Ich schlafe
nicht.
Ich liege im Bett, der Schnee verdunkelt den Licheinfall durch das Oberlicht und zwischen Kopfkissen und Sonntagnachmittaggedanken höre ich in meinem Iglu weit entfernt Besteck auf Teller kratzen. Weit entfernt.
Ich sehe die dunklen kleinen Schatten der Flocken, die das Licht immer weniger durchkommen lassen. Sie sortieren sich auf der Scheibe und sperren lautlos das Leben nach draußen.
Ich frage mich immer, was andere Menschen an solchen Sonntagen machen. Ob irgendwo das Leben tobt. Ob Paare Sex haben oder in ihren Sonntagnachmittagsklamotten sich am Fenster sitzend gegenseitig mit den Resten des Abendessens füttern oder sich bereits voneinander verabschiedet haben und sich kurze Poesie über den Äther schicken, weil der eine vom Stau verschluckt wird und der die das Andere weinend die Reste gemeinsam verbrachter Wochenenden zusammenkratzt um sie dann zu den anderen Erinnerungen zu heften in der Hoffnung, dass es nicht das einzige sein wird, das irgendwann übrig bleiben wird.
Oder ob es immer so still ist wie in dem Dunst um mich herum. In diesem Jetzt und Hier. In dem nichts stillsteht, aber man sich der Illusion gerne hingeben möchte, weil es einen am Leben erhält, zu glauben, in manchen Momenten könne man die Welt anhalten. Und ein bisschen an ihr herumfeilen und Knöpfe drücken und die Zufälle in Absicht verwandeln. Bis man merkt, dass die Welt sich im Moment gerade um etwas völlig anderes kümmern muss.
Neben mir liegt etwas. Ich kann seinen Atem spüren. Warm und geruchlos. Ich liege mit dem Rücken zu ihm, weil ich nicht möchte, dass es sieht, wie sehr mich das Kraft kostet. Nur zu liegen und zu atmen und zu sein. Ich ziehe meine Knie vor die Brust und presse die Augen zu. Fest, immer fester, bis kleine Feuerwerke explodieren in der Schwärze und ich wünsche, ich würde einschlafen und wieder aufwachen und das, was neben mir liegt, wäre etwas anderes.
Weit entfernt geht eine Tür auf und zu und ich überlege mir, ich könnte doch jetzt aufhören zu sprechen, wozu reden, wozu Worte im Mund formen und ausspucken um die Leere zwischen mir und anderen Menschen zu füllen. Ich stopfe meine Bettdecke in den Mund und reiße die Augen wieder auf. Ich liege immer noch mit dem Rücken zu dem etwas neben mir. Ich möchte mich nicht umdrehen, ich möchte es nicht anschauen. Ich möchte nicht, dass es mit mir spricht, alles, was es sagen würde, weiß ich schon.
Es ist Nachmittag, völlig absurd, den Wunsch nach Schlaf zu verspüren, aber ich habe irgendwie auch nichts besseres vor. Jetzt gerade. Der Berg an Arbeit, der unordentlich gebettet auf der Schreibtischkante liegt, das Alltagsleben, auf den Sessel geworfen und für das Wochenende vorübergehend abgelegt, all das schreit nach mir aber verhallt ungehört zwischen den Hornhäuten, die meine Seele bedecken.
Ich habe vergessen, wann ich mich hingelegt und auf die Seite gedreht habe und ich habe den Moment nicht im Kalender vermerkt, an dem es zu meiner Tür hereinkam und sich neben mich gelegt hat und mich jeden Tag anstarrt, egal ob ich wach liege oder schlafe oder schreie oder toter Mann spiele. Es liegt da und manchmal hat es eine Art Form, mit der ich sein möchte und dann drücke ich mich gegen es und warte. Und dann ist es. Da.
Die Hitze des Raumes steigt unter das Oberlicht und die Flocken schmelzen weg. Das Licht ist schon nach Hause gegangen für diesen Tag. Es wird nicht mehr hell werden heute. Die ersten Bomben fliegen aufs Dach und die Wohnung ist verstummt und das Iglu geht nicht weg und nimmt mich nicht mit und ich liege immer noch auf der Seite und ich strecke den Arm nach hinten um zu sehen, ob es immer noch neben mir liegt.
Ich habe mich an es gewöhnt. Wir sind verwachsen und wir funktionieren so gut wir können als dieses Miteinander, sofern man uns als ein Miteinander bezeichnen kann, was machen wir schon groß. Nichts. Wir liegen und manchmal gehen wir nach draußen und schauen, was mit der Welt passiert ist und ob die Menschen andere Gesichtsausdrücke in ihren Gesichtern haben als das letzte Mal.
Und dann gehen wir wieder zurück. Nebeneinander und wir sagen nichts, es und ich, und dann denke ich. Das ist es also. Das Wir.
Von dem immer alle reden. Dass man verwächst und nebeneinander liegt und schläft oder nicht schläft und irgendwann steht einer auf und geht nach Hause.
Die Bomben werden immer mehr und lauter und sie kommen nicht mehr näher, sie sind schon da und ich mag den Lärm nicht mehr hören, ich drehe mich um, weil ich möchte, dass es seine Hände auf meine Ohren legt und ich wälze mich langsam auf die andere Seite, ich fühle mich walisch, schwer und träge, ich spüre, wie das andere Bein nach oben kommt und als meine andere Backe auf dem Kissen landet blickt es mir ins Gesicht und liegt da neben mir wie immer.
Nichts.


.jpg)


Kommentare
wow.
16.02.2010, 14:45 von KarrusselFahrtich war richtig gefesselt als ich deinen artikel gelesen habe!
Manche Menschen greifen nach den Worten,
29.01.2010, 11:20 von farbtonander spielen mit ihnen,
verdrehen sie. So wie du.
Schön. Sehr
find ich behebig
26.12.2009, 02:05 von MisterGambit@MisterGambit und behäbig auch ein bisschen
26.12.2009, 02:06 von MisterGambitMich hat der Text auch. Aber ich bin darüber nicht verblüfft.
23.12.2009, 09:33 von AnnaEckeGroßartige Introspektionsfähigkeiten!
Richtig verdammt gut.
23.12.2009, 09:24 von TaneaDer zieht dich rein, nimmt dich mit und spuckt dich am Ende total verstört wieder aus.
Lissy, Du hast es also doch geschafft. Der Text hat mich.
23.12.2009, 09:14 von DunnaghIch bin verblüfft.
Verdammt gut!