Theresa_Baeuerlein 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 0

Geteilter Strand

Die einen tanzen die Sorgen weg, die anderen errichten Mauern: Besser als in den Nachrichten versteht man die gespaltene israelische Gesellschaft am STRAND VON TEL AVIV.

In der Welt von Gal gibt es keinen Strand für Homosexuelle und auch keine Spanner. Dabei liegen links von ihm die Schwulen und Lesben unter der Sonne Tel Avivs, und rechts von ihm starren muskulöse Männer auf Frauen in viel zu knappen Bikinis. »Homosexuelle? Hier? Nein!«, sagt der 26-Jährige mit dem tätowierten Davidstern auf dem Rücken und kratzt sich an der Augenbraue. Von Gal nur ein paar Meter entfernt liegt allerdings Maya, 33, neben ihrer Freundin Shira, mit der sie seit vier Jahren zusammen ist, und redet wieder mal über den gemeinsamen Kinderwunsch. »Einmal Sperma kostet tausend Schekel, das geht.«

Den Strand der Religiösen trennt vom Hilton Beach, den alle nur »Gay Beach« nennen, und vom Mezizim-Beach, was mit »Spannerstrand« gut übersetzt ist, an beiden Enden nur eine rostige Stahlwand, die bis weit in die Brandung des Meeres hinein ragt. Gal schützt die Mauer davor, Dinge zu sehen, die er lieber nicht sehen will. Maya erinnert die Mauer daran, dass sie sogar in Tel Aviv, der modernsten Stadt des Nahen Ostens, nicht so sein darf, wie sie will. Sie sagt: »Eigentlich ist das hier keine tolerante Stadt, ein tolerantes Land schon gar nicht!«

Die Strandmauer im Norden Tel Avivs, wo die Mieten teuer sind und sich eine Designerboutique an die andere reiht, ist eine dieser Mauern, wie es sie nur in Israel geben kann. Wie die Klagemauer in Jerusalem. Oder die »Sicherheitszaun« genannte Sperre, die vor sieben Jahren um die besetzten Gebiete gebaut wurde, weil sich immer wieder Terroristen aus dem Gazastreifen und dem Westjordanland in die Luft gesprengt hatten, in israelischen Cafés, Supermärkten, auf Hochzeiten. Vor der Mauer steckt ein Schild im Sand: »Welcome to the separated bathing zone.« Darunter stehen die Badezeiten: sonntags, dienstags und donnerstags dürfen hinter der Mauer nur Frauen baden, an den anderen Tagen nur Männer. Am Sabbat, dem Ruhetag im Judentum, bleibt der Strand leer. Männer in langärmeligen weißen Hemden und mit flatternden Schläfenlocken gehen durch den Eingang, an den Aufsehern vorbei, die an diesem Tag keine Frauen hinter die Mauer lassen würden.

Gal hat sein Fahrrad neben der Mauer fest gekettet. Seine Kleider hat er ordentlich über den Rahmen gehängt. So, wie er da steht, in schwarzen Badeshorts, die dunklen Haare kurz rasiert und mit blassem Oberkörper, wäre es schwer zu sagen, von welchem Strand er gerade kommt. Dann setzt er die Kippa auf, den kleinen, flachen Stoffpfannkuchen. Sie ist mehr als eine Kopfbedeckung, sie ist ein Zeichen: Hier ist einer, der die Gebote beachtet. Mehr als die Hälfte der israelischen Juden sagen, dass sie mindestens teilweise religiös leben. Aber nur den Orthodoxen ist die Geschlechtertrennung wichtig. Gal, dessen Name auf Hebräisch »Welle« bedeutet, gehört dazu: »Keine Frauen am Strand, das heißt einfach: weniger Ablenkung, weniger Stoff für Fantasien«, sagt er. Auch bei der Arbeit vermeidet er Frauen als Kunden. Er ist Fitnesstrainer, er muss seine Kunden zwischendurch mal anfassen. Bei Frauen darf er das nicht.

Gals leise Worte werden unterbrochen. Vom Spannerstrand her pulst laute Reggaemusik aus den Boxen einer Strandbar, der Barkeeper hat Schweiß tropfen auf der Stirn und füllt Biergläser im Minutentakt. Tel Aviv ist wohl der einzige Ort der Welt, an dem man auf so engem Raum beobachten kann, wie unterschiedlich Menschen das Gleiche tun können. Zaghaft, oft noch mit einem T-Shirt bekleidet, stehen Gal und die anderen im knöcheltiefen Wasser, während am Spannerstrand die Mädchen kreischend ins Wasser rennen.

