Helmut Schmidt - Deutschlands Lieblingsrentner demontiert
Kabarett
Ein junger Mann und ein alter Mann sitzen in einer Bibliothek an einem Schreibtisch, der junge eher lässig, der Alte fuchsartig und ordentlich. Als Kulisse sollte eine Bibliothek zu erkennen sein, die besonders wertvolle und besonders alte „Schinken“ enthält.
Junger Lehrling (namens Tommy, der ruhig von einem älteren Mann verkleidet, oder einer Frau gespielt werden kann) und ein ziemlich alter Mann, der klug und scharfzüngig wirkt:
Der Junge:
Wissen Sie, wen ich gestern im Fernsehen gesehen habe? Den Schmidt - was für ein anständiger, umsichtiger und gütiger Mann.
Der Alte: Du meinst den Harald, den Harald Schmidt, nicht?
Der Junge: Ach, wo denken Sie hin? Den Altbundeskanzler, meine ich, den fähigen, tadellosen und weitsichtigen, den Helmut!!!
Der Alte (zustimmend): ...Tadellos, weitsichtig... Achso, ja, klar - den Kohl, den Helmut Kohl, natürlich.
Der Junge: Achwas, der hat doch alles ruiniert, zerstört und kaputtgekriegt.
Der Alte: Wie jetzt, wen meinst du denn jetzt - den Helmut Schmidt - ja klar, da hast du voll und ganz recht - der hat alles ruiniert und falsch gemacht, was jeder Trottel richtig gemacht hätte.
Der Junge: Nein, nein, nein. Ich meine Helmut Schmidt, den klugen und hochintelligenten Helmut Schmidt...- der von '74 bis '81 Kanzler war. Und er war der beste Kanzler ever.
Der Alte: Caesar und Napoleon werden heute auch als große Männer angesehen, obwohl sie in ihrer Zeit blutrünstigste Diktatoren gewesen sind. Und genauso ist es mit Helmut Schmidt. Weil der lange genug aus dem Geschäft ist und er bedächtig blickend in die Kameras qualmt, würde ihm mittlerweile jeder die vergilbten Zehennägel küssen und seine Aschenbecher mit der Zunge sauberlecken.
Der Junge: Wieso? Blutrünstiger Diktator? Eher ist er ein „Gut-rüstiger Berater“ für die BRD und die Probleme der Zeit... und überhaupt - der hat doch alles richtig gemacht.
Der Alte: Das Einzige, was er richtig gemacht hat, ja, hä, das hat er richtig falsch gemacht. Sein großes Glück war, dass er keine größeren Affären fabriziert hat - oder sich dabei wenigstens nicht erwischen ließ. Dass er dennoch viele Affären neben seiner Ehefrau Loki hatte, tut nichts zur Sache. Denn der germanische Narrengott Loki hat seinerseits in Walhalla ja ebenfalls ordentlich betrogen und getäuscht.
Der Junge: Seine geliebte Ehefrau nun auch noch mit den Göttern der Germanen und Nazis in Verbindung bringen - das geht zu weit. Ich meine..., der Mann war im Zweiten Weltkrieg in der Wehrmacht - und er wurde zu den Verurteilungen der Widerstandskämpfer vom 21.Juli 1944 um Graf Stauffenberg kommandiert. Und bereits damals war er von dem üblen Schimpfgeschrei des rasenden Richters Roland Freisler derart angewidert, dass er es hinkriegte, sich von den Anhörungen freistellen zu lassen. Also, mal ein bisschen mehr Respekt vor den Alten!
Der Alte: Ha, das sagst Du mir!!! Du würdest doch in der Straßenbahn nicht einmal für einen hundertjährigen, blinden Rollstuhlfahrer von deinem Platz aufstehen. Und wenn schon Respekt für die Alten, dann ja wohl auch für die Rasselbande von der Hitlerjugend oder auch den Mitgliedern der „Rotznasen-SS“ - genannt seien da Günter Grass, Dieter Hildebrandt und Papst Benedikt XVI.
Und überhaupt der Schmidt: es ist doch allzu leicht für den Altkanzler, belehrend wie von der Kanzel zu sprechen, wenn man mit dem Kanzleramt nichts mehr zu tun hat.
Der Junge: Dank Schmidt konnte aber der linksextreme Terror der RAF nahezu beendet werden. Der Deutsche Herbst war DIE große Gefahr für den Rechtsstaat in den 70ern.
Der Alte: Ach, Tommi. Die RAF entführte Hanns Martin Schleyer, einen Rechts-Staatlichen ganz besonderer Güte, einen Vollnazi, der in der Sowjetischen Besatzungszone die Entnazifizierung 1945 keine zehn oder von mir aus auch 43 Tage überlebt hätte. Mit dem entführten Schleyer wollten die linken Kämpfer der zweiten Generation RAF-Häftlinge freipressen, von denen sich dann die drei Hauptköpfe Baader, Ensslin und Rauspe gleichzeitig umgebracht haben, als die Operation „Siegfried Hausner“ schief ging.
Der Junge: Die Operation lief schief - sie tun ja so, als wäre die BRD der Patient gewesen und die RAF-Terroristen die netten und fähigen Chirurgen - und nicht andersherum... Das waren doch Fanatiker,- und die sind zu vielem fähig.
Der Alte: Selbst Mord ist einfacher als Selbstmord, da bin ich mir aber sicher. Irgendwas muss da im Busch gewesen sein - im Hochsicherheitsgefängnis von Stuttgart/Stammheim.
Der Junge: Nein, nein - das Einzige, was ohne unschuldige Verletzte im Busch blieb, war die Landshut in Mogadischu. Das wichtigste an den Entscheidungen des SPD-Kanzlers jener Tage war, dass Schmidt hart blieb: Das wurde doch zur Maßgabe, fast zum Slogan als Ansage gegen alle Staatsfeinde: „Der Staat verhandelt nicht mit Terroristen!“
Der Alte: Wenn du es besser wissen willst: Vor Hanns Martin Schleyer gab es sehr wohl Konzessionen, Verhandlungen und Tauschgeschäfte mit Leuten von der RAF. Und genau diese führte Helmut Schmidt maßgeblich.
Der Junge: Doch dieses Maß war bald voll und Schmidt entschied sich gegen jedwede Zusammenarbeit.
Der Alte: Ganz recht: Erst bei Schleyer und der Flugzeugentführung von Mogadischu blieben Schmidt und seine Berater wirklich hart wie Kruppstahl. Und hätten sie länger ge-harrt, stünden ganz andere Sachen in den Geschichtsbüchern. Denn das Bundesverfassungsgericht schlug nach einer Eileingabe den Angehörigen Schleyers ein Nachgeben der Roten Armeefraktion gegenüber aus. Und überhaupt: Es handelte sich um einen Arbeitgebervertreter, der im Westdeutschen Fernsehen offen zugab, dass er auf seine Vergangenheit als SS-Mann auch noch stolz war. Heutzutage müssen Sportreporterinnen ihre Badekappe oder ihren Radhelm nehmen, wenn sie sich versprechen und dann ihren ganz persönlichen Inneren Reichs-Parteitag begehen.
Der Junge: Ja und? Zurück zur Flugzeugentführung 1977 - aus der Landshut wurden alle Geiseln befreit! Jedermann ist sich doch sehr gewiss, dass diese ganze Krise und Unternehmung mächtig „auf der Kippe stand“!!!
Der Alte: Ein großer Glücksfall: es hätte alles schief gehen können. Und heute klingt es in reißerischen Guido-Knopp-Reportagen mit dem Soundtrack von Rambo III zum Thema Landshut ganz so, als wäre Helmut Schmidt mit Uzi und halbautomatischer Walter alleine ins Flugzeug getigert, hätte höchstpersönlich und auf eigene Faust die Geiselnehmer erledigt - ganz so, als qualmte während der ganzen Aktion dem Kanzler die Fluppe im Mundwinkel - und anschließend hätte sich der Rauch der beiden Kanonenläufe dem ganzen Rauch um eine Entscheidung im sicheren Regierungspräsidium mit eingereiht.
Der Junge: Das ist Ihre Meinung..! Aber der Mann war bereits unter Brandt Wirtschaftsminister! Und nebenbei nahm er das Ministerium für Verteidigung ein. Wenn jemand Ahnung von Wirtschaft hat, dann Helmut Schmidt.
Der Alte: Ahnung von einer Wirtschaft? Der würde eine Eckkneipe auf dem Kudamm pleite kriegen, auch wenn es die einzige dort wäre. Der hätte sogar das Hofbräuhaus ruiniert - und das sogar, indem er dort bloß als Gast lediglich ein, zwei Bier getrunken hätte - so viel Ahnung von Wirtschaft hat der. Wirtschafts,- und Verteidigungsminister - hätte der in jener Zeit nur gelernt, die Finanzen zu verteidigen!!!
Der Junge: Aber aus der Wirtschaftskrise hat er doch zumindest das Beste gemacht in den 70ern, in Zeiten von Ölkrise gab es den autofreien Sonntag - und die BRD bekam die Ölkrise noch am besten hin unter den Industriestaaten. Trotz 2 Millionen Arbeitslosen in der BRD blieb sie auch in den 80ern steinreich.
Der Alte: Nicht steinreich - scheinreich. Das ist ein Unterschied. Schmidt machte den kapitalen, hehe, Fehler, vom Monetarischen Wirtschaftssystem, das auf allgemeiner Sparsamkeit beruhte und sich aus wirtschaftspolitischen Fragen weitestgehend raushält, abzukehren, hin zum Keynesianischen Wirtschaftssystem. Dieses ist über hohe, staatliche Investitionen in Zeiten der Rezession und einer Politik der antizyklischen Sparsamkeit in Zeiten der Konjunktur aufgebaut. Damit trat er eine Entwicklung los, die zugegebenermaßen von keinem wieder korrigiert wurde und mittlerweile eine Staatsverschuldung von 1800 Milliarden Euro verursacht hat. Das ist eine 18 mit mehr NULLEN, als denjenigen, die in den letzten zwei Wochen im Bundestag Mist verzapft haben.
Der Junge: Achwas, Helmut Schmidt muss einfach riesige Ahnung in Wirtschaftsfragen haben? Das kam doch auch im Fernsehen: Der hat doch die aktuellen Wirtschaftskrisen schon seit langer Zeit vorausgesehen.
Der Alte: Ach, Tommy, wäre er sich so sicher gewesen, dann hätte er doch die Welt retten können - und zwar vorher, verdammt. Zumindest der KfW-Bank hätte er die Milliardentransaktion zur Lehmann-Bank hin ausreden können, die zu diesem Zeitpunkt bereits pleite war. Und hinterher machen die das lauteste Geschrei, die es still für sich lange vorher gewusst haben wollen - da war Schmidt übrigens nicht der Einzige - einer unter vielen stummen Propheten.
Der Junge: Aber in seiner Kanzlerschaft. Nun, er ist für den erfolgreichen Kampf gegen den Terror der RAF bekannt. Aber auch die Wirtschaftskrise in den 70ern hat er gemeistert.
Der Alte: Tommy, Tommy, warum arbeitest du mit mir in einer Bibliothek, wenn Bücher für dich so fremd sind, wie dem Schmidt das Meisterstück in der Wirtschafts-Lehre. Was Adenauer, Erhard und Brandt verschlafen hatten, hätte er als vielbefragter Wirtschaftsguru retten müssen. Die völlige Neuordnung und Umschichtung des Rentensystems. In den 70ern war die BRD noch derart wohlhabend, dass dies locker geklappt hätte. Dann würde jeder Arbeitnehmer heute für seine eigene Rente einzahlen und nicht noch für drei Alte, die heute übrigens im Gegensatz zu Helmut Schmidt wie der letzte Dreck behandelt werden. Die Renten der Alten hätten vom Wohlstand der 70er noch heute bezahlt werden können. Und mit dem Koalitionspartner FDP hatten sie eine Partei, die nichts lieber als genau das realisiert hätte. Und heute propagiert der Hamburger deluxe mit Käse in den Ansprachen einen Renteneintritt mit 69.
Der Junge: Ach Sie sind aber auch bösartig gegenüber dem Schmidt. Das klingt ja so, als wäre er beinahe auch noch am Weltuntergang Schuld gewesen.
Der Alte: War er auch. Nach Willy Brandts und Egon Bahrs Anstrengungen, was die Entspannungspolitik der UdSSR und der DDR gegenüber betraf, machte er vieles zunichte. Dieses Gebiet hielt er für Utopie, die er schlichtweg vollkommen vernachlässigte. Viel mehr setzte er sich später für den NATO-Doppelbeschluss ein, der ein Nahtod-Doppelbeschuss hätte werden können - und dann ein einziger Schluss wiederum für alles Leben auf diesem Planeten - und das nicht nur doppelt und dreifach, sondern hundertfach. Eine Entwicklung, so pervers bösartig: wie die SS(...)-20-fach!!! (Anm.: wg der Sowjet-Raketen „SS-20“)
Der Junge: Ihh, Klingt nach Fallout und Saurem Reagan.
Der Alte: Ha, auch wenn Ronald Reagan gerade erst frisch Präsident wurde gegen Ende von Schmidts Kanzlerschaft, war Helmut Schmidt immer hundertzwanzig Prozent proamerkanisch - alle Annäherung und Entspannung Richtung Osten von Bahr und Brandt waren für die Katz. Da rauchte Helmut Schmidt lieber angespannt eine Zigarette VOR der anderen mit Jimmy Carter.
Der Junge: Aber die Russen waren doch eine Gefahr - wer weiß, wie sie versucht haben, Brandt und Bahr zu täuschen..?
Der Alte: In Wirklichkeit war doch Schmidt der große Verwirrungstaktiker. Oftmals trug er diese Sozialdemokratische Schiebermützen - und drunter einen Scheitel wie ein Vorstandsmitglied der Deutschen Bank. Da wirkte er, als spiele er Schifferklavier - jedoch haute er lieber auf einem Steinway-Flügel in die Tasten. Dies ist wie öffentlich Rollmops predigen und heimlich RAUCHerlachs essen. Das nennt man Wählerpflege in Proletarierkreisen mit einfachen Imagetricks - und im Bundestag warfen ihm die größten Spießer von der CSU, wie Franz Josef Strauß zum Beispiel, Arroganz vor - und zurecht!!!
Telefon klingelt:
Der Junge wird aufgeregt: „Ja, ja, was, zu uns?“
sagt zum Alten:
Der Junge: Sie werden es kaum glauben können!!! Welch ein Zufall!!! Helmut Schmidt möchte höchstpersönlich in unsere Bibliothek kommen und sein ausgeliehenes Buch: „Gemeinschaftskunde achte Klasse“ zurückgeben.
Der Alte: Oh, was, Helmut Schmidt - ich... ich sehe Helmut Schmidt noch einmal persönlich - noch in diesem Leben? Wahnsinn! Hier, nimm die 120 Euro hier, schnell flitz!! - ich möchte ihn durch das Mittelalter-Archiv führen und ihm dort einen Goldenen Aschenbecher hinstellen.
(im ernst)
Tilmann Kleye
19.8.2010
HIERBEI HANDELT ES SICH UM EINEN KABARETTTEXT, WELCHER VON EINIGEN BÜHNEN ABGELEHNT WURDE. BEVOR DIE THEMEN AN AKTUALITÄT VERLIEREN, HIER DIE VÖ.





Kommentare
'82
13.06.2012, 10:47 von sailorDie geistig moralisch Wende war '82, wenn mein verkalktes Gedächtnis mich jetzt nicht täuscht.
Hast recht. Danke.
13.06.2012, 16:05 von TilmannKleyeBüdde...
13.06.2012, 16:22 von sailorTrotz der Länge hat mir das gut gefallen und etwas Wissen wurde auch wieder aufgefrischt.
13.06.2012, 03:36 von stereoGDank Dir - ging auch nicht ohne Recherche in der Unibib.
13.06.2012, 03:53 von TilmannKleyeAber cool isser schon - und heute, wäre er jünger, ein Typ, der Klartext redet und nicht wie Frau Merkel monströs Unverständliches, da Nichtssagendes dahinmuddelt. (Haha, damit kann man nichts falsch machen.) Die CDU hat Glück, dass die Statistiken "stimmen", obwohl es den Mann/die Frau von Format nur selten noch gibt.
13.06.2012, 03:27 von TilmannKleyeKonkretes wird verbal vermieden.
So, denn gute Nacht. Da wisster Bescheid.