Karl rück und tritt Guttenberg
„Ach, früher, das war’n Zeiten!“, pflegte meine Oma immer zu sagen, nachdem ihr vom Schwelgen in Jugendjahren...
...die Augen feucht wurden. Und was es damals alles gab – und heute nicht mehr gibt! Heiratsschwindler zum Beispiel. Vor hundert Jahren war das, nun ja, keine Mainstreammasche, aber doch ein häufiges Phänomen. Bis 1975 gab es dafür beziehungsweise dagegen einen extra Paragraphen im deutschen Strafrecht. Heute heiratet ja kaum mehr jemand, weil sich das mit dem Heiraten wohl insgesamt als Schwindel herausgestellt hat.
Ähnlich ist es mit dem Straftatbestand Grober Unfug. Mein Kumpel Clio wollte immer mal verurteilt werden wegen groben Unfugs. Das gab es wirklich. Übers Bett hängen wollte er sich den Urteilsspruch. Doch er kam nicht zu Potte. Pech für ihn, denn der Paragraph wurde gestrichen. Als Ersatz wurde eingeführt: Belästigung der Allgemeinheit. Aber das wollte Clio nicht. Inzwischen macht er sich weder Gedanken um irgendwelchen Unfug noch um die Allgemeinheit.
Aber es gibt Dinge, die verschwinden nicht wirklich. Auch wenn man das naiverweise denken könnte. Sie kleiden sich nur in neue Gewänder. Man könnte sie auch moderne Heiratsschwindler nennen. Alle paar Jahre fliegen in deutschen Kliniken Leute auf, die als Mediziner praktizieren, aber gar keine Approbation besitzen. Sicher gibt es auch genug eingebildete Kranke, denen nix fehlt, die sich trotzdem gerne immer wieder und immer weiter behandeln lassen. Die fliegen nicht, die werden nur verlegt, irgendwann in die Geschlossene.
Dann gibt es Leute, die geben sich unter falschem Namen aus. Künstler dürfen das. Horst Evers heißt eigentlich Gerd Winter, Rio Reiser ist mit bürgerlichem Namen Ralph Christian Möbius und Eminem wurde als Marshall Bruth Mathers III geboren. Schwierig wird es, wenn Künstler in die Politik gehen. Dramatischstes Beispiel ist der Maler Adolf Schickelhuber, eher bekannt unter dem Decknamen Hitler.
Ganz unkünstlerisch daher kam William Jefferson C., der unter dem Pseudonym Bill amerikanischer Präsident wurde. Oder Willi Brandt, geboren als Herbert Ernst Karl Frahm. Aber die machten es alle kurz. Genauso wie Lenin, Stalin und Ché. Kurz war früher. Die neue Masche ist, Decknamen so lang zu machen, dass keiner sie sich merken kann.
Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg. Das führte anfangs zu der paradoxen Situation, dass ihm manchen Journaille einen „Wilhelm“ untermogelte – beinahe hätte er es selbst nicht gemerkt. Denn er war beschäftigt. Er musste ja eine Doktorarbeit schreiben. Sagt er jedenfalls.
Als er Wirtschaftsminister wurde, betonte er seine ökonomische Kompetenz mit seinen Erfahrungen im Familienunternehmen. In welchem war das nochmal? Die CSU wusste nix, das Wirtschaftsministerium wusste nix. Die zeitdruckgeplagten Reporter vertrauten Google und er Namensähnlichkeit und machten den hinter und unter Guttenberg eigenmächtig zum geschäftsführenden Gesellschafter eines Baustoffgroßhandels namens Guttenberg. Karl Theodor etc. pp widersprach der Ente nicht. Doch die Gipsplattenvertriebs-GmbH gleichen Namens bei München klärte den Schwindel auf: Ein neben zwischen Guttenberg hat dort nie gearbeitet.
Hmm, wo dann? Das Politmagazin Zapp wird fündig. Im Handelsregister. Die Guttenberg GmbH existierte als ein Dreipersonenunternehmen. Zur Verwaltung des eigenen Vermögens. Es wurde 2004 aufgelöst. Auch kreuz und quer Guttenbergs Behauptung, er habe die Rhön Kliniken beim Börsengang begleitet, entpuppte sich als Fälschung. Im Jahr des Börsengangs, 1989, wurde er gerade erst volljährig.
Ich fasse zusammen:
Es gibt eine Person, genannt Karl Theodor von und bei et cetera, die Wirtschaftsminister wurde, ohne Wirtschaftserfahrung zu besitzen, die Verteidigungsminister einer Armee wurde, die einen Krieg führt, wobei sie gleichzeitig dafür sorgte, dass die Bürgerarmee abgeschafft wird; die, wohl weil der Name sonst zu kurz wäre, einen Doktortitel einfügte, aber nach kritischer Sichtung der Dissertation – zwei Drittel des Inhaltes erwiesen sich als Diebstahl geistigen Eigentums – vorerst den „Dr.“ aus der Namensbanderole strich. Fest steht: Der geistige Vater der wissenschaftlichen Arbeit ist er nicht.
Ob das unter die Kategorie „Heiratsschwindler“ fällt, ob das noch als Grober Unfug durchgeht oder schon als Belästigung der Allgemeinheit, darüber entscheiden die Bürger im Lande. Für einen Verteidigungsminister sind das ein paar Nebelgranaten zu viel. Spitznamen wie „Selbstverteidigungsminister“ und „Dr. Googleberg“ gehören noch zu den harmlosen.
Wenn meine Oma das noch erleben könnte! Die würde ganz still werden, dann feuchte Augen bekommen und dabei murmeln: „Ach heute, das sind Zeiten!“
Und: Nach so viel Täuschung bei der geistigen Vaterschaft sollte man vorsichtshalber auch prüfen, wie es um die leibliche Vaterschaft bestellt ist. Ich könnte wetten: Da gibt es nix adliges. Alles nur getrickst. Ich lese schon die Schlagzeilen: Adels-Bluttest beweist: Tinte beigemischt!




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Kommentare
überaus amüsant (:
20.10.2011, 21:09 von favoriteIsabellaTolle Verbindung zu Deiner Oma.
Ich find's echt gut. (:
Dumm, polemisch, überflüssig.
11.05.2011, 20:20 von BeatnickGefällt mir
11.05.2011, 20:14 von FU22@[Benutzer gelöscht] danke. bei gegebenem anlass gerne mehr.
08.03.2011, 23:59 von sommer-haus