglichkeiten sind die eigentliche situation in iran auch nur annähernd nachzuempfinden. ich bin deiner meinung, dass solche aufnahmen im grunde genommen pervers sind und auf eine weise die würde dieses menschen verletzten. in der augenblicklichen situation jedoch brauchen die menschen hier auf ihren sofas vielleicht gerade diese bilder, um wach zu werden und zu realisieren, was sich dort abspielt... diese videos sind doch eigentlich hilferufe der bevölkerung dem unterdrückenden regime wenigstens ein kleines bisschen zu trotzen und der restlichen welt trotz zensuren dieses schrecken zu zeigen.

    sehr guter text nebenbei bemerkt!

    27.06.2009, 21:18 von Peanutbutter
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    Nein, ich denke, ein schlechtes Gewissen ist Bewusstsein. Immer. Und Bewusstsein ist gut, so ist es die Basis für jede die Dinge verändern wollende Handlung. Es ist also eine wichtige menschlich-moralische Instanz. Keine Selbstgeißelung, sondern der erste Schritt in Richtung Handlung.

    27.06.2009, 02:34 von zoa
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      @[Benutzer gelöscht] sehr schön. Danke für die links!!!!

      28.06.2009, 14:26 von DarenBRens
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    Lieber Lag,
    was möchtest du eigentlich sagen? Möchtest du betonen, wie unglaublich abgeklärt und hart du bist?
    Wie kommst du auf den älteren, dicklichen Mann? Es geht um einen Menschen, egal wie er aussieht. Allein die Unterstellung, es ginge hier "nur" um die achso schöne Neda, verstört mich.
    Schlechtes Gewissen ist übrigens für uns alle, die wir hier bequem sitzen, absolut angebracht. Für dich auch, möchte ich behaupten.
    Es ist kein Verbrechen, das Denken und Wissen nicht dieselben Emotionen hervorrufen wie eine geschickte Visualisierung, Auch wenn das sehr schade und erscheckend ist.

    26.06.2009, 14:47 von zoa
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    http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,632775,00.html

    26.06.2009, 14:07 von Vorstadtpension
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      @Vorstadtpension danke für den link. Ich poste den nochmal ohne leerzeichen (sofern das hier möglich ist)
      http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,632775,00.html

      26.06.2009, 14:17 von ZweifelsOhne
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    Ich finde man muss das nicht anschauen!! Ich denke man sollte auf seine Psychohygiene aufpassen. Und bestimmte Sachen nicht in sein Leben lassen. Wer immer nur an Schlamm denkt, wird sich bald im Schlammassel befinden ;)

    26.06.2009, 13:59 von valuntin
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