Ein ungarisches Produkt
Der Nachbar neben dir hört nächtens Nazitechno. Über dir üben sie ungarischen Volkstanz. Nix mit Schalldicht. Hier wird zugehört und ertragen.
Beim Müll runterbringen hast du den einen getroffen, er sah aus wie das Covermodell einer rechtsradikalen Zeitung. Du fragst dich, ob er seine Stiefel auszieht, wenn er schlafen geht. Am Gürtelbund trägt er etwas, dass wie ein Handytäschchen aussieht. Ist aber ein Messer drin. Beim Aufklappen des Mülltonnendeckels grunzt er dir sogar zu, sprechen kann er nicht. Manchmal fährt ein "Jobbik"-Taxi vor oder das Taxi der Nationalen. Du fragst dich, ob man da weniger zahlen muss, wenn man sich als guter Ungar ausweisen kann.
Demján, das war mal der reichste Mann in diesem sonst so armen Land, hat gestern wirklich wichtige Worte gesprochen. Dieses Land braucht willensstarke, tatkräftige Arbeiter. Ein Volk, das rechtschaffen ist. Auf Künstler sei man hier nicht angewiesen, ganz im Gegenteil, sie würden den eigentlichen Zielen sogar entgegenwirken. Er würde es befürworten, künstlerische Kurse an Schulen und Hochschulen abzuschaffen. Das findest du schon ein wenig verletztend und ungerecht, dann klebst du weiter aus Glanzpapier geschnittene Vaginas auf eine bunt beklebte Leinwand. Bist du eben ein Nichtsnutz.
Und Viktor Orbán, dieser Clown, sitzt in seinem Parlament und will jetzt die Franz Liszt Musikakademie schließen lassen. Die gibts ja auch schon lange genug, da macht er lieber eine neue in der Provinz auf. Die in Budapest ist auch ein bisschen zu jüdisch geraten. Zu viel Mendelssohn und so.
In einem kleinen Dorf voller Roma, da hat die Véderö - eine Gruppe uniformierter Hampelmänner- ein Trainingslager eröffnet. Ein bisschen marschieren, ein bisschen Schießen, Zigeuner sind die Zielscheiben der Gegenwart.
Ist jetzt auch schon Dorf Nummer 403, wo so etwas oder ähnliches passiert, das prallt an den Menschen ab wie Pingpongbälle.
Und Zeitung liest du eh nicht mehr, steht ja nichts drin, wurde ja verboten.
Neuerdings steht auf jeder einzelnen Tomate, jedem Hühnerbein und sogar auf abgepackten Einfrierbrötchen: Ungarisches Produkt. Ganz schön verziert in den Farben der Nation. Sogar die Kuchen werden dann bald so gebacken werden.
Rot, weiß, grün. Ein bisschen Himbeere, ein bisschen Vanille, ein bisschen Bufotenin. Hier sieht man die Dinge anders.
Nebenbei ist dir aufgefallen, dass sich der der Slang unter den Jugendlichen ändert. Man sagt jetzt nicht mehr: Du Ficker. Oder: Du Arsch. Das heisst jetzt: Du Jude.
Wie gut, dass du nicht mit der Zeit gehst.
Du fährst auch nicht mehr so gern mit der U-bahn. Vor nicht allzu langer Zeit fandest du es noch toll, dass die Aufschriften neben der Tür allesamt auf russisch sind und man sich nicht hinsetzen kann, weil die Sitzplätze meist mehr Erbrochenes als Schaumstoff enthalten. Und wenn du dir fast jeden Morgen die Hände oder hinteren Extremitäten in den Türen einklemmst, dann schiebst du das auch gerne auf deine Müdig- und Unachtsamkeit. Aber seit ein paar Monaten fangen die U-bahnen immer mal an zu brennen. Hintere Waggons entzünden sich, verkohlen, werden durch andere russische Waggons ersetzt. Der Vorrat scheint unendlich. In den Zeitungen steht dann immer, dass keiner gestorben ist. Diese und jene Person konnte sich aus dem Fahrzeug retten. Diese und jene sind mit Rauchvergiftungen in ein Krankenhaus gebracht worden. Aber gestorben ist keiner. Du findest auch, dass das ein großes Plus ist.
An Bus- und Straßenbahnhaltestellen darf jetzt nicht mehr geraucht werden. Im Umkreis dieser Haltestellen darf man das nicht mehr. Wenn du es doch tust, kostet dich das umgerechnet 200 Euro. Interessant ist, dass du im Fahrzeug auch nicht rauchen darfst, dich das dann aber nur 40 Euro kostest. Jetzt stehen da immer zwei oder auch drei Polizisten, die ganz arg aufpassen.
Man nennt das, glaube ich, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen.
Viktor hält, was er verspricht. Es gibt massenweise Arbeitsplätze für willensstarke, tatkräftige Polizisten, die ihren behandschuhten Zeigefinger mahnend heben, wenn du auch nur an Nikotin denkst. Findest du klasse, du wolltest dir dieses Laster eh abgewöhnen.
Am Abend, wenn du deine Pinsel abgewaschen und wirklich leckere ungarische Spaghetti mit ungarischen Oliven und ungarischem Räucherlachs gegessen hast, am Fenster stehst und auf den romantisch von Straßenlaternen beleuchteten durchgestrichenen Davidstern auf der gegenüberliegenden Hauswand starrst, da kannst du nicht anders, du wischst dir eine verirrte Träne von den erröteten Wangen und denkst:
Was für ein rundherum tolles Land.






Kommentare
ich finde den text gut, daumen hoch.
09.05.2011, 19:32 von stressfetzenallerdings denke ich kaum, dass es so gekommen wäre wenn das ungarische volk zufrieden gewesen wär.
viele ungarn schimpfen auf die "zigeuner" weil sie teilweise mehr sozialleistungen vom staat bekommen haben als "normale ungarn"-wer lässt sich sowas denn gern bieten? ich heisse diese wende auf keinen fall für gut, kann mir aber gut erklären woher der wind weht.
aus unserem nachbardorf wurden schon vor jahren alle leute rausgeworfen die eben nicht "typisch ungarisch" aussehen weil man es satt hatte das sie ihre grundstücke und somit das halbe dorf verwüsten und mit müll verschandeln.
sie kamen alle nur ein dorf weiter-zu uns, und mir ist es echt egal wer wie lebt und sich einrichtet, aber man sieht es auf den ersten blick wer dort wohnt...und dann gibt es eben leute die es stört wie sie leben...
dieser mann namens orbán hat sich den frust der leute zu nutzen gemacht-wie hitler damals.
mir tut es in der seele weh, ich liebe ungarn sehr.
und nochmals:ich wollte kurz die andere seite anreißen, aber ich finde das geschehen nicht schön!
achja, die verfassung, hatte ich ganz vergessen. Einerseits halte ich da einiges für nicht ungefährlich ( also allein schon die Tatsache, dass da einfach mal so die Verfassung geändert wird) Anderseits ist das ganze ein Witz. Ich meine, da steht jetzt allen Ernstes drin, dass Ungarn in keinster Weise für die Geschehnisse und Folgen des zweiten Weltkrieges verantwortlich ist.
09.05.2011, 14:19 von lilkoHaha...
Das zeigt ganz gut, wie wenig Orbán in der Lage ist, Dinge realistisch einzuschätzen, die Vergangenheit angemessen zu verarbeiten oder auch nur ein ganz kleines bisschen Verantwortung für irgend etwas zu übernehmen.
@lilko Auch eines meiner Lieblingsthemen im Moment. ;-) Ein Punkt, der vielleicht eher unwichtig ist, aber mich sehr stutzig macht, ist, dass der Forint als nationale Währung in die Verfassung geschrieben wurde. Habe ich da in der Uni nicht aufgepasst, oder sind alle "neuen" EU-Mitgliedsstaaten dazu *verpflichtet*, den Euro einzuführen, sobald sie dazu in der Lage sind? Hm... Das kann ja noch spannend werden ;-)
09.05.2011, 15:02 von PolarsternGefällt mir sehr gut :)
09.05.2011, 13:56 von FU22@FU22 ich nehme an, dass man sich immer durch den alltag hindurchrelativieren kann und mit einem "es ist nicht alles schlecht" hat man nach gebührlicher einwirkzeit auch gar keine angst mehr.
09.05.2011, 14:19 von lavishich finde deine alltagsschilderung interessant und beängstigend. ich habe eine kollegin, die den größten teil ihres medizinstudiums in budapest verbracht hat und die mittlerweile sagt, dass sie anfälle kriegt, wenn sie da ihre freunde besucht. die gehen mittlerweile weg oder planen das und der rest fragt sich, wie er diesem spießigen und faschistoiden schwachsinn begegnen soll, ohne jeden tag mit diesen bekloppten polizisten zu tun zu kriegen, die einm schon den letzten nerv rauben, wenn sie nur um die ecke kommen.
ach ja, und das dann in diesem schönen großen und freien europa. pah!
da kann man ma sehn. habich ja gar keene ahnung von jehabt - und durch n artikel auf neon ma was jelernt.
09.05.2011, 13:51 von Der_Misanthropdanke.
berichte mal weiter.
Hört sich wie ein Super Land an. Irre ich mich, oder hört sich das so an, als ob die Geschichte sich weiderholen würde? Nach knapp 60 Jahren?...
09.05.2011, 13:17 von denkanstosser@denkanstosser Nachdem sich der werte Herr Orbán eine neue Verfassung gegeben hat, kann man wohl mit allem rechnen...
09.05.2011, 13:32 von Polarstern...und nachts, wenn man den Gellértberg besteigt, und ganz still ist, kann man die "Freiheits"-Statue leise weinen hören...
09.05.2011, 13:15 von Halls.of.GlamourIch musste stark lachen, haste klasse beschrieben. Nur von der Liste der Länder wo ich UNBEDINGT nochmal hinmuss wird Ungarn gestrichen.
09.05.2011, 12:11 von scepticHm... entweder kommt die Ironie nicht ganz bei mir an, oder mir ist der Artikel zu negativ.
09.05.2011, 11:46 von PolarsternKlar gibt es in Ungarn *jede Menge* Probleme, aber es lässt sich hier auch gut leben. Es steht nicht an jeder Straßenecke ein Jobbik-Anhänger oder Jugendlicher, der einen beleidigt.
@Polarstern So ist das auch nicht gemeint. Klar lässt es sich hier gut leben und sicher steht nicht an jeder Ecke ein Jobbikanhänger. Das habe ich auch nicht geschrieben. Trotzdem häufen sich hier die Probleme und vor allem in meiner Generation macht sich ein Wandel bemerkbar, den ich erschreckend finde. Da ich 15 Jahre in Deutschland gelebt habe, aber Ungarin bin, fällt mir das manchmal glaube ich sogar stärker auf als anderen, die schon seit ihrer Geburt hier leben und sich an gewisse Zustände gewöhnt haben.
09.05.2011, 12:18 von lilko@lilko Ich lebe seit etwa zwei Jahren in Ungarn und habe auch viele ungarische Freunde. Was die sozio-politischen Problem hier angeht, habe ich immer das Gefühl, dass sich alle über alles beschweren, aber am Ende keiner versucht, etwas dagegen zu tun - aus welchen Gründen auch immer (zwischen Bequemlichkeit und dem Gefühl, eh nichts ändern zu können gibt es sicher noch eine viele Möglichkeiten).
09.05.2011, 13:20 von PolarsternUnd gewöhnen möchte ich mich an so einige Zustände in Ungarn auch nicht.