Die nicht-religiösen Ausschreitungen Kairos
Das Märchen vom religiösen Konflikt: Wie Militär und Politik nach den tödlichen Straßenschlachten in Kairo um die Deutungshoheit ringen.
Khaled El S. steht inmitten von weinenden Frauen und wütenden Männern, die Kreuze aus Holz und ihre Fäuste in die Luft strecken. „El-sha’b yurid isqat Al-mushir“, schreit Khaled gegen die Klagelaute an. „Das Volk will, dass der Militärrat verschwindet.“ Die Menge stimmt sofort ein. Khaled ist Muslim. Wie viele andere Muslime an diesem Tag ist auch er zur Trauerzeremonie für die am Sonntag bei Straßenschlachten in Kairo getöteten Christen in die koptische Kathedrale gekommen. Es ist nicht ungewöhnlich und dieser Tage doch auch ein symbolischer Akt, wenn Christen und Muslime zusammen trauern, denn der Kampf um die Deutungshoheit über die Bilder des Blutbades vom letzten Sonntag, bei dem über 24 Menschen ihr Leben verloren, hat gerade erst begonnen.
Die Miene des jungen Apothekers verfinstert sich, als er über die internationale Berichterstattung spricht. Von „religiös motivierter Gewalt“ und „Straßenschlachten zwischen Christen und Muslimen“ ist dort die Rede. „Staatliche Propaganda“, sagt Khaled. „Das war kein religiöser Konflikt, sondern ein militärisches Massaker.“ Als er am Sonntagabend gegen 21 Uhr von den Ausschreitungen hört, eilt er sofort zum Maspero, dem Gebäude des staatlichen ägyptischen Rundfunks, um Verwundete zu versorgen. In seinem Rucksack Antibiotika, Kompressen, Nadel und Faden. Was er dort sieht, kann er auch Tage später nicht glauben. „Es gibt keine Worte, um diese Brutalität zu beschreiben.“ Gepanzerte Mannschaftswagen der Militärpolizei, die in die Menge der Demonstranten rasen und die, die sie erwischen, durch die Luft fliegen lassen, wie Puppen. Angehörige der Special Forces, die mit Tränengas und Gewehrfeuer den Protest auseinandertreiben. „Wir packten so viele Verwundete, wie wir konnten und versteckten sie im nahegelegenen Hilton Hotel“, erzählt Khaled.
“Ehrbare Ägypter, verteidigt das Militär gegen die Christen.”
Von diesen Gräueltaten berichtet das staatliche Fernsehen nicht. Stattdessen beginnt noch in der Nacht die Propaganda-Maschinerie anzulaufen: „Ehrbare ägyptischer Männer, geht und beschützt die Armee vor den Christen.“, fordert der Nachrichtensprecher des staatlichen Senders Nil-TV mehrfach. Mehrere unabhängige Fernsehsender werden vom Militär gestürmt. TV25 und Al-Hurra hatten Live-Bilder von den Ausschreitungen gesendet. Noch während hunderte von Verletzten in das völlig überforderte koptische Krankenhaus gebracht werden, wo Khaled als einer von fast 100 Freiwilligen in dieser Nacht aushilft und seine Patienten im Treppenhaus behandeln muss, verbreitet das Staatsfernsehen, Christen würden mit Schusswaffen Jagd auf Soldaten machen.
„Ich glaube, dass einige das zunächst geglaubt haben“, meint Hussein G., der ebenfalls Zeuge der Ausschreitungen wurde, als sie sich vom Maspero zum einige Kilometer entfernten Talat Harb Platz ausgebreitet hatten. „Es kann sein, dass einige Muslime wirklich Christen angegriffen haben, weil sie von den Berichten im Fernsehen so aufgebracht waren. Andere waren bezahlte Schläger.“, sagt Hussein. Er kennt sie noch von der Revolution im Januar. „Aber das Militär hat angefangen Christen und Muslime gleichermaßen zu verprügeln. Das wird uns zusammenschweißen.“
“Es ist eine Verschwörung gegen Ägypten”
Noch immer ist unklar, wie es wirklich zu dem Chaos kommen konnte. Ob tatsächlich vom Militär bezahlte Schläger das Feuer auf die friedlichen Demonstranten eröffneten, die zu Tausenden am Sonntag gegen die Niederbrennung einer koptischen Kirche in der südägyptischen Region Assuan protestierten. Oder ob zunächst Steine aus den Reihen der Demonstranten auf das Militär flogen, lässt sich nicht sagen. Am zweiten Tag nach den Ausschreitungen scheint aber sicher, dass große Teile der ägyptischen Bevölkerung der Version eines religiösen Konfliktes, der sich Bahn gebrochen hat, keinen Glauben schenken. „Christen und Muslime Hand in Hand“, skandieren nach Schätzungen der ägyptischen Tageszeitung „Al Masry Al Youm“ bis zu 20 000 Teilnehmer eines Demonstrationszuges anlässlich der Beerdigung von 17 getöteten Kopten am Dienstagnachmittag. Und auch von politischer Seite ist man bemüht den Schaden zu begrenzen. In einer Stellungnahme warnte der Präsidentschaftskandidat Abdel Moneim Abouel Fotouh, ein ehemaliges Mitglied der Muslimbrüder, dass die Ereignisse am Maspero bewusst geplant gewesen seien, um die Bevölkerung zu spalten. Hazem Abu Ismail, ein weiterer islamistischer Kandidat vermutet, die Ausschreitungen seien bewusst provoziert worden, um den Sicherheitsbehörden mehr Befugnisse zu verschaffen und die Notstandsgesetze, gegen die sich immer wieder freitägliche Proteste gerichtet hatten, länger aufrecht zu erhalten. Über Facebook verkündete denn auch der amtierende Ministerpräsident, aber tatsächlich machtlose Essam Sharaf: „Es ist schwer zu glauben, dass das was passiert ist, ein religiöser Konflikt war. Aber es ist ganz sicher eine Verschwörung gegen Ägypten.“
Doch das Märchen von der Verschwörung unbekannter Mächte im In- und Ausland, das auch der gestürzte Präsident Mubarak immer wieder bemüht hatte, wollen die meisten Ägypter nicht mehr glauben. „Vielleicht gibt es Kräfte, die Ägypten schaden wollen.“, sagt Khaled El S. „Aber dann sitzen sie im Militärrat.“ Der Militärrat selbst hat unterdessen die Regierung dazu aufgerufen eine Untersuchungskommission einzurichten, die die Schuldigen für die Ausschreitungen ermitteln soll. Das Militär will offenbar die Initiative in der Meinungsbildung behalten. Das Rundfunkgebäude ist jedenfalls seit Montag mit Stacheldraht und bis zu 1000 Soldaten abgesichert.
Tags: kairo, kopten, straßenschlacht, christen, muslime, ägypten






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