tinchenbienchen 21.09.2004, 18:00 Uhr 28 0

Erwachet bitte nicht, ihr braunen Amateure!

Gut, dass die rechten Parteien nicht merken, wie lächerlich sie sich machen. Eloquentere Sprecher und seichtere Sprüche könnten sie salonfähig machen.

Holger Apfel, Spitzenkandidat der NPD in Sachsen, schwitzt. Das Gesicht vor Anstrengung kalkweiß, der bezeichnenderweise braune Anzug verrutscht, der Mund eine Linie, steht Apfel an der Theke des Fernseh-Wahl-Studios. Zwischen gleich zwei Moderatoren wirkt er wie ein Tier in der Falle.

Dann der Moment, in dem er das Mikro vor die Nase gehalten bekommt. Mit gepresster Stimme spricht er schnell, rattert seine Parolen hinunter, sagt Worte wie „ein großer Tag“ und „deutsch-national“ und alle halten den Atem an und warten auf etwas Rechtsextremes und darauf, den Ton abzudrehen.

Doch nichts geschieht. Holger Apfel ist kein attraktiver Mann, eloquent ist er auch nicht. Doch was wäre passiert, hätte an seiner Stelle ein wortgewaltiger Demagoge dort gestanden - gut aussehend, mit Wortwitz und Argumenten, weder schwitzend noch blass, sondern im perfekt sitzenden Anzug? Einer von nebenan, der immer einen lockeren Spruch in petto hat?

Der Politologe Henning Flad sagt im taz-Interview, dass Sachsen eines der Bundesländer wäre, in denen Rechtsextremismus im Alltag am wenigsten sozial geächtet sei. Dass das in den anderen Bundesländern (bislang) anders ist, daran ist nicht zuletzt die Personalpolitik der rechten Parteien schuld. Zum Glück, muss man sagen, haben die rechtsextremen Parteien wie Republikaner, DVU und NPD es immer wieder geschafft, sich selbst in die eigenen Beine zu schießen und umzufallen.

Eben weil im Fernsehen ein vor Schweiß glänzender Mann wie Holger Apfel steht statt eines schickeren, eloquenteren Geschlechtsgenossen. Es fehlt ihnen allen an schimmernden Führungspersönlichkeiten – einem Gemisch aus Franz Schönhuber (Gründer der REP, Demagoge erster Güte, aber zu alt und zu verhaftet mit dem Nationalsozialismus) und Jörg Haider (passendes Alter, dafür aber zu sprunghaft und zu schnell beleidigt). Deutschland kann froh sein, dass es eben diesen Jörg Schönhuber/Franz Haider bisher nicht gibt, der das mögliche Potenzial der rechten bzw. rechts-konservativen Parteien aufdecken würde, was derzeit im Sumpf der Unzufriedenheit schmort.

Stattdessen beweisen NPD und DVU nur, dass sie sich bald wieder selbst absägen werden – schuld sind wie so oft die mangelnde Routine und die fehlende Professionalität. So auch anlässlich der Pressekonferenz der Nationalisten nahe Dresden. Der Veranstaltungsort war so lange streng geheim, bis sich die Journalisten in Trauben gesammelt hatten, um anschließend in einer Spelunke in Sichtweite des Treffpunkts zu sitzen und zuzuhören.

Parteichef Udo Voigt und Spitzenkandidat Holger Apfel, am vergangenen Sonntag mit 9,2 Prozent der Stimmen in den Sächsischen Landtag gewählt, sprachen dort zwischen Bierflaschen und Erdnussflips, weiß-rot-schwarzen Reichsflaggen und einem kitschigen Wandgemälde im Hintergrund. Neulich habe er eine thüringische Bratwurst essen wollen, aber an fünf Autobahnabfahrten nur Dönerbuden gefunden, plauderte Voigt vor sich hin und bediente eifrig und wohl unwissend die Klischees.

