MrDeeds 17.02.2013, 00:46 Uhr 35 6

Ite, missa est

Acht Jahre Papa Ratzinger, acht Jahre, in denen ich stolz war und gleichzeitig mit dem Kopf geschüttelt habe.

Wenn man morgens verkatert aufwacht und zuerst die Meldung liest, der Papst sei zurückgetreten, dann denkt man, das seien Nachwirkungen der 20 Bier vom Vorabend. Sobald man aber das Video dann gesehen und den alten, zerbrechlichen Mann hat reden hören, dann kommt das Bewusstsein wie ein Lichtstrahl angeschossen und überfordert einen Durchschnitts Katholiken erst einmal.

Rückblende.

 

Am 19. April 2005 saß ich in meiner ostbayerischen Heimat auf gepackten Koffern, da ich nach einem langen Wochenende mit der Familie zurück nach Ulm musste. Kurz vor dem zweiten Durchgang des Konklaves an diesem Tag bin ich aufgebrochen und habe meinen Vater gebeten mich telefonisch über den Ausgang zu unterrichten. Kurz vor 17:00 Uhr, der Inter City war kurz vor Ulm, da klingelte mein Handy und mein Dad informierte mich, über den weißen Rauch der aus dem Kamin der Sixtina schlich. Wie von einer Tarantel gestochen stürmte ich am Hauptbahnhof aus dem Zug, kaufte mir einen Tripple Whopper bei BK und ergatterte den erstbesten Stadtbus der Linie 4 zum Kuhberg.

Mein ganzes Leben lang, meine Kindheit, mein Ministrantendasein über, immer kannten wir nur den einen, JP II. Der war auf einmal nicht mehr und alle fragten sich was kommt. Ratzinger ging als deutlich papabile ins Konklave und als der alte Herr in Kardinalswürden an der Loggia des Petersdoms das Wort „Josephum“ sagte, blieb mir nicht nur fast der Burger im Hals stecken, sondern auch die Luft in den Lungen. Ein Deutscher also. Der, über den sie immer geschimpft haben, ihn als Großinquisitor betitelten. Von diesem Augenblick an war ich sein Fan. Vielleicht, weil er deutscher war, vielleicht aber auch, weil mich seine Bescheidenheit, die er auf dem Balkon im Vatikan ausstrahlte, beeindruckt hat. Nach einem Mick Jagger auf dem Thorn Petri, nun einen Leonard Cohen, zurückhaltend, direkt, ein bisschen poetisch.

Ich las alle seine Enzykliken, Peter Seewalds Bücher, an denen er beteiligt war und schloss mich den Lobeschören der deutschen Theologen an. Er betrat erst den Boden meiner Heimat, Polen, dann den meiner anderen Heimat, Bayern. Mit aller Aufmerksamkeit entgingen mir auch die Entgleisungen nicht, die er sich geleistet hat, in Regensburg, in Sachen Pius Bruderschaft und zu guter Letzt Vatileaks. Fehler, die scheinbar aus einem tiefen Harmoniebedürfnis entstanden sind, dem Bedürfnis, mit allem und jedem im Reinen leben zu wollen. Brücken wollte er bauen und Steine wurden ihm in den Weg gelegt.

Ich konnte bei jedem öffentlichen Auftritt, den ich im TV verfolgt habe, sehen, wie er immer älter und immer schwächer wurde, wie er sich immer unwohler gefühlt hat. Scheinbar ist diese Last irgendwann zu schwer geworden, auf den Schultern dieses alten, zierlichen Mannes, eines Denkers, eines wahrlich schlechten Managers.

 

Es ist der 11. Februar 2013 und ich springe verkatert von einer Onlineausgabe der Tageszeitungen zur Anderen. Tatsache, er hat es getan und wird von allen Seiten hochgefeiert für diese Entscheidung, mit Respektsbekundungen, manche auch mit einem leichten Ausatmen und dem erleichternden Nachklang eines „Endlich, wurde auch Zeit“.  Acht Jahre waren wir Papst und nach acht Jahren frage ich mich, inzwischen am anderen Ende der Welthalbkugel wohnend (wo der Katholizismus deutlich stärker ist als in Europa), was bleibt nach dieser Zeit des Pontifikats unseres deutschen Brückenbauers?

