Krieg soll doch Spaß machen!?
Wo war der Spaß hin, als ich bei der Bundeswehr anfing? Ich zwischen Patriotismus, Dreck im Mund und der Frage: "Wofür?"
Meine Freunde fragen mich immer: "Wie ist es denn so beim Bund?" und das ausgerechnet an den Tagen, an denen ich wieder kämpfen musste. Nicht gegen irgendwelche islamistische Terroristen oder schiitische Freiheitskämpfer. Nein, an diesen Tagen lag ich wieder in irgendeinem Wald in der Nähe von Kassel und fragte mich, warum ich mich nur auf so etwas eingelassen habe.
Und dabei fing alles doch so viel versprechend einfach an: „Wissen Sie, die Bundeswehr hat in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht, wir sind darauf bedacht, dass Sie mit ihrer Wehrdienstzeit das Beste anstellen und schon etwas fürs Leben lernen.“ Etwas fürs Leben lernen, dachte ich und überlegte, was ich bisher vom Leben gelernt hatte? Die Schule hatte mich zwar viele wichtige Dinge gelehrt, doch wenn ich ans Leben denke, hätte sie mich eher zu einem weltfremden Träumer gemacht. Doch es schien, als sei meine Rettung gekommen und ich könnte doch noch vor meinem Studium was fürs Leben lernen und das mit Pauken und Trompeten.
Ich erinnere mich noch gut an die Kopfschmerzen am Tag meiner Reise zum Bund. Der Abschlussball war erst vor wenigen Stunden zu Ende gegangen, und ich musste den Zug um halb Vier nehmen. Hätte ich gewusst was mich erwartet, hätte ich jetzt Fahnenflucht begangen. In einem Willkommensschreiben einige Tage zuvor wurde mir versichert, dass hier beim Bund alle Kameraden sind und ich - so wörtlich - „nicht den Schauermärchen, die ich von Freunden und Bekannten gehört habe“ glauben solle. Ich stapfte also in die Kaserne und durfte mir beim Betreten des ersten Blocks den ersten Anschiss abholen: „Was denken Sie wer Sie sind, seit wann betritt man einen Block mit einer Kopfbedeckung?“
Ich war schockiert. Ging das Schauermärchen schon los oder wollte sich einfach nur jemand aufspielen? Ich schlich etwas eingeschüchtert zur Anmeldung und von da an wurde es immer schlimmer. Ich wurde angeschrieen, weil ich etwas falsch ausfüllte und mir ein neues Blatt holen musste und als ich noch total perplex den Kugelschreiber mitnahm, wurde ein Ausbilder richtig wütend.
Als ich die Unterkünfte betrat, wusste ich, dass hier schon viele Kriege geführt wurden. Ich war der erste im Block und durfte gleich mehrmals für meine neuen Ausbilder meine Stube (nicht "Zimmer", wie mir gleich mit dem Spruch: „Zimmer gibt’s im Puff“ eingetrichtert wurde) verlassen und im Laufschritt für Nichtigkeiten unterschreiben. Das Beste kam, als wir dann endlich alle beisammen waren und unser Ausbilder sich vorstellte: „Soooo, ich bin Ihr Hassbild für die nächsten drei Monate, das kann die Hölle werden oder noch schlimmer, benehmen Sie sich und wir werden uns einigermaßen gut verstehen“ – ich dachte „Bitte, lasst mich wieder nach Hause.“ Ich vermisste meine Freunde und den Spaß, den wir hatten, jetzt ging der Ernst des Lebens los, von dem mir alle immer erzählt hatten und wovon ich immer nichts hören wollte.
Die nächsten drei Monate waren die beschissensten meines Lebens. Mir ging es noch nie so schlecht wie in dieser Kaserne. Ich schrie am Wochenende meine Verwandten an, ich war froh, meine Freunde zu sehen, maulte sie aber nur an. Ich war fertig. Und ich dachte immer, es soll doch Spaß machen. Ich hatte mir mal vorgenommen, alles, was ich mache mit Spaß zu machen, doch da kannte ich noch nicht die Grundausbildung und all den sinnlosen Mist, den ich dort lernen würde.
Doch was dann passierte, ist unglaublich. Meine drei Monate gingen vorüber und ich wurde nur zehn Minuten von meiner Wohnung entfernt stationiert. Was hier los war, war härter, als in einem Sanatorium zu liegen. Ich lag den ganzen Tag im Bett und starrte in die Glotze. Wofür sollte all das Anschreien und all das Rumgekrieche im Wald gewesen sein? Warum ging es mir so schlecht und warum habe ich meinen Spaß verloren? Dafür, dass ich nun meine Zeit in einer kleinen Stube verschlafe und mich abends frage, was ich geleistet habe. Ich fürchte ich werde mehr und mehr verdummen. Mir fällt es jetzt schon schwer, richtige Sätze zu formen. Wie war das noch mal? Sie werden die Zeit gut nutzen können und was fürs Leben lernen? Ist das Leben ein großes Bett vor der Glotze voller Müll? Woran liegt es? Oder ist es einfach so, dass uns der Krieg fehlt? Kann man heute überhaupt noch stolz sein, seinem Land zu dienen und muss man nicht zuletzt einen hohen Preis dafür zahlen, dass man es verlernt, zielstrebig zu sein?
