nutella 10.10.2010, 13:18 Uhr 8 11

„Man wird doch noch die Wahrheit sagen dürfen“

Schnee ist weiß, die Erde ist rund, der Mond kreist um die Erde und die Erde um die Sonne. Das alles ist wahr und keiner protestiert. QED.

Auch mir ist bewusst, dass selbst diese Wahrheiten nicht ganz so unumstritten sind. Schon der Begriff der „Wahrheit“ ist philosophisch nicht ganz so simpel und hängt häufig auch noch von wissenschaftlichen Erkenntnissen ab, so dass die meisten „Wahrheiten“ wissenschaftlich nicht absolut sind. Außerdem werden selbst allgemein als „wahr“ akzeptierte Aussagen immer noch von Einigen nicht akzeptiert. Zum Beispiel gibt es immer noch einige „Wissenschaftler“, die erdzentriertes Weltbild vertreten und mit Ausnahme der ersten Aussage oben mir nicht zustimmen werden. Das macht den Umgang mit „der Wahrheit“ nicht einfacher, zumal die meisten Aussagen nicht so einfach verifizierbar sind wie die oben.

Aber um solche Wahrheiten geht es auch nicht, sondern um die „Wahrheiten, die man doch wohl sagen darf“, also vor allem „konservative Wahrheiten“, da am häufigsten Konservative Probleme zu haben glauben, Wahrheiten sagen zu dürfen. Dabei handelt es sich vor allem um an sich banale und sogar einwandfrei überprüfbare Wahrheiten wie „die Polen haben schon im März 1939 mobil gemacht“ (also die Armee einsatzbereit gemacht), „Menschen mit Migrationshintergrund sind häufiger kriminell“ oder „Muslime haben häufig Probleme mit der Integration“. Warum sind diese Wahrheiten ein Problem? Die Polen haben mobil gemacht, na und? Mehr haben sie eben auch nicht getan. Diese Wahrheit unterschlägt für sich den Kontext, in dem das Ereignis geschehen ist. Für sich allein ist sie auch nicht spektakulär, sie steht ja auch in jedem Buch über den Zweiten Weltkrieg. Von Vertriebenenfunktionären gesprochen, die als solche nicht eben einer Aussöhnung mit Polen verdächtig sind und überdies noch in der zuerst als Erinnerungsstiftung für die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg geplanten „Stifung gegen Vertreibung“ tätig werden sollen oder wollen, kriegt die an sich banale Tatsache einen ganz anderen Klang. Plötzlich klingt nämlich mit, die Polen seien ja zumindest auch mit Schuld an dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs.

Auch die Aussagen über Migranten und Kriminalität oder über Muslime und Integration sind an sich und für sich genommen nicht falsch, aber aus dem Kontext gerissen und ergeben so ein nicht zutreffendes Bild. Kriminalität ist immer noch ein hauptsächlich soziales Problem der „unteren Schichten“. Da dort überproportional viele Migranten vertreten sind, sind diese im Vergleich zur Restbevölkerung auch überdurchschnittlich kriminell, so weit, so unschön, aber auch banal. Ähnliches gilt für „Muslime und Integration“, wobei die Aussage an sich schon Unfug ist. Es gibt nicht „den Islam“ und Muslime kommen aus völlig unterschiedlichen Ländern mit völlig unterschiedlichen Voraussetzungen nach Deutschland. Schließlich ist der Islam die vorherrschende Religion von Teilen von Äquatorialafrika über Nordafrika, Arabien, die Türkei, Iran bis zu den GUS-Staaten und nach Indonesien. Unterschiedlichere Kulturen kann man sich kaum vorstellen.
Aber auch hier geht es nicht um eine differenzierte Betrachtung der „Wahrheit“, sondern darum, dass die Vertreter der Wahrheiten bestimmte Schlussfolgerungen daraus ziehen möchten, die sich aber mehr oder weniger zwangsläufig aus den „Wahrheiten“ ergeben. Deshalb werden die „Wahrheiten“ Gegenstand großer Debatten, die sich aus den Wahrheiten selbst nicht erklären lassen.

Dasselbe passiert jetzt wieder, interessanterweise kommt der Angriff auf die Wahrheit diesmal aber von den genau den Konservativen, die sich sonst üblicherweise mit der „Wahrheitsphrase“ verteidigen. Der ebenfalls allzu linker Ambitionen nicht verdächtige Bundespräsident Wulff hat es gewagt, die ziemlich zweifellos wahre Aussage zu tätigen, dass auch der Islam eine in Deutschland vorkommende Religion ist, ebenso wie das Christentum und das Judentum (das aus historischen Gründen zum größten Teil auch eine wieder eingewanderte Religion ist). Interessanterweise gab es keinen Aufschrei, weil einige nicht ganz irrelevante Religionen wie z.B. Buddhismus, Hinduismus oder FSM fehlen, die aber ebenfalls in Deutschland vorkommen. Denn auch hier geht es darum, die Schlussfolgerung aus dieser einwandfrei belegbaren Aussage zu verhindern. Das sagt so natürlich niemand, weil Wulff angeblich die Gleichstellung von Islam, Christentum und Judentum vorgenommen hat, was für viele Konservative inakzeptabel ist.

Es handelt sich also nicht um eine angebliche "linke Meinungsdiktatur", wie manche Konservative sie gerne beklagen. Jeder kann Probleme mit mit dem Aussprechen angeblich harmloser Wahrheiten haben, denn in Wirklichkeit geht es nicht um die geäußerte Wahrheit, sondern um die Schlussfolgerung, die aus ihr gezogen werden soll.

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8 Antworten

Kommentare

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    Ein guter Artikel, der zum Nachdenken anregt. Ob ich Deiner Meineung bin, steht auf einem anderen Blatt ---
    Aber: Man wird doch noch die Wahrheit sagen dürfen...