Alles wirkte wie eine Farce, nur das keiner lacht. Ließe man Erdnussflips und Bier, Parolen und die schlecht gekleideten Amateure weg und modelliere alles nach Maß (Wasserflaschen + doppelbödige Argumente, die rechtsextreme Inhalte verschleiert transportieren + versierte Profi-Politiker), dann könnte das rechte Lager noch mehr Erfolge einheimsen. Es steckt irgendwo tief in ihnen Potenzial, ebenso wie in mehr Bürgern Bedarf nach einem solchen seicht-rechten, salonfähig-rassistischen Parteienangebot besteht.

Da sie sich aber offensichtlich ihrer eigenen Fehler nicht bewusst sind, sich stattdessen nach einem Wahlerfolg dümmlich lobpreisen, um anschließend nach einem internen Streit zu zerfallen, müssen wir uns wohl auf weiteres keine Sorgen machen, Gott sei Dank.

28 Antworten

Kommentare

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    hoffen wir alle bloß, dass du mit deiner nicht nur richtig liegst, sondern auch, dass sie noch für eine lange zeit bestand aben wird!!!!!!!!!!!!!

    25.04.2005, 23:05 von MbredbFS
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    Try: Mein Kampf von George Tabori (so sehr hab ich im Theater seit Jahren nicht mehr gelacht)

    28.03.2005, 23:31 von Cato
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    Na ich weiß nicht. Professionalität lässt sich erlernen. Und nur weil die Argumente und Einstellungen dumm sind, heißt das nicht, dass die Leute dumm sind. Und gerade diese Unbeholfenheit muss nicht unbedingt schlecht ankommen bei Menschen, die eigentlich genug von abgebrühten Politikprofis haben...manche Leute mögen es, wenn Leute schwitzen, statt zu schwafeln. Auch wenn sie im Moment noch beides tun.
    Und was, wenn die Trottel sich einigen? Was tun wir dagegen? What´s your point?

    21.03.2005, 16:52 von rufuszofenluder
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    Schöne Überlegungen, aber leider haben sich die NPD usw. in de letzten Jahren schon gewandelt. So wird Hitler nciht mehr als der super große Führer in der Öffentlichkeit angesehen, sondern als "interessante Person der Weltgeschichte"
    Was ich ja eigentlich immernoch viel gefährlicher an der braunen Brut finde, sind ja nicht die Parteien, sondern die verbotenen Vereine, die so gefährlich sind, denn das sind die eigentlichen Rattenfänger, die auch die Wählerschaft für diese Nazi-Parteien rekrutieren.

    02.01.2005, 19:12 von xylophon
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    Es ist schon erschreckend das es in Sachen(aber ja auch in Brandenburg) so viele Menschen gibt die den einfachgestrickten,inhaltslosen Parolen folgen und dann NPD bzw DVU wählen um dann festzustellen, dass sich hinter diesen "Aussagen" die nur darauf abziehlen unzufriedene mit rechtsextremen Versprechen zu ködern,nichts verbiergt und dass die rechten Parteien auch bis zur nächsten Landtagswahl wieder nichts sinnvolles in den Landtag einbringen als irgendwelche Gesetzt die mehr Gewalt im Staat fordern etc.
    Wie im(sehr guten) Artikel bereitserwähnt ist es gut dass es den Rechten an Professionlität fehlt sonst würden noch mehr Erstwähler und andere auf sie hereinfallen und das währe für Politik die das Land nach vorne bringen soll fatal.

    02.10.2004, 13:50 von da.nagl
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      @da.nagl Sehr richtig, da.nagl!

      02.10.2004, 13:51 von Nebet
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      @[Benutzer gelöscht] @2laky

      Genauso sollte man die Gründe berücksichtigen, weshalb man sich für ein halbwegs soziales System entschiedwie man es in Deutschland (vermutlich bis zum 31.12.2004) hat: "Nie mehr Klassenkampf!" Denn das wurde im Nachhinein als eine der -natürlich neben viele anderen- Ursachen, ausgehend von der Wirtschaftskrise, bezeichnet, warum sich die Deutschen der 30er Jahre in eine Diktatur wählten.
      Lustiger- oder traurigerweise druckt ausgerechnet die BILD Aufkleber, die den Parolen der NPD-Werbeplakate gleichen (Schnauze voll).