Es bleibt die Kritik, die immer da ist, die in Sachen Sexualmoral und geschiedenen Eheleuten, in Sachen Aufhebung des Zölibats und des Frauenpriestertums. Es bleibt der Scherbenhaufen von einer Kurie, die in den letzten Jahren in internen Machtkämpfen rücksichtslos alles mitgenommen hat, was sich nicht auf die vorherrschende, politische Seite schlagen konnte. Es bleibt das Bild eines weglaufenden, alten Mannes, überfordert mit den eigenen Entscheidungen, oftmals getroffen im Schatten einer großen Berufungsverfehlung.

Joseph Ratzinger wollte diesen Job niemals, hat sich dem Willen des Kardinalkollegiums (oder wie manche sagen, dem Willen des Herren) jedoch gebeugt. Ganz unnütz geht er nicht. Es scheint, als hätte er viele Türen einen kleinen Spalt weit geöffnet und es wird Aufgabe seines Nachfolgers sein sie aufzureißen und ein ‚aggiornamento‘, eine Aktualisierung vieler kirchlicher Aspekte, herbeizuführen.

Ob diese Neuerung einen Strukturwandel oder eine tiefere Rückkehr zu den Wurzeln bedeutet, das wird seine visionäre Fähigkeit zeigen. Denn Moden, Politiker, ja, ganze Regime kamen und gingen, doch die Kirche war da. Sie ist da und sie wird es wohl noch lange bleiben. 


Tags: Vatikan, katholisch
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35 Antworten

Kommentare

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    ich bin voll deiner meinung! super artikel! ;)

    26.02.2013, 19:52 von thecolumnist
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    Man sollte dir Kirche im Dorf lassen... http://www.der-fall-des-papstes.com/ 

    21.02.2013, 08:21 von toirmisgte
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    Bah... Ich bin in Rom aufgewachsen, wir "durften" ihm quasi hautnah sein: das einzige was der liebe Bene in unserer Familie ausgelöst hat, war Wut und Kopfschütteln.

    Was ich allerdings fast schlimmer fand als ihn selber, waren all die Menschenmassen die wie blind zum Petersdom gepilgert sind und halb heulend halb sterbend vor ihm niederknieten als sei er was weiss ich was.
    Meine Güte, er ist auch nur ein Mensch. Zum Glück wird er auch mal alt und muss ein bissl seine Stimmbänder schonen. Nicht wirklich schade drum aber gut.. Versteht mich nicht falsch, es geht nicht gegen ihn persönlich.
    Da kann doch sonst wer vorne stehen, solange mich die Bilder des Katholizismus an den kranken Idealsmus egal welcher Diktaturen erinnern (sorry an alle, die bei dem Vergleich wehleidig zusammen zucken..), kann ich damit nichts anfangen da kann ich noch so oft getauft und zum Kommunionsunterricht geschleppt worden sein.

    Ich möchte mit solchen Aussagen niemanden angreifen, vor allem die, die hier ihre Meinung mit abgeben, nicht.
    Aber all diejenigen die sich Diskussionen sperren und sich stur, wie kleine Kinder, an irgendwelche Aussagen von Hans Joseph der XXII Schießmichtot hängen um irgendwas zu rechtfertigen - die den Papst, egal was er macht, als etwas Richtiges ansehen, nur weil er "von Gott erwählt" wurde - die, die sich davor fürchten, der Kirche mal offen kritisch gegenüberzustehen, weil ein Leben ohne Religion so undenkbar geworden ist -
    vor diesen Leuten habe ich Angst. Ohne Mist.
    Egal wer als Nächster so bescheiden vom Balkon runter winken darf: die daraufhin vor Glückseligkeit keuchenden Menschenmassen, waren und werden immer die gleichen bleiben.

    Vielleicht übertreibe ich... Was meint ihr?

