schin 04.03.2014, 21:26 Uhr 30 44

Flüchtlingsheim reloaded

Es kam ihm so vor, als wäre das ein großes Geheimnis gewesen, das ich hüte. Dabei sehe ich es nicht so.

Ich bin nun 26 Jahre alt, und wenn man mich fragt, wie ich nach Deutschland gekommen bin, dann sage ich nur kurz, mein Vater habe hier schon lange gelebt. Das sage ich und alles scheint damit geklärt. Doch als ich mich neulich mit einem Freund über die prekäre Lage von Flüchtlingen in Deutschland unterhielt, spürte ich doch den Drang danach, jenem Freund erzählen zu müssen, dass ich selbst lange Zeit in einem Flüchtlingsheim gewohnt habe. Um genau zu sein, sogar in mehreren. Der Freund von mir sagte: "Wir kennen uns nun acht Jahre, aber du hast mir das noch nie erzählt."
Es kam ihm so vor, als wäre das ein großes Geheimnis, das ich hüte. Dabei sehe ich es nicht so, aber angesichts der Tatsache, dass Asylpolitik derzeit überall diskutiert wird und ich in einem Bundesland wohne, wo besonders das Thema Asylpolitik die Gemüter erhitzt, habe ich für seine Reaktion doch Verständnis.

Nur ändert das jetzt was daran, bin ich in seinen Augen nun eine andere Person?
Ich glaube, ich hab es nie erwähnt, weil ich glaube, irgendwo zwischen Studium und Abschluss,dass ich nun ein "gutes" und "sicheres" Leben habe.

Von meiner Familie muss niemand mehr hungern, niemand bekommt mehr Kleidung von Caritas und Essenspakete mit kleinen Plastikdosen mit Konfitüre und Nutella, Zwiebeln und Obst, die man sonst immer in Krankenhäusern oder Frühstücksbuffets findet. Die Pasteten waren für uns damals nicht wirklich schmackhaft, auch die Packung Bauernbrot kannten wir damals nicht. Und es hatte sich schnell herumgesprochen, wo man den billigsten Reiskocher kaufen konnte.

Es ist eben nur ein Teil meiner Vergangenheit und doch fällt mir auf, ich wollte einfach nur normal sein, wie die anderen Kinder. Bloß nicht auffallen. Manchmal gab es viel Papierkram mit dem Amt wegen der Residenzpflicht, wenn Schulausflüge außerhalb meines von Beamten festgelegten "Bereichs" geplant waren. Ich denke, ich habe das mit dem "Eingesperrtsein" nicht so sehr gespürt, wie meine Mutter, die oft weinte, wenn sie meine Oma von einer Telefonzelle aus anrief. Wir konnten ja mit der Duldung nirgendshin. Umso öfter mussten wir zum Ausländeramt unseres Vertrauens.

Doch ich musste ja nicht frieren und war ausgemergelt, ich habe ja nicht im Ghetto gewohnt, nur in mehreren Flüchtlingsheimen. Und da haben eben viele Nationen auf engstem Raum gewohnt. Jeder hat sich  damit zurechtgefunden. Manche verschwanden und kamen nie wieder, doch dass sie abgeschoben wurden, das habe ich damals als Kind noch nicht verstehen können. Die meisten aber blieben und manche zogen mit uns in die nächste Unterbringung.

Ich brachte nie Freunde mit nach Hause, weil meine Mutter meinte, das mit dem Besuch sei schwierig. Auch das mit dem Übernachten bei Freunden ginge auch nicht, der Pförtner würde das mitbekommen. So sollte ich damit warten, bis ich ein eigenes Kinderzimmer bekomme und wir nicht zu dritt in einem Bett schlafen müssen. Mit zwei kleinen Kindern ging das noch.

Zu sagen, dass ich eine ganze Weile mit meiner Mutter, meiner Schwester, zwei Hochbetten und einem Spind, anfangs sogar auch mit fremden Personen aus anderen Ländern auf 13 qm gewohnt habe, kommt es mir sehr surreal vor, erst recht, wenn ich mir heute mein 22 qm großes Zimmer anschaue.

