Miss_au_chocolat 30.11.-0001, 00:00 Uhr 9 5

Kein Geld - keine Zukunft?

Wie sieht Schule in Bosnien & Herzegowina aus? Haben die Jugendlichen elf Jahre nach dem Krieg eine Zukunft? Ein Bericht aus einem vergessenen Land.

Der erste Eindruck: Ziemlich katastrophal: Selbst elf Jahre nach Kriegsende gibt es mehr als genug zu tun. Das Schlimmste: Die alten Konflikte des Krieges sind mit Kriegsende 1995 nicht verschwunden, sondern an vielen Orten noch zu spüren.
In Kalesija, einer kleinen Stadt im Norden Bosniens versuchen die Jugendlichen, das Beste aus ihrer Situation zu machen:

Die Fußballtore haben keine Netze, am Basketballkorb ist eine Ecke abgebrochen – vom Netz ganz zu schweigen. In der Sprossenwand fehlen Stangen. Ein dunkelhaariger Junge in leuchtend blauem Fußballtrikot geht zum Aufschlag. Die Stimmung auf den Zuschauerrängen ist gelangweilt, kaum jemand beachtet das Geschehen auf dem Feld. Nur einmal ist der Aufschrei einiger Mädchen zu hören, als ein fehlgeleiteter Schmetterball auf die Tribüne fliegt. Weder Lehrer noch Schulleiter sind anwesend, um das Volleyballspiel zu verfolgen. Der Junge im blauen Trikot kündigt mit einem lauten „Achtung!“ seinen Aufschlag an. Einer der wenigen Jungen, die das Spiel zu interessieren scheint, wirkt angespannt. Ob der Ball es über das Netz schafft? „Možda“ – „vielleicht nein, vielleicht ja“, sagt er. Der Ball fliegt sehr flach, kommt aber in der anderen Hälfte an. Diesmal hat es geklappt.

„Možda“ ist wohl das passendste Wort für die Situation dieser Jugendlichen. Ob sich ihre Zukunft positiv entwickeln wird, hängt im Wesentlichen von einer Chance ab, die sich entweder auftut oder eben nicht.
Es ist Tag der Offenen Tür am einzigen Gymnasium in Kalesija, einer kleinen Stadt im Norden Bosniens. Der Tag, an dem die Schule sich der Öffentlichkeit präsentieren will, so die Aussage des Direktors. Es gibt jedoch keine Öffentlichkeit, die sich für die Jugendlichen interessiert. Ebenso gibt es nichts, worauf sie sich verlassen können. Weder auf die Hilfe von Lehrern oder Politikern noch auf einen Studienplatz – geschweige denn auf eine Arbeitstelle. Die einzigen Hoffnungsträger sind ausländische Hilfsorganisationen und die Sportwetten, die die Jugendlichen abschließen, wenn das Geld für den Einsatz reicht. In den Cafés rund um das Gymnasium Kalesjias erzählen sich Schüler die tollsten Geschichten über Freunde und Bekannte, die mehrere tausend Mark bei einem richtigen Tipp gewonnen haben sollen. Noch mehr und vor allem zuverlässiger verdienen angeblich Bosnier, die in Westeuropa Arbeit finden. Dass es auch in Deutschland Arbeitslosigkeit und Niedriglohnjobs gibt, will niemand glauben.

In einem der Cafés vertreibt sich der 18-jährige Adis mit seinen Freunden die Langeweile nach dem Unterricht. Der Raum ist dunkel. Die Luft ist stickig und von dicken Rauchschwaden erfüllt. Die Jungen stecken sich eine Zigarette nach der anderen an und versuchen die wenigen anwesenden Mädchen zu beeindrucken. Auf dem kleinen Tisch, um den sie sich drängen, stehen ein Aschenbecher und ein halbvolles Glas Wasser. Sie haben kein Geld, um mehr zu bestellen. Das Wasser dient lediglich als Ticket zum Bleiben. „Wer etwas bestellt, wird nicht hinausgeworfen“, erklärt einer von ihnen. Adis erzählt von einem seiner Onkel, der in Deutschland in einer Autowerkstatt angeblich 2400 Euro im Monat verdient hat – unvorstellbar viel für seine Freunde, die jeden westlichen Besucher sofort um ein Visum bitten. Der Onkel von Adis hat jedoch keines mehr und wohnt längst wieder in der Gegend um Kalesija – er sitzt am Nebentisch. Zwischen zwei Zigaretten erklärt Adis, was ihn an seiner Schule am meisten stört. „Geld ist das große Ding in Bosnien. Wenn du es hast, kannst du dir sogar deine Noten kaufen.“ Sein Freund Ismet ergänzt: „Wenn die Lehrer merken, dass du Geld hast, geben sie dir so schlechte Noten, dass du bezahlen musst, um in die nächste Klasse versetzt zu werden.“

