Flut ist, wenn viel Wasser kommt
Die Überschwemmungen in Bangladesch haben schon hunderte Leben gefordert. Der Mensch ist mit seinen Eingriffen in die Umwelt nicht ganz unschuldig.
Unser großes Holzboot gleitet über die ruhige Oberfläche des Jamuna. Rings um uns nur Wasser, Wasser, Wasser. In drei Richtungen sieht man kein Land. Manchmal denke ich mitten ihm Meer zu sein. Doch das ist ein Fluss und es ist Regenzeit in Bangladesch. In Indien hat es tagelang geregnet. Jetzt ist das Wasser in Bangladesch angekommen und hat weite Teile des Landes überflutet. Wir sind unterwegs zu den Chars, den Flussinseln im Jamuna, welche die Flut besonders schwer getroffen hat.
Nach knapp zwei Stunden stromabwärts tauchen aus den gewaltigen Fluten Wellblech-Dächer auf. Das ist der Rest eines Dorfes. Die Hütten aus Lehm und Bambus haben die Fluten erdrückt oder weggespült. Kein Mensch weit und breit. Nur das Gurgeln des Dieselmotors und der Widerhall auf dem Wasser. Eine Gespensterstadt. In der Ferne ragt ein Flutschutzbau aus Beton aus dem Wasser. Seine Stelzen stehen unter Wasser, er scheint auf dem Fluss zu schwimmen.
Das ganze Dorf teilt sich wenige Räume – zum Schlafen, zum Kochen, zum Waschen der Kleider. Die Zimmer sind Aufenthaltsort für die Erwachsenen, Spielzimmer für die Kinder, Stall für Ziegen und Hühner. Es ist heiß. Die Menschen haben nichts zu tun, außer zu warten, dass die Flut zurückgeht und zu schauen, was sie von ihrem Dorf übrig gelassen hat. Das Essen ist kar: Reis, etwas Fisch, getrocknete Linsen. Viele Frauen sind allein hier mit den Kindern und den Alten. Die Männer sind auf das Festland auf der Suche nach Arbeit. Die Frauen warten.
Bangladesch – Land der Naturkatastrophen: das ist seit Langem ein Allgemeinplatz. Früher zählten dazu auch noch die Hungersnöte. Heute sind es die über die Ufer tretenden Flüsse und die Flutwellen in der Bucht von Bengalen sowie die Zyklone, die regelmäßig weite Landstriche verwüsten. Tatsächlich gehören die jährlichen Überschwemmungen der großen Ströme Jamuna und Padma (Brahmaputra und Ganges) zu natürlichen Erscheinungen in Bangladesch. Der Großteil seiner Landfläche ist Teil des flachen Gangesdeltas. Die Flüsse sind jung, das heißt sie wandern, verschieben sich, suchen sich neue Wege. Der Untergrund ist nicht fest; es gibt kaum solides Gestein in Bangladesch. Doch die jährliche Flut während des Monsunregens ist auch notwendig. Sie füllt die Wasservorräte für die trockene Winterzeit. Sie schwemmt neues, fruchtbares Land an. Die Menschen sind seit Jahrhunderten darauf eingestellt. Ihre Häuser bauen sie auf kleinen Erhöhungen, ebenfalls die Straßen und Wege sind aufgeschüttete Dämme, die in der Regel von den Fluten nicht überspült werden. Während der Monsunzeit fischen die Menschen in den angeschwollenen Flüssen und den neu entstandenen Wasserfläche. Für die Ernte der Jute benötigen sie die vielen vollen Teichen zum Aufweichen der Stängel. Das Problem verschärft sich dort, wo der Mensch in das Verhalten der Flüsse eingreift und das natürliche Gleichgewicht zerstört.
Das Wasser der Flüsse in Bangladesch kommt zu großen Teilen aus Nordindien und Nepal. Hier regnen die Monsunwolken an den Hängen des Himalajas besonders stark ab. Nach einigen Tagen erreichen die Wassermassen Bangladesch. Im Vergleich zu früheren Jahren führen die Flüsse heute im Winter kaum mehr Wasser und die sommerlichen Fluten nehmen immer häufiger bedrohliche Ausmaße an. Da in Indien immer mehr Wälder abholzt werden, speichert die Erde weniger Wasser. Durch die globale Erwärmung schmelzen zudem die Gletscher schneller ab und führen den Flüssen ebenfalls mehr Wasser zu. Staudämme in Indien nehmen im Winter Bangladesch Wasser und lassen seine gewaltigen Ströme zu riesigen Sandflächen verdorren. „Unsere Flüsse sind tot“, habe ich Bangladeschis oft sagen gehört. In der Regenzeit, wenn die Staudämme voll sind, wird das überschüssige Wasser nach Bangladesch abgelassen.