Die Bundeswehr erzählt uns von Zersetzung durch Demoralisierung, doch vielleicht demoralisiert sie uns schon selber. Ich weiß nicht, was meine Zeit bei der Bundeswehr noch so bringen wird, ich weiß nur, dass ich eines gelernt habe. Sitze nie einfach nur rum, auch wenn du damit dein Geld verdienen kannst.




Kommentare
Ich verstehe sowas nicht.
11.10.2009, 19:01 von FleckleibbaerInformiert sich denn niemand, bevor er zur Bundeswehr geht?
Ich war zwei Jahre lang Ausbilder in einer Grundausbildung und kann auch sehr gut sagen, woher diese Unfreundlichkeit kommt. Aus der Erfahrung. Alle drei Monate kommen neue Menschen aus unterschiedlichsten Schichten, die denken, die Welt hätte auf sie gewartet. Die keinen Respekt haben und doch unbedingt ins Ausland wollen.
Vorbereitung ist hier das A und O! Fast die Hälfte aller gefallenen Soldaten sind gestorben, weil sie sich nicht an die einfachsten Regeln gehalten haben.
Wir haben eine Armee der Freiwilligen!
Informiert euch vorher, wo ihr hinkommt, was sich dort gehört und wie das Militär nun mal aufgebaut ist.
Und an die, die sich beschweren, daß es so langweilig war nach der AGA; das ist geschenkte Zeit, macht was drauß! Ein Kumpel von mir hat in seiner Zeit nach der AGA Spanisch gelernt. Einfach mal den Arsch hoch kriegen!
Was soll ich sagen. Ich bin selbst beim Bund und muss sagen, dass ich meine Zeit in der Grundausbildung als schöne Zeit in Erinnerung habe. Natürlich muss man die Zähne zusammenbeißen, denn dort gilt wie immer im Leben, das nicht immer die Sonne scheint. Und ich habe hier viele Kameraden und auch Freunde und Bekannte die beim Bund sind/waren, die der gleichen Meinung sind und die Bundeswehr als eine tolle Zeit empfunden haben. Es ist ein wenig Verantwortung die der Staat von uns verlangt und ich denke man kann sich ihr stellen. Ich möchte den Zivildienst oder den Ersatzdienst bei der Feuerwehr usw. keinesfalls schlechtmachen, aber ich wäre dort nichthingegangen. Und natürlich gibt es den berühmten "Dummfick" und auch Zeiten wo man nur gammelt, aber das geht vorbei. Ich kann nicht behaupten, das ich momentan beim Bund unter sowas leide.
21.10.2007, 01:18 von GenschmanAllerdings finde ich es erstaunlich wie viele sich hier das Maul über die Bundeswehr zerreißen und sich in Schauermärchen reinsteigern, obwohl sie nie dort waren. Wie kann ich etwas beurteilen, was ich selbst nicht erlebt habe?
Ich muss sagen, dass ich das höchst bemerkenswert finde.
(Außerdem kann man sagen, dass einigen meiner Kameraden das bisschen Disziplin und Ordnung nicht geschadet hat, wohl eher das Gegenteil)
Bundeswehr ist nur was Leute die es wollen..
19.08.2007, 16:29 von sgt.jokerIch bin damals Freiwillig zum Bund gegangen und habe mich auch nur einziehen lassen weil ich zu den Fallschirmjägern wollte.. Ok, die AGA war sehr hart und wir hatten auch einen fiesen Drill, aber dafür hatten wir sehr viel Spaß gehabt. Uns ist schnell klar geworden wenn wir in der AGA überleben wollen, so müssen wir zusammen halten und das machen was die Ausbilder befehlen. In dem ersten Monat habe ich 10kg zugenommen, aber nicht an Fett sondern an Muskeln.. ich war noch nie so sportlich als in der Zeit..
Nach der AGA sind wir zu den Fallschirmjägern als Fallschirmpackern gekommen und als Packer muss man auch Fallschirmspringen, so was bekommt man im zivilen Leben nicht geschenkt..
Jeder kann es sich aussuchen wohin er will und was er will, er muss sich nur darum kümmern.. im militärischem sowie im zivilen Leben.. keiner bekommt irgendwas geschenkt.. und das "falsche" Bild über die Bw machen sich nur Leute die keine Ahnung haben bzw. noch nie in der Bw waren oder sich nicht abgefunden haben das man "dt. Bundesbürger in Uniform" ist..
