grafik-diesinger 02.09.2010, 23:35 Uhr 2 0

Kopf(bahnhof) hoch und oben bleiben – HerrDiesinger über den klassischen Zugzwang.

So in etwa hätte ich mir gewünscht, dass es mit Stuttgart 21 abläuft. Aktion, Drama, von Emmerich verfilmbar.

Stuttgart (Baden-Württemberg, Deutschland) Mittwoch, 25. August 2010 unseres Herrn (also dem, laut Sarrazin in Deutschland erlaubten) Fünf vor halb drei, Nachmittag.

Es ist zu früh für Mike Häberle*. Viel zu früh. Die Sonne ist zwar schon längst aufgegangen aber seine Augen zieren sich noch etwas es ihr gleich zu tun. Er geht, nach knapp 2 Wochen krankfeiern mal wieder an seinen Arbeitsplatz, um so zu tun, als arbeite er – wie es halt alle anderen auch machen – wir sind ja schließlich auf dem Bau. Die letzten Wochen konnte er eh nix arbeiten, da gab´s noch Stress wegen dieser anderen Kollegen, die halt „auch mal so“ mithelfen und vom Chef dafür 500 Euro unter der Hand, was echt kompliziert aussieht, bekommen. Aber, wer schwarz Fern sieht und Straßenbahn fährt braucht auch schwarzes Geld um´s zu zahlen, heißt es ja immer. Zudem sitzen ständig diese, „verkackten grünen alt-68ger-Hippes“, wie Mike sie liebevoll nennt, um seinen Bagger rum oder machen sonst irgendwelche Bambule. An dieser Stelle soll nicht unerwähnt bleiben, dass der Bagger für Mike das ist, was für uns Web 2.0-Bohemiens, was auch immer wir mit den Böhmen zu schaffen haben mögen, unser PC ist. Kraxelt nun irgend ein Baumschützer, mit einem ebenso aufrüttelnden wie sprachlich gewandtem „Hallo!? Geht´s Noch?“-Plakat auf dem gelben Baufahrzeug herum, so ist das in etwa so unangenehm, wie wenn ein Kollege ungefragt an unserem Rechner im Internet surft. Nur mal als Denkanstoß und Gratisdiskussionsthema für Facebook, Twitter, Beckmann und andere Foren, in denen man ungestraft die größte Grütze von sich geben darf die einem aus dem Kopf fällt.

So sitzen auch heute morgen die S21-Demonstranten auf der S21-Baustelle in spe und harren der Dinge die da kommen mögen. Dass aber keiner von denen auf die Idee kam der Politesse zu sagen, Mike wäre nur kurz Geld abheben und komme gleich wieder, käst ihn schon ein bisschen an. Selbst diese „zugekifften Weltverbesserer“ sollten doch sehen, dass um den ganzen Bahnhof Halteverbot ist, er aber hier gezwungenermaßen seinen Bagger parken musste. Jetzt ist sein Führerhäuschen (Jaja, das heißt doch Wolfsschanze, haha sehr lustig) komplett mit Tickets übersäht. Und zwar keine für den Zug.
„D´r Kappo isch no gar net do, no stell I schnell den Bagger um. Bevor der no d´r Nommschnapper macht, wege denne Strofzettl“. Gesagt,...naja nicht so recht getan. Denn die 3-4 Fläschle Cannstatter Zuckerle des gestrigen Abends zollen Tribut und das ausgerechnet in Form eines eingelegten Rückwärtsganges. Mike reagiert zwar schnell, aber ebenso falsch. Er betätigt den linken, statt den rechten Hebel und schwenkt den Baggerarm locker flockich in den Nordflügel des Hauptbahnhofes. „Ja leck mi am Arsch“ ist alles, was Mike Häberle dazu einfällt.

So in etwa meine lieben Leser und Innen, hat sich der Startschuss zugetragen für die schlimmsten Chaostage, die Stuttgart seit der Zusammenlegung Baden und Württembergs erlebt hat. Wie Sie sich sicher denken geht es um das Bahn-Projekt Stuttgart 21. Eigentlich keine dumme Idee. Der bisherige Kopfbahnhof wird ein Durchfahrtsbahnhof, damit die ICEs, die momentan noch, wieder zurück und eine Schlaufe drehen müssen, einfach durch brettern können. Was heißt (ob man will oder nicht), man ist beispielsweise 20 Minuten früher in München. Das macht nach Edmund Stoiber: in 25 Minuten ist man hier am Bahnhof schon in London Heathrow. Es wurden Entwürfe gemacht, Dinge abgestimmt und beschlossen, Hände geshaked und Fotos gemacht. Und in dem ganzen Tohuwabohu zwischen Sektempfang, Spatenstich und Neuwahl hat man ganz vergessen dem Volk mal Bescheid zu geben, dass die schnell noch mal Bilder vom Bahnhof knipsen sollen, weil man den jetzt einbuddeln will.
Es ist aber auch ein so dermaßen schönes Projekt. Der Stadtkern wird vom Zentrum weg verlegt. Neue Arbeitsplätze entstehen, weil wo anders die Läden dicht machen müssen, weil sie zwar bisher Stadtkern, aber dann völlig außen vor liegen. Und der futuristische Entwurf, bei dem der Architekt die vergossenen Tränen, die die Stuttgarter ihrem alten Bahnhof hinterher weinen, durch halbkugelförmige Glaskuppel-Tropfen auf weißem Grund symbolisiert, ist doch zum sterben schön.
Jedenfalls hat dann irgend ein findiger Fuchs gemerkt: „Momentamol, des kommt doch mit denen 35 €, die d´r Oberbürgermeister dafür ausgebe will doch gar net no! Des sin doch scho mindeschtens alloi 40 € für die LKW!“ (LeberKäsWecken). Und dann ging´s los. Man rottete sich zusammen. Veranstaltete Montagsdemos, die eigentlich mal für Hartz4er-Belange reserviert waren – aber da es größtenteils die gleichen Teilnehmer waren war es ok. Man verwebcamte den Stadtpark, damit man gleich sieht „wenn die Kettensägen kommen“. Und man verteilte Merchandising. ÜBERALL. Kein Laternenpfahl ohne durchgestrichenes Stuttgart 21 Ortschild, kein fairtrade Ökohemd ohne grünen Oben-Bleiben-Button und keine Bio-Eier ohne grüne K21 Jutetasche drumherum.