Eine offene Frage ist noch, ob sich die Monsunwinde langfristig als Folge des Klimawandels ändern und es in Indien stärkere Regenfälle gibt. Manches spricht dafür. Mit dem Anstieg des Meeresspiegels dringt das Meerwasser weiter in die hundertfach verzweigten Flussarme des Gangesdeltas ein. Wenn die Flut vom Meer her ins Land drückt, können die Wassermassen der Flüsse schlechter abfließen. Eine Springflut kombiniert mit einer Überschwemmung der Flüsse hat noch gravierendere Folgen. Und bei allen Zweifeln, die gegen die Folgen des Klimawandels vorgebracht werden: Tatsache ist, dass früher die jährlichen Monsunfluten seltener gefährliche Pegelstände erreichten. In den Jahren 1998, 2004 und 2007 traten jedoch in sehr kurzen Abständen verheerende Überschwemmungen auf.
Wir fahren weiter stromabwärts. Habib, Leiter einen einheimischen NGO, deutet auf den Fluss. „Hier war ein großes Dorf“, sagt er. Nichts ist davon zu sehen. Nicht einmal Bananenstauden schauen noch aus dem Wasser. Eine der Inseln ist noch zu sehen – genauer gesagt, der Teil, der nicht weggeschwemmt wurde. Bäume sind umgeknickt. Toiletten weggespült, die Schule steht unter Wasser. Die Männer bauen die Hütten ab. Wellblech, Bambusstangen, Lehmöfen, alles was nicht zerstört wurde laden sie auf zwei große Holzboote. sich an einem anderen Ort eine neue Bleibe aufbauen. Die Frauen treiben die Tiere zusammen und sammeln das wenige Geschirr. Ein paar heil gebliebene Bäume werden ausgegraben. Auf dem Damm am weit entfernten Ufer werden sie einige Monate ausharren und schauen, wo ihnen der Fluss eine neue Insel anspült. Dort werden sie bleiben bis zur nächsten großen Flut.
„Wir waren nur drei Regenzeiten hier“, erzählt ein junger Familienvater. Früher konnten sie zehn Jahre auf einer Insel bleiben, oder länger. Nach der Flut 2004 waren sie hierher gekommen, doch nun ist auch mit diesem Dorf schon wieder Schluss. Ich frage ihn nach seiner Einschätzung, weshalb die Fluten immer öfter auftreten. „Flut ist, wenn viel Wasser kommt“, sagt er, Und warum so viel Wasser? Der Mann zeigt auf den Himmel. „Das weiß nur Allah“, sagt er. Die letzten Tage hat er mit seiner Familie auf dem Dach der Schule verbracht. „Gestern hätten Sie hier sehen können, wie es die Häuser weggerissen hat“, sagt er. Ob er nicht fortziehen möchte, will ich wissen. Manche Männer arbeiten in anderen Städten sagt er. Aber er hat kein Geld, sich für die Familie anderswo eine neue Existenz aufzubauen. Er bleibt hier, mitten im Fluss, und wird sein Glück mit einem neuen Haus versuchen.
Als wir auf die Chars in Gaibandha kommen, ist der Flutpegel dort bereits um etwa einen Meter gesunken, wie man an den Spuren, welche das Wassers hinterlassen hat, erkennen kann. Auch hier haben die Wassermassen Land fortgerissen und Häuser zerstört. Auf Mullah Char verteilen wir Notpakete an die Ärmsten: Reis, Linsen, Öl, Salz, Zucker, Babynahrung, Kerzen und Streichhölzer. Die Menschen warten geduldig stundenlang. Manche der alten Frauen können ihr Paket selbst nicht mehr tragen. Im Gesundheits-Camp, das eine NGO eingerichtet hat, warten zwei- oder dreihundert Menschen auf Hilfe durch den Arzt. Viele Kinder haben Durchfall, Hautkrankheiten, auch Lungenentzündungen werden häufiger. Hier können sie eine erste Hilfe erhalten.