Nur um das mal in aller Deutlichkeit mal zu sagen: beim Bund lernt man mehr als nur zu Wissen wie man tötet. Es ist die Fähigkeit sich in einer neuen Situation zurecht zu finden, neue Wege zu gehen, mit Streß umgehen zu können, etwas über die eigene Belastbarkeit zu erfahren. Und noch mehr. Beim Bund kann man Freundschaften finden. Ich habe selten so eine Kameradschaft erlebt wie dort.
25.06.2007, 22:37 von Fenriswolf83Und die Ordnung und Disziplin die man dort lernen kann, wenn man sich drauf einlässt, kann man das ganze Leben lang nutzen.
Sicher, viele dieser Dinge kann man auch woanders lernen, aber wir brauchen nunmal eine Armee - nicht so sehr zur Landesverteidigung sondern eher wegen der Verantwortung der restlichen Welt gegenüber aus unserer Rolle als Wirtschaftsmacht heraus. Was glaubt ihr wie es im Kosovo, in Somalia oder in Afganistan ohne die Bundeswehr aussehen würde?
Und zu dem vielzitierten Mörder-Argument:
Euch will ich sehen wenn wir wirklich mal im Krieg wären, und eine Gruppe von feindlichen Soldaten einen Freund oder jemanden aus eurer Familie erschießt, nur weil es ihnen Spaß bereitet - ihr wäret die Ersten die nach blutiger Rache schreien würden. Und damit dieses Szenario niemals geschieht gibt es die Bundeswehr.
Ich habe jetzt wahrscheinlich mindestens 90% der Argumente nicht mehr genannt die mir als Antworten durch den Kopf jagten als ich die meisten dieser Kommentare hier mit einem Kopfschütteln las.
Leute, wenn ihr keine Ahnung und vor allem kein reales Bild von der Bundeswehr habt, dann haltet besser die Klappe!
hi,
14.03.2007, 19:06 von Leayerstmal verdummen wirst du nciht, ich finde der text ist gut geschrieben.
könntest ja alternativen zum Tv finden, z.b. lesen etc.
hätten wir keine soldaten, armee, gäbe es uns so gar nicht mehr, ihr sichert ja unser land, so soltle man auch mal denken.
dank euch,
mfg
leay
Das Argument "Wer Grundwehrdienst macht will töten lernen und wird zum Mörder" ist wirklich lächerlich, erschreckend dass es hier tatsächlich User mit derartigen Meinungen gibt. Kein Wehrdienstleistender geht in einen Kampfeinsatz, nicht mal im Verteidigungsfall. Bei jedem Schützenverein wird mehr geschossen als in den paar Wochen AGA beim Bund.
17.02.2007, 13:03 von CyberWas man beim Bund lernt, ist vor allem Ordnung und Disziplin, Teamwork, nicht nur an sich selbst zu denken. Und das tut der Mehrheit der Teilnehmer nach vielen Jahren sorglosen Herumtrollens als Jugendlicher sehr gut.
@[Benutzer gelöscht] ich möchte nur kurz einwerfen das man nicht auf das töten lernen vorbereitet wird sondern auf das Verteidigen.
25.02.2007, 15:28 von -_-zwoHerrlich wie sich hier Diejenigen austoben können, die es ja eh schon immer besser wussten!
12.02.2007, 04:08 von saufuxZunächst mal meinen Respekt vor DickesB: sich als Abiturient für den Bund entschieden zu haben, zeugt bei den Verweigerungsquoten unter Gymnasiasten von einer gewissen Individualität (darf man sagen Querdenkerei?). Ich finde es unfair aus Bequemlichkeit eine Tugend zu machen, und den Zivildienst moralisch zu überhöhen.
Schade dass Du so negative Erfahrungen nach Deiner Grundausbidlung machen musst - ich hatte Glück und durfte Tätigkeiten verrichten, an die ich mich heute noch gerne zurückerinnere. Ist wohl wirklich 'ne Glücksfrage, aber Hausmeister-Zivi stelle ich mir auch nur mässig aufregend vor.
@[Benutzer gelöscht] thema verfelht: Der Vietnamkrieg ist eine komplett andere Situation als der Grundwehrdienst. Das wirst du einsehen müssen.
13.02.2007, 10:19 von TandUnd deine Verallgemeinerung das man mit der Bereitschaft zum Grundwehrdienst auch gleich bereit ist Menschen zu töten ist lächerlich.
@[Benutzer gelöscht] ich fasse zusammen: jede person die den GWD antritt=(potenzieller) mörder. und ausser töten gibts keine andere motivation für einen 18jährigen zum Heer zu gehn,
14.02.2007, 13:18 von TandAch wie schön einfach deine Welt sein muss...
wahnsinns text! ich kann das sehr gut nachvollziehen da ich meine zeit beim österr. heer ähnlich erlebt habe!
11.02.2007, 18:47 von Tand