Ich integrier' dir gleich die Fresse
“Ey, was isn Fachhochschulreife? - Alter, das heißt mittlere Schulreife!”
Solche Sätze höre ich in der U-Bahn, am Kiosk und vielerorts mehr immer wieder. In dem Moment sehe ich Begriffe wie “Integration, Bildungsgerechtigkeit, Ghettoisierung” in kleinen Blasen vor meinem inneren Auge zerplatzen.
Was soll denn eigentlich die vielbeschworene Integration leistenl, wenn 16-jährige Jugendliche nicht wissen was für mögliche Schulabschlüsse existieren. Wenn sie der Mehrheitssprache in diesem Land nicht mächtig sind – unabhängig davon ob sie in der Familie einen Migrationshintergrund haben oder “normale” Deutsche sind. Wenn keine Vorstellung über die gesellschaftliche oder politische Ordnung unserer Lebenswelten existiert. Wenn sie bei jeder Bewerbung um einen Ausbildungsplatz gnadenlos scheitern, weil sie kein Verständnis für die Arbeitswelt aufbringen können. Wenn Eltern dauerhaft von Transferleistungen des Staates leben und wenn gar keine Vorstellung vom Wort “Arbeit” existiert. Wenn Geschwister und Freunde die Tage vorm Fernseher oder Computer verbringen oder perspektivlos im Park rumhängen, weil sie weder Arbeit noch Ausbildung nachgehen. Wenn diese Vorbilder im soziologischen Sinne ihre Funktion mangels Inhalt gar nicht wahrnehmen können.
Der Begriff der Integration ist heute doch völlig fehlgeleitet. Es geht schon längst nicht mehr darum “Ausländer” in unsere bestehende Gesellschaft zu integrieren. Überhaupt existieren doch kaum noch migrationsbedingte Eingliederungsprobleme. Hier leben Kinder von Ausländern in der dritten Generation zusammen mit Kindern urstämmiger Deutscher wie sie die Politik als Träger der Leitkultur definiert. Beide sind der Sprache nicht mächtig. Beide spielen zusammen im Fußballverein. Beide leben vom Geld des Staates. Beide können nicht mit auf die Klassenfahrt fahren, weil die Familien es nicht bezahlen können – wenn die Schulen in ihren “Problemvierteln” überhaupt noch solche anbieten.
Es geht nicht mehr um die Integration von Ausländern sondern von der Integration von Menschen, die vom System abgehängt sind. In unserem Land fehlen sieben Millionen Arbeitsplätze und es werden in naher Zukunft wohl eher noch weniger als mehr – das kurzzeitige aktuelle wirtschaftliche Hoch kann hier getrost vernachlässigt werden. Es wachsen ganze Generationen von benachteiligten heran, deren Lebensweg schon von vornherein auf Scheitern geeicht ist. Sei es in der Schule, bei Ausbildung und Beruf oder einfach nur bei gesellschaftlicher Teilhabe.
Integration heute muss einen massiven Umbau des Erziehungs- und Bildungswesens bedeuten. Ein Anfang wäre ja schonmal wenn die Politik die Tatsache akzeptiert, dass eine Vollbeschäftigung in unserem Land kein erreichbares Ziel mehr ist. Selbst wenn wir alle jungen Menschen zu hochgebildeten Spezialisten machen, wird der Kapitalismus unserer Zeit diese nicht versorgen können.
Und natürlich hat die alte Leier von der Gesamtschule und der Abschaffung des gegliederten Schulsystems ihre Berechtigung. Aber Bildung und Erziehung heißt eben nicht nur von 8 bis 16 Uhr betreut zu werden. Es heißt auch Kultur zu erleben. Es heißt Kunst und Kultur zu akzeptieren und zu vermitteln jenseits von Neuer Nationalgalerie und der Deutschen Oper. Straßenkunst, Sport, Graffiti, illegale Spontanparties – all das sind Formen von Kunst und Kultur.
Und, oh mein Gott, die Religionsfrage. Wir müssen aufhören, alle Konflikte mit religiösem Wahn zu erklären. Es geht nicht mal um die Kriege in Afghanistan oder Irak. Der Konflikt lebt vor unserer Haustür. Bürgerbegehren gegen Moscheen, Demonstrationen gegen Gebetshäuser anderer Religionen. Wo kommen wir denn da hin? Die Gleichsetzung türkischer oder arabischer Menschen mit dem Terror des Islamismus hilft nun wirklich nicht beim Abbau von Vorurteilen und ist zudem völlig nutzlos. Die türkische Kindergang, die ihre Mitschüler um Geld und Handys erleichtert, dafür aber Tritte und Faustschläge verteilt, geht genauso wenig mehrmals am Tag nach Mekka beten wie besoffene deutsche Jungproleten, die in der U-Bahn rumpöbelt, jeden Sonntag in die Kirche geht. Also was soll der Unsinn.