Aber zurück zu Mike und dem Loch im Hauptbahnhof. In sämtlichen deutschen Haushalten ging der Fliegeralarm los. Man bewaffnete sich mit Trillerpfeifen, Demoschild und sonstigem Gerümpel, was man so zum Demokratiemachen braucht. Aktualisierte noch schnell den Facebook- und Twitterstatus in „Demo machen #s21 #oben-bleiben“ und zog geschlossen zum Hauptbahnhof, um gegen den Bauzaun zu brüllen: „Hey, des muss doch fei echt net sein, gell.“

Die frisch gegründete Volksmusikgruppe „Schwabenstreich“ blies bereits zum allgemeinen Sturm auf´s Rathaus. Täglich hatten sie sich gesittlert aufgestellt und mit Vuvuzelas „die Internationale“ zum Besten gegeben. „Völker hört, die Signale auf zum letzten Gefecht.“ Kaum ein Äugle blieb trocken. Jedoch hatten die allabendlichen Konzerte ein eher kleines Publikum, da 19 Uhr als Beginn wirklich schlecht gewählt war. Befanden sich doch sämtliche Mitarbeiter des Rathauses bereits bei Frau und Kind, da pünktlich um 18 Uhr Feierabend ist. So ein Rathaus ist schließlich auch nur ein öffentliches Amt. Jedenfalls verleihen die tiefen Vuvuzela-Trompeten dem Ansturm auf Mike und sein Loch, eine Herr der Ringe-mäßige Org-Atmosphäre.

Währenddessen klingelt im Büro des Oberbürgermeisters das Telefon. Ja, das Rote. Das Mickey Mouse Telefon, bei dem die Figur den Hörer so neckisch hält, ist für normale Belange. Am anderen Ende ist es der oberste Landeschef Dr. Mappuse. Die Sache ist eskaliert, man muss reagieren. Sämtliche Einheiten, von Polizei, Krippo, SEK und Militär sollen unverzüglich anrücken. Es herrscht nicht länger der OB, sondern jetzt ganz offiziell der Notstand in Stuttgart.

Die Situation am Bahnhof spitzt sich derweil zu. Erste Demonstranten haben IKEA-Teelichter entzündet und stellen sie auf die Gleise. Der IC nach, weiß Gott wo hin droht zu entgleisen, sollten die 4 Teelichter nicht schnellstens von einem Spezialkommando entschärft und kontrolliert gesprengt werden. „Ho-Ho-Howptbahnhof“ ruft die Menge. Es kommt zu ersten Tumulten. Das südländische Temperament geht mit einigen Schwaben durch. Ein bis zur Unkenntlichkeit geschützter Mitarbeiter der Bahn versucht die Menge mit einem Megafon zu beruhigen: „Meine Damen und Herren, bitte gehen Sie. Es ist zu spät zum demonstrieren. Es ist schon fast Viere durch. Sie müssen doch sicherlich morgen alle wieder zur Arbeit.“ Da erscheinen sieben S21Gegner auf dem Dach des Bahnhofes. Sie haben unzählige Tauben zusammengebunden und sich von ihnen hoch tragen lassen. Mike, der das alles nicht gewollt hat, kommt ebenfalls auf´s Dach. Er tritt gerade an den Rand und will springen als die S21er rufen: „Hey, such dir ein anderes Dach. Das hier ist besetzt.“ Sie entrollen ein Transparent: „Bürgerentscheid jetzt! Dann können wir das Kriegsbeil und Stuttgart 21 begraben.“ Aber ist es nicht genau das, was die „Bosse“ wollen? Will nicht Grube eine Grube haben und den Bahnhof drin vergraben? Viel Zeit zum überlegen bleibt nicht, denn ein etwas überengagierter Mitarbeiter der Bahn macht mit einem Flammenwerfer, der eigentlich für die Teerplatten auf der Dach Südseite gedacht war, kurzen Prozess mit den Besetzern.

