tschak 10.02.2010, 17:46 Uhr 0 0

Fetzen einer Sammlungsauflösung

Inszenierte Sucht nach Leichtigkeit gegen die goldene Mühsamkeit erfahrener Werte.

Ich kenne beide Welten. Bis 1989 waren meine Freunde und ich Teil der letzten DDR Generation, die mauer fiel pünktlich zur Pubertät. Die restenBravos kaufte ich noch mit Ostgeld, für meine erste Popcorn fuhren wir extra an einem Samstag Morgen in den Westen, nach Oberfranken, und zahlten dort ebenfalls mit Ostmark. 1:3.

Die Erinnerungen an diese Zeiten sind magisch, sie verzaubern mich und das sollen sie. Ich bin alt genug, um auf Integration in den Zeitgeist verzichten zu können. Ich bau mir mein eigenes Lebensbild und vielleicht haben wir in der Zone den Freiraum gehabt, das zu tun. Als wir das erste Mal mit der Schule die Austauschschule im bayrischen Nüdlingen besuchten, schien das alles wie verhext. Die Kinder redeten noch weniger miteinander wie bei uns in den versnobbten Städten, je kleiner sie waren, desto größer die Einbildung. Aber Nüdlinge? Das war ein Kaff. Ich erinnere mich nur an das Fußballspiel, die Westkinder waren ernst, schweigend, ihre Eltern wirkten am Rand wie Soldaten und sprachen auch wenig mit ihnen. Sie fuhren dann schweigend fort.

Ich war 12 als das passierte, dachte mir nie was dabei, bis ich vor wenigen Jahren damit begann, mir mein Leben insgesamt einfach mal anzusehen. Die Momente, die hängenblieben. Und da erinnerten mich diese Wessikinder an die Kinder aus dem Film-Klassiker "Dorf der Verdammten". Und so ist es leider auch.

Natürlich gibt es Ausnahmen, und vor allem den Versuch, das zu überspielen. Aber alles das wirkt kaum verinnerlicht, prägnanter ist die allgegenwärtige Einsamkeit, aus der heraus all diese Leute argumentieren. Daß Konkurrenz was Gutes sei, Sozialismus eine Diktatur und all das gesammelte, zuhauf archivierte Gestammel reaktionärer Panik. Ich bin es leid.


Und alles was bleibt, ist nun der Verweis auf das kleine, smarte Regelwerk des großen Glücks. Es geht um die Befreiung vom Druck, das Gefühl, nackt akzeptiert zu werden. Und zwar von sich selbst, unabhängig vom Chef, den Nachbarn, den vermeintlichen Freunden. Daß dieses Regelwerk nach utopischem, naivem Gelaber klingt, beweist den Grad,bis zu welchem sich der Zynismus der Verbitterten bis hierhin etabliert hat. Beweist, wie er fehlschlug, der Versuch der Freiheit durch den bedingungslosen Kampf gegeneinander. Ihr seid allein, und ihr ertragt das nur solange, bis euch jemand dafür auslacht. Diese sonderlichen Lebensentwürfe werden, mal so oder so, demontiert und da helft ihr euch dann auch gegenseitig. Bevor ihr wieder verschwinden müsst, in eure "Selbstverwirklichung", die am Ende ein devotes Baggern um ein paar Krümel von oben ist. Das kranke Glück sieht jedoch anders aus, das sind die Leute, die Drogen nehmen und bunte Kleidung tragen, die sich küssen und anlachen, ohne da gleich tausend Artikel drüber schreiben zu müssen. Das sind in aller Regel Leute, die mit linksliberalen Ideologien weniger Probleme haben als ihr. Leute, die tatsächlich süchtig sind nach ihren Gefühlen,süchtig nach der Welt, ihren Widersprüchen, ihrer Unsauberkeit. Die Gelangweilt sind von eurer Normativität.


Und um darauf zurückzukommen. Die Produkte, die den Kapitalismus attraktiv wurden, waren überwiegend Ergebnisse aus dem Widerstand seiner Ordnung. Das Geld hat dabei geholfen, Subversion und Narrentum Macht zu verschaffen. Hollywood, Pop, Burroughs und Joyce sind allesamt auf denselben bürgerlichen Widerstand gestossen, den dieselbe Verzweiflung, die Unfähigkeit, das Auf und Ab zu geniessen und zu suchen, statt es zu besiegen. Und während diese Kleinode umsich herum immer wieder wüste Szenarien der Exzesse heraufbeschwören, seid ihr damit beschäftigt, das zu sortieren und unschädlich zu machen, zu verklären in ein Alibi, das berechtigt, nicht an diesem Traum teilzunehmen, sondern ihn zu zerstören.

Den Versuch gabs in der DDR natürlich auch, offiziell und auch hartnäckig. Und auch dort kam er von den Alten in Richtung Jugend. Es ist immer die Angst, die bremst. Nur waren in der Zone die Alten tatsächlich schon sehr alt.


Dirkvon Lowtzow von der Hamburger/Berliner Band Tocotronic meinte neulich in einem Interview für den Focus, Magazine wie Neon behandeln ihre Zielgruppe wie 15 Jährige und das sei fragwürdig. Ich sehe das anders. Die Zielgruppe ist zwischen 15 und 30. Behandelt werden die Leute aber eher wie 10 Jährige und 70 Jährige. Das ist noch weit schlimmer. Weil am Ende werden sie hier tatsächlich genau das, was sie werden sollen. Warum auch immer.

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