Wahrscheinlich täte es der Integrationsdebatte mal ganz gut, für einen kurzen Augenblick ihre politische Vorsicht abzulegen und mal von der anderen Straßenseite rüber zu blicken. Vielleicht sähe man dann, dass nicht rasende Autofahrer eine Gefahr für die Fußgänger sind, sondern das Fehlen einer funktionierenden Ampel.






Kommentare
Toll! Ich plädier auch für Seite 1! Würde der Seite mal gut zu Gesicht stehen.
12.07.2007, 20:41 von Mentzojop, d spricht mir einer aus der Seele,
12.07.2007, 12:56 von Lewwie oft muss ich mich rechtfertigen, :-) für meine Landsleute und keiner will begreifen, dass es ein Problem der Allgemeinheit ist und nicht nur einer Minderheitsgruppe.
ist beides das gleiche. Dann gibt es noch die fachgebundene Hochschulreife, die kriegt man beispielsweise, wenn man nur eine Fremdsprache erlernt hat. Das kann man aber gegebenfalls mit einer 2. Sprache sozusagen upgraden. Ziemlich verwirrend alles.
11.07.2007, 17:40 von SouljabeatzZum Thema:
"Wahrscheinlich täte es der Integrationsdebatte mal ganz gut, für einen kurzen Augenblick ihre politische Vorsicht abzulegen und mal von der anderen Straßenseite rüber zu blicken. Vielleicht sähe man dann, dass nicht rasende Autofahrer eine Gefahr für die Fußgänger sind, sondern das Fehlen einer funktionierenden Ampel."
Das ist ziemlich einfach oder, die Ampel für das Dilemma verantwortlich machen? In diesem Kontext geb ich dir dogar recht, aber nur zu etwa 50%. Denn vertrittst du im Straßenverkehr auch die Ansicht, eher die Amepl zu beschuldigen, die nicht schnell genug grün wurde, oder den Raser, der mit 90 durch die 50 gedüst kommt? Merkwürdige These.
@[Benutzer gelöscht] you speak my every word, Guelle...
11.07.2007, 21:04 von cosmokatze
11.07.2007, 08:55 von Romeo_Flausch79//Vielleicht sähe man dann, dass nicht rasende Autofahrer eine Gefahr für die Fußgänger sind, sondern das Fehlen einer funktionierenden Ampel.//
Nein. Die Ampel ist das Problem. Sie bevorzugt nämlich Lahmärsche.
Deutschland ist ein Paradies für Versager, Deppen und Asoziale. Daß diese Leute sich vermehren und hierher kommen, ist also kein Zufall, sondern Folge der Politik. Da man das Geld irgendwo her nehmen muß, um diese Versager durch Brot und Spiele zufrieden zu stellen, schröpft man einfach die Mittelschicht. Die kriegt dann keine Kinder mehr und schwupps ist der Bus voller Asitürken und Prolldeutscher. Mehmet und Chantalle statt Gottlieb und Adelheid.
Irgendwann wundern sich die ganzen Gutmenschen dann, daß der Staat zusammenbricht. Lösung: Streicht die Asi-Vergünstigungen. Es besteht kein Grund, Dummheit auch noch mit Kindergeld, Hartz IV etc. zu belohnen.
@Romeo_Flausch79 Das ist ja ein hübscher Unsinn. Das Abschröpfen der Mittelschicht ist in der Tat dem System immanent, gehört aber hier nicht direkt zum Thema.
11.07.2007, 11:19 von sebastiankochIch will mich aber nicht mit dem "Versagerphänomen" abfinden. Es gehört zum Konsens unserer Gesellschaft, zumindest ein Gründungskonsens, dass niemand aus dem sozialen Netz fallen soll und das ist auch gut so. Und ich meine, dass nun mal jeder, egal ob er Mehmet oder Chantalle heißt, entsprechende Teilhabe an der Gesellschaft haben sollen. Das kostet natürlich Geld aber (Achtung Floskel:) das Geld ist da – es ist nur falsch verteilt.
