sparklenina 12.07.2007, 16:54 Uhr 11 11

Nachrichten aus der Wüste

Mein Freund Chris ist als Krankenpfleger in Bagdad stationiert. Manchmal sagt er, dass Fühlen in seinem Beruf kaum Platz hätte.

Lange ist er her, der Moment an dem Chris mir von seinem neuen Job erzählte. Eigentlich hätte ich damit rechnen müssen. Zuviele Menschen hatten schon gehen müssen, zuviele Briefe hatte ich schon adressieren müssen, damit sie ihnen in jenes Land folgen konnten. Doch irgendwie hatte ich den Gedanken wohl verdrängt, dass vor allem Krankenpfleger dort drüben dringend gebraucht wurden. Ich versprach ihm zu schreiben, an ihn zu denken, für ihn zu beten und vor allem, ihn nicht zu vergessen. Nun ist er schon fast ein Jahr dort. Ich muss zugeben, dass mit jeder Woche in der Chris sicher und unversehrt blieb, weniger nervös wurde. Ich habe mich an den Gedanke gewöhnt, dass er nicht am sichersten Ort der Welt lebt und arbeitet. Doch in den letzten Wochen haben sich die schlechten Nachrichten gehäuft, und die sechs Monate, zwei Wochen und fünf Tage, die er noch dort bleiben muss scheinen immer länger zu dauern.

Chris Woods ist Krankenpfleger der Amerikanischen Army und seit geraumer Zeit stationiert in Bagdad, in der "green zone", dem vermeintlichen sicheren Teil des Stützpunktes, wo sich das Krankenhaus befindet. Dort versorgt und pflegt Chris Zivilisten und Soldaten, die Opfer dieses verrückten Einsatzes geworden sind, in der Notaufnahme. Dann und wann finde ich Emails in meinem Posteingang, die von Einsätzen und dem Leben auf der Base erzählen, wie ich es von den Medien wohl nie erfahren könnte. Sein Humor ist ihm geblieben, noch immer nennt er mich "sein Honigkuchenpferd" weil es sein liebstes deutsches Wort ist. Gerne gibt er mir und anderen Freunden lustige Geschichten vom Leben auf dem Stützpunkt wieder. An denen hält er sich fest, denn es ist viel besser sich auf geplatze Hosen und Fußbälle, die durch Fenster fliegen zu konzentrieren, als auf den Wahnsinn, mit dem er tagtäglich in der Notaufnahme des Krankenhauses konfrontiert wird.

Chris ist ein lustiger Kerl, ein wenig verrückt. Er war nie sehr patriotisch, proklamierte nie groß seine Meinung zum Irak-Krieg. Er ist loyal, zu seiner Familie und seinen Freunden, und nun auch zu seinem Land. Er ist sehr intelligent, bestand all seine medizinischen Prüfungen mit hervorragenden Ergebnissen. Er liebt Sport und den Nervenkitzel beim Wasserskifahren. Ich bin stolz auf ihn, auch wenn ich mit diesem Krieg nie einverstanden war. Zu viele Menschen habe ich getroffen, die das nicht verstehen konnten. Chris ist pflichtbewusst und genau, aber keine patriotische Killermaschine. Ich bin stolz auf meinen guten Freund im Irak, auch wenn ich den Krieg nicht leiden kann...und ja, das geht!

Vor wenigen Wochen erreichte mich die erste schlechte Nachricht. Eine Mörsergranate war 100 Meter von Chris' Wohnwagen, mitten in der Green Zone eingeschlagen. Er lief aus seinem kleinen Zuhause im Sande und floh zu den nahegelegenen Beton-Gebäuden. Während er lief, konnte er eine weitere Explosion hören. Als er sich im sicheren Schatten des grossen Gebäudes umsah, stand sein kleiner Wohnwagen in Flammen, die alles was er in diesem fremden Land besessen hatte in ihrem glühenden Zorn auffrassen. Als ich diese Nachricht las, war ich starr vor Schreck. Doch er musste weiter machen, keine Pause für die, die mit dem Schrecken und Leben davongekommen sind. Von da an hielt er sich fast nur noch im Krankenhaus auf. Er ging nie zu dem neuen Wohnwagen, den sie ihm anboten. Er schlief lieber auf der Couch im Pausenraum, aß in der Mensa und redete mit den Soldaten, die sich verwundet auf eine baldige Heimkehr freuten. Sie zeigten ihm ihre "purple hearts", der Auszeichnung für lebensmutigen Einsatz im Gefecht. Ich schrieb ihm, er solle doch so ein blödes lila Herz bitte nicht mit nach Hause bringen. Er antwortete, dass er lila eh nicht austehen könnte.