Korruption ist in Bosnien ein großes Problem. Dies bestätigt indirekt auch der Englischlehrer der Jungen. Wer Geld habe, habe alles, erklärt er. Das sei jedoch überall so, auch in Deutschland, beeilt er sich zu ergänzen. Ismet Sejfija, freier Dozent an der Uni Tuzla, einer der größten Städte Bosniens, erklärt zudem, dass sein Land stark unter Schwarzarbeit leide, weshalb auch die Arbeitslosenquote kein genaues Bild von der Situation liefern könne. In der Region um Krizevici, dem Heimatdorf von Adis und vielen seiner Freunde, liegt diese offiziell bei 90 Prozent. Selbst wenn die Familienväter hier Gelegenheitsjobs nachgehen oder schwarzarbeiten, fehlt es in jedem Haushalt an Geld. Unter diesen Bedingungen, erklärt Sejfija, habe es keinen Sinn, rechtsstaatliche Strukturen durchsetzen zu wollen. „Es ist absurd, jemandem zu erzählen, was Demokratie ist, wenn er sich keine Schuhe kaufen kann.“

Krizevici, das im Krieg systematisch zerstört wurde, besteht auch elf Jahre nach Ende der Kämpfe nur aus halbfertigen, unverputzten Häusern. Geteerte Straßen gibt es nicht. Dafür sind die alten Ideologien der Kriegszeit geblieben. Sejfija erläutert, dass in Bosnien immer noch drei Wahrheiten und Erinnerungen existieren – jede Volksgruppe habe ihre eigene. Vor allem in den ländlichen Gegenden sind die Konflikte des Krieges zwischen bosnischen Moslems (Bosniaken), Serben und Kroaten noch deutlich zu spüren. Auch die Jugendlichen in der Region um Krizevici, Kalesija und Tuzla bilden keine Ausnahme. So erzählt Adis, der wie die meisten Bewohner Krizevicis Moslem ist, dass er nichts mit serbischen Jugendlichen zu tun haben wolle. „Ihre Eltern haben meine Familie umgebracht und unser Haus zerstört“. Sejfija hat durchaus Verständnis für diese Einstellung. „Junge Menschen äußern sich häufig sehr impulsiv. Sie haben im Krieg sehr viel verloren.“ Anstatt nun belastende und schwierige Diskussionen über die Vergangenheit zu führen, solle lieber versucht werden, den Jugendlichen der verschiedenen Ethnien Projekte anzubieten, in denen sie Gemeinsamkeiten feststellen könnten. So hätten sie die Chance zu merken, dass die anderen nicht ihre Feinde seien. Erst in einigen Jahren sei eine Diskussion auf sachlicher Ebene möglich. „Für eine Verarbeitung der Geschichte ist es schließlich nie zu spät“.

In Sarajevo, der Hauptstadt Bosniens sieht es zur gleichen Zeit ganz anders aus: Auch hier finden sich zerschossene Häuser und kaputte Straßen, doch Konflikte innerhalb der Bevölkerung sucht man hier vergebens. Die Religionszugehörigkeit spielt in der Klasse der Englischlehrerin Sonja Papo zum Beispiel keine Rolle.
Auch hier kämpft man zwar mit schlechter Ausstattung, zu großen Klassen und fehlenden Räumen, doch die Stimmung ist trotz allem fröhlich. Sonja Papo steht an ihrem Pult in einem Durchgangszimmer und versucht, ihre 30-köpfige Schulklasse zu unterrichten. Durch die provisorischen Wände in dem Fachgymnasium für Grafik ist der Lärm aus den anderen Klassenzimmern zu hören. Ihre Schüler scheinen dem Stimmengewirr etwas entgegensetzten zu wollen. Sie lachen und lassen Kaugummiblasen platzen. Die letzte Reihe steht plötzlich geschlossen auf und beginnt, einen bosnischen Hit zu singen. Sonja Papo beruhigt die Klasse und fährt mit dem Unterricht fort. „Das ist doch normal für das Alter“, sagt sie. „Sorgen bereitet mir eher, dass drei von vier Jugendlichen Bosnien nach der Schule verlassen wollen, um im Ausland Arbeit zu finden.“

Vielleicht werde er im Ausland studieren, vielleicht auch in Sarajevo, sagt zum Beispiel der 16-jährige Denis. Im Gegensatz zu anderen Jugendlichen will er jedoch später nach Sarajevo zurückkehren. Mit dem Wissen aus dem Studium will er helfen, Bosnien weiter aufzubauen. Schon jetzt engagiert er sich in einer Art Schülerparlament. Dieses bekommt Geld von der Regierung und leitet es schnell und unkompliziert in förderungswürdige Projekte für Jugendliche. Darüber hinaus arbeitet Denis momentan zusammen mit einigen Freunden und Lehrern daran, eine Schülerzeitung mit Artikeln aus dem ganzen Land herauszugeben. Die erste Ausgabe ist gerade erschienen.
Für Denis ist die Zukunft ebenso ungewiss wie für die meisten anderen Jugendlichen des Landes. Er leidet genau wie sie unter den wirtschaftlichen Problemen und weiß nicht, ob er nach dem Studium eine Anstellung finden wird. Doch für ihn ist Bosnien das Land, in dem er sein Leben verbringen möchte und für das es lohnt, sich zu engagieren – trotz aller „možda`s“.
Während er über seine Zukunftspläne spricht, löffelt er langsam die Sahne von seinem Kaffee. Er wirkt dabei sehr ernst, viel älter und erfahrener als die meisten 16-jährigen. „Ich glaube, es ist meine Mission, jungen Leuten zu sagen, dass sie hier eine Zukunft haben“, sagt er fast feierlich. „Možda“ – vielleicht nein, vielleicht ja.