@sebastiankoch //Es gehört zum Konsens unserer Gesellschaft, zumindest ein Gründungskonsens, dass niemand aus dem sozialen Netz fallen soll und das ist auch gut so.//
11.07.2007, 19:18 von Romeo_Flausch79Nein. Die "soziale Hängematte" ist ein wahlgeschenk der 60er & 70er Jahre. In der Gründungszeit war die Sozialversicherung dazu da, unverschuldete Schicksalsschläge abzufangen - nicht um idiotisches und asoziales Verhalten zu subventionieren.
Gesellschaftliche Teil*habe* kostet vor allem eines: die Bereitschaft zur Teil*nahme*.
@Romeo_Flausch79 Liebes Romeo_Flausch79,
20.07.2007, 09:53 von Urselauch wenn die Bereitschaft zur Teilnahme da ist, fehlt es häifig an der Möglichkeit.
Sozial benachteiligt sein, bedeutet nunmal auch einen erheblich erschwerten Zugang zum Bildungssystem zu haben. Und selbst wenn du diesen Zugang hinbekommst ist es utopisch, von der deutschen Bildungselite als gleichwertig empfangen zu werden. Die Codierungen sind fast unüberwindbar.
Wie unterscheidet man überhaupt jemanden der an der Gesellschaft gescheitert ist, von einem Sozialschmarotzer? Wo zieht man die Grenze? Oder willst du vielleicht gleich Hängematte nur gegen Kastration? Moment mal Kastration? Das erinnert mich subtil an eine Zeit in Deutschland, an die sich sonst so keiner erinnern mag... ich meine wenn wir hier schon als Diskussionspunkt haben, ein Urteil fällen zu dürfen, wer richtig oder falsch zum Kinderkriegen ist.
Deine Ursel
guter artikel mit guten denkanstößen.
11.07.2007, 08:36 von RedSonjawird empfohlen.
(schade dass er nicht auf seite eins kommen wird, dazu fließt nicht genug schmalz ausm bildschirm... )
@[Benutzer gelöscht] Ich gebe zu, dass das Beispiel ein wenig konstruiert wirkt. Aber wenn wir glauben, dass der Verkehr zum Schutze aller geregelt werden soll, dann müssen die Ampeln auch funktionieren.
10.07.2007, 18:22 von sebastiankoch@sebastiankoch In der Türkei funktionieren die Ampeln. Da haben sie aber nur Vorschlagscharakter...
10.07.2007, 18:28 von sailor@[Benutzer gelöscht] unverbindliche empfehlungen sozusagen..
11.07.2007, 11:44 von RedSonjaDie Fachhochschulreife ist eine Zugangsberechtigung zur Fachhochschule (ergibt ne gewisse Logik) bzw. eine fachbezogene Zugangsberechtigung zur Universität. Darum gehts aber gar nicht.
10.07.2007, 18:17 von sebastiankochMir gehts darum, dass Integration, so wie das Wort in der Politik gehandhabt wird, völlig am Thema vorbei geht. Das Problem ist "nicht nur" ein ausländerbezogenes. Es geht aber keineswegs darum, das ganze als "Deutsche zuerst" umzudeuten, sondern Gesamtlösungen zu entwickeln.
Leider muss man politisch beim Integrationsbegriff höllisch aufpassen um keinen Stempel aufgedrückt zu bekommen. Und das kotzt mich genauso an.
@sebastiankoch Ich möchte, dass Integration als eine Leistung für alle Benachteiligten und losgelöst von der geografischen Herkunft einen Wert bekommt. Mir egal ob jemand Stefan oder Murat heißt, wenn beide keine Möglichkeit zur gewinnbringenden Teilhabe an Bildung und Kultur haben.
10.07.2007, 18:21 von sebastiankoch@sebastiankoch hmm...was, wenn Murat oder Stefan gar nicht WOLLEN? Das gibts leider nur zu oft...und da kann man dann so viel integrieren wie man will - der andere muss auch wollen - sonst gehts nicht...
12.07.2007, 12:06 von Wolkenschaf@Wolkenschaf Wenn ich den beiden vor Augen führe, was es für sie bedeuten kann, die Möglichkeit einer Ausbildung zu bekommen, sehen die das womöglich auch ganz anders. Schließlich können die sich auch besseres vorstellen als den ganzen Tag am Bahnhof rumzuhängen und rumzupöbeln.
12.07.2007, 12:12 von sebastiankoch