lilko 28.12.2011, 22:05 Uhr 2 6

Kein schönes Land.

" Gestatten, OV, Ministerpräsident Ungarns, König der Welt."

In meinem Kopf, da spielt sich eine wunderbare Szene ab. 

Viktor Orbán steht in einem dieser lustigen Nachthemden, die hinten ein Loch haben und ein Stück Po zur Schau stellen, barfuß im Flur der Budapester Psychiatrie, Speichel läuft ihm aus dem linken Mundwinkel, läuft langsam gen Doppelkinn und mit leicht debilem Grinsen schüttelt er seinem Gegenüber die Hand und sagt: " Gestatten, OV, Ministerpräsident Ungarns, König der Welt."

Darauf sein Gegenüber, mit den Füßen scharrend und der Hand, die nicht die seine hält, die rechte Brustwarze zwirbelnd: " Napoleon Bonaparte, sehr erfreut."

In Wirklichkeit lässt sich Orbán durch ein kaputtes Land chauffieren, mit kaltem Tunnelblick in eine Zukunft starrend, die er sich immer noch mehr als rosig ausmalt. Ein trotziges Kind, das mit stumpfer Gewalt ein "my little Pony"- Malheft traktiert und nicht bemerken will, wie die Minen in den Buntstiften schon längst zerbrochen und die Seiten in Stücke gerissen sind. Derweil: Ein aufgebrachtes Europa, ein Europa, das viel zu spät bemerkt, wie ein Land der Demokratie den Rücken kehrt und so zielsicher auf den kompletten Zusammenbruch zusteuert, dass man sich lieber vor diesen Zug wirft, anstatt auf ihn auf zu springen. 

Abends, in einer beliebigen Budapester Bar, da sieht man Bilder, die einem irgendwie bekannt vorkommen. Ein bisschen nostalgisch, ein bisschen schön, ein bisschen unheimlich. Da sitzen Menschen, junge Menschen, die literweise verdünnten Weißwein und Marlboro Red inhalieren, Reden schwingen, diskutieren, zu später Stunde dann auch mal auf den Tisch hauen oder auf Stühle steigen, als könnte man von oben vielleicht doch noch etwas sehen in diesem Dunst. Die einen spüren berechtigt diese Sorge um die Zukunft. 

Kompletter Stillstand des Nah-und Fernverkehrs. Vollkommene Isolation, eingesperrt in einem Land, das vergleichsweise nicht mehr ist als eine halbe Rosine in einem Weihnachtsstollen. Kein Strom. Kein Internet. Ein Laib Brot, der soviel kostet wie andernorts eine ganze Bäckerei. Kein Witz, das ganze. Wahrscheinlich wird das nicht passieren, zumindest nicht so und mit Sicherheit nicht innerhalb der nächsten ein oder zwei Monate. Das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, das überall Menschen sitzen, die sich klar werden, dass es dennoch möglich ist. Das ist es, was ich so erschreckend finde. Ungarn balanciert mehr schlecht als recht über einem Abgrund und dann gibt es da noch allen ernstes Menschen, die am Rand stehen und lachend applaudieren. Jene verspottend, die warnend den Zeigefinger heben. 

Kein Facebook mehr? Kein heiteres Shoppen im Konsumparadies Nummer 1 oder 2? Keine Fahrt mehr in gemieteten King-size-Limousinen? Haha. Wir sind doch Europa. Und wenn nichts mehr geht, dann werden eben fleißig Rüben gepflanzt. Oder Bohnen. Oder Kohl. Und nein, im Ernst, es gibt wirklich Leute, die das sagen.

Scheiss doch auf das Bildungssystem. Scheiss auf die Bildung überhaupt. Und die Kunst, dieses brotlose Laster. Zügellosigkeit ist unerwünscht und Zügel halten, das darf nur einer. Da sitzen hier doch allen ernstes 24-jährige Sportstudenten, die sich im Brustton der Überzeugung für eine Diktatur stark machen. Sie herbei sehnen. Dazu kann ich, glaub ich, gar nichts mehr sagen. 

Es gibt in Ungarn praktisch keinen linken Radiosender mehr. Geld schon gar nicht. Keine Obdachlosen mehr, weit und breit. Und nein, das heisst nichts gutes. Es ist jetzt nämlich verboten, hier in Ungarn, aus "lebensnotwendigen Gründen heraus auf öffentlichem Eigentum zu sitzen oder zu liegen". Wers tut, dem droht Gefängnis. Vielleicht wurden sie auch eingeschläfert, wer weiss das schon. Wie schlimm muss es stehen um ein Land, wenn sogar der Ex-ministerpräsident verhaftet wird, abgeführt von Polizisten, die noch zwei Jahre zuvor eben dieses schützen mussten, vor einer nach Blut lechzenden Menge? Wenn Menschen sich in Ketten legen, seit Wochen auf der Straße sitzen, im Hungerstreik? Wenn Politik zu einem Schimpfwort wird, das man lieber nicht zu laut in den Mund nimmt? Im Theater sieht man sich hauptsächlich Komödien an, wer kein  Geld hat, gibt erst Recht welches aus. Alkohol ist das Elixier, das jeden noch halbwegs wachen Geist am Leben halten soll. Junge Männer in abgetragenen Kordsakkos heften selbstgeschriebene Gedichte an Laternenpfähle, um ihren Unmut zu verkünden. Wer kann, der geht ins Ausland. Wer nicht kann, kämpft taumelnd für seine Rechte. Als Mensch, als Arbeitskraft, als Student. Um die ganz großen Träume, um wirkliche Ideale geht es schon lange nicht mehr. Um was es jetzt genau geht, ist irgendwie nicht ganz klar. Viel wichtiger die Frage, wann kommt der Punkt, an dem es wirklich- und das ist wieder kein Witz- um die eigene Existenz geht, um das (Über)Leben?

Ich habe es erheblich leichter als viele. ich beende mein Studium, packe meine Sachen zusammen und gehe weg von hier. Für andere wird es schlimmer. Und ob man jetzt Hunger streikt, sich ankettet, loslöst, was auch immer, letzen Endes sitzen die Menschen mit übergroßen, immer halb vollen Gläsern in noch verrauchten Kneipen, kritzeln volltrunken große Worte auf Servietten, vertreiben mit ein paar halbherzigen Ficks die Angst, reden stotternd und leise von Hoffnung und Taten und Möglichkeiten. Und warten drauf, das irgendwie, irgendwann auch das letzte Licht ausgeht.

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2 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Den Zustand mag ich nicht, den Text schon.

    11.04.2012, 17:46 von nutella
    • 0

      geht mir genauso!

      13.08.2012, 19:51 von _leelo
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