Elfmeter ohne Torwart
Vermasseln sich die Democrats den sichergeglaubten Machtwechsel in Washington jetzt doch noch?
Bis vor kurzem schien der Fall klar: Egal, wen die Democratic Party letztendlich als ihren Präsidentschaftskandidaten nominieren würde – der Wahlsieg wäre dieser Person sicher.
Je länger das mittlerweile für alle Beobachter und die Beteiligten quälende Duell zwischen Clinton und Obama andauert, desto größer wird das Fragezeichen, das man inzwischen wieder hinter den erwarteten Ausgang der US-Präsidentschaftswahlen machen muss. Schon jetzt haben sich die beiden Duellgegner der Democrats zu sehr gegenseitig beschädigt. John McCain, der als Kandidat der Grand Old Party bereits seit langem unumstritten feststeht, kann sich die Hände reiben. Vor einem Jahr galt er als chancenloser Außenseiter, vor einem halben Jahr war seine chronisch unterfinanzierte Bewerbungskampagne so gut wie tot – heute steht er, weitgehend ohne eigenes Zutun, plötzlich glänzend da. Das Rennen um den Posten des 44. US-Präsidenten scheint wieder völlig offen.
Niemand kann aus heutiger Sicht ernsthaft bestreiten, dass Präsident George W. Bush durch seine Amtsführung die Republican Party geschädigt hat.
George W. Bush hat Popularitätstiefs erreicht wie nur sehr wenige US-Präsidenten vor ihm, er wird heute in der politikwissenschaftlichen Debatte einhellig zu den insgesamt negativ beurteilten US-Präsidenten gezählt, viele ernstzunehmende Beobachter sehen ihn als einen der schlechtesten aller Zeiten, manche gar als den schlechtesten überhaupt. Dieser Ansehens- und Vertrauensverlust ihres prominentesten Mitglieds hat unzweifelhaft auch negativ auf die G. O. P. abgefärbt, wie sich spätestens bei den Midterm-Elections 2006 zeigte.
Selten war man daher im Vorfeld einer US-Präsidentschaftswahl so sicher wie 2007, dass es zu einem Machtwechsel kommen würde – ganz unabhängig, welche Personen letztendlich zur Wahl stehen würden. Die Abneigung gegen alles, was mit den Republicans assoziiert wurde, war so groß, dass man Ende 2007 schon spottete, die Democrats könnten auch einen Esel (ihr Parteimaskottchen) nominieren, sogar der würde gegen jeden beliebigen Kandidaten der Republicans gewinnen.
Es ist nicht übertrieben, zu sagen, dass die Präsidentschaftswahl Ende 2007 für die Democrats so etwas wie ein Elfmeter auf ein leeres Tor zu werden schien.
Clinton und Obama liefen beide aus dem Mittelkreis an, die Frage war nur noch: Wer von den beiden würde dieses absolut sichere Ding reinmachen? Jetzt, wo sie mit voller Kraft statt des Balls den jeweils anderen getreten haben, muss man fragen: Kann es womöglich am Ende so kommen, dass die Democrats auch diese Riesenchance doch noch vergeben?
Sicher ist nur eines: Sie könnten sich nur selbst schlagen, und – wie man sieht – ist das auch keineswegs auszuschließen.
Wenn das Foulspiel zwischen Clinton und Obama so weitergeht, dann machen sich die beiden am Ende gegenseitig dermaßen schlecht, dass sie für eine Mehrheit unwählbar geworden sein dürften und McCain als lachender Dritter „against all odds“ das Rennen macht.
Den Großteil der Schuld trüge dann Hillary Clinton: Trotz sehr weitgehender inhaltlich-programmatischer Übereinstimmung mit Obama war sie nicht bereit, zum Wohl der gemeinsamen Sache ihm den Vortritt zu lassen, nachdem er sich im Nominierungsrennen aus den Vorwahlen in den einzelnen US-Bundesstaaten einen knappen, aber uneinholbaren Vorsprung erkämpft hatte. Stattdessen hat sich „Hill-Dog“ (so Hillary Clintons Nickname in gleichzeitiger Anspielung auf ihren aggressiven Stil und ihre hängenden Backen) so sehr in ihren parteiinternen Rivalen verbissen, dass eine gütliche Einigung in der Kandidatenfrage bei den Democrats undenkbar erscheint. Zu hartnäckig erklärt Clinton mit dem unverhohlenen, brennenden Ehrgeiz, für den sie berüchtigt ist, dass sie bis zuletzt um die Präsidentschaftskandidatur kämpfen werde. Möglich wird dies durch eine Spezialität im Nominierungsverfahren der Democrats, das einer Reihe von Partei-VIPs ungebundene Stimmen im Nominierungsprozess gibt, was es theoretisch ermöglicht, ein am Ende knappes Votum aus den Vorwahlen zu überstimmen.
Obama nützte es da gar nichts, dass er sich gegen Clinton mit seiner versöhnlichen Wohlfühl-Message profilierte – er manövrierte sich in die Bredouille, als er es versäumte, sich schnell und entschieden genug von politischen Aussagen seines Seelsorgers zum 11. September 2001 zu distanzieren, die unter europäischen Linken zum guten Ton gehören, in den USA aber politischem und sozialem Selbstmord gleichkommen. Bleibt einem als überzeugtem „Alt-Europäer“, glossierend anzumerken, dass jene Zeiten schon einmal überwunden waren, als das Schicksal der Staatsmänner von ihren Beichtvätern abhing; jenseits des Atlantik sind solche mittelalterlichen Zustände in einer kalorienreduzierten, geschmacklosen US-Version offenbar zurückgekehrt. Ironie der Geschichte, dass sie ausgerechnet einem Mann zum Verhängnis zu werden drohen, der sich – gemessen am langjährigen Durchschnitt der US-Präsidentschaftskandidaten – relativ rational und vernunftbetont zeigte.
So könnte doch wieder mein guter, alter Freund groovejunkee rechtbehalten, der mit seinem bemerkenswerten politischen Instinkt schon im Herbst 2007 prophezeite: „Mann, das wird wieder kein Demokrat!“
Bleibt also abschließend der taxierende Seitenblick auf McCain.
Seine Konzepte für die entscheidenden Fragen des Wahlkampfs – Rolle der USA in der Welt, Menschenrechte, Sozialpolitik, Umweltpolitik – sind wenig überzeugend. Obwohl McCain sich in seiner bisherigen politischen Karriere als unabhängiger Kopf profiliert hat, mehren sich die Anzeichen, dass er nach seinem erfolgten Eintauchen ins ganz große politische Rampenlicht unter dem Druck der Lobbyisten und etablierter G. O. P.-Kreise auf eine allenfalls marginal gemilderte Fortschreibung des Bush-Kurses festgelegt wird.
Als Charakter jedoch wird man einen Präsidenten McCain bei allen Differenzen aus seiner Biographie heraus zumindest respektieren können – im Gegensatz zum Patriziersöhnchen Bush, das seine Amtszeit genutzt hat, um durch geballte persönliche Inkompetenz und eine beeindruckende Reihe katastrophaler Fehlentscheidungen zu einer Geißel der Menschheit zu werden.
Die von Bush verantworteten Miseren werden das bevorstehende Ende seiner Amtszeit leider bei weitem überdauern und seinen Amtsnachfolger mit schier unlösbaren Folgeproblematiken konfrontieren. Wer auch immer dies sein wird – der von Bush angerichtete Schaden wird uns alle noch auf lange Sicht belasten.
Vielleicht werden wir noch ein wenig länger darauf warten müssen, dass ein neuer US-Präsident wenigstens damit anfängt, ihn zu reparieren.






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