      > "natürlich verhalten sich viele wähler nicht gerade vorbildlich, aber die politiker, deren höchstes kapital das vertrauen der wähler ist, sind sozusagen bankrott! wenn es in deutschland reale alternativen gäbe, politiker mit etwas, das ich als arbeitsmoral bezeichnen möchte, dann wären wohl auch sehr wahlmüde menschen wieder bereit für ihre zukunft und nicht für ihren blutdrück zu wählen!"

      Als höchstes Kapital empfinde ich für Politiker Macht und damit einhergehend wieder Geld. Sicherlich ist es für einen der machtausübenden Politiker traurig, wenn er den Bundestagspräsidenten plötzlich nicht mehr links von sich sitzen hat sondern gegenüber. Dafür hatte er aber während der Legislaturperiode genug Möglichkeiten, meist allerdings auch schon vorher, sonst käme er gar nicht erst an diesen Platz, seine Claims abzustecken, um bei einer absoluten Wahlschlappe zumindest noch in zig verschiendenen Aufsichtsräten zu sitzen. Die Macht bleibt, das Geld wird noch mehr.

      Und wie sagte Schäuble sinngemäss mal so schön: Die niedrige Wahlbeteiligung liegt daran, weil ein grosser Teil der Bürger mit der praktizierten Politik einfach zufrieden ist.

      27.09.2004, 18:15 von stupid_kid
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      @[Benutzer gelöscht] @2laky:
      Der Begriff Politikverdrossenheit wird ja gerne und häufig von Politikern verwendet. Allerdings habe ich nicht das Gefühl die Menschen sind generell oder zu einem hohen Mass politikverdrossen, sondern eher verdrossen ob der Politiker, die man eigentlich auch als wandelnde Phrasensammlungen bezeichnen könnte, mit der Neigung sich nur nicht in den Wind zu stellen sondern einfach schön mitwehen.
      Allerdings nicht mit der Meinung des Volkes sondern der ihrer eigenen Kaste.

      29.09.2004, 03:43 von stupid_kid
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    Wenn das Alles wäre, dass sie schwitzen, stottern, nicht recht wissen, wo es lang geht: Dann könnte man diesen " Naturtalenten " noch etwas abgewinnen. Schlimm ist aber, dass sie hirnlose Phrasen von damals dreschen und damit sogar einigen aus der Seele sprechen. Dafür schäme ich mich. Wenn es ganz schlimm, wenn diese Kameraden an die Macht kämen, dann würden sie sich aber dort nicht lange halten. Die im Hintergrund die Fäden ziehen, würden nämlich sofort ihre " Kampfgefährten " abservieren und versuchen, sich die Mitschwätzer vom Leib zu halten. Dann sonst wäre der Spuk so schnell wieder vorbei, wie er begonnen hätte.

    26.09.2004, 19:36 von CharlyOed
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      @CharlyOed Ich hoffe ihr alle habt recht mit eurer Hoffnung, dass das alles ganz schnell wieder vorbei geht und dass "wir" ALLE so viel aus "dem Unfall" von damals gelernt haben.

      27.09.2004, 08:36 von Schall
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      @Schall Hi,

      man kann den Deutschen und Deutschland sicherlich einiges Vorwerfen, auch im Umgang mit der eigenen Geschichte - aber dass wir in einer zweiten Weimarer Republik leben ganz gewiss nicht. Aus diesem Grund besteht durchaus Anlass zu zager Hoffnung.

      Man darf und muss seinen 80 Millionen Mitbürgern, zumindest der Mehrheit, auch mal was zutrauen. ;-)

      Sei Shonagon

      27.09.2004, 09:58 von SeiShonagon
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      @SeiShonagon kann man nicht auch anderen Nationen so einiges Vorwerfen, gerade im Bezug auf deren Umgang mir Ihrer Geschichte?

      Ich habe eher den Eindruck, die Deutschen sind die einzigen, die sich wirklich ernsthaft, auch von Aussen gesteuert und teilweise übertrieben mit ihrer eigenen Geschichte auseinander setzten.

      Und so Sprüche wie dass "wir" ALLE so viel aus "dem Unfall" von damals gelernt haben, also wirklich.. ist das nicht nur Phrasendrescherei?

      Um nun sans phrase zur Sache zu kommen und mal wieder was politisch unkorrektes zu schreiben, in der Hoffnung das ein Aufschrei des Entsetzens durchs Neonsuperleserzensurnetz rauscht: Ich finde die Deutschen beschäftigen sich zu viel mit der Vergangenheit. Gibt es denn wirklich keine anderen Themen als immer immer wieder dieses Nazigerede und das man das Verachtet und man dagegen ist. Ist das nicht schon längst klargestellt? Ist es wirklich nötig, das jeder, jeder Generation, jeder Rasse und jeder Gesellschaftsschicht das noch mal sagt. Sollten wir dann gleich in den Pass schreiben: Entschuldigung. Ich bin Deutscher! Es tut mit leid, was vor 60 Jahren passiert ist! Was haben wir Ihnen angetan?

      27.09.2004, 10:46 von Antaios
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      @Antaios Genau!

      Der wahre Wir-müssen-aus-unserer-Vergangenheit-lernen-Kriegsgewinnler ist sowieso Guido Knopp, der uns mit Dokus á la "Ich war Hitlers Proktologe" überhäuft und damit dieses Thema dermaßen popularisiert, daß es an Ernsthaftigkeit verliert.
      Seit Jahren können wir so, vom Anfang bis zum Ende des 3.Reiches jegliche Facetten einer Diktatur bestaunen lernen.
      Ist das wirkliche Aufklärung oder gefährlche Verklärung?!
      In diesem Sinne,
      Brummel

      27.09.2004, 10:55 von Brummel
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    Genau diesen Ansatz habe ich bei Cybers Artikel auch vertreten (Brauner Dreck auf grünen Wiesen).
    Den deutschen Rechtsextremen fehlt eine Gallionsfigur á la Pim Fortuyn und Jean-Marie LePen, der widerum ja soetwas wie der Godfather der neuen Rechten in der zweiten Hälfte des 20.Jhdts war und auch noch ist.
    Ich nenne Jörg Haider hier nicht, da er für mich, und ich lebe immerhin in Wien, nicht dem rechtsextremen Lager angehört.
    Dafür werdet Ihr mich wahrscheinlich kreuzigen, aber man muß auch mal etwas aushalten.
    Ich glaube ja, daß diese Marionetten bis zum Schluß nicht damit gerechnet haben, so gewaltig zu gewinnen. Erschreckend bleibt es trotzdem!
    in diesem Sinne,
    Brummel

    25.09.2004, 21:15 von Brummel
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      @Brummel Ich schätze mal nicht, das wir zu so babarischen Methoden zurückgreifen.
      Ich kann mir auch nicht vorstellen das sie das erwartet haben,denn sonderlich viel haben sie ja nicht angestrengt. Die DVU hat ja bloß diesen blöden Flyer verteilt,andererseits ist ja auch die NPD die schlimmere von beiden,da ihr Organisationsnetzwerk angeblich über Länder hinausgehen soll.

      25.09.2004, 21:25 von ektoplasma
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    Eines darfst du dabei nicht vergessen, tinchenbienchen. Mit 9,2 Prozent maschiert die braune Brut in den Sächsischen Landtag ein, das ist Fakt. Und der grösste Fehler wäre, sie als Inkompetent abzustempeln und als gefahrlos anzusehen. Die rechtsextreme NPD landete nur knapp hinter der SPD und schaffte damit erstmals seit 1968 bei einer Landtagswahl wieder den Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde. Sie werden mit zwölf Abgeordneten im Landtag sitzen.
    Erschreckend! Und eine Warnung an alle...

    25.09.2004, 12:44 von Nebet
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      @Nebet Ich kann mir gut vorstellen das es hier läuft wie damals in England.Das die Demokratie nämlich eine Herrschafft der Braunen verhindert. Und seien wir doch mal ehrlich, obwohl wir nicht im 2 WK dabei waren haben wir doch alle gelernt, dass das so auf keinen Fall so wieder ausartet.
      Das Jahundert der Kriege ist vorbei, allerdings befinden wir uns jetzt im Jahundert des Terrors (ungeschriebene Geschichte) und manche wünschen sich sch on in die damalige Zeit zurück.

      25.09.2004, 21:14 von ektoplasma
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