Ich erinner mich noch relativ gut, es war die Zeit des Bosnienkriegs. Die Flüchtlingsheime waren von vielen Bosniern bewohnt. Für mich waren es meine Freunde, mit denen wir bosnische Süßigkeiten aßen. Ich habe auch mal auf Bosnisch zählen gelernt, aber das kann ich jetzt nicht mehr. Manchmal frage ich mich, was aus meinen Freunden geworden ist.

Ich habe noch das Foto vor Augen, auf dem wir Fasching mit all den anderen Kindern in unserem Gemeinschaftsraum feierten. Ich trug eine Maske aus einem Pappteller, neben mir meine Schwester einem weißen Papiersack, den wir bunt anmalten. Wir hatten nicht viel, noch nicht mal richtig Deutsch konnten wir zu dem Zeitpunkt. Dafür haben uns die Sozialarbeiter stets eine schöne Zeit beschert, indem sie uns beibrachten, was Weihnachten, Fasching und sonstiges deutsches Brauchtum ist. Nicht nur Deutsch, sondern auch Fahrrad fahren habe ich mit ihnen gelernt. Weil um unsere Wohncontainer keine gepflasterten Weg waren, war es immer sehr steinig. Gerne würde ich ihnen danke sagen, wenn ich noch ihre Namen wüsste.

Wir haben noch sehr viele befreundete Familien aus dieser Zeit. Das ist ja jetzt schon mehr als zwanzig Jahre her. Doch jedes Jahr feiern wir zusammen Weihnachten und wissen, dass Weihnachten ein Fest der Familie ist, weil unsere Familien nun mal weit weg waren.
Viele Pärchen haben sich in diesen Heimen kennengelernt, geheiratet und haben Kinder bekommen. Manche verstarben zwischenzeitlich und es ist selbstverständlich auch zu deren Beerdigung zu erscheinen und ihnen zu gedenken. Das Kapitel „Flüchtlingsheim“ eint uns wohl doch mehr als wir es uns zugestehen wollen.

Ich habe mich bisher nie damit auseinandergesetzt, weil ich dachte, das ist normal, dass ein Kind im Flüchtlingsheim aufwächst, aber erst als ich Menschen kennengelernt habe, die es nicht in Ordnung finden, dass Menschen in alten Kasernen, Schulen oder auch Containern untergebracht werden, da habe ich ein wenig Scham empfunden.

Es ist ebenso nicht in Ordnung, dass Essensmarken verteilt werden und Menschen sich nicht frei bewegen dürfen und ich habe das Gefühl, dass ich derzeit in einem Land lebe, wo es Menschen gibt, die sich gegen Flüchtlingsheime aussprechen, nicht davor zurückschrecken würden, mit Fackeln vor diese Heime zu treten. Wie damals in Rostock-Lichtenhagen.

Auch wenn ich nicht mehr in einem dieser Heime leben muss, so verspüre ich leichte Angst. Etwa so, als ich begann jemanden von meiner Vergangenheit zu erzählen.

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30 Antworten

Kommentare

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    danke fuers teilen!

    22.12.2014, 12:00 von ohsleepr
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    Was ich mich gefragt habe war und ist :

    Wo sind eigentlich die ganzen Leute mir ihren Kerzen, wenn die Leute mit den Fackeln kommen ? Wo sind die guten Leute, wenn der Unmensch kommt ?

    Manchmal ist einfach der Punkt, wo man mal Kante bekennen muss...und dann muss man vom Sofa weg und sich denen mit den Fackeln entgegenstellen...es gibt dazu keine Alternativen.

    Nachher Lichterkette machen ist keine Alternative.

    06.04.2014, 04:59 von PixelAspect
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    Ich finde es traurig, wenn/das man heutzutage Angst haben kann, über solche Erlebnisse zu berichten und sie als Teil der eigenen Identität zu sehen. Im Guten wie im Schlechten. 

    06.04.2014, 03:58 von ChaTalie
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    Ich hab auch die ersten paar Jahre meines Lebens in einem Flüchtlingsheim verbracht und diese Zeit irgendwie verdrängt, mir geht es da ganz ähnlich wie dir. Mutig, dass du das Schweigen bist, weil wir ja schon meinst in einer gesellschaftlichen "Schicht" unterwegs sind, in denen man solche Geschichten nur aus den Medien oder vom Hören-Sagen kennt.