Heute bekam ich eine weitere schlechte Nachricht. Weitere Mörsergranaten hatten die "green zone" getroffen und seine Freundin und Arbeitskollegin tödlich verletzt. Er war derjenige, der sie auf dem Behandlungstisch der Notaufnahme identifizierte. Sie hatte noch ein paar Stunden zuvor eine Decke über den schlafenden Chris im Pausenraum geworfen. Nun lag sie dort, blutig und leblos, fast nicht mehr erkennbar. Er meinte, dass nun das weitermachen nicht mehr so einfach sei. Er hatte sich daran gewöhnt, dass Patienten mit Rängen und Nummern angesprochen und behandelt wurden. Keine Namen, keine persönliche Bindung. Routine, Selbstschutz. Doch diese Routine war zerrissen worden. Er arbeitet nun daran sie zu reparieren. Doch er weiß, dass er in der nächsten Zeit im Pausenraum entsetzlich frieren wird.

Chris hat sich abgewöhnt getroffenen Entscheidungen nicht zu hinterfragen. Nicht seine eigenen, nicht die der Regierung oder seiner Vorgesetzten. Er funktioniert. Manchmal sagt er, dass Fühlen in seinem Beruf kaum Platz hätte. Doch manchmal nehmen sich Gefühle ihren Platz. Ich verstehe sowieso nicht wie Chris, einer der einfühlsamsten Menschen die ich kenne, noch nicht zerbrochen ist. Ich hoffe ich erkenne ihn wieder wenn ich ihn im Januar wiedersehe. Aber vor allem hoffe ich, dass ich ihn überhaupt wiedersehe. Denn auch in der green zone ist das Gras nicht immer so grün wie man es sich vorstellt. Besonders nicht mitten in der Wüste.

Aber wenn er dann durch die großen, modernen Schwingtüren am Flughafen kommt, dann werde ich mich freuen, wie sein Honigkuchenpferd!

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11 Antworten

Kommentare

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    sehr schön und nachvollziehbar geschrieben.

    empfehlung!

    22.07.2008, 09:28 von la_lionne
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    ein bekannter von mir ist auch anfang des jahres zur army gegangen und auch sanitäter geworden allerdings "combat medic". seit er bei der army ist, höre ich wirklich nur noch sporadisch von mir, und obwohl wir uns nur über e-mail-kontakt kannten, fehlt er mir irgendwie :S ich hab auch ein bisschen angst, dass er irgendwann in den irak geschickt wird und ich nicht mal erfahre, wie es ihm dort geht und ob er heil zurückkommt.

    dein text ist verdammt gut geschrieben, und irgendwie kann ich vieles davon nachempfinden. auch, dass du diesen krieg nicht willst und trotzdem zu deinem freund stehst. ich wünsche dir, dass du deinen chris wiedersiehst und er nicht völlig zerbrochen ist am krieg.

    02.09.2007, 00:46 von jacksgirl
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    Hallo sprklenina,

    mein bester Freund André ist Soldat bei der Bundeswehr und muss demnächst auch in ein Land, in dem Krieg herrscht. Nun kommt noch hinzu, dass er alleinerziehender Vater ist und sich um sein Kind kümmert. Aber wer kümmert sich um den kleinen Gordon, wenn sein Vatern umkommt? Seine Großeltern? Mich beschäftigen solche Fragen, denn cih selbst bin ohne Vater aufgewachsen. Hat dein Christ eigentlich schon Kinder??? hast du wieder Nachricht von ihm erhalten?
    Gelungener Text - ich musst viel nachdenken.

    LG Nicole

    16.07.2007, 13:49 von nicole.150385
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    Zunächst einmal wünsche ich dir, dass Chris heil zurückkommt, körperlich und geistig!
    Und dann: Klasse Text, sehr fesselnd und beeindruckend geschrieben! Der Text schafft es, einem ein bisschen die Sorgen und die Angst zu verdeutlichen, mit der Menschen leben müssen, die Verwandte oder Freunde im Krieg haben. Wirklich gut!

    15.07.2007, 12:36 von GoodCharlotte
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    Also ich wollte nur eben sagen, dass Chris zwar einer meiner besten Freunde ist, aber ich nicht mit ihm ZUSAMMEN bin...der teaser zum Text wurde ein wenig geändert und es wird nicht so ganz klar daraus...

    also nicht dass sie wer veräppelt fühlt...*zwinker*

    13.07.2007, 13:04 von sparklenina
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    ich kann eigentlich nchts sagen,weil mir die worte fehlen... du hast deine und seine sicht in einen text gut zur geltung gebracht... ich habe einen kloß im hals und gänsehaut... viel kraft wünsche ich chris, dass er die ereignisse und die letzten 6 monate gut hinter sich bringt und auch dir, um mit der angst um chris umgehen zu können.

    13.07.2007, 12:45 von Kraeuterhex
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    ich habe seit jahren mit leuten zu tun, die beim bund sind. solche ereignisse gehen an niemandem spurlos vorüber, der ein herz und gefühle besitzt. die einen sind nur besser im verbergen (verdrängen) als andere. doch ich bewundere leute die sich selbst so gut unter kontrolle haben, einen solchen abstand halten können, dass es ihnen möglich ist solche jobs zu machen. ich denke da auch an gerichtsmediziner, feuerwehrmänner usw. respekt. und alles gute für euch beide. nur ein starker mensch zerbricht an so etwas nicht.

    13.07.2007, 12:28 von unicorna
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