5

Diesen Text mochten auch

9 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    bin in münchen geboren und aufgewachsen und habe nich wirklich bezug zu BiH, eher zu kroatien. auch wenn meine eltern beide aus bosnien sind. es sieht wirklich schlimm aus dort... fand deinen artikel interessant weil ich sonst wenig mitbekomme über bosnien... danke

    19.01.2007, 09:02 von jeli13
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Sehr schöner Artikel über Bosnien. Ich habe dort das letzte Jahr verbracht und die Beschreibung ist sehr passend.
    Du bist bei IPAK gewesen? Oder nur mit Ismet geredet unabhängig von IPAK?

    19.10.2006, 07:59 von sommerschnee
    • 0

      @sommerschnee Ja ich war bei IPAK, aber nur für ein paar Stunden. Sie waren sozusagen unsere Retter in der not, als wir zu zweit (und damit ziemlich alleine) mitten im Land, in irgendeinem kleinen Dorf plötzlich verlassen wurden. Wir wussten weder wohin noch wie überhaupt irgendwohin als unsere per Telefon alarmierten IPAK-Retter auftauchten...was hast du mit IPAK zu tun?

      20.10.2006, 01:28 von Miss_au_chocolat
    • 0

      @Miss_au_chocolat Ich war vom Oktober 05 bis August diesen Jahres über das EVS Programm Freiwillige bei IPAK und hab eben in Tuzla gewohnt. Von daher war ich jetzt gerade sehr erstaunt einige bekannte Namen in dem Artikel zu lesen ;)

      20.10.2006, 07:27 von sommerschnee
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Danke. Danke für diesen Artikel Ich komme aus Bosnien und weiss mehr als gut, wie es den Jugendlichen dort geht. Es ist schön zu wissen, dass nicht alle vergessen...

    Lieber Gruß!

    19.10.2006, 00:38 von Ida84
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Schöner Artikel, und es stimmt was du schreibst. Selbst das Hilfswerk UNHCR ist schon nach 4-5 Monaten im Jahr pleite und muß den Rest des Jahres auf das neue Buget warten.
    Allerdings hat das mit den unverputzten Häusern Methode. Denn nur wer es sich auch im nachhinein leisten kann verputzt sein Haus, dann zahlt man nämlich auch Steuern. Solange der Putz fehlt ist das Haus nicht fertig und somit nicht steuerpflichtig.

    17.10.2006, 11:57 von das_Caspar
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Dein Text über BiH ist wirklich toll. Ich bin jedes Jahr ungefähr 4 Wochen dort, bin aber Kroatin!!
    Es erstaunt mich jedoch immer wieder wie Lebensfroh die meisten sind. Sie wissen zwar, das es schwierig wird dort arbeit zu finden, aber die Kontakte vom Papa werden das schon regeln,irgendwen kennt man schließlich immer !! es ist ein Überlebenskampf, Tag für Tag, Monat für Monat!
    Keiner von Ihnen verlangt etwas unmögliches - sie wollen ehrlich arbeiten, eine Familie gründen und einfach glücklich sein!
    In diesen Ländern, die nun einmal vom Krieg heimgesucht wurden, ist es schwer, aber Fakt ist, viele Menschen sind nicht bereit ihre Einstellung zu ändern und solange sich daran nichts ändert, wird es auch in Zukunft wenig Hoffnung für die Jugendlichen geben!!!!!!!!!!!

    17.10.2006, 10:43 von dreamday
    • 0

      @dreamday hi dreamday, kako si? ;)

      17.10.2006, 15:05 von NeonBlond
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Vielen Dank für diesen Artikel!! Ich interessiere mich sehr für die Geschichte Jugoslawiens und die gegenwärtige Entwicklung seiner heutigen Nachfolgestaaten und bin stets dankbar für Informationen aus dem
    "zaboravljeni crni kut Evrope (vergessenen schwarzen Winkel Europas)". Gerne mehr davon.
    Eins noch: Man sollte nicht vergessen, dass Bosnien-Hercegovina eigtl. mitten in Europa liegt. A propos EU, sage ich da nur...

    17.10.2006, 01:47 von Dinediil
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • Kommentar schreiben
  • 0

    toIIer artikeI.
    was machst du in bosnien?

    16.10.2006, 22:07 von NeonBlond
    • 0

      @NeonBlond Bin schon wieder in Deutschland. War eine Recherchefahrt im April auf der dieser Artikel entstanden ist. Es gibt ein Buch von Juli Zeh über ihre Reise durch Bosnien - ist noch besser :-)

      16.10.2006, 23:12 von Miss_au_chocolat
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Guter Artikel zu einem dieser länder, die leider immer irgendwie in vergssenheit geraten...

    16.10.2006, 14:28 von system
    • Kommentar schreiben

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare