Flora und Trauma
Ist Ihnen der Blumenladen "Pitschak" am Kölner Hauptbahnhof ein Begriff?
Jeder Reisende, der den Bahnhof von der Domplatte aus betritt, wirft unweigerlich einen Blick auf das elegante Geschäft mit der modernen Glasfront, in welchem, neben einem mannigfaltigen Blumenangebot, eine große Menge an dekorativen und gleichzeitig völlig nutzlosen Accessoires erworben werden kann. Langstielige Bindereien, die "Ich liebe Dich" sagen, elegante Bouquets, die "Ich liebe Dich, habe jedoch keinen Geschmack" sagen, Sträuße in allen Variationen, bunte und herrlich duftende Blumen, grundlos mit Sand gefüllte Vasen und Kerzenständer aus Mangrovenwurzeln, all diese Waren gehen Tag für Tag zu Dutzenden über den Ladentisch. Manch ein solventer Verbraucher lässt sich die farbenfrohen Liebesboten mit dem betörenden Odeur gar ins Büro liefern, um sie seiner Liebsten am Abend stolz präsentieren und auf einen Abend voller amouröser Spielereien hoffen zu dürfen.
Auch im Bereich der Trauerbekränzung macht der geräumige Blumenladen einen stattlichen Umsatz. Reisende sind nicht gezwungen, den unliebsamen Umweg über die Kölner Innenstadt zu machen, sondern können, mit Großmutters Urnenschmuck in der Linken und dem Chai-Latte in der Rechten, unverzüglich in ein öffentliches Verkehrsmittel ihrer Wahl steigen.
Nachdem die Eigentümer, Klaus und Hermine Pitschak, die größte florale Krise aller Zeiten, die durch den schizophrenen Amsterdamer Innenarchitekten Tom Van den Eynde und einem vollgetankten Rasenmäher ausgelöst, und in der Boulevardpresse als "Das Tulpen-Waterloo" bezeichnet worden war, überstanden hatte, schien es nichts zu geben, was die stets pechschwarzen Zahlen dieses Betriebes erröten lassen könnte.
Die Pitschaks verdanken ihren beträchtlichen Umsatz mehreren Faktoren: Fleiß, Sparsamkeit, Sinn für florale Trends, einer günstigen Lage und einer geheimen, blank polierten Falltür im hinteren Bereich der Geschäftsräume, die ein ebenso schmutziges, wie faszinierendes Geheimnis birgt.
Um zu verstehen, wie eine Falltür das Einkommen der Eheleute Pitschak vervielfachen konnte, müssen wir einen Blick auf die Biographie von Hermine Pitschak werfen. Bevor die sauertöpfisch dreinblickende Dame, mit ihrer Vorliebe für einfarbige Halstücher, dem grau melierten Haar und dem grünen Daumen, der nicht im metaphorischen, sondern im eigentlichen Wortsinne, durch das tägliche Arbeiten mit Pflanzen, grün war, den Einzelhandelskaufmann Klaus Pitschak, Spross einer Arbeiterfamilie aus Langenfeld, mit einer Leidenschaft für Standardtänze, einer beginnenden Alopezie und schlechtem Atem durch den übermäßigen Genuß japanischer Speisepilze, heiratete, verbrachte sie ihr gesamtes Leben an der Seite ihrer Mutter, einer hochgewachsenen Leichenschminkerin aus dem Süden des Landes.
Ihren Vater, den berühmten achtfingrigen Alligatorwrestler Samuel Skeffington, ein Amerikaner, der zur Zeit ihrer Zeugung in Deutschland als G.I. stationiert war, hatte sie nie kennengelernt. Sie besaß lediglich drei Dinge, die sie auf ewig mit dem erfolglosen Reptilienbändiger verbinden sollten: ein vergilbtes Foto, auf dem ihr Vater in majestätischer Pose voller Stolz durch seinen mächtigen Schnurrbart in die Kameralinse lachte, über einem untersetzten Alligator knieend, eine Kette aus unechten Raubtierzähnen um den Hals tragend, seine rechte, dreifingrige Hand in die Luft gestreckt, als wolle er der Furcht selbst ins Gesicht lachen, ein abgegriffenes Buch über Höhlensysteme und dem Überleben in ebensolchen, sowie eine Sammlung wertvoller philippinischer Münzen, die sich eines Tages als ein Haufen nutzloser, angemalter Hosenknöpfe entpuppen sollte.
Es mag an der Einsamkeit oder der morbiden Tätigkeit ihrer Mutter, die stets in Kellergewölben gearbeitet hatte, gelegen haben, denn sobald die junge Hermine das Lesen erlernt hatte, verschlang sie das Buch ihres Vaters, wieder und wieder. Sie prägte sich jedes Detail ein, Zeile für Zeile, jede noch so unbedeutend erscheinende Information fand in ihrem Gedächtnis Platz. Ihre Mitschüler nannten sie lachend "Höhlen-Hermine", "Lotte aus der Grotte" oder "Aknegesicht", was sich in mindestens zwei Fällen auf ihre große Leidenschaft zurückführen ließ.
Als ihr Gatte Jahre später das Geschäft in den Räumlichkeiten des Kölner Hauptbahnhofes erwarb, ahnte er nicht, welch verstörende und dennoch gewinnbringende Metamorphose seine teure Hermine durchlaufen sollte. Sie fühlte sich fehl am Platz, in den hellen, offenen Räumen, eine Sukkulente in einem farbenprächtigen Blumenmeer. Und so folgte sie einem inneren Ruf, einem Urinstinkt, der sie seit ihrer Kindheit begleitete. Hermine benötigte zwei Tage, dann nannte sie, während ihr Ehemann im Ladenlokal unentwegt Kunden bediente und mit seinem Shiitake-Atem einen verstörenden Kontrast zu seiner wohlig duftenden Ware bildete, und dabei keinen nennenswerten Umsatz machte, sämtliche Baupläne der kaum erforschten, unterirdischen Gewölbe des Kölner Doms ihr Eigen. Am darauffolgenden Tag besaß sie bereits einige fragwürdige, nicht authorisierte Zeichnungen, die den gesamten Verlauf der Kanalisation unter dem Bahnhofsgebäude, bis fünf Kilometer in die Kölner Innenstadt hinein, zeigten. Am selben Nachmittag hatte sie das gesamte Netz der Kölner U-Bahn auf einen großen Bogen chlorgebleichten Papiers gezeichnet. Diese Stadt war entschlüsselt, dort lag sie auf dem Papier, nackt und schutzlos, nicht fähig, die intimsten, vergessenen Bereiche ihres massigen Körpers vor der genialen Höhlenforscherin zu schützen.
Doch während Hermine im hinteren Teil des Geschäftes unermüdlich ihrer einzigen Leidenschaft nachging, bahnte sich vorne, im immer seltener besuchten Ladenlokal, ein finanzielles Desaster ungeahnten Ausmaßes an. Die wirtschaftliche Talfahrt des jungen Betriebes gründete sich auf die vielfältige Konkurrenz im Umkreis, eine zu diesem Zeitpunkt nicht absehbare Tulpenknappheit und einer medialen Gesetzmäßigkeit, die besagt, dass alle zwei Jahre ein beliebiger Begriff, der Menschen nutzt oder sie erfreut, den Zusatz "Grippe" erhält, die aus einem lateinamerikanischen Land stammend, nur einen Bruchteil der Opfer einer gewöhnlichen, viralen Grippeinfektion fordert, jedoch für eine globale Massenpanik sorgt, welche mindestens einen Monat anhält, Anbieter der betroffenen Ware in den Ruin stürzt und anschließend für alle Zeit aus den Köpfen der Menschen verschwindet. In diesem Falle richtete die Ginster-Grippe das Geschäft der Familie fast zu Grunde.
Die echte Hermine Pitschak ist, in jeder Hinsicht, eine Frau der Tat. In diesem Zusammenhang hat das Wort "Tat" jedoch nichts mit Rettungsplänen geschickter Betriebswirte oder der Bitte um ein Darlehen zu tun. Hier ging es um einen revolutionären Akt der Befreiung. Hinter dem Rücken ihres Mannes, abgeschirmt von einer alten Zeltplane, grub sich die nimmermüde Hermine durch den Boden des Geschäftes, durch Zement, Steine, Sand, eine bunte Palette geologischen Grundwissens, bis sie schließlich einen Zugang zum Abwassersystem der Stadt freigelegt hatte.
Die Türe zur Existenzsicherung wurde von einer metallenen Eisenplatte verdeckt und gab der Akazien-Amazone in den darauffolgenden Nacht die Möglichkeit, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und der Konkurrenz den Garaus zu machen.
Es begann harmlos, als das dressierte Frettchen Mr. Bojangles, eine Leihgabe eines verschrobenen Onkels mit einem ernsthaften Alkoholproblem, durch ein unterirdisches Schlupfloch in das Ladenlokal von Flower Point eindrang, sämtliche Stromkabel durchtrennte, die Dichtung des Waschbeckens aufschraubte und eine halbe Begonie aß.
Was danach folgte, ging in die Geschichte der Stadt Köln ein und begründete auf internationaler Ebene den Begriff "Floraler Terrorismus".
Mit einer Hingabe, die jedem Guerilla-Gardener Tränen der Rührung in die Augen treibt, demontierte Hermine Pitschak die Existenzen sämtlicher Floristen im Umkreis. Geschäfte gingen in Flammen auf, es flogen Bouquet-Bomben und Geranien-Granaten, ein plötzlicher Wasserschaden zwang Blumen Carmen zur Geschäftsaufgabe, der traditionsreiche Blumenhändler Herr Mehlis musste seinen Laden aufgrund mehrerer Säureattacken für immer schließen, während der Blumenwagen am Neumarkt schlicht vom Erdboden verschwand. Die Berichte der lokalen Boulevardpresse setzten eine wahre Lawine in Gang. Man hörte von Ausverkäufen und Geschäftsaufgaben bei den Floristen der Stadt, die Nachricht drang von Kalk bis nach Deutz, von Porz bis nach Ehrenfeld, selbst Vororte, wie Pulheim oder Engelskirchen verzeichneten einen explosionsartigen Rückgang der Blumengeschäfte.
Bis heute hat das SoKo "Osterglocke" keine schlüssigen Beweise vorgelegt, die zur Ermittlung eines Täters führen könnten. Die einzigen Spuren, sind die Spuren der Zerstörung, sowie einige angemalte Hosenknöpfe, die an jedem Tatort zurückbleiben. Hermine Pitschak wurde weder verdächtigt, noch jemals vernommen. Die Verkäufe steigerten sich durch das brutal erkämpfte Blumenmonopol bis ins Unermessliche. Wer einige Zeit am Bahnhof verbringt, der hört vielleicht skeptische Stimmen, die die Echtheit der Hermine Pitschak anzweifeln und sie für eine Doppelgängerin halten, deren schweigendes Mimikry im wirtschaftlichen Interesse von Klaus Pitschak, dem Blumenmillionär, großzügig entlohnt wird.
Manche Menschen glauben gar, dass die echte Hermine Pitschak noch immer ziellos durch die Kanalisation streift, stets geduldig auf die Eröffnung eines neuen Blumenladens lauernd. So behält ihr Gatte das Monopol auf dem Blumenmarkt. Und das Geschäft des scheinfrommen Floristen floriert. Wenn Sie also das nächste Mal durch den Kölner Hauptbahnhof schlendern, senken Sie vorsichtshalber den Kopf, beim Passieren der Ladenlokale von Blumen Pitschak. Und nehmen Sie sich vor Mistel-Minen in Acht.






Kommentare
Ganz besonderer, ganz wunderbarer Text, ich finde deine Art zu denken und dem Leser Worte zuzuspielen herrlich.
10.08.2010, 03:49 von seraphinDen Laden werde ich morgen mit anderen Augen sehen! Vielleicht erwische ich den Moment, in dem Hermine Pitschack aus dem Untergrund auftaucht - ich bete dafür!
23.06.2010, 21:57 von Freydisgefällt ..ja
22.06.2010, 09:09 von ilofiCool =D
22.06.2010, 07:19 von DanerBis eben hatte ich schlechte Laune. Im Ernst.
Großartig. Empfehlung. :)
21.06.2010, 23:44 von Pinzepuman beachte auch die treffsichere Einordnung bei Krieg und Militär.
21.06.2010, 22:11 von plattenbau-beaubtw. hübsch geschrieben.
HERRLICH =)
21.06.2010, 22:04 von miss-lenaSolche Texte mag ich gern lesen, dein Erzählstil und dann auch noch die "Soko Osterglocke" sind tolles Lesefutter.
Danke dafür
mag ich jetzt mal spontan. empfehlung.
21.06.2010, 20:28 von YOLK@[Benutzer gelöscht] "also mal abgesehen von dem literarischen wert des textes aber soll das jetzt werbung oder hetze sein?
22.06.2010, 12:22 von Cyroich würd aufpassen nicht ne unterlassungsklage von der echten firma zu bekommen."
Der Punkt irritiert mich auch. Aber ansonsten: ein unterhaltsamer Text .. nicht übel.
Um mir über den Text eine Meinung zu bilden, ist mir das Bild egal.
21.06.2010, 20:25 von lalumbiaUnd den Text mag ich.