„Das war ein Lapsus Mappus! Ich habe gleich gesagt: Lass uns das Ding einfach Sprengen. Das geht ratz-fatz und die Leute lieben Explosionen. Da hätte sich keiner beschwert! ‚Boah, geil hey’ hätten die gesagt. Und geklatscht!“ Dem OB steht das Wasser bis zum Hals bzw. die Gegner vor der Tür. Zwar kommen sie mit dem Rammbock nicht zum Haupteingang rein, aber wenn er Pech hat, geht ihm langsam das heiße Pech aus.

Die Polizei hat keinen Erfolg mit den Wasserwerfern. Jetzt, da es begonnen hat zu regnen können sie nichts mehr ausrichten. Die Demonstranten sind eh schon klitsch nass, da verliert der Wasserwerfer komplett die Wirkung. Die Demonstranten drängen in den Hauptbahnhof. Es werden immer mehr. Und sind von normalen Pendlern nicht zu unterscheiden. Der bundesweite Bahnverkehr wird abgestellt, damit die Stuttgarter Bahnkunden nicht ihre Anschlusszüge verpassen. Dass der Kaffee, den die Zugbegleiter für geringen Obolus an Reisende der 2. Klasse verkaufen, durch die Wartezeit kalt wird, ist ein notwendiges Übel, das Grube bereit ist in Kauf zu nehmen. Schließlich geht es hier um ein höheres Ziel.

Ziele hat auch der OB, jedoch, da er ein höheres Ziel ist, unten auf der Straße. Im Putzschrank war noch ein Vermächtnis des ehemaligen Bürgermeisters Rommel. Eine Kalaschnikow, die ein Gastgeschenk eines ukrainischen Ministers war, der dachte er würde auf Papa Rommel treffen. Jedenfalls hat sich der Oberbürgermeister damit und 4 Kisten Munition im Glockenturm des Rathauses verschanzt und ballert wahllos in das Stuttgarter Weindorf, nichts ahnend, dass bis auf einen Hörsturz, die geladenen Platzpatronen nichts ausrichten können.

Am Stuttgarter Bahnhof kippt voll ganz die Stimmung. Sämtliche Exilschwaben aus Berlin sind angereist. Die Demonstranten sind in den die Bahnhofshalle vorgedrungen und versuchen das ganze von hinten auf zu rollen. Mike hat begonnen mit dem Arm seines Baggers wahllos in die Menge zu prügeln um Herr der Lage zu werden. Dabei weichen die S21ger, die bereits die Wartehalle überfüllen zurück und drücken sich gegen das, im lauf der Jahre brüchig gewordenen Fundament. Das Grundwasser, das zu hoch steht und erst nach dem Umbau zu Stuttgart 21 künstlich abgesenkt werden sollte, tat dabei das Übrige. Jedenfalls bröckelt nicht nur das Ansehen Stuttgarts in der Welt dank der unzähligen mehr oder minder peinlichen Aktionen (Schweigemarsch, wo g´schwätzt wird, Gelöbnis – also Bitte – und was denen noch so eingefallen ist. Bier zum Beispiel, wo uuuuuuh mit Konzept, 21 (in Worten: Einezwansch) europäische Cent irgendwas zu gute kommen), sondern jetzt auch die Fassade vom Bahnhofsturm.

Derweil gibt der Oberbürgermeister seinen Kampf gegen die Windmühlen auf. (Nicht die Sache mit dem Atomstrom und den Windkraftanlagen, das kommt erst nächsten Montag) Er öffnet die oberste Schublade und bereitet den roten Knopf vor. „Wenn wir den Bahnhof nicht haben können, soll ihn keiner haben.“ Jedoch kommt es soweit nicht.
Denn vor dem letzten Drücker, fallen auf den letzten Drücker, bereits die zentnerschweren Gesteinsbrocken vom Stuttgarter Bahnhofsturm herab und begraben die nur schaulustigen Gaffer ohne Meinung unter sich.

Der Stuttgarter Bahnhof ist in sich zusammengefallen, wie dereinst der Turm zu Babel. Mit nur einem Unterschied – uns Schwobe hän die Neigschmäckte älle vorher scho net verstande.

So in etwa hätte ich mir gewünscht, dass es abläuft. Aktion, Drama, von Emmerich verfilmbar. Doch, wie sangen einst die Rolling Stones: You can´t always get what you want. Grob übersetzt: S´Läbe isch koi Schlotzer. Und wenn Sie mich jetzt fragen. Nach meiner uneingeschränkten Meinung zu S21. Pro oder Kontra, dann sag ich: So wie der Bahnhof später mal aussehen soll, kann man den wegen mir ruhig vergraben.


*So heißt jemand in der Redaktion.

2 Antworten

Kommentare

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    S´Läbe isch koi Schlotzer ....das stimmt ....leider !

    28.09.2010, 09:46 von kitty_masako
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    Absatz 7

    Am nderen Ende

    ein a fehlt.

    03.09.2010, 07:40 von Daner
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      @Daner Danke! Hab´s korrigiert.

      03.09.2010, 09:37 von grafik-diesinger
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