Einheitsbrei
Weil ich quasi genauso alt bin wie das Mauerfall-Jubiläum, war das Ding mit der Einheit für mich immer eher selbstverständlich als besonders special.
Wer ist denn jetzt eigentlich Deutschland? Eins steht fest: Ich jedenfalls nicht. Denn weil ich - ein paar Jährchen hin oder her - quasi genauso alt bin wie das Mauerfall-Jubiläum, war das Ding mit der Einheit für mich immer eher selbstverständlich als besonders special. Verbundenheitsgefühle? Fehlanzeige.
Ja. Die Mauer. Das ist Geschichte, ewig her, aus einem anderen Leben und erst wenn du die Jahreszahl des legendären Tages, die erschreckend nahe an deinem Geburtsdatum liegt, liest, fällt dir auf, dass historische Ereignisse nicht immer zwingend angestaubt sein müssen. Trotzdem: Das mit der DDR, das ist erstmal "Sonnenallee" und "Goodbye Lenin", aber nichts, was ich als Wohlstands-Love-and-Peace-Kind irgendwie mit meinem Leben verbinde.
Deutsch-Deutsche Gegenwarts-Geschichte sehe ich also eher aus folgendem Blickwinkel: Faszinierend, aber fremd. Dass die Familie von Topmodel Franziska Knuppe aus Potsdam von ihrem Begrüßungsgeld einen Videorekorder gekauft hat und das hammermäßig fand, Jan Josef Liefers wegen einer Vier in "Betragen" in der DDR kein Abi machen durfte und Andreas Kieling, einer der bekanntesten Tierfilmer, der mit 16 Jahren trotz eines Steckschusses im Rücken durch die Donau in Richtung Westen geschwommen ist, klingt zwar wahnsinnig heftig, im selben Moment aber einfach auch wahnsinnig weit weg.
Was wiederum die Frage aufwirft: Wie wird brandneue Geschichte, ob jetzt deutsch oder nicht, aussehen, wenn meine verzogenen, Online-Gaming-süchtigen Bälger mal so alt sind wie ich?
Bekomme ich den typischen "Jaja, war ja bestimmt superspannend, Mum, aber jetzt lass mich mal weiter "n paar Mobs moshen"-Blick zugeworfen, wenn ich erzähle, dass ich gerade vom Joggen heimgekommen bin und live auf N24 gesehen habe, wie an DEM 11. September das zweite Flugzeug ins World Trade Center gekracht ist? Wird die Lehman-Brothers-Story, die Finanzkrise, das Sterben von Quelle, Grundig, Märklin und Schiesser in einem Geschichts-E-Book stehen und auswendig gelernt werden? Werden Kriegseinsätze in Afghanistan und im Irak als völlig gerechtfertigt oder doch eher als militärischer Griff ins Klo dargestellt werden?
Wenn Geschichte die Lüge ist, auf die man sich geeinigt hat, bin ich gespannt auf das überlieferte Ergebnis der Ereignisse, die ich selbst miterlebt habe. Doch weil auch sowas in Zeiten gephotoshoppter Kriegsbilder & Co. durch einen ziemlich subjektiven Filter läuft, wäre es natürlich am Interessantesten, hautnah, live und direkt dabei zu sein. Teil einer (Jugend-)Bewegung sein will man im pseudo-revolutionären Teenie-Alter ja irgendwie schon, auf welche Weise auch immer und auch, wenn der Gedanke im Moment unwahrscheinlicher denn je erscheint, kann man sich nie wirklich sicher sein, nächste Woche nicht vielleicht schon mittendrin zu stehen.
Denn wenn man bedenkt, dass am Nachmittag des 09. Novembers 1989 eine öffentliche Stripshow von Egon Krenz noch als realistischer gegolten hatte als der Fall der Mauer, dann kann eigentlich alles passieren. Oder nichts.






Kommentare
Gefällt mir gut! Sprichst mir aus dem Herzen.
14.11.2009, 12:54 von PanRilkeHm. Ich war 7, als die Mauer fiel. Und ich war sauer auf meine Eltern, dass sie mir nie erzählt hatten, dass es noch ein zweites Deutschland gab. 1991 haben wir schon Urlaub am Schweriner See gemacht. Sehr befremdlich, dieses andere Deutschland, und ich hatte immer Angst, dass die Grenze wieder zugeht und wir nicht mehr zurückkommen.. ;-)
11.11.2009, 12:06 von salatentomatAuch, wenn ich ein Kind war und sicherlich die Zusammenhänge nicht verstand, spannend war es trotzdem. Und es ist unsere Geschichte, wie B.Tina richtig sagt, genau wie Holocaust und zweiter Weltkrieg.
Befremdlich also auch, dass einem das egal ist. Obwohl ich Montag auch nicht gefeiert hab und mich der Mauerfall-Hype im Fernsehen mächtig nervt.
Ehrlich gesagt hat mich dein Text ein bisschen stutzig gemacht. Ich bin am 20.11.89 geboren, also auch fast ein "Mauerfall-Jubiläums-Kind", allerdings kann ich diese Gleichgültigkeit und die emotionale Entfernung die du beschreibst gar nicht nachvollziehen. Vielleicht liegt es daran, dass ein Teil meiner Familie aus Ostdeutschland kommt und ich so sehr oft erzählt bekommen habe, wie es war getrennt voneinander zu leben. Für mich ist das alles noch sehr "nah". Ich bekomme Gänsehaut wenn ich Fernsehbilder von damals sehe und Filme wie "Sonnenallee" und "Goodbye Lenin" mag ich zwar sehr gern, aber es sind für mich Spielfilme. Wie es wirklich war erfährst du doch am besten im Gespräch mit Menschen, die es erlebt haben.Live. Und in Farbe.
10.11.2009, 10:44 von MarabouuIch kann absolut nicht verstehen, dass man der eigenen Geschichte so desinteressiert gegenüber steht. 20 Jahre sind nichts! Das ist nicht weit weg!
Sehr interessant finde ich aber den Gedanken, wie unsere Gegenwart als Geschichte von morgen wohl wahrgenommen wird.. Die Frage habe ich mir auch schon gestellt.
Ich bin ein Jahr aelter als der Mauerfall, habe also nichts von dem Ereignis an sich mitbekommen, jedoch wird man taeglich doch damit konfrontiert. Zum Beispiel wenn meine Grosseltern berichten, meine Eltern erzaehlen. Ausserdem hat sich ja die Situation nicht von heut auf morgen geaendert. Es ist zwar Teil der Geschichte, jedoch immer noch hochaktuell. Ich bin praktisch im Osten aufgewachsen, und die Gesellschaft braucht Jahre, Generationen, um sich zu erholen.( Ich hatte z.B. den gleichen Klassenlehrer wie mein Vater. Ihm lehrte er sozialistisches Vaterland, und mir..) Ausserdem leben wir doch heute so, wie wir leben, weil es alles aus der Geschichte resultiert. Demnach sollte sich der Bundesbuerger, bevor er wieder einmal zu Jammern beginnt, intensiv mit der sich ins Hier und Jetzt auswirkenden Geschichchte beschaeftigen. Das Interesse an ihr sich selbst als Pflicht auferlegen.
09.11.2009, 21:43 von oz4lifeWelch Schande, dass es desinteressierte Menschen zu Hauf gibt und somit derartige Aeusserungen Anerkennung finden. In diesem Sinne, ein Hoch auf das noch bestehende Bildungsbuergertum - bzw N24
Und was willste nun sagen? Alles kann, nichts muss? So eine windelweiche Haltung kenne ich von unserer Bundeskanzlerin.
09.11.2009, 21:40 von J_CEinheitsbrei ohne Inhalt trifft auf diesen Text durchaus zu
Nich Fisch, nich Fleisch, keine Peilung, kein Interesse, kein freihändig geradeaus führender Gedanke und auch noch (medial) ferngesteuert - auch eine Form von (Jugend)Bewegung. (Wobei ich das nicht auf "Jugend" beschränken würde...)
09.11.2009, 20:25 von akmsu74... und äh ... mach Dir nix vor, Du BIST Deutschland, live und mittendrin.
Andererseits - hast ja noch bisschen Zeit, wach zu werden. EIN Auge haste ja schon mal auf gemacht.
;)
(Sollte ich den Hinweis auf die Ironie explizit hinschreiben müssen?)
ich mag es wie ehrlich und sich wenig selbst glorifizierend du deine artikel schreibst, gerade weil das hier manche so ausgiebig betreiben.
09.11.2009, 18:23 von fallingawakedas sind außergewöhnlich komische, irgendwie herangezüchtete gedanken, für die du zur hälfte verantwortung trägst. mindestens.
09.11.2009, 18:06 von .horriblygood.letztendlich ist für mich ein menschliches dasein
ebenso wichtig wie ein anderes menschliches dasein.
oh mein gott.
09.11.2009, 17:51 von .horriblygood.