    Gruß Andreas.

    30.12.2010, 19:45 von Alexander13
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    ????
    Hab nen ziemlichen langen, harten Tag hinter mir und meine Konzentrationsfähigkeit ist gerade tief im Keller... Was willste denn damit sagen? Kapier ich jetzt nicht, kann mir das mal jemand in kurzen knappen Sätzen erklären???
    Danke schonmal!

    ...

    12.10.2010, 20:03 von Batida72
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    Wahrheiten müssen nicht gesagt werden.

    11.10.2010, 23:46 von Ben_Chof
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      @Ben_Chof Warum nicht?

      11.10.2010, 23:48 von nutella
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      @nutella Weil, egal, was man sagt, die Aussagen immer in einem Kontext stehen. Und somit haben sie immer mehr Tragkraft als eigentlich im Satz selbst steckt. Ob der Satz mit den Polen nun auf einer wissenschaftlichen Konferenz zum Thema "Der Tag, an dem der Krieg begann" gesagt wird, oder, kontextfrei, von Frau Steinbach, das macht inhaltlich schon einen Unterschied. Es ist ja auch wichtig, WER so einen Satz sagt. Und *wie* er gesagt wird, mit Ironie in der stimme, Witz, Trauer... Und daher muss man eben, GERADE bei solchen Sätzen, durchaus mal überlegen, ob man ihn jetzt sagen will.

      12.10.2010, 06:50 von Dunnagh
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      @Dunnagh das steht ja auch so in meinem text. jedenfalls sollte das da rauskommen. ich bin mir aber nicht sicher, ob ben chof das meinte...

      12.10.2010, 08:11 von nutella
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      @nutella Durchaus. Ich wollte nur, rhetorisch äußerst plump, direkt auf die Blöd-Zeitungs-Aussage referieren. Wenn es sich wrklich um "Wahrheiten" handelt (wenn es sowas überhaupt gibt), könnten sie nicht kontextuell oder subjektiv verfremdet werden. Wahrheit argumentiert für sich selbst und ist unantastbar. Die Titelzeile macht sich dieses Paradoxon zu nutze.

      12.10.2010, 12:51 von Ben_Chof
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      @Ben_Chof auf das problem der subjektivität von wahrheit hat schon sailor hingewiesen, das sehe ich genauso. es mag auch objektiv wahre aussagen geben, die dürften aber verhältnismäßig selten sein und sich im mathematischen oder astronomischen bereich bewegen.
      bei als wahr anerkannten aussagen sieht es anders aus. deren aussage verändert sich je nach dem kontext, in dem ich sie äußere. zum beispiel wird ein zitat aus dem grundgesetz zur meinungsfreiheit in verbindung mit rechtsradikalen aussagen anders verstanden als das gleiche zitat in neutralem kontext oder ohne kontext.
      an der wahrheit der aussage ändert sich nichts durch den kontext, an dem verständnis der wahrheit ändert sich sehr wohl etwas. und denjenigen, die an sich harmlose wahrheiten äußern, geht es selten um die aussage, die in der bloßen wahrheit steckt, sondern um das, was die zuhörer bzw leser durch den kontext verstehen.
      insofern werden wahrheiten selbst durch den kontext nicht verändert, aber die aussage, die erzielt werden soll, schon. letztendlich geht es den leuten aber um die aussage, nicht um die wahrheit an sich

      12.10.2010, 22:33 von nutella
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    Interessantes Thema. Ich stimme dir im Prinzip zu. Andererseits hat man auch eine Verantwortung dafür, welche Wahrheit man äußert, wenn man weiß, dass sie missbraucht oder es zu destruktiven Folgen führen kann. So gibt es Statistiken, die man besser nicht veröffentlicht, weil es zu Mobbing und Rassismus führen könnte, was auch so passiert ist. Bei Wulffs Äußerung hat mich in der Tat geärgert, dass er viele Religionen, die in Deutschland vertreten sind, nicht erwähnt hat.

    11.10.2010, 19:49 von Freydis
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    interessant geschrieben. übrigens: schnee ist nicht weiß.

    11.10.2010, 13:27 von gedankensprung
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    Ich stimme dir zu, und den letzten Absatz unterschreibe ich gleich zwei mal. Eigentlich sollten diese Gedankengänge jedem Menschen genauso präsent sein, wie die Tatsache, dass man Luft zum Atmen braucht. Nur eine Sache ist mir unklar ? FSM ? Was ist das denn ? Ah, das fliegende Spaghetti-Monster :-) Hmm, statt der Jungfrauen und/oder dem Paradies gibt’s also nach dem Tod ein ewiges Besäufnis an einem Biervulkan :D. Nun denn ... Prost :-)

    11.10.2010, 11:05 von Cyro
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      @Cyro "so geht das nicht" ist gut:-) ich hab auch genug sachne, bei denen ich denke, so, das ist wahr und der rest ist scheiße, gelogen oder schlcihtweg nonexistenz. selbstverständlich gäbe es zuhauf gelegenheiten, hier nun die wahrheits-exegese zu betreiben und gleich einmal zu betonen, was man dazu schon alles tolles gelesen hat. nur zu. wenn ich an meine wahrheit nicht mehr glauben kann und auch nicht mehr an meine wahrhaftigkeit - dann wär's zumindest für mich zappenduster. das reicht für den wochenanfang.

      11.10.2010, 11:41 von lavish
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    teilweise stimm ich dir da zu, ich würds so ausdrücken: da fehlt die objektivität und halt ben auch der kontext.

    gut geschrieben, wichtiges thema

    10.10.2010, 18:09 von nana-o
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