    09.03.2014, 14:06 von 0816
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    In meinem Kopf hat es gerade Klick gemacht und irgendwie war alles noch ein bisschen verständlicher als vorher.

    Ich liebe "Aha-Momente"!

    07.03.2014, 16:12 von Linda-Erfinder
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  • 6

    ich habe gestern schon geherzt und hatte leider keine zeit, dazu etwas zu sagen. deshalb noch hinterher.


    ich finde deinen text wichtig, eben weil hier menschen mit fackeln vor flüchtlingsheimen stehen. 
    wenn es nicht gerade recht sind, sind es leute, die angst haben. und dein text zeigt einblick und öffnet. leider ist das hier kein forum für hausfrauen, die angst haben, das flüchtlinge an ihre kinder drogen verkaufen.

    ganz davon ab habe ich vier jahre in einer kanzlei für asylrecht gearbeitet. da bekommt man viel mit, auch was von behördenseite so an dingen passiert.

    was mir an deinem artikel gefällt ist deine sachliche und fast scheue art, die dinge zu schildern. du berichtest das positive wie das negative. danke, dass du hier veröffentlicht hast.

    07.03.2014, 13:16 von YOLK
    • 0

      yo, der Text reichte aus um jedem Fackelträger und den gaffenden Applaudiern und Heimlichhetzern ob ihrer pathologischen Unmenschlichkeit die Schamesröte ins Gesicht steigen zu lassen, wenn sie mehr wären, als selbst vom Leben gebeutelte Und gebrochene Menschen ohne Stolz. Gern gelesen, da sachlich, aufklärend und selbstdistanziert.

      07.03.2014, 13:36 von EliasRafael
    • 0

      yo, der Text reichte aus um jedem Fackelträger und den gaffenden Applaudiern und Heimlichhetzern ob ihrer pathologischen Unmenschlichkeit die Schamesröte ins Gesicht steigen zu lassen, wenn sie mehr wären, als selbst vom Leben gebeutelte Und gebrochene Menschen ohne Stolz. Gern gelesen, da sachlich, aufklärend und selbstdistanziert.

      07.03.2014, 13:37 von EliasRafael
    • 1

      huch

      07.03.2014, 13:37 von EliasRafael
    • 0

      nein, leider nicht. aber so wirst du das vermutlich ja auch gemeint haben. 

      07.03.2014, 14:34 von YOLK
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      nein, leider nicht. aber so wirst du das vermutlich ja auch gemeint haben.

      07.03.2014, 14:34 von YOLK
    • 3

      ich hab das jetzt auch einfach zweimal gepostet. aus solidarität.

      07.03.2014, 14:34 von YOLK
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      außerdem habe ich was falsch gemacht:
      rechtE. so.

      07.03.2014, 14:53 von YOLK
    • 1

      wenn sie mehr wären, als selbst vom Leben gebeutelte Und gebrochene Menschen ohne Stolz
      Das sind keine Opfer.
      Dazu stilisieren sie sich andauernd.
      Diese Menschen sind Täter für deren Motive es keine Entschuldigung und kein Verstehen zu geben hat, sondern nur die konsequente Ablehnung von Gedanke, Wort und Tat.
      Wer es sich erwählt Unmensch zu sein, der soll das auch so haben.

      06.04.2014, 05:04 von PixelAspect
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  • 3

    Wichtig, Dein Text!

    06.03.2014, 23:51 von RAZim
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  • 3

    Wundervoller Beitrag. Vielen Dank. Mir fallen 1000 Gedanken dazu ein. 


    Einer davon ist, dass ich zwar nie in einem Flüchtlingsheim gewohnt habe, dafür aber in einem Übergangswohnheim, als ich nach Deutschland kam. Ich habe ähnliche Erinnerungen daran, wie du sie hier beschreibst. Und auch wirklich Schöne. Aus diesen Tagen habe ich eine gute Freundin, mit der ich als Vierjährige Unfug auf dem Spielplatz anstellte, im April bekommt sie ihr Baby. Unsere Eltern sind eng miteinander verbunden. Ich habe sie im Sommer nach einem schlimmen Verlust getröstet, im Dezember hat sie mir ihre Ultraschallbilder gezeigt. Wir haben gemeinsame Fotos aus dem Heim, das wir eigentlich auch mit zu vielen Menschen auf zu kleinem Raum teilten, wir schliefen in Stockbetten und teilten mit Fremden die Zimmer, aber wir essen darauf Erdbeeren und spielen mit Barbies. Das war sicher kein trauriger Ort für ein Kind.

    Ich studiere heute Soziale Arbeit und komme gerade aus einem Praktikum in der Bewährungshilfe in Wien. Mir sind darin so viele Menschen und Geschichten begegnet, so viel Tragisches, so viel Schönes, so viel Bürokratie. Was ich sagen kann, ist, dass ich "Duldung" nach wie vor ein schreckliches Wort finde - der Inhalt ist meist nicht besser. Kommt aber natürlich immer auf die Alternativen rechts und links daneben an, was es nicht unbedingt besser macht.

    Bin jedenfalls berührt von deinen Worten. :-) Gute Nacht.

    06.03.2014, 23:38 von Sommerregen03
    • 0

      Freut mich sehr, dass dir der Text gefällt. Es ist ein Teil unseres Lebens und begleitet uns, und genau so wie du, sehe ich es auch, es war ja kein trauriger Ort.

      07.03.2014, 17:27 von schin
    • 0

      Kann ich aus Erfahrung zustimmen. 

      06.04.2014, 03:57 von ChaTalie
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    das ist ein sau guter text.

    ich bin schon froh, dass mir diese erfahrung erspart geblieben ist und ich direkt eine aufenthalt-erlaubnis bekam, da meine mutter einige jahre vorher mit studentenvisum hergezogen war.


    ich verstehe die reaktion deines freunde ehrlich gesagt nicht, weil es doch klar ist, dass man ungern über sowas redet und das im grunde auch egal ist.

    06.03.2014, 20:31 von nuescht
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      Ich versteh ihn ein wenig, denn das Bild eines Asylanten, auch in den Medien, führt nicht dazu, dass man glauben mag, dass unter Umständen auch ein "normales" Leben zu führen ist.

      Und es ist nun mal so, dass die Mehrheit der Gesellschaft nicht an die Realtät von Asylbewerbern herangeführt wird bzw. in Kontakt kommt. Woher sollte er das also erfahren?



      07.03.2014, 17:34 von schin
    • 0

      ja nun... ich erwarte schon etwas mehr von menschen in einer angeblich freien und aufgeklärten gesellschaft, menschen, die nicht auf zeitungen und privaten kanälen angewiesen sind, um sich zu informieren, menschen, die nur eine google-suche entfernt von der tieferen "wahrheit" an ihren privaten laptops sitzen und immer wieder fragen, "woher sollten wir das denn wissen?"


      das verstehe ich ehrlich gesagt kein bisschen.



      das gleiche problem habe ich auch mit meinem stiefvater, der ein deutscher ist und nun seit 20 jahren mit meiner mutter zusammen ist, davon 15 jahre ehe und immer noch so vieles nicht versteht bzw. verstehen will.

      07.03.2014, 17:57 von nuescht
    • 0

      Glaub mir, ich erwarte das in vielerlei Hinsicht auch, aber erst wenn
      man sich im wahren Leben damit auseinandersetzen muss, merkt man, dass
      da noch viel Aufklärung notwendig ist.

      Und genauso ist es, wie
      du es mit deinen Eltern beschreibst. Erst im Laufe der Jahre kommen die
      Erkenntnisse, erst dann merkt man, wie sich Interkulturalität
      entwickelt.

      07.03.2014, 18:06 von schin
    • 0

      wenn sich tatsächlich etwas entwickeln würde...

      ich glaube ja, dass die menschen nur noch gelernt haben, dass entwickelte darmbakterien in joghurt gesund sind, aber ansonsten alles, was sich auf entwicklung reimt, eher ungesund ist, im speziellen wenn es um ihr verstand geht...


      aber vielleicht sehe ich das etwas schwarz, bin gern bereit mich von deinem optimismus an zu stecken. schließlich gibt es keine wirklich sinnvolle alternative zum optimismus und zu dem glauben an einem neuen tag. :)

      07.03.2014, 18:11 von nuescht
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