    21.02.2013, 08:00 von kopfgefluester
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      @Lichtspiel man will ja nicht gleich online zum erschießen freigegeben werden ;) [Sorry, der musste sein].


      21.02.2013, 19:38 von MrDeeds
    • 0

      Ich hab nur das erzählt, was ich fast täglich so erlebt habe, um andere Religionen geht's ja grad nicht, oder was meinst du mit deinem Kommentar, Lichtspiel?

      22.02.2013, 01:03 von kopfgefluester
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      Schon gut, jeder sieht's halt wie ers sehen will. Ich find meine Wahrnehmung des Ganzen auf meine Art richtig. Klar ist sie subjektiv, absolut uebertrieben und nicht immer ganz angemessen aber hey, jeder darf hier doch wohl seinen Senf dazu geben. Ich hab's gemacht, du auch, shalom und Friede sei mit dir ;)

      22.02.2013, 22:40 von kopfgefluester
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  • 0

    Boah, was für ein Klischee: (Ost-)Bayrischer Ministrant, mit polnischem Migrationshintergrund, der alle Enzykliken liest, Papst und Mick Jagger im gleichen Satz verwendet, JP II schreibt (und wahrscheinlich auch so ausspricht - eine Frage: Hast du auch KTG gesagt?) und wie von der Tarantel gestochen rumhibbelt, wenn ne SMS von Dad (warum sagen die Leute Dad - ich fühl mich dann immer als ob ich bei Alf oder Alle unter einem Dach wär) mit der Papstabdankung kommt.

    - Du bist kein Durchschnittskatholik (zumindest nicht in Bayern) -

    Der Durchschnittskatholik (in meinem Alter) ist in der Kirche, weil... des halt so is. Und weil man mal kirchlich heiraten will. Wenn man zu viel verdient wirds schon kritisch bei vielen. Im Finanzamt hab ich mir mal sagen lassen, dass so gut wie alle über 5000€ austreten.
    Und natürlich ist man in der Kirche weil da Werte vermittelt werden... oder so. Und weils gut mit der Feuerwehr zusammenpasst. Und man war ja Ministrant (mein Vater war sogar Messner), hatte Latein und schaden kanns auch nicht. (Fuck, ich bin auch ein Klischee, aber egal)

    ... ich fand den Benedikt ja gut. Ich mein: Was erwarten denn immer alle vom Papst? Ich erwarte, dass er die Geschäfte so weiterführt wie die letzten paar Jahrzehnte. Wenn mal so was erfreuliches wie ne Öffnung zu weiblichen Pfarrern oder Abschaffung des Zölibats oder ähnliches bei rüberkommt, dann bin ich happy.
    Aber ich erwarte nichts. Ich erwarte ja auch nichts von Amazon, oder Facebook... (erspart mir den Hinweis: "Aber das ist eine Religion bla - wenn man es als Konzern sieht, dann verschiebt sich der Maßstab. Und es ist ein Konzern.) Es zwingt einen ja keiner dem Verein zu huldigen. Das einzige was halt gar nicht geht ist diese Geheimhaltung - Pädophile, Finanzen usw. Das kotzt mich an, dass da so Extrawürste gebraten werden.
    Ich hoff ja, dass der nächste Papst schwarz sein wird.
    Gibts den Bischof Tutu noch? Tutu for President!

    20.02.2013, 17:54 von Dalek
    • 0

      Sehr guter Kommentar, mein lieber Mit-Klischee-Katholik. 

      Und ja, Desmond Tutu gibts noch. Wäre wirklich ne coole Option.