Bei gravierenden Fällen jedoch können die mobilen Ärzte nicht helfen. Ich spreche mit einer Großmutter, die ihren zweijährigen Enkel auf dem Arm hält. Er ist kleiner als die sieben Monate alte Tochter meiner Freundin in Deutschland. Seine Haut ist übersäht mit kleinen roten Punkten. Er hat Gelbsucht. Über die Krankheit weiß die Mutter, die daneben steht, nichts. Der Kopf des Kleinen ist seltsam gewölbt. Der Druck im Schädel des Babys scheint zu hoch zu sein, doch auch zu den Gründen für den Wasserkopf des Kindes kann die Mutter nichts sagen. Die Großmutter erzählt mir, dass sie nicht weiß, wo sich das nächste Krankenhaus befindet. Sie war noch nie dort gewesen.
Die Menschen auf den Chars, den Schwemmlandinseln der großen Flüsse, sind besonders verwundbar durch die Fluten. In normalen Jahren schrumpfen ihre Inseln zu kleinen Flächen im Fluss. In Flutjahren wie diesem werden sie überspült. Die Wassermassen nehmen ihnen ihren kümmerlichen Besitz. Sie verlieren ihre Ernten. Und wenn das Wasser zurückgeht, breiten sich Krankheiten wie Cholera, Brechdurchfall, Haut-Ekzeme und Lungenentzündung aus. Den Menschen bleibt kaum Zeit, sich von der Flut zu erholen. In den Herbstmonaten nach der Regenzeit beginnt eine Periode des Hungers. Denn dann werden auf den Feldern keine Arbeitskräfte gebraucht und die Tagelöhner haben kein Einkommen. Die Menschen hungern nicht, weil es keine Nahrung gibt, sondern weil sie sich diese in dieser Zeit nicht leisten können. Eine Bekämpfung der Flutschäden muss bei der Bekämpfung extremer Armut im Land und bei einem vernünftigen Umgang mit der Umwelt weltweit beginnen."Wichtige Links zu diesem Text"
Mehr Infos zur Flut gibt es auf den Seiten der Bangladesch-Organisation NETZ.






Kommentare
schade, dass hier immer so viel rumgemault wird von wegen, nicht genug interessante und informative texte - und einer wie der hier, der geht dann doch wieder völlig unter. wieso eigentlich?
02.09.2007, 22:31 von beenerinIch habe heute gelesen, dass mehr als 28 Millionen Menschen obdachlos geworden sind (laut Deutscher Welthungerhilfe) und es die größte Flutkatastrophe aller Zeiten ist. Mich wundert, dass so wenig davon berichtet wird. Jetzt hört man nur noch über Griechenland, wo vielleicht tausend Menschen ihr Haus verloren haben, aber über die Menschen in Bangladesh, Nepal und Indien hört man seit Tagen nichts. Weil sie so arm sind oder so weit weg???
28.08.2007, 13:25 von Freydis"Schöner" Artikel, wenn auch zu einem sehr ernsthaften und traurigen Thema. Kompliment!
28.08.2007, 13:02 von Club-Fan82Es ist wirklich verrückt das genau die darunter leiden, die am wenigsten für den Klimawandel können! Man steht einfachsprachlos davor. Spenden und Hilfe in Notgebieten sind wie Tropfen auf dem heissen Stein, hier sollte globale Abhilfe geleistet werden um Vorzubeugen oder wie Lag schon sagte Abhilfe zuschaffen wie in Holland!
28.08.2007, 12:46 von yeldenEin guter, informativer Text. Mir gehen solche Schilderungen näher als die üblichen Herz-Schmerz-Geschichten bei Neon. Leider glaube ich, dass da nur Schadensbegrenzung möglich ist. Eine Klimakatastrophe ist wohl nicht mehr zu verhindern und nur abzuschwächen. Es macht mich wütend, dass die Industrienationen diesen Klimawandel herbei geführt haben und die armen Völker am meisten darunter leiden müssen.
27.08.2007, 19:30 von Freydis@[Benutzer gelöscht] Da gebe ich dir recht, auch wenn ich meine, dass selbst in Europa eine Menge mehr getan werden könnte.
28.08.2007, 13:21 von Freydis