hanhel 10.01.2009, 15:20 Uhr 0 2

Ich vergesse dich nicht, Gilad

Ein Brief an den israelischen Soldaten Gilad Schalit, der vor über zwei Jahren entführt wurde

Lieber Gilad!

Heute ist dein 930. Tag in Gefangenschaft. Vor über zwei Jahren wurdest du in der Nähe des Gasastreifens von militanten Palästinensern entführt, als du an einem Grenzübergang Wache hieltest. Da warst du 19 Jahre alt.

Ich wusste davon damals gar nichts. Und als ich das erste Mal deinen Namen hörte, ungefähr drei Monate später, hatte er für mich auch nicht viel Bedeutung. Natürlich fand ich es schlimm, dass das passiert war, aber ich kannte dich ja nicht, es berührte mich irgendwie nicht so sehr. Ich wusste, dass deine Entführung unter anderem im Zusammenhang mit dem Beginn des zweiten Libanonkrieges stand, aber so ganz genau verstand ich es nicht und es interessierte mich auch nicht wirklich. Ich war froh, dass der Krieg vorbei war und ich in Israel sein konnte; ich wollte gar nicht so viel über all die Probleme, die es trotzdem noch gab, nachdenken.

Seit dem ist in meinem Leben einiges passiert. Ich bin nach Israel eingewandert und bin seit ein paar Monaten auch in der Armee, so wie du damals. Und seitdem ich eingezogen wurde, hat dein Name für mich eine ganz andere Bedeutung.

Schon komisch. Ich kenne dich immer noch nicht. Und du mich schon gar nicht. Ich glaube auch nicht, dass du dich besonders für mich interessieren würdest, wenn du mich irgendwo träfest, denn solche Jungs wie du in den israelischen Kampfeinheiten, die haben nach meiner Erfahrung fast nie Lust, persönliche Geschichten von anderen Leuten zu hören; sie wollen nur schlafen und mit ihren Familien zusammensein und Party machen, wenn sie nach drei, vier Wochen für ein Wochenende nach Hause kommen. Um ehrlich zu sein, fände ich dich wahrscheinlich auch nicht besonders toll, du scheinst nicht unbedingt der Typ Mensch, mit dem ich mich anfreunde. Natürlich weiß ich das alles nicht, aber ich will mir gar nicht einbilden, dass du so ein speziell wunderbarer Mensch bist.

Es ist nämlich egal, wie du persönlich drauf bist. Du wurdest ja nicht wegen deiner einzigartigen Eigenschaften oder wegen irgendwelcher Habgüter deiner Familie entführt, sondern wegen dieser einen Sache, die dich zu einem ganz normalen israelischen Jungen macht. Weil du ein Soldat im Grundwehrdienst warst – nicht mal ein außergewöhnlicher, in keiner Eliteeinheit, nicht im Kriegsgebiet stationiert.

Genau deshalb bedeutest du jetzt so viel für mich, denn es hätte jeder von uns sein können. Ich verbringe den Großteil meines Lebens mit Soldaten, sehe jeden Tag viele davon. Dein Armeedienst wäre zwar jetzt schon vorbei, aber bis vor kurzem wärst du auch einer von ihnen gewesen. Du standest zwar an einem Grenzübergang, aber es war ja wie gesagt kein Kriegsgebiet und Entführungen könnten auch an vielen anderen Orten passieren. Es hätte jeder von uns sein können.

Wenn sie dich damals, am 25. Juni 2006, getötet hätten, dann kännte ich jetzt bestimmt nicht mal deinen Namen. Er wäre dann damals veröffentlicht wurden, aber die Menschen hätten ihn nach zwei Wochen vergessen und du wärst einer der gefallenen Soldaten der israelischen Streitkräfte gewesen. Jetzt bedeckt ein Foto von dir mit dem Untertitel „Gilad lebt noch“ ganze Häuserwände in Tel Aviv, dein Bild hängt in fast jedem Zug und an einer Autobahn mitten in der Wüste steht ein riesiges Schild auf dem jeden Tag gezählt wird, wie lange du schon nicht mehr zu Hause bist.

Heute ist Schabbat. In Israel sind die meisten Menschen zwar nicht sehr religiös, aber der Samstag ist für viele der einzige freie Tag der Woche, es ist der Tag, an dem man mit den Kindern zum Strand oder zu den Großeltern fährt, an dem man einen Kuchen bäckt, sich einen Film anschaut, am Strand spazieren geht. Ich frage mich, was du jetzt machst. Ob du überhaupt weißt, dass gerade Schabbat ist? Ob dir das noch irgendetwas bedeuten kann?

Eigentlich ist es schon albern, dass wir wirklich davon ausgehen, dass du am Leben bist. 930 Tage! Aber sei dir sicher, wir glauben es wirklich. Und du bist leider auch nicht der erste.

Gilad, ich wünsche mir so sehr, dass du nach Hause kommst. Und ich wünsche mir, dass es nicht durch eine Militäraktion passiert, in der du befreit wirst, oder durch ungleiche Gefangenenübergaben, in denen alle Parteien nur an ihren eigenen Nutzen denken. Ich wünsche mir, dass du der letzte Soldat bist, der entführt wurde, und der erste, der ein Symbol für den Frieden aller wird.

Naiv, illusorisch vielleicht. Aber ich glaube und hoffe, denn ohne die Hoffnung ist unser Volk gar nichts.

Ich vergesse dich nicht,

Hannah."Wichtige Links zu diesem Text"
Gilad Schalits Geschichte auf Wikipedia
Liste vermisster israelischer Soldaten (die Leichen der letzten beiden Soldaten wurden inzwischen nach Israel gebracht)

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