Disko, Disko, Partisani
In Mitten der Tel Aviv Street Party treffe ich auf Occupy-Aktivisten des "israelischen Sommers" - 68er Reloaded?
Es ist ein sonniger Freitagmittag, ich bin mit meiner israelischen Freundin auf dem Rothschild Boulevard in Tel Aviv unterwegs. Die Tel Aviv Street Party findet an genau jenem Ort statt, wo sich im vergangenen Sommer noch die Zeltstadt der israelischen Occupy-Bewegung befand. Und neben all dem lauten Trubel, Raggae-Bands und Imbissbuden finden wir sie tatsächlich: eine Spur des Protests!
Passender koennte ihr Auftritt nicht sein. Im Erdgeschoss stehen protzige Sportwagen mit allerlei Presse und High-Society, darüber prangt ein weißes Stofftuch mit der Aufschrift "2012: HaMahapach" – was so viel bedeutet wie "2012: Der Systemwechsel", man winkt uns freundlich nach oben.
Wir schlängeln uns an den Türstehern der Sportwagen-Cocktailparty vorbei und werden sofort von Shai (21) in Empfang genommen. Jeans, weißes T-Shirt – er ist ein junger, moderner Israeli mit deutschen Wurzeln und führt uns nach oben auf die Dachterrasse. Im Sommer erst hatten sie das Haus besetzt, sagt Shai, nun sei es das Hauptquartier ihrer Bewegung. Oben angekommen treffen wir den Rest der Gruppe und wir kommen ins Gespräch.
Alle Versammelten sind Teil der Kommune "Ach" (Bruder), die Buchstaben des Wortes stehen gleichzeitig für "Ahavat Chinam" – freie Liebe – was das heisst erfahren wir am eigenen Leib als man uns sogleich zum Snack auf der Terasse einlädt. Sechzehn Mitglieder hat die Kommune, die in Pardes Chanah in Sozialwohnungen lebt. Jeder zahle mehr oder weniger 100 Euro monatlich in die Gemeinschaftskasse ein (das entspricht in etwa der Armeebesoldung), davon werde fuer alle eingekauft, sogar kleinere Urlaubsreisen fuer einzelne seien möglich, so Shai. In ihrer freien Zeit engagieren sie sich politisch, so gut es eben geht. Denn seine politische Meinung kund zu tun ist in der Armee untersagt – so konnten sie vor ein paar Monaten auch nicht an der Zeltstadt teilnehmen.
Vor allem der rechte Flügel im israelischen Abgeornetenhaus, Premier Bibi (wie Netanjahu hier genannt wird), Außenminister Libermann – kurz gesagt die Likud Partei – das seien ihre Gegner. Unter anderem deshalb, weil ultraorthodoxe Juden immernoch vom Staat dafür bezahlt würden die Torah zu studieren, dafür müssten sie auch nicht arbeiten und würden nicht zum Armeedienst herangezogen.
Die israelische Regierung hat ein wichtiges Motiv. Denn eine jüdisch-orthodoxe Familie zählt im Durchschnitt sage und schreibe acht Kinder. Immer rasanter wächst die Wählergruppe der religiösen Hardliner, der heute gut ein Zehntel der Bevölkerung angehört. "Ich denke die Politik hier ist ein schmutziges Geschäft!", sagt Shai, "Ob man dort auch ohne Tricks Erfolg haben kann weiß ich nicht." Als Beispiel dafür nennt er ein aktuelles Gesetz, was es Politikern erleichtert Kritiker gerichtlich zu verklagen und sie damit mundtot zu machen. In diesen Tagen entscheidet sich gerade ob ein israelischer Fernsehsender geschlossen wird, weil ihm die Schulden gegenüber dem Staat nicht mehr gestundet werden, wie bisher üblich. Viele Stimmen wurden laut, der eigentliche Grund der Schliessung sei ein Bericht von vergangenem März gewesen, der Geschenke politischer Gönner an Netanjahu ans Licht brachte. Das ganze kommt mir irgendwie bekannt vor.
Ich frage, ob sie mit ihrer Aktion bisher erfolgreich waren. Geändert habe sich noch nichts, meint Shai, doch der Widerstand sei nun organisiert und für den Sommer – wenn das Wetter ein Leben im Zelt wieder angenehm mache – seien neue Proteste geplant.
Ein Jahr lang muss Shai noch beim Militär dienen, danach will er gerne reisen oder studieren. Was? Das weiss er noch nicht so genau, eventuell Compuerspieledesign in Berlin. Ob das nicht auch etwas kapitalistisch sei, frage ich. Er lacht: "Ich denke nicht, wenn man es zum richtigen Zweck einsetzt. Jeder kann gerne so reich werden wie Bill Gates, wenn er nur etwas gutes mit seinem Geld anfängt." Bis er das geschafft hat, beteiligt er sich weiter an Unterrichtsprogrammen. Er und seine Freunde fahren von Schule zu Schule oder laden Jugendgruppen in ihr Hauptquartier zu Seminaren ein. "Wenn diese Generation von jungen Leuten erwachsen ist, wird sich hier einiges ändern!", da ist er sich sicher.
Noch ein Abschlussfoto auf dem Dach, dann bricht die Gruppe auf. Die Musik feiernder Chassidim hallt von einem bunten Bus: We all want the Messias, we all want the Messias.
Tags: Israel, Occupy, Tel Aviv, Kommune, Knesset, Demonstration, Demo, 68er, Netanjahu






Kommentare
Ich denke, Israel hat ungleich schlechtere Chancen auf einen politischen Wandel.
08.02.2012, 09:14 von grosser_SalatUnd ein Religionsstaat mit seltsamen Privilegen wird er auch bleiben - ist er doch ganz explizit als solcher gegründet.
Nichtsdestotrotz ist Israel aber das Land mit den meisten neuen Start-up Unternehmen. Das zeigt m.E., dass Israel trotz allem religiös-dogmatischem ein florierender und moderner Staat ist.
"Wenn diese Generation von jungen Leuten erwachsen ist, wird sich hier einiges ändern!",