      21.02.2013, 19:38 von MrDeeds
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  • 3

    Als Pfarrhelferintochter mit langjähriger Ministrantenlaufbahn und viele Abendessen die ich gezwungen war mit unserem Herrn Prof. Dr. Dr. Pfarrer zu verbringen hab auch ich immer mit Interesse das verfolgt, was im Vatikan so geschah. Nicht, weil ich jetzt noch von mir behaupten kann, ich sei super gläubig. Sondern weil es eben schon immer Teil meines Lebens war, vermutlich eher mehr, als für andere in meinem Alter. Und ich muss sagen: Ich habe mich nicht gefreut, als unser Kardinal Ratzinger zu Papst Benedikt XVI gewählt wurde. Mir war er immer zu konservativ. Und kein vergleich zu JP II. Ich freue mich auch ehrlich gesagt ein bisschen, dass er zurück getreten ist. Und "Papst" war ich nie. Nicht mal ein bisschen. Ich bin gespannt auf das diesjährige Konklave und werde vorm TV die schwarzen oder weißen Rauchschwaden verfolgen und mir hinterher ein Bild vom auserkorenen Kardinal machen. Der dann vllt. auch wirklich Türen aufstößt.

     

    Ich find's gut, dass jemand hier mal einen solchen Text veröffentlicht hat, neben bei bemerkt. :)

    19.02.2013, 13:59 von execratedworld
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  • 7

    eigenartig - ich hab ne menge türen zufallen hören.
    und einen haufen mist gelesen (die verquickung mit opus dei), der mir bestätigt hat, dass es sehr sehr gut ist, vom katholizismus (und anderen religionen) die pfoten zu lassen.

    19.02.2013, 11:53 von lavish
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  • 4

    eine noch tiefere rückkehr zu den wurzeln? d.h. dann e n d l i c h wieder hexen auf die scheiterhaufen? missionieren mit feuer und schwert? es gibt da tolle durchaus tolle wurzelwerte. ich wär dann wohl bloß für nen gegenpapst und ein paar konfessionskriege, allein dem unterhaltungswert wegen..

    19.02.2013, 09:03 von MaasJan
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  • 1

    du sagst, er wollte das amt nie antreten. auf welche quellen beziehst du dich und was war seine intention, als er "genötigt" wurde das amt anzunehmen?

    19.02.2013, 07:41 von mo_chroi
    • 0

      Das habe ich mich auch gefragt. Und soweit ich weiß
      war er ja dem Thema Ökumene auch nicht so zugeneigt. In meinen Augen ein extrem wichtiges.

      19.02.2013, 08:22 von Tanea
    • 0

      soweit ich das gelesen habe, tritt er für die ökomene ein, findet aber nicht, dass eigene glaubensprofile der diversen konfessionen darunter leiden sollten. klingt nicht so sehr verkehrt, finde ich. alles andere würde für mich bedeuten, dass die katholische kirche innerhalb der diversen konfessionen zur gunst einer einzigen institutionen maßregeln möchte.

      19.02.2013, 08:39 von mo_chroi
    • 2

      s gibt aber doch nur den einen wahren glauben! mit häretikern würd ich auch nich reden.

      19.02.2013, 11:19 von MaasJan
    • 2

      das stammt aus einem Interview mit Ratzinger. er hatte zu Gott gebetet, dass sie jemand anderen ernennen. Gott hat aber auf die Gebete des Repräsentanten Gottes nicht gehört. Sehr ironisch, wie ich finde.

      19.02.2013, 16:32 von Schmalzstulle
    • 1

      ich danke dir.

      20.02.2013, 10:10 von mo_chroi
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  • 0

    War das jetzt ein Versuch, seinen Rücktritt, der so einigen Rück-Schritten vorausging, als Fortschritt (gar durch Beständigkeit der "krisensicheren" kath. Kirche) zu deuten?

    18.02.2013, 23:17 von ANIMUZ
    • 0

      Darf jeder deuten wie er mag. Ich deute den Schritt als Bewegung, in irgendeine Richtung. Gibt ja nix schlimmeres als Stillstand.

      19.02.2013, 00:17 von MrDeeds
    • 0

      Ist das wirklich so? Inwiefern war Ratzingers Wirken denn kein Stillstand? Aus welcher Sichtweise heraus kann man das überhaupt betrachten? Ziele müssten doch sein: Transparenz, Ökumene, Dialog mit dem anderen Religionen, der Wissenschaft usw...

      19.02.2013, 10:35 von ANIMUZ
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    • 0

      Okay, dann können. :-)

      21.02.2013, 17:02 von ANIMUZ
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