Im Sand des Gay Beach liegen ein paar Männergruppen und warten auf den nächsten Sonnenbrand. Unter einem hölzernen Pavillon sitzen Maya und Shira, 35, eng umschlungen. Vor zwei Jahren haben sie geheiratet. Nicht dem Gesetz nach, das geht in Israel nicht, aber sie haben mit Freunden und Familien ein Fest gefeiert. Stolz strecken sie ihre Hände vor: An beiden blitzen Eheringe. Shira, die Ältere, soll nun zuerst schwanger werden. Maya sagt: »Eigentlich finden wir die Gay-Kultur total anstrengend. Aber an den Gay Beach können wir unseren Hund mitbringen.« Sie zeigt auf ein wuscheliges Bündel, das mit einem Ball durch den Sand rollt. »Da drüben sind die Religiösen, daneben die Hunde, und hier die Gays. Typisch Israel.«

Im Sommer vergangenen Jahres hat ein Attentäter das Gebäude der Schwulen- und Lesbenvereinigung Tel Avivs angegriffen: zwei Tote, fünfzehn Verletzte. Ein harter Schlag für die Metropole und ihre Bewohner, die stolz darauf sind, in einer weltoffenen Stadt zu leben. Ganz Israel zieht es hierher, vor allem am Wochenende. Dann schieben die Menschen sich wie in einer Supermarktschlange über die Promenade, die vom Norden bis in den Süden am Meer entlangführt. Viele kommen aus Jerusalem, der schönen, bedrückenden Stadt, die eine Dreiviertelstunde Autofahrt südwestlich zwischen den Hügeln liegt, deren säkulare Bevölkerung immer kleiner wird und die am Sabbat leer und still daliegt. In Tel Aviv ist Sabbat noch immer den meisten egal.

Am Trumpeldor Beach, wo sich am Wochenende die Massen sammeln, rauchen Daniel, siebzehn, und Tal, sechzehn Jahre alt, Apfeltabak aus der Wasserpfeife. Nächstes Jahr sind sie mit der Schule fertig, dann geht es zur Armee. In Israel herrscht allgemeine Wehrpflicht, die Männer leisten drei Jahre ab, die Frauen knapp zwei. Daniel und seine Freunde haben die ersten Tests hinter sich. »Du machst den Test und dann ?«, sagt Tal und macht eine dramatische Pause, »- dann kriegst du den Umschlag. Da steht drin, für welche Einheiten du taugst. Luftwaffe, Panzertruppe und so.«

Daniel sieht zu Boden. Er ist der Einzige, bei dem nicht klar ist, ob er zur Armee darf, weil er ein Loch in der Lunge hat. Ob Daniel gerne Soldat wäre? Er zuckt die Schultern. »Alle machen das halt.« Die anderen nicken. »Call of Duty«, nennt es Tal, und meint damit sowohl das Pflichtgefühl seinem Land gegenüber als auch das gleichnamige Computerspiel. Selbst wenn er in einem anderen Land leben könnte, würde er in Israel bleiben, sagt er. Dann fragt er, ob die Leute in Deutschland vom Holocaust gehört haben. Hoch über den Köpfen der Jungs donnert ein Kampfhubschrauber durch die Luft. Wenn er knapp siebzig Kilometer nach Süden fliegt, ist er in Gaza. Aber Gaza ist weit weg, zumindest in Gedanken. Tel Avivs Spitzname ist »The Bubble«, die »Seifenblase«. Als Ende Mai die israelische Armee einen Schiffskonvoi mit Hilfsgütern nach Gaza angriff und dabei neun Menschen tötete, haben nur 6000 Menschen im Zentrum Tel Avivs gegen die harte Gangart ihrer Regierung protestiert. Selbst in Tel Aviv wird die Opposition kleiner. Als im März der erste H & M Israels in Tel Aviv aufmachte, kamen 15 000 Menschen.

Die beiden Männer, die auf den Felsen am Rande von Alma Beach, dem hippsten und kleinsten Strand Tel Avivs sitzen, waren bestimmt nicht dabei. Sie sind Brüder, beide aus dem Sudan. Jetzt arbeiten sie auf einer Baustelle in der Nähe. Nebenan servieren die Kellner in der schicken Strandbar »Manta Ray« Platten mit Vorspeisen. Krabbensalat, Hummus, Brot mit Olivenöl und grobem Salz, dazu der Meerblick. Die Gäste tragen große Sonnenbrillen. Die beiden Sudanesen trinken warme Cola aus Plastikbechern. Beide sprechen nur wenige Worte Hebräisch, Englisch können sie gar nicht. In den letzten Jahren sind rund 17 000 Flüchtlinge aus afrikanischen Ländern nach Israel geflohen, die meisten kommen aus Eritrea und dem Sudan. Es ist die erste Phase in der Geschichte Israels, in der sich das Land mit einer großen Menge nicht jüdischer Flüchtlinge auseinandersetzen muss. Dennoch werden sie oft wie Eindringlinge behandelt. Manchmal setzen die überforderten israelischen Behörden die Flüchtlinge in Stadtzentren aus und überlassen sie ihrem Schicksal. Kritiker meinen, der israelische Staat habe kein Interesse, sich um Moslems und Christen zu kümmern. »Die Araber sind mir unheimlich«, sagt Lana, 27, am Ge'ula Beach, der auch »Drummer's Beach« heißt. »Die Männer rasten total aus, wenn sie eine blonde Frau sehen.« Lana hat keinen israelischen Pass, sie ist in Georgien geboren. Aber ihr Großvater ist Jude, und in Israel fühlt sie sich zu Hause.

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion sind massenhaft Juden aus den ehemaligen Ostblockländern nach Israel eingewandert, allein eine Million Russen. Sie bilden eine Subkultur, die etwa 17 Prozent der Wähler stellt und damit eine massive politische Kraft ausmacht. Die nationalistisch ausgerichtete Partei Yisrael Beiteinu, die Israels Außenminister Avigdor Lieberman stellt, wird vor allem von israelischen Bürgern der ehemaligen Sowjetunion unterstützt.

Lana studiert Grafikdesign in Be'er Sheva. »Ich langweile mich da zu Tode«, fasst sie ihr Leben in der staubigen Wüstenstadt zusammen. So oft sie kann, fährt sie nach Tel Aviv. Besonders freitags liebt sie die Stadt: Dann wird am Drummer's Beach hinter dem Delfinarium getanzt. Das Delfinarium, früher ein Aquarium, dann eine Disko, ist jetzt nur ein hässliches, ovales Gebäude, das wie ein großes kaputtes Schiff in den Strand hineinragt. Auf der Vorderseite ist ein Surfclub, daneben ist noch der »Pacha«-Schriftzug der Disko zu lesen. 2001 passierte hier eines der blutigsten Attentate in der Geschichte Tel Avis: Als ein Terrorist sich in der Schlange vor dem Eingang des Clubs in die Luft sprengte, starben 21 Menschen, die meisten davon Teenager. Es ist typisch Israel, typisch Tel Aviv, dass ein paar Meter weiter heute jede Woche getanzt wird wie sonst nirgends in der Stadt. Ab dem späten Nachmittag schlagen Trommler hier unter freiem Himmel ihre Instrumente, ein Kiosk verkauft Bier. Die Menschen bilden einen wippenden, klatschenden, rhythmisch zuckenden Kreis. Wer sich traut, und das sind hier überhaupt nicht wenige, geht in die Mitte und tanzt für alle.

Nur am Freitag füllt sich auch weiter südlich auf dem Weg nach Jaffa, dem ältesten Teil Tel Avivs, wo vor allem Araber leben, der karge Strand, der hier gar keinen Namen hat. Er ist voller Geröll und Zigarettenkippen, es gibt keine Türme für Rettungsschwimmer, stattdessen große Schilder, auf denen »Baden verboten « steht. Freitags aber riecht es nach Feuer und Rauch, überall stehen Klapptische, liegen Decken, Männer mit Schnurrbärten, verschleierte Frauen und Kinder essen Salate aus Tupperdosen und Fleisch vom Grill. Eine Mutter steht im langen, schwarzen Kleid und mit Kopftuch in der Brandung und spielt mit ihren Kindern Wasserball.

Eigentlich verbindet vom Strand der Orthodoxen über den der Schwulen bis hierher zum Strand der Araber alle nur ein Wunsch: ins Wasser, zum Abkühlen. Die Strände Tel Avivs könnten der Beweis dafür sein, dass eine harmonische heterogene Gesellschaft möglich ist. Aber die Wahrheit ist: Selbst in Israels fröhlichster Stadt beansprucht jede Gruppe einen Abschnitt für sich - und bleibt dort lieber unter sich.

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