reisefreundin2012 24.04.2012, 10:34 Uhr 0 0

Medienrevolution?

Ein Besuch in Ägypten nach der Revolution, vor der Reform

Deutschunterricht im alten Stil

Die Sonne scheint, der Wind weht durch die verkehrsreichen Straßen Kairos und unser Bus hält neben einer großen Betonmauer. Dahinter eine Schule. Nur für Mädchen. Es wird spannend. Wie wird in Ägypten gelernt? Da wir eine deutsche Delegation sind, dürfen wir den Deutschunterricht besuchen. „Wo ist Frankfurt?“ fragt die Lehrerin in die 9. Klasse hinein. Zwanzig Mädchen mit rosa und weißen Kopftüchern melden sich. Eine Schülerin darf antworten, nachdem sie aufgestanden ist. „Eine Stadt in Hessen.“ sagt sie ohne Akzent.

Kurzzeitig wirkt es wie als ob die Zeit stehen geblieben ist. Frontalunterricht und Auswendiglernen stehen auf dem Deutschlehrplan, das einzige zusätzliche Medium, das die Sprache vermittelt, ist ein Schulbuch. 

Kaum wollen wir aus den Raum wieder verlassen, wird es unruhig in der Klasse. Die Sitzordnung gerät durcheinander. Die zwanzig jungen Ägypterinnen wollen unsere Namen wissen. Sie fragen, ob wir bei Facebook sind. Sie zücken ihre Smartphones. Sie machen Videos und Bilder, die ich am nächsten Tag in meinem Posteingang finde. In dieser Schule in Kairo treffen die alte und neue mediale Welt aufeinander.

In ihrer Freizeit gehen die jungen Ägypterinnen und Ägypter selbstverständlich mit den neuen Medien um, nur in den staatlich geführten Institutionen haben sie noch keinen Eingang erhalten. Sie werden eher als Bedrohung statt als Hilfe wahrgenommen.

Wir lassen das Ipad übersetzen

Hilfreich wiederum ist das Ipad als es darum geht, dass wir unsere Arbeit in Deutschland den Jugendlichen vom Nationalen Jugendrat erklären sollen. Ich tippe „Jugendbildungsreferentin“ ein und auf Arabisch erscheint die Übersetzung auf dem Display. Ein verständnisvolles „Ahhh“ raunt durch den Konferenzraum in der Jugendherberge. Neue Medien als Übersetzungshilfe erleichtern den Austausch, ersetzen ihn aber nicht. Am schönsten ist es immer noch, wenn wir uns bei einem Tee in Ruhe mit den ägyptischen Studentinnen und Studenten über die neue Verfassung unterhalten können. Doch die Ruhe wird unweigerlich von verschiedenen Handyklingeltönen getrübt. Nach zwei Stunden Unterhaltung haben wir politische Positionen ausgetauscht und können auch die Handytonmusikgeschmäcker der Teilnehmenden unterscheiden. „Lautlos“ wäre mein Favorit gewesen.

 Austausch in der Tahrir-Lounge

Lautlos mag zwar als Handyton angenehm sein, lautlos hätte aber am liebsten auch die Regierung unter Mubarak die Stimmen der ägyptischen Jugendlichen gehabt. Teilnehmende des Nationalen Jugendrats erklären uns in Kairo von ihrem Engagement bei der Bewegung des 6. Aprils (http://www.6april.org/). Sie haben ihre eigene Facebook-Gruppe gegründet und setzten sich zunächst dafür ein, mit Protesten auf die steigenden Lebensmittelpreise aufmerksam zu machen. Später mit Beginn des Arabischen Frühlings wurden die Facebook-Anhänger auch dazu aufgerufen ihren Unmut auf dem Tahrir-Platz Luft zu machen. Facebook diente als erste Informationsquelle. Termine und Treffpunkte wurden per Twitter oder SMS weitergegeben. Aber auch diejenigen, die nicht ständig online waren, haben per Buschfunk und Mund-zu-Mund-Erzählung von den Demonstrationen erfahren. Zwischendurch wurde das Internet vom Mubarak-Regime vollkommen blockiert. Vielen blieb Facebook als Austauschplattform verweigert. Eine reale Plattform musste folgen.

Dies ist der Grund warum das Goethe-Institut, nur wenige Meter vom Tahrir Platz entfernt, die „Tahrir-Lounge“ (www.tahrirlounge.com) geschaffen hat. Im Kellergeschoss des alten Gebäudes befinden sich zwei licht durchflutete Räume, die für Seminare und Diskussionsforen zur Verfügung stehen. Hier treffen Aktivisten von Nichtregierungorganisationen, Blogger und politisch interessierte junge Menschen zum Austausch aufeinander. Das Treffen mit Menschen wird immer noch dem Chatroom vorgezogen. Nur nicht jede und jeder kann die weite Fahrt in die Stadt auf sich nehmen und so stehen Berichte und Videos auch online. Auf der Facebook-Seite der Tahrir-Lounge wird Solidarität mit weiteren Protesten, auch in Syrien, demonstriert. 

Auf unserer Reise haben wir die Generation nach der Revolution kennen gelernt. Ihr Wünsche und Träume können noch in Erfüllung gehen und werden auch durch das Internet und neue Sichtweisen beflügelt. Trotzdem waren und bleiben die Proteste auf dem Tahrir-Platz eine Bewegung der Menschen, nicht der Medien. Über deren Fortgang werden wir uns aber weiterhin über verschiedene Medien informieren; bis zur nächsten Reise.


Text: Nadine Pflug


Info: Die Reise fand im Rahmen eines Programms des Pressenetzwerks für Jugendthemen (http://www.pressenetzwerk